Monthly Archive for May, 2005

Zwischennutzt euch doch selbst. Das Starship Büro wird geschlossen.

Starship ist in so etwas gezogen, in einen städtischen Lebensraum der Zukunft, in eine Zwischennutzung, und seitdem wir nun unseren Zwischennutzungsmietvertrag unterzeichnet haben, starrt mich dieses Wort an, als sollte es mir etwas über das gesamte Leben in Berlin erzählen oder in Deutschland. Die wievielte Zwischennutzung ist das nun, in der ich bin, seitdem ich in Berlin bin, ich weiß es nicht.

Worüber ich hier schreiben will, ist nicht Gentrifizierung, also jener Prozess, der üblicherweise Kulturschaffenden in die Schuhe geschoben wird, die neue Orte in der Stadt für Investoren erschließen, weil sie sie zuerst wegen billiger Mieten für sich entdecken, durch bloße nette bürgerliche Anwesenheit aufwerten, bis sie vom Anstieg der Mietpreise wieder vertrieben werden. Nein, Zwischennutzung ist etwas anderes. Bei Gentrifizierung hatte man ja noch eine sozusagen aktive Rolle, wenn auch die des Bösen. Der durch die Gentrifizierung beschriebene Prozess anerkannte, dass diese zunächst angeeigneten Orte vorher nichts wert waren und dass hier aktiv Leute Wertschöpfungsprozesse betrieben. Keiner kam auf die Idee, anzunehmen, dass die heruntergekommene Etage mehr wert sei, als man für diesen Ort bezahlen musste. Da war eher einer froh, einen Blöden gefunden zu haben, der zumindest das Loch beheizte. Man zog dahin, weil’s da eben billig war, und das, weil aufgrund der Gegebenheiten mit diesen Orten nichts anzufangen war.

Als wir 1995 in ein verlassenes Erdgeschoßgeschäft einzogen, das keine Toilette und keine Öfen hatte und dessen Wände noch anscheinend kriegsbedingte Maschinengewehreinschüsse aufwiesen, hätte kein Mensch dafür mehr gezahlt als wir. Und nachdem es ja anscheinend keinen Wunsch gab, diese Räume der Bevölkerung zu überlassen, hat man versucht, sie zu vermieten, und das Gedränge, solche Räume zu mieten, war abzusehender Weise gering, waren da doch nebenan gleich noch so welche.

Das war vor zehn Jahren, und wenn wir heute in einen Altbau von 1975 einziehen, dessen gesamte Ladenzeile leer steht, in dessen Treppenhaus es nach Pisse riecht und wo man über drei Hunde steigen muss, um die Haustür zu öffnen, während gerade weitere den Müll durchstöbern, habe ich auch nicht den Eindruck, einer Anwaltsfirma die Quadratmeter vor der Nase weggeschnappt zu haben. Nun, anyway, es heißt Zwischennutzung und es heißt beim zwangzigstenmal immer noch Zwischennutzung, als wären wir die einzigen, die mitbekommen haben, dass nach unserem Auszug sich nie wieder einer fand, der sie gemietet hat, unsere Zwischennutzung.

Ok, ich habe verstanden. Es soll nicht etwas über den Raum sagen, es soll uns etwas über uns sagen. Nicht der Raum wird zwischengenutzt, nein, wir sind die Zwischennutzung vor der richtigen Nutzung, das Ding vor dem richtigen Ding.

Lange Zeit war das Eingehen auf Mietverträge, die als Zwischennutzung deklariert waren, eine Art stillschweigende Wiederaufbaukomplizenschaft. Wir nahmen die heruntergekommenen Orte, als kriegten wir etwas geschenkt, richteten sie ein, ließen uns als lebendiger Teil von Berlin für den Reiseführer fotografieren, und da man wusste, dass man auch wieder ausziehen würde, wurde die Zwischennutzung fast zum selbstgewählten Begriff. Langsam wird diese stadtplanerische Selbsttäuschung aber zur Beleidigung. Wer soll denn dieses richtige Ding sein, für das alle diese Flächen freigehalten werden sollen? Als wäre nicht die Realität dessen, der sich überhaupt noch an der Produktion gesellschaftlichen Raums, zum Beispiel durch das Mieten von Räumen, beteiligt, einfach auch die Realität der Stadt. Und als hieße das nicht, anzuerkennen, dass die Stadt sich eben nicht durch Berliner-Bank-Filialen realisiert (oder Karstadt, Opel-Filialen, you name it), die im eigentlichen Wortsinn Zwischennutzungen dargestellt haben, seit diese Orte nun auch zu den schwer vermietbaren Flächen zählen, sondern in denen, die sich an ihr durch ihre Benützung beteiligen.

