Monthly Archive for March, 2005

Ja aber hallo! Zizek hat geheiratet.



Man guckt das so an. Und dann denkt man (außer an Sex natürlich): Diese Kombination ist genau dann gut. Wenn beide kein Stück älter werden. Nie.

Via D.W. via Jumpcut via Wrong Side of Capitalism

Lesen: Zu Lebenslangem Lernen und anderen fantastischen Techniken der Selbstführung

Den eigenen Begriffen als Gespenster auf den Fluren des Arbeitsamtes wieder begegnen: Heutzutage kriegt man seine Selbstbestimmung ja von oben mit dem Stempel aufgedrückt, denn wer nicht bereit ist lebenslang zu lernen und sich flexibel den Gegebenheiten anzupassen, für den hat das System nur noch gekürzte Sozialleistungen übrig. Man redet von “mehr Eigenverantwortung” meint aber eigentlich sozial “weniger Sicherheit” – dieser Umstand wird vermehrt unter dem Stichwort “Prekarisierung der Arbeit” (von prekär, unsicher) diskutiert (wen es interessiert: www.prekarisierung.de).

Die beiden holländischen Autoren Simons und Masschelein gehen in “Globale Immunität oder eine kleine Kartographie des Europäischen Bildungsraums” [Diaphanes für 14,90] hier einem dieser neuen Disziplinierungsmomente nach, sie schultern Foucaults “Gouvernementalität” und untersuchen damit die Verpflichtung des lebenslangen Lernens, das neue unternehmerische Selbst, das permanente Qualitätstribunal, dessen Kontrolle wir unterliegen und andere nette Momente der Kapitalisierung des Zusammenlebens.

Manchmal hat man beim Lesen allerdings das Gefühl, das Buch bekommt zu der seltsamen Selbstbestimmung, die da von statten geht, keine richtige Distanz. Was daran liegen könnte,, dass die Konzepte, die zu Problemen werden, wie Selbstführung, Lernen, Selbstbestimmung und Wissen eben nicht per se problematisch sind, sondern in der neuen Zwangsdosis einem seltsam verquer verabreicht werden. Aber seht selbst (klar: Selbst!).

PS: Auch komisch, dann darauf zu stoßen: In Hongkong, da gehen die Menschen Abends zur Fortbildung, um eine weitere Fremdsprache oder sonstige Skills zu lernen, wie wir ins Kino. Schon eigenartig.
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Wie jetzt, Unterschicht

Das Feuilleton hat die Unterschicht entdeckt. Oder sagen wir lieber: Die Mittelschicht sortiert ihre Haltung zur Unterschicht. Erst hat Paul Nolte alle Welt darauf hingewiesen, dass es sowas gibt (die Dicken, die schlecht Essen), dann hat Harald Schmidt Witze darüber gemacht (Unterschichten-Fernsehen), Anfang März hat Georg Dietz in der FAZ dann den Spielball aufgeriffen und die Unterschicht als die Neue Avantgarde gekürt – bislang unsichtbar, dennoch eignet sich die Mittelschicht das Tätowieren und Piercen von dieser “neuen Avantgarde” an. Und heute schreibt Diedrich Diedrichsen dann umgekehrt in der Süddeutschen etwas geärgert von einem Artikel in der TAZ, dass die vermeintliche Unterschicht vielmehr viel zu bunt, sich die vormaligen Symbole der subkulturellen Mittelschicht, d.h. “von den sexuell experimentellen Flügeln der Industrial-Kultur” geklaut habe, die jetzt ob der Wanderung der Symbole verunsichert.

Fragt sich also, was hier passiert. Geht es wirklich um die Unterschicht? Scheint eher so, als geht es um eine Mittelschicht, welche einmal durchprekarisiert und verunsichert die Unterschicht braucht, um sich neu zu finden. Und wie jetzt. Avantgarde oder Nachahmung? Was ist das Problem?

Isolée legt auf, DEBUG lädt ein, also am Donnerstag ab nach Berlin-Kreuzberg

Ach ja: Und übrigens schon mal einplanen: Am Gründonnerstag, gibt es eine DEBUG-Party im Festsaal Kreuzberg mit diesem hier, Isolée. Und zwar live. Überhaupt also mit fabelhaft angenehm kickender Housemusik. Das wird eine gute Party. Also auf, Ostern feiern (ich glaube für 8 Euro).

Es feiern mit:
Isolée, Playhouse Frankfurt (live)
Morten Cargo & At Ease, Diamonds and Pearls Berlin (live)
Bleed, De:Bug Berlin (dj)
Sven.VT, De:Bug Berlin (dj)
Andreas Sachwitz, De:Bug Berlin (dj)

Skalitzer 130, U-Bahn Kottbusser Tor. — Sonst noch Ostertips? Sonntag, sagt die Wettervorhersage, soll es ja regnen. Gemein, das.

Hinreißend schelchtgelaunt in Düsseldorf

Der japanische Künstler Yoshimoto Nara versorgt uns mit hinreißend schlechtgelaunten großäugigen und seltsam angemangaten Figuren, die man im Leben desöfteren so braucht, um in Ruhe durchatmen zu können. Jetzt hat er zusammen mit dem zehn Jahre jüngeren japanischen Kollegen Hiroshi Sugito eine Ausstellung zu Wizards of Oz in Düsseldorf im dortigen Kunstmuserum K21. Sugito ist für japanische Maltechniken und ebenso leicht naive Bilder bekannt, ich kenne allerdings nur Räume ohne Menschen von ihm – naja, passt ja. Beide zusammen haben derzeit eine Ausstellung in der japanischen Hochburg Deutschlands, in Düsseldorf. Heute gibt es deshalb zur Feier des Tages auch in Berlin Sushi im Ishin, der einzigen Sushi-Kantine von Berlin, die sowohl ernstzunehmen, als auch finanzierbar ist.
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Hören: Rettet die Wale und stürzt das System -> Ab mit den Ohren zu Gustav

Seit einigen Tagen ist Gustav, hier links im Bild, unterwegs und singt, letztens in München, Köln und Rostock, heute und morgen in Berlin, demnächst in Hamburg und Frankfurt und irgendwann auch, nach New York, in Lüneburg. Das ist fabelhaft, da sollte man hingehen, wenn man schräge melancholische Musik über amputierte Gliedmaßen von Mona, Genua, die Polizei in Linz oder Wale mag. Sehr seltsames Erlebnis, Gustav. Man wird mit einer eigenartigen Kraft konfrontiert, genau weil sie mit einer naiven Stimme spricht, welche die Dinge zugleich gekonnt schräg sieht und doch ganz einfach macht. Die kluge Seite der Globalisierungsbewegung, diejenigen, die sich nicht hinter ihren Rastas das Leben zu einfach machen, müsste sie erfinden, wenn sie es nicht schon selbst getan hätte.

Gustav ist also prima, da wird man kräftig an eine Weltsicht herangeführt, die man sich abgeklärt ja eigentlich nicht mehr traut einzunehmen, auf der man sich aber niederlassen kann, weil sie damit schräg ins Subversive abrutscht. Als schmale Person mit großen Augen und einer klaren Stimme bedient sich Gustav, die mal digitale Kunst studiert hat, gekonnt dessen, was man wohl als “das morbide Wien” kennt. Und das funktioniert. Das morbide Wien ist eh ein viel zu selten bemühter Moment, definitiv. Also: Gustav aka Eva Jantschitschist ist fabelhafte Konzeptkunst.

Live spielt sie ihre plockernde Elektronika souverän mit Laptop, Akkordeon und Stimme und Gustavs Stimme klingt in Englisch etwas wie die von Björk, aber, keine Angst, ohne deren anstrengende Intonierung und mit weitaus irdischeren Themen, die präzise angegangen werden. Nix Elfe. Schon mal hier vorhören, da auch kaufen (ist auf Mosz erschienen) oder hingehen. Super alleine schon die Liste, was Gustav so braucht für ein Konzert.
Mehr über Gustav hier und hier. Morgen in Berlin im 103, heute abend auch da, aber in der Zentralen Randlage.

Könnt ja mal sagen, ob euch das gefallen hat, wenn ihr da hingeht. Oder wie ihr die Musik so findet.

Welches Bild ist falsch?

Abwesend

Blogwart eine Woche verreist dank Goethe, im Koffer ein Text zu Walter Benjamin und Copyright.
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Wochenende, uff

Jede Menge los, einmal deshalb Schnelldurchlauf. Olaf Nicolai, von dem dieser schnuppelige Riesen-Turnschuh stammt, hat heute bis 21 Uhr Ausstellungseröffnung mit Fotografien falscher Blonde bei Eigen + Art, Auguststr. 26.

Morgen gibt es dann vor allem für Jungs (Mädchen wissen ja eh schon, was los ist, also hin mit Euch) Female Hiphop ab 15 Uhr mit Workshop, Film, Diskussionrunde und Female Flava Party. A must be.

Außerdem noch Ausstellung des Zentrums für Kunst und Mode, das ist ein sweeter Weimarer Kiosk, der ab 20 Uhr zu Gast in der Heeresbäckerei in der Köpenicker Str. 16, Kreuzberg ist. Zu sehen sind Sachen von Christiane ten Hoefel, Bettina Allamoda, unserer Lieblingsbuchhandlung pro qm und anderen.

Eigentlich möchten wir uns aber nur noch in der so nett schräg-naiven Welt von Gustav verstecken, ist gerade alles zu anstrengend mit der Welt (und nächsten Dienstag geht es mit Jan Joswig nach Hongkong, uh!)…
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Das ist das moderne Leben [Supertext mit Schildkröte von Katja Diefenbach]

“Während Teile der Bevölkerung, Busfahrerinnen, Kellner und Tankstellen-Angestellte, aufgefordert werden, sich auf der Internetseite der Polizei einzutragen, um laufend Fahndungsmeldungen der Bullen per SMS zu bekommen, steigt in Teilen der urbanen Jugend die Nervosität, ein deviantes Leben hinzubekommen und trotzdem erfolgreich zu sein. So nehmen am Ende die Werbefilme zu, in denen man Menschen in Trainingsanzügen auf verwackelten Bildstrecken in ihren hippen ungeordneten Alltag folgen kann.

Im gleichen Rhythmus vermehren sich die Symposien, Ausstellungen und Filmfestivals, die Fragen des Politischen verhandeln, Kritik ausstellen, das Leben der neuen infamen Menschen repräsentieren, ohne über die paar Quadratmeter der Institutionen und ihrer Repräsentationslogiken hinauszureichen. Meist lassen sie selbst den fiesen Alltag flacher Hierarchien und verblödeter Arbeitsteilungen in diesen Einrichtungen intakt. Das ist das moderne Leben.

Die Normen haben sich verflüssigt und verhärtet. Zunehmend. Vielleicht sollte man einen Spleen des 19. Jahrhunderts wieder aufgreifen und Schildkröten an der Leine führen, um gegenüber der neubürgerlichen Kreativitätsbetriebsamkeit anzuzeigen, welche Geschwindigkeit man im eigenen Leben zu erreichen bereit ist.”

[Katja Diefenbach, Leistung ruinieren. Über die Ökonomie von Stress und Sentimentalität hinaus", hier oder in: Open House. Kunst und Öffentlichkeit / Art and the Public Sphere, o.k books 3/04, Wien, Bozen: Folio 2004]