Monthly Archive for April, 2005

Na, sexy?

Nachdem im Nachtcafé ein extrem fader Moderator aka Wieland Backes das Thema Liebe am Arbeitsplatz trotz Sofa.Blogger Peter Praschl und Meike Winnemuth ins Grab geredet hatte, habe ich gestern noch ganz vorsichtig unter einer Augenbraue hervor Literarisches Quartett gesehen. Während Iris Radisch als einzig matter Lichtblick der Veranstaltung den anderen gekonnt ihren Schiller madig machte, fiel mir auf, dass alle intellektuellen Männer im Fernsehen grauenhafte Gestalten sind. Kein Wunder, dass es um den Ruf der Intellektuellen so schlecht bestellt ist in D. Marcel Rein-Ranicki ist ein Opa, zählt also nicht mehr als Mann, Helmut Karasek spuckt um sich und toucht extrem unangenehm bei der leichtesten Erregung mit seiner rechten Hand am LC2 Sessel herum, dass einem ganz anders wird – am liebsten will man den schönen Sessel vor sexueller Belästigung schützen. Rüdiger Safranski, um mal zum anderen Quartett zu wechseln, ist rechtsaußen und auch sonst nicht in Form, Sloterdjiks Matte kann da auch nichts mehr ausrichten. Und auch Volker Panzer ist nicht gerade eine Ausgeburt an Sexyness. Die Repräsentation männlicher Intellektueller im Fernsehen ist ein absolutes Grauen. Jungs, tut was, kämpft um Eure Identität! Das könnt ihr doch nicht auf Euch sitzen lassen! Stoßt die alten Sesselpuper von den Sitzen! Erobert das Fernsehen!

Hey du, heraus zum revolutionären 1. Mai

Andere Städte haben sich ja angesichts der zeitgenössischen prekären Arbeitsverhältnisse sowas wie den Euromayday organisiert, in Berlin ist man da noch ganz traditionell bei alten Feindbildern geblieben: Bullen und Rechte. Das Gewusel um diese beiden Themen herum beginnt in Berlin heute Abend mit der Diskussionsrunde von So läufts’ Business im Festsaal Kreuzberg “PROFIT AM PROTEST oder PROTEST am PROFIT?”. Zu Gast:: Adbusters.org, Mona Ruebsamen & Markus Kuehn, Sami Khatib und Oliver Brenzel und zwar ab 21. Uhr.

Tags drauf kann man sich dann in der Grünen Akademie der Heinrich Böll Stiftung am Hackeschen Markt ein Werkstattgespräch zu “Die neue rechte Herausforderung. Rechtsextremismus in Europa und Deutschland” von 14:00-18:00 Uhr anhören bzw. mitdiskutieren.

Am Wochenende gibt es wieder am Samstag den 30. Mauerpark mit dem traditionellen Flaschenverbot, parallel dazu angekündigt: Randale am Boxhagener Platz in Friedrichshain. Klar, Prenzlauer Berg ist zu sehr familienmittelschichtet. Ist ja so. Dafür gibt es am 1. Mai Ärger in Kreuzberg, weil die alte Route rund um die Onranienstr. mit dem dortigen Fest in Konkurrenz tritt und deshalb auf den Moritzplatz und Heinricht Heine Str. etc. verlegt werden soll. Was den Veranstaltern der Demonstration nicht passt. Ach und: Ist 1. Mai eigentlich Unterschichtenspass oder Mittelschichtenangstrauslassfrust?

PS: Ab Montag 2. Mai, für den ja 25 Grad angekündigt ist, können dann die, die immer noch den Blues haben, das neue Album von Fog, “10th Avenue Freakout” erstehen. Out then. Prima frustriertes Singersongwritergeschwurbel. Erschienen auf Lex.

visa.tv

Tribunal


Fischer passend mit 3-welliger Tsunamifrisur und nervig kohlhaftem Gestus

Rechts und links des Vorsitzenden irre gute Karriereaussichten

Kapitalismuskritik=Faschismus, klar doch.

Jetzt musste sich sogar der noch ordentlich über Münteferings Kapitalismuskritik lustig machen. Was ist eigentlich los? Dass Firmen, die trotz Gewinne ohne weitere Erklärung ihre Arbeitnehmer entlassen, unter Druck gesetzt werden sollten – ist das so absurd? Solidarität, was für ein super Witz? Oder geht es den Aktienbesitzern so klamm, dass sie auf ihre Gewinne und damit ihre Dividende nicht verzichten wollen? Vielleicht ja so eine neue Art von Oben und Unten: Für die Oben gibt es Dividende und für die unten Lohn oder eben gegebenenfalls Entlassungen. Während zu New Economy Zeiten die Börse als große neue demokratische Errungenschaft gefeiert wurde, sieht das mitlerweile wohl anders aus.