Genau die Definition, dass das, was man tut, den Platz bloß für andere Nutzungen, mögliche prospektive Zukunften, offen halten soll, keinerlei eigene Definition außer eines Dazwischen aufbauen soll, ist Teil der strukturellen Vernachlässigung eines produktiven Feldes und grundlegende Respektlosigkeit. Strukturell, weil nie der Eindruck entstehen soll, diese nicht eindeutig kapitalisierbare, über andere Intentionen aufgebaute Nutzung sei die reale Nutzung dieser Stadt. Stattdessen wird so getan, als ließe man sie zu, als gäbe es dahinter eine festgebaute Wand des Realen, das diese Entscheidungen trifft. Eine Autorität, die jemanden zulässt, die etwas erlaubt, in einem genau definierten Zwischen, mit der Festschreibung, dass es sich nie realisieren wird.

Die Obszönität dieses Autoritätsproblems dieser Stadt wird aber dann so augenfällig, wenn ihre wirkliche Zwischennutzung, nämlich die auf sieben Jahre angelegte Zwischennutzung der Stadt durch einen Sammler, der einer dieser 20 Familien angehört, die ihren Namen, sei es durch das Emblematisieren einer gesellschaftspolitischen Entscheidung der Entsolidarisierung oder sei es durch das Anlegen seines Vermögens in Sonderwirtschaftszonen, unbedingt hochzuhalten wünschen, hier eben als wirklich großer Gewinn für die Stadt abgefeiert wird. Ja, 100 Familien und 100.000 Bedienstete, so hat Stendhal einmal Wie beschrieben. Die Herrschaftsgeste dieser Familien im Jetzt und Hier ist diese Sprache, in der tausende Demonstranten den Namen des einen und hunderte Künstler den Namen des anderen bedienen. Und wo wir auf der anderen Seite noch nicht mal mieten dürfen, sondern bloß zwischennutzen.
(Text von Ariane Müller in einem Starship, neulich)

31. Mai 2005 zum letzten mal in der Skalitzerstrasse 135a Kreuzberg, abends ab 20:30

we hope to see you all
to close our space
and watch the sun set behind Zentrum Kreuzberg

Zu Cool? Jedenfalls: Geburtstag!

Montag, den 30. Mai ab 21 Uhr, kann man mit Rainer Werner Fassbinder in der Berliner Volksbühne lernen, wie man politisch wird. Es gibt Videosplitter und Statements von Margit Czenki, Diedrich Diederichsen, Katja Diefenbach, Stephan Geene, Christine Groß, Hangover Ltd.*, Sophie Huber, Marietta Kesting, Rene Pollesch, Angie Reed, Uta Schall, Marc Siegel, Tatjana Turanskyj, Aljoscha Weskott, Tamer Yigit. Und der Text dazu stellt gut sitzende Fragen …

“Verdacht, Verrat, Verzweiflung ist Rainer Werner Fassbinders Antwort auf die Frage, wie man politisch wird. Er filmt das Scheitern der Emanzipation und wie die Leute an ihrer Unterwerfung hängen, wie sie genießen, sich und andere kaputt zu machen, wie sie bleiben statt zu gehen, Liebe mit Erziehung und Abhängigkeit verwechseln: Sozialer SM. Fassbinders Energie für das Kaputtgehen speist sich aus seinem romantischen Antikapitalismus, aus dem Glauben, dass wir etwas verloren haben.

Vor der Nacht war das Licht der Liebe. So einfach ist das. Deshalb muss man schlichte Stories erzählen. Das Melodram politisch und Hollywood kritisch drehen. Fassbinders negative Energie kam außerdem aus dem Willen, die geile Abfahrt des enfant terrible zu nehmen. Ein Auftritt mit begrenztem Effekt. Aber immerhin. Kein Schwulenfilm, sondern die Gesellschaft homosexualisieren. Kein Ausländerfilm, sondern der Migrant als Liebesobjekt, den die Leute kaputt machen wollen. Kein Frauenfilm, sondern ihr Körper als Metapher für Abhängigkeit – was tendenziell doof gelaufen ist, weil damit eine herrschende Metapher verdoppelt wurde. Oder beginnt hier der Hass gegen das Bestehende? Mit der Verdopplung des Unerträglichen? Nicht entlarven, sondern zuspitzen? Zärtlichkeit fürs Kaputte statt Kritik der Tat.

Und dann seine Filme über die Linke, Warnung vor Hypermissionarismus und Moralismus, vor Feigheit, die sich als Aktivismus tarnt, Sinnterror von linken Spießern. Wenn Fassbinder die andere Seite der Linken sein wollte, dann weil es die eine Seite schon gab. Er kam mitten aus dem Aufbruch der Jahre 67/68 und filmte sich in die Krise der Siebziger hinein. Lichtjahre vom Neue Mitte-Spruch “Linke sind Spießer” entfernt, versuchte Fassbinder, etwas Intensives und Brauchbares aus politischem Verrat zu machen. Geht das? Und was ist von der daraus entstehenden Arbeitsteilung zu halten?”

Neuwahlen, jetzt erinnere ich mich, was das bedeutet

Als ich heute bei meiner rituellen 11 Uhr Staatsbibliothekspause in der Sonne saß und mich mit einem Kollegen unterhielt, habe ich das erste Mal begriffen, was das heißen wird: Neuwahlen bzw. Regierungswechsel. Allgemein sagt man ja gerne, dass es egal ist, von wem man regiert wird. Und heute, da Hartz IV so oder so von der SPD oder der CDU weitergeführt wird und die Grünen zwischendrin auch mal problemlos sondieren, ob sie nicht ein prima Koalitionspartner für die CDU wären, scheint das ja wirklich so zu sein. Stimmt aber nicht. Ein ganzes Land wird vielleicht noch genauso aussehen wie vorher, auch an den Arbeitsplätzen oder was auch immer als maßgebliche Aufgabe der Politik betrachtet wird, wird nicht massiv viel geschehen. Trotzdem wird sich alles vehement ändern. Von nun an ist das Zentrum konservativ. Das gesamte Land wird seinen Habitus neu ausrichten. Und wir, wir werden mit ausgerichtet. Vielleicht sucht man manchmal das Politische an der falschen Stelle.

Tot? Denkste!

Klar geht, seitdem Derrida tot ist, in gewisser Weise eine Art diskursiver Kampf von statten, darum, wie Dekonstruktion zu lesen sei und ob man sich diese Mühe (denn es ist eine Mühe) machen muss (klar muss man sich die machen). Die Veranstaltungen zu diesem Thema häufen sich derzeit, wir sammeln mal:

Am neugegründeten “Centre for Advanced Studies in the Humanities” am Birbeck College in London gibt es seit Anfang Mai eine Derrida Lecture Serie, bislang waren bereits Jean-Luc Nancy zusammen mit Charles Dickens Spezialist Hillis Miller an der Reihe, dann Jacques Ranciere und natürlich der frischverheiratete Direktor des Centers selbst aka Slavoj Zizek. Demnächst und noch im Juni kommt Etienne Balibar, dann Alain Badiou und später dann Drucilla Cornell, Helene Cixous und Gayatri Spivak (über sie, Grammatologie Übersetzerin und mehr, würde sich Derrida bestimmt besonders freuen, zumindest dem bitterbösen Ausfall gegen ihre Lesart von D. in D.s Marx & Sons nach zu urteilen).

Dann gibt es zwei Sachen in Wien. Das erste, Ereignis Derrida am 17. und 18. Juni. Rund um Hugh Silverman von der University of Stony Brook, NY gruppieren sich lauter Österreicher zu Derrida Themen: D. und Descartes, D. und Agamben, D. und Ereignis, D. und Performativität und so. Für das zweite Derrida und danach? Innovationen und Reproduktionen in gegenwärtigen literaturtheoretischen Diskursen, das erst für Anfang Dezember angesetzt ist, kann man übrigens noch bis September dem Call for Paper folgen – der Ankündigungstext klingt allerdings so, als ob man sich nicht sicher sei, wie das danach gemeint ist. Ob ein danach mit Derrida oder eines ohne oder lieber ein mit und woandershin wird im CFP offengelassen.

Gleich vor den Berliner Haustüren und am kommenden Freitag gibt es dafür bei b_books eine Diskussionsveranstaltung zu Marx und Derrida von Hans-Joachim Lenger aus Hamburg. Das Institut für Methodenkritik & b_books laden ein zu “Marx zufolge. Die unmoegliche Revolution” freitagsPraxis, 27.5., b_books ab 21 Uhr. Hier geht es darum, für den deutschen Diskurs endlich mal Marx und Derrida zusammenzubringen. Lenger analogisiert, so heisst es in der Ankündigung, dekonstruktive Ueberlegungen zur Sprache mit der Kritik der politischen Oekonomie und diskutiert in dieser Perspektive Fragen der Wertform, der Arbeit, der Zeit, der Wahrheit und des Politischen. Welcome!
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Rechter HipHop?

Kann man also von rechtem Hiphop reden? Oder sind die Leute nur dumm? Fragte am Freitag ein ganz guter Artikel in der SZ, den ich tagelang mit mir herumgeschleppt habe. Wenn es nur das wäre. Die Rhetorik der Befreiung von Tabus schlägt leider überall zu. Irgendwie tritt einem da mit der Debatte um rechten HipHop deshalb mehrfach was Unangenehmes entgegen: Etwa die empörten Moralapostