Monthly Archive for December, 2004

Warum es nicht mehr nötig ist, Hans Neuenfels erschießen zu lassen. [Pop-Kultur 0.1]

Der Höhepunkt meiner stalinistischen Phase war erreicht, als ich im dritten Programm des Südwestfunks eine Fernsehsendung sah, die einen honorigen älteren Herren und einen mittelalten Affen im Gespräch zeigte. Ein Mann, der die Sätze des Affen vom Deutschen ins Französische und umgekehrt die des Mannes ins Deutsche übersetzte, war als Dritter zugegen. Der Affe war Hans Neuenfels, der bekannte Theaterregisseur, der Mann war Jean Genet. Die Tatsache, daß es diesem Schwätzer erlaubt war, den von mir gar nicht mal so sehr verehrten Jean Genet im deutschen Fernsehen zu interviewen, kann für meinen Zorn kaum ein ausreichender Grund sein. Es müssen Details gewesen sein, an die ich mich heute, circa ein Jahr später, kaum noch erinnere. Die typischen Phrasen und Ungenauigkeiten, wie sie die deutsche Meinungs-Kultur, so sie sich für die Hochkultur hält (von “aspekte” bis “Die Zeit”, von “tip” bis “Schaukasten”), hervorbringt, gepaart mit dem Dünkel, der ihre Protagonisten von Botho Strauß bis Bodo Kirchhoff auszeichnet, angereichert um einige Spritzer Neuenfels-Schnöseltum, mögen mich zu der Tagebucheintragung veranlaßt haben: “Nach der Revolution als erster zu erschießen: Hans Neuenfels.” Seine Lächerlichkeit war auf unerklärliche Weise evident geworden.

Einige Tage später war mir klar, daß der Ekel auch sehr stark durch die Amtsanmaßung des Kulturverwalters, die dieser Herr zu verkörpern meinte, ausgelöst wurde. Es war die Lächerlichkeit, die zwischen dem Anspruch, der sich in Schnöseligkeit und Dünkel unvollkommen, aber möglicherweise wenigstens mit halbseidener Grandezza ausdrückt, und der realen Unwichtigkeit dieser Kulturträgerfigur klaffte, die diese Figur hassenswert erscheinen läßt, ihre Erschießung, auch im metaphorischen Sinne: ihre publizistische Hinrichtung jedoch überflüssig macht. Die verliehe ihnen umgekehrt eine Aufwertung, die sich nicht verdient hätten. Als Mitarbeiter einer Werbeagentur hatte ich inzwischen die herrschende Klasse von innen kennengelernt. Je höher die Gehälter, desto stärker das Desinteresse an zeitgenössischer Hochkultur. Was die Leute auf den Beinen hält ist ein schlecht gemixter Cocktail mieser Popingedrienzen, allenfalls mit einem dünnen Zuckerguß von Hochkulturverweisen lackiert. Liedermacher und drittklassige New-Wave-Neue-Wilde sind vorherrschend. Bruce Springsteen und Mick Jagger sind Standard, bei den Feinsinnigen gar die Talking Heads, und überall, oben wie unten, André Heller. Allenfalls bei ausgeprägtem rechtskulturellem Gewissen sammelt man naiv expressionistische Dissidenten aus der Sowjetunion, persönlich aus Leningrad herübergeschmuggelt.

Tatsächlich ist das einer unserer ganz wenigen tröstlichen Erfolge. Die Pop-Kultur, so dubios sie sein mag, hat entscheidend dazu beigetragen, die alte bürgerliche Hochkultur restlos verschwinden zu lassen. Sie fristet ihr Dasein, äußerlich durchaus im alten Glanz, ohne noch irgendeinen Menschen aufzuregen, ja sie taugt nicht einmal mehr, der Klasse, die sie so lange getragen hat, ihr Selbstverständnis zu erleichtern oder zu fundieren. Industrielle und Manager tendieren eben auch mehr und mehr dazu, auf schlechte Pop-Kultur, sprich: André Heller, denn auf Produkte der Hochkultur abzufahren. Die ist nur noch dazu da, ein ausschließlich auf sich selbst bezogenes System zu erhalten, eine Marginalie des Überbaus, und wir haben insofern gesiegt, als wir nunmehr wissen, daß es auf dem Gebiet nicht einmal mehr zu kämpfen lohnt. Lang leben Hans Neuenfels, Wollschläger und wie sie alle heißen mögen.

[Diedrich Diedrichsen in: Sexbeat, Kiwi 1985, 150-152]