Durch blendendes Weiß und Nachtschwarz bewegt man sich in den beiden Ausstellungsräumen von Carsten Nicolai. Und obwohl beide Räume farblich so gegensätzlich sind – der eine in reinem Weiß und der andere in reinem Schwarz – nähern sie sich über ihre Polarität einander an. Beide Räume sind ruhig, haben fast etwas Erhabenes, nur in den Ecken fiept und brummt es, es blitzt, Amplituden schlagen aus, Glasplatten sind präzise übereinander zu einer Skulptur geschichtet, Wasser oder Milch kräuselt sich von Sound in Bewegung gesetzt zu gleichmäßigen Mustern.
Dennoch spielt das Technische eine eher zurückgenommene Rolle. Wenn man hier zwischen technischen Geräten, zwischen einem Kalziumfloridkristall oder den Bildern der Oberfläche eines schwarzen Lockheadkristalls eine künstlerische Auseinandersetzung mit Wissenschaftlichkeit vermutet, macht man es sich zu einfach. Die naturwissenschaftlichen Visualisierungen sind hier nicht da, um primär etwas über die Wissenschaft auszusagen. Die wissenschaftlichen Rückgriffe, die bei Nicolai mit ebenso großer Offenheit wie Kennerschaft eingesetzt werden, erfolgen viel eher um der Visualisierung willen. Die Wissenschaft wird zum Teil der Ästhetik, ihre Aufgabe ist hier – nicht anders als in ihrem eigenen Feld – die Erkundungen von Grenzen. Wissenschaft ist also bei Nicolai nicht das Andere der Ästhetik. Es geht um die Grenzen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, es geht um den Moment kurz vor oder kurz nach ihrer Überschreitung, den Moment, an dem etwas sichtbar wird oder hörbar. Es geht um die Grenze zum Unsichtbaren, fast als hätte ein alter Satz von Derrida Pate gestanden:
“Obgleich diese Unsichtbarkeit dem Sichtbaren und selbst dem nur potentiell Sichtbaren, der Möglichkeit des Sichtbaren absolut fremd ist, bewohnt sie doch noch das Sichtbare, ja sucht es heim, bis sie sich mit ihm vermischt, mit ihm eins wird, um sich so – ausgehend vom Spuk dieser schlechthinnigen Unmöglichkeit – ihrer eigensten Ressource zu vergewissern. Das Sichtbare als solches wäre demnach unsichtbar, nicht etwa als Sichtbarkeit, Phänomenalität oder Wesen des Sichtbaren, sondern als der singuläre Körper des Sichtbaren selbst. Das Sichtbare wäre unmittelbar unsichtbar und produziert auf diese Weise Blindheit durch Emanation, so als sekretierte es sein eigenes Medium.”
Die präzise, saubere Ästhetik, die Nicolai so gut in Szene setzt, seine klare Ausführung, die gewählten Materialien, sie vermitteln genau das: die Annäherung an den singulären Körper der Sichtbarkeit selbst. Ästhetik, die Grenze der Wahrnehmung, ist bei Nicolai Thema, ein angenehmes Thema, denn die Arbeiten verschreiben sich ganz der Oberfläche. Darüber hinaus wollen sie nichts. Menschliche Täuschung der Wahrnehmung, das fehlbare Menschliche gegenüber der präzisen Wissenschaft, all diese klebrigen humanistischen Themen spielen in Nicolais Kunst keine Rolle. Der üblichen Polarisierung des zeitgenössischen Diskurses wird nicht auf dem Leim gegangen. Man sieht, was man sieht. Eine Hingabe an die Oberfläche, die ernst genommen wird als das, was sie ist.
Carsten Nicolai beeindruckt genau deshalb: Man sieht abstrakte Kunst, die sich versucht dem Absoluten zu nähern, dabei aber keine Visualisierung von Wahrheit ist. Was man sieht, ist Rätsel genug. Dahinter gibt es nichts. Man findet hier eine Faszination von Grenzen und von jener Reinheit, der man sich an den letzen Enden des Übergangs nähert, bevor man wieder etwas Anderes, Vermischtes wird. Im Grunde steht Nicolai in der Tradition der abstrakten Kunst, einer Kunst, die in ihrer Reduktion etwas Philosophisches hat. Etwas Philosophisches, aber nichts Idealistisches. Keine Wahrheit, nirgends. Nur eine Grenze. Genau das ist der Punkt: Von dieser Ausstellung her muss man in Zukunft Clement Greenberg ein wenig zur Seite drängen und damit eröffnet diese Ausstellung über ihre eigenen Exponate hinaus auch einen neuen Blick auf abstrakte Kunst.
Ansehen:
Bis 28. März. Geöffnet Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 22 Uhr. Der Katalog kostet 29 Euro.
Weiterlesen:
Jacques Derrida, Aufzeichnungen eines Blinden. Das Selbstporträt und andere Ruinen, München, Wilhelm Fink 1997, Zitat von Seite 54
Maurice Merleau-Ponty, Das Sichtbare und das Unsichtbare, Müchen, Wilhelm Fink 1994