Definitiv erstaunlich ist aber, dass man da von rechts so dermaßen mit der Faschismuskeule draufhaut, wie Andreas Platthaus das gerade in der faz getan hat. Gegen diese Relativierung der Judenverfolgung sträuben sich einem die Haare. Dass der Boykottaufruf von Ute Vogt irgendetwas mit “Deutsche, kauft nicht bei den Juden” zu tun haben soll, was ist denn das bitte für eine Geschichtsrelativierung. Da hilft es auch nicht, wenn Schmidt das mal eben schnell zur Heuschreckenplage aus der Mosesgeschichte abbiegt.Scheisse. Wiedermal ganz schön schlecht, diese Welt.

Dem Eisvogel auf den Schnabel

Peter Praschl von Sofa – Rites de Passages hat eine der besten Analysen des vieldiskutierten Tellkamp-Romans “Eisvogel” geschrieben, in dem ein Philosoph die Roman-Hauptrolle spielt. Praschl antwortet dem Roman mit ein paar prima Zeilen gegen das hierzulande gepflegte Intellektuellen-Bashing, mit denen man sich bewaffnen sollte.

… Es ist bei Tellkamp wie so oft in der Unterhaltungsindustrie: Der Geisteswissenschaftler ist ein Maniker mit flackernden Augen und wundem Herzen, der keinen Tau hat von seiner eigenen Disziplin. In der Unterhaltungsindustrie hat die Geisteswissenschaft immer nur einen Gefühls-Dekorations-Job zu erledigen und nie einer Disziplin zu gehorchen, in der Unterhaltungsindustrie sitzen, lamentieren, denken Geisteswissenschaftler immer nur herum und sagen Sätze, die man sich irgendwo hinsticken und in einen Herrgottswinkel hängen könnte, aber in einem geisteswisssenschaftlichen Text nichts verloren haben.

Zeilen, mit denen man sich bewaffnen sollte, wenn man dafür ist, mit Begriffen die Welt zum Stolpern zu bringen. Und stolpern ist derzeit das mindeste, das notwendig wäre …
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Schnuppelig schick für den jungen Mann: R&B heute – mit coolen Beats, ohne Feminismus

Sexy und dem Soldat an der eigenen Seite ergeben: In der Wochenend-SZ hat Dirk Peitz etwas geschrieben, was schon lange mal hätte gesagt werden müssen. Ein Ausschnitt:

…Tatsächlich wirkte das Selbstbild der R&B-Frauen zunächst fortschrittlicher. Vor ein paar Jahren traten sie in ihren Videos und hypermodernistischen Songs noch als afrofuturistische Cyborg-Phantasien auf, gleich so als wollten sie die feministischen Theorien Donna Harroways bebildern und mit schwarzer Mythologie und den lässigsten Beats der Popgeschichte kreuzen. Sogar die immer als Mainstream-Act gedachten Destiny’s Child sangen von „Independent Women“.

Doch diese Unabhängigkeit hat offenbar enge Grenzen, die nicht angetastet werden. Vor allem wenn Männer in der Nähe sind. Beyoncé Knowles, die Frontfrau des Trios und prominentestes Aushängeschild des R&B, verkörpert dessen multiple Rollenanforderungen wie keine andere: Sie inszeniert sich als Geschäftsfrau, Hascherl, Superstar, Werbeikone, Anführerin der in R&B-Texten stets vorkommenden Frauenclique – und begibt sich im Beisein ihres Lebensgefährten, des Hip-Hop-Moguls Jay-Z, klaglos in die Rolle als Frau an seiner Seite.

Folgte man dem Inhalt der aktuellen Single von Destiny’s Child, so lässt sich das nicht als Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung verstehen, sondern als Teil einer Dienstleistungsbeziehung zwischen den Geschlechtern. Auf „Soldier“ wird ein strenges Anforderungsprofil für potenzielle Liebhaber formuliert: Ein „rude boy with street credibility“ muss er sein, seine Frau verteidigen können, und 80 Karat um ihren Hals sind auch ein gutes Argument.

Das ist nichts anderes als die Anwendung männlicher HipHop-Protzereien auf die Herren selbst. Doch leider ist es nicht ironisch gemeint, sondern als ernsthafte Bestätigung – die Frau erfindet sich weiter nach männlichen Vorgaben.

Eigentlich glaubte man ja, mit solchen stupiden Stereotypen aufgeräumt zu haben und als Diva immer auch Businessfrau und nicht nur Hascherl mit Mikro zu sein. Aber die Zeiten haben sich ja leider geändert. Die rechte Kulturrevolution ist in vollem Gange. In Deutschland braucht man “Werte”, in den USA Soldaten. That’s life.

Hier der Artikel.

Noch mehr USA. Lesen: Judith Butler

Darum unter anderen Dingen geht es: Butler hat ein neues Buch mit Essays rausgebracht, “Gefährdetes Leben” bei Suhrkamp – klingt erstmal etwas anstrengend dramatisch, so leicht klebrig dieser Titel. Aber nun, diese fünf Essays von Judith Butler sind eben auch zum Teil sehr amerikanische Texte, d.h. sie setzen sich mit der Hysterie auseinander, die in den USA nach dem 11. September und während des Irakkriegs in der Öffentlichkeit eingesetzt haben. Auf den ersten Blick erscheint einem der Tonfall etwas moralisch (wie der Titel), vielleicht weil die Essays mitten im Zentrum der Aufregung entstanden sind. Umgekehrt eignet sich die hysterische Öffentlichkeit in den USA vielleicht aber für politische Essays mit zeitgenössischen Fragen besonders gut, weil sich hier einige Probleme dringlicher stellen als anderswo.

Am Status der Gefangenen auf Guantanamo Bay überprüft Butler etwa das Zusammenspiel einer neuen, alten Souveränität des Staates mit dem, was Foucault mal als Gouvernementalität bezeichnet hat. In Bezug auf Kriegsopfer der irakischen Seite diskutiert sie, was ein bedauernswertes Leben ausmacht: Wessen Leben zählt als Leben? Und am Beispiel trauernder Palästinenser, deren Totenanzeige im San Francisco Chronicle nicht angenommen wurde, zeigt sie, dass Öffentlichkeit unter der Bedingungen einer Unterdrückung des Dissens geschaffen wird. Quer durch diese “Fälle” hindurch, die heute unser aller politisches Leben prägen, diskutiert sie dabei Autoren wie Foucault, Agamben oder Levinas ebenso wie zeitgenössische Praktiken des Feminismus, der nach wie vor den Ausgangspunkt ihres Denkens bildet. Butler, das zeigt sich hier, ist immer noch eine der spannendsten zeitgenössischen Philosophen. Und das für 10 EUR. Geht doch.


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Die Grünen – Pragmatisch. Praktisch. Gut.

Gestern mit Erstaunen als Teil meiner Wochenendlektüre folgenden Satz gelesen:

“Wenn jemand so deutlich gewonnen hat wie Bush, muss er etwas richtig gemacht haben.”
Von Reinhart Bütikofer.
In: Amerika wohin? Die US-Wahlen 2004 und die Zukunft der transatlantischen Allianz. Heinrich Böll Stiftung 2004, S. 22. Online hier als PDF

1933, anyone?

Das war: Die erste Folge der Episodenreihe “Wie wir auf dem Weg zu Schwarz-Grün schnell noch alle alten Prinzipien vergessen!”
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Sonst noch Probleme, Schily?

Schily hat jetzt eine neue Beschäftigungstherapie für den Bundesgrenzschutz (BGS) entwickelt. Hubschrauber des BGS jagen jetzt Sprayer. Sie fliegen munter über die Stadt Berlin und gucken mit Wärmebildkameras, wer da so sprüht. In zwei Einsätzen hat man schon vier Sprayer geschnappt und acht geplante Sprühaktionen verhindert. Ja Potzblitz. Denen da oben geht wohl jedes Gefühl für die Verhältnisse flöten.

Man sollte eine Klage einreichen. Wegen Verschwendung von Steuergeldern und fahrlässiger Kriminalisierung von Nichtigkeiten.

Spektakelgesellschaft

Samstag, Berlin, 103: Late Night Listening to Francois Jullien

Das ist er, Francois Jullien. Französischer Philosoph und Sinologe. Fabelhafte Bücher über China hat er geschrieben, in deren Licht Europa plötzlich eine ganz andere Farbe bekommt und mit einem Mal unvertraut erscheint, auch nichts anderes als eine Variation. Sehr schön etwa das im Merve Verlag erschiene Buch “Über die Kunst, Listen zu erstellen”, von dem man so einiges lernen kann – darüber was für eine wichtige Praktik eine solche Liste ist. Am Donnerstagabend lädt der Verlag zu “Mit Merve nach China” ein, d.h. also um Jullien zu hören, in einem Club. Ins 103 ab 23 Uhr. [Falkensteinstr. 47, U-Bahnhof Schlesisches Tor]
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Do, ZfL: Masse und Macht und andere Canettismen

Ab Donnerstag findet im Berliner Zentrum für Literaturforschung ein Kongress zu Canetti statt. Interessant wird das auch für nicht so eingefleischte Canetti-Leser, vor allem ab Freitagnachmittag mit Eva Geulen (der Titel “Lebensform und Fliegenpein” schlägt natürlich bereits jetzt alle übrigen), Friedrich Balke (politische Theorie, immer gut) und dem Abendvortrag von Gerhard Neumann zu “Gewalt und Aufmerksamkeit. Zu Canettis Theorie der Kultur”. Aber seht selbst.
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