Monthly Archive for February, 2005

Die Collage den Situationisten wegnehmen

Cut, Copy & Paste als Prinzip der Modefotografie. Man sieht, dass die Digitalisierung der Bilder mehr und mehr in den Bildaufbau mit einsickert, nachdem es sich ja zunächst eher Oberflächen glattgebügelt hat. Stefan Heidenreich bespricht diese Kampagne von Iceberg, die von Norbert Schoerner produziert wurde ja in der neuen DEBUG. Hat ihm nicht so gefallen. Ich weiss nicht. Irgendwie hat dieses Ausstellen von Klischees doch aber etwas seltsames, faszinierendes. Ein Haufen von Entlastungsträume zusammengeschnipselt, die zugleich ebenso anziehend, wie abstoßend sind.
Muss man wirklich explizit werden, um etwas zu kritisieren? Will man es überhaupt kritisieren? Und wenn man etwas zeigt, irritiert das nicht bereits genug? Gestern noch zu sehen, hat Iceberg im Augenblick die Kampagne von ihrer Website genommen (Achtung, recht scheußlich-stumpfe Musik auf der Website).

PS: Norbert Schoerner, der früher Prada und MiuMiu fotografierte, macht übrigens auch mit Freunden eine fast schon etwas zu experimentelle Website, dayfornight, auf der man definitiv zu viel klicken muss. Ganz nett sind die seltsamen Sätze von Christina.

Konferenz in New York für toten, abstrusen Theoretiker

Ja, er schon wieder. Andere wichtige Tagungen, wie Foucault in den Kulturwissenschaften (Essen) oder Steuerung und Störung an der FU-Berlin haben wir sträflich vernachlässigt, auf die Tagung Derrida/America in New York weisen wir kurz hin, denn da kann man praktisch feststellen, was in Bezug auf die Derrida-Rezeption so Rang und Name oder eben zumindest gute Kontakte hat.

Absurderweise hat sich das Derrida-Verhältnis ja umgekehrt: Während zu Lebzeiten Derrida in Frankreich durchaus Probleme mit seiner Karriere hatte und an der Uni nicht gerade sehr willkommen war, hat man ihn in letzter Zeit eher angenommen. Die USA dagegen haben ihm schon früh als großen Philosphen gefeiert, nach seinem Tod jedoch den einen oder anderen schlechten Nachruf prominent plaziert. In der New York Times durfte ein Jonathan Kandall zwei Tage nach dem Tod Derridas ein Artikel mit der Überschrift, “Jacques Derrida, der abstruse Theoretiker, stirbt mit 74″ schreiben. Derrida-America war entsetzt und gründete prompt im Netz eine “Remembering Derrida”-Gedenkgegenseite.

Jetzt holt man dieses Wochenende noch einmal aus: Einmal Derrida/America an der New Yorker Cardozo Law School, die diskursfreudigsten Rechtsanwälte überhaupt, die eh gute Paper rausbringen. Mit Rodolphe Gasché, Simon Critchley, Barbara Vinken, Homi Bhaba und so weiter und so fort.

Die Rolle der Frau in der Hermeneutik. Oder: Gestern über Entlastungstraum gestolpert

Weil ja sonst nichts passiert: Gestern beim durchstöbern der Heidegger-Rezeption auf ein faszinierendes Zitat gestoßen. Otto Pöggeler, geb. 1927, seines Zeichens einer der beiden wichtigsten deutschsprachigen Heidegger-Exegeten, erzählt in einer Rede im Jahr 1998 (in Worten: Neunzehnhunderachtundneunzig)

In Europa löste im achtzehnten Jahrhundert die Emanzipation von Gewerbe und Handel und die beginnende Technik das alte “Haus”, den Oikos, auf. Doch Mädchen und Frauen blieben für zwei Jahrhunderte beschützt in der Familie. So konnten sie dem Bruder, der in den Streit der Welt hinausgestoßen wurde, die Harmonie des Lebens zeitigen. Antigone, die schwesterliche Gestalt, blieb auch in den Kriegen nahe. [Otto Pöggeler, Hermeneutik der technischen Welt. Eine Heidegger-Interpretation, Lüneburg, Unibuch 2000]

Beschützt in der Familie. Während der Bruder in den Streit der Welt hinausgestoßen gewesen. Da hört sich doch alles auf. Der arme Bruder. Kein Platz im Oikos bekommen. Die Frau dafür schnuppelig in der Harmonie des Hauses. Supa!

Dass Pöggeler diesen Unsinn erzählt, ist schon schlimm genug – Alter ist hier keine Entschuldigung, Foucault war gerade mal 3 Jahre älter. Doch: Dass das Präsidium der Universität Lüneburg den Text im Jahre 2000 nicht umgehend den Text mit Verweis auf diese Stelle zur nochmaligen Überarbeitung zurückgeschickt hat, ist unverständlich und auch nicht mit Wichtig-wichtig-Namen zu entschuldigen.

Ab und an kommt einem der automatisch eingerichtete Genderblick ja überflüssig vor, nicht dass nicht noch massiv struktureller Sexismus an der schönsten Tagesordnung wäre. Aber bei derart eindeutigen Wunschvorstellungen oder wie hat das Fischer gestern nacht im Fernsehen genannt: Entlastungsträume… Also: Bei derart eindeutigen Entlastungsträumen möchte man dann schon ganz gerne mehr: Überwachung, mehr Bestrafung oder konkret ein automatisches Warnsignal als für jeden gut sichtbar rot blickenden Pranger über alle entlastungsträumende Personen dieser Welt.
—–

Ausstellen, Ansehen, Beschäftigt sein: Samstagfrüherabend

Dieses fabelhafte Bild hier ist Teil der Louis XV. Ausstellung, die bei Contemporary Fine Arts Bilder von Jürgen Teller und Charlotte Rampling zeigt. Danach, davor, dazwischen macht es Sinn, zur Galerie Neu zu tingeln, denn da findet man ab 19 Uhr Christian Flamms “Der Mond in den Antennen”. Und Christian Flamm, das merkt man ja schon am Titel der Ausstellung, ist prima.

Gründet einen Hoyzer Fanclub

Gestern war ja lang angekündigt die Quelle des Bundesligaskandals in der Talkshow. Hoyzer, der schlimme Schiedsrichter. Bei Kerner. Jetzt wissen wir: Zu denjenigen Dingen, die nach der Revolution als erstes bösartig von uns gebissen werden, gehört: Kerner. Denn man kann nur sagen, die Saubermannnummer, die dieser Typ gestern gespielt hat, spielt jeden falschen Pfiff von Hoyzer aber mal locker aus.

Die dämlichen Fragen nach der zerstörten “Ehre”, die dann schon einleiteten, was kommen musste: Kerner dachte sich, prima Gelegenheit und performte tapfer den unkorrupierbaren Journalisten, der wieder und wieder protestantisch die Selbstveurteilung des Interviewpartners einforderte: Beschreiben Sie doch mal unserem Zuschauer Ihren Charakter. Was würden Sie als Ihre gerechte Strafe begreifen? Ekelhafte Masche. Das Fernsehen als Beichtstuhl. Herauskam natürlich nur, dass Kerner ein fabelhafter Saubermann, der nach einer durchzechten Nacht am nächsten Morgen wieder nüchtern – im Gegensatz zum Hoyzer, Mann ohne Ehre. Merke: Ehre dann, wenn am nächsten Morgen wieder nüchtern. So einfach geht das.

Also, Hoyzer, raus an den Pranger und alle Schuld auf sich geladen, denn die Welt will ihre Ordnung wieder und daran glauben, dass ein sauberes Warnsignal ausgestoßen wird, wenn man die Linie der Ehre übertritt. Und weil diese Ordnung suggeriert werden muss, deswegen muss Kerner dann so rudern. Das ist um so verlogerener, weil Hoyzer einfach ein schwacher Gegner ist. Gegenüber dem, was einige von Kerners anderen Sportbodies so treiben, ein kleiner Fisch. Wie wäre es, wenn man da Poschmann hinsetzen würde, von dem man mal aus Journalistenkreisen hören konnte, dass der bei den damaligen Sessions von Friedmann mit dessen “naturgeilen Ukrainerinnen” dabei war. Tja, nicht gut wäre das, denn moralisch entrüsten kann man sich am besten da, wo es einem nicht weh tut. Und über Geldgier der anderen kann man am besten entsetzt reden, wenn man selbst 65 000 Euro verdient. Pro Show.

Zeit, einen Hoyzer-Fanklub zu gründen. Erstes Mitglied wird heute Abend Harald Schmidt.

Tagung, Berlin: Spurenlesen

Zur Genealogie der Kulturtechniken: Einmal Carlo Ginzburg, an Hans-Jörg Rheinberger vorbei und wiederzurück. Mal sehen, ob da Spuren bleiben, bei dieser Tagung von Humboldt-Universität und Helmholtz-Zentrum, die von Donnerstag bis Sonntag stattfindet.
—–

Musik, anhören! On Repeat! Laut!

Mitgebracht bekommen von D., begeistert: LCD Soundsystem. Geht auf elektronische Ohren zu, rockt sich zugleich durch die Musikgeschichte und zitiert dabei wie Hölle: Unser neuer Lieblingsproducer aus New York, James Murphy (DFA). Nicht ganz so housig wie bei den Freaks, aber durchaus ähnlich (wenn ich mich recht erinnere), daneben Anleihen bei Throbbing Gristles “Discipline” und einmal herumsummen mit den Beatles. Wem “The Rapture” schon gefallen hat, für den geht es prima weiter.

PS: Loosing My Edge, sowieso das Lied für alle Musikauskenner. Fallen mir einige ein, die sich die Lyrics mal genauer durchlesen sollten, um ihre Angst vor Gitarren und Wiederholungen zu verlieren. Really really nice.

Yeah, I’m losing my edge.
I’m losing my edge.
The kids are coming up from behind.
But I was there.

I used to work in the record store.
I had everything before anyone.
I was there in the Paradise Garage DJ booth with Larry Levan.
I was there in Jamaica during the great sound clashes.
I woke up naked on the beach in Ibiza in 1988.

But I’m losing my edge to better-looking people with better ideas and more talent.
And they’re actually really, really nice.

Ausstellen, Ansehen: RAF in Berlin

Musealisierung der RAF. Erste RAF-Veranstaltung ohne Hysterie (wahrscheinlich eine große Leistung). Prada-Meinhoff wurde kurz vor Eröffnung noch abgehängt. Also: Was völlig fehlte: Jegliches Selbständigmachen der Bilder. Muss ja auch nicht sein. Oder doch? Wieviel an produktiver Irritation nimmt man der RAF mit ihrer Integration? Wieviel gewinnt man? Wenn, dann: Gute Plattform für alle weiteren Ausstellungen?

Definitiv fehlt eine über das damalige Frauenbild. “Manche Terroristinnen sind sogar Manns genug, die Waffe in die Hand zu nehmen…” Spiegelartikel. “Ulrike Meinhoff und ihre grausamen Mädchen.” Dass tatsächlich die Frauenquote bei Terroristen definitiv hoch gewesen ist (ausgewogener als noch im heutigen Industriemanagement, das sich davon eine Scheibe abschneiden könnte), taucht auch in der Kunst nicht auf.
(Fehlt in der Ausstellung: Hans Jörg Mayers Foto von Isabelle Graw, Jutta Koether, Charline von Heyl, Cosima von Bonin et.al mit Maschinengewehren in der Hand. (Fehlt sowieso: Wieso hängt da aus den Achtzigern keine Kunst? Es geht bis 79 und beginnt dann wieder mit dem Radical Chic Mitte der Neunziger”))

Hm, also was war das. Keine Ausstellung über die Kunst, welche die Ikonographie der RAF aufgenommen haben. Keine Ausstellung über die RAF. Irgendwie beides. Trotzdem. RAF: Nett. Seltsame Überlegung.

30. Januar – 16. Mai 2005
KW Berlin, Auguststraße 69 und St. Johannes-Evangelist-Kirche, Auguststraße 90 (bis 27. März)

Öffnungszeiten: Di-So 12-19 Uhr, Do 12-21 Uhr, 6 Euro bzw. 4 Euro ermässigt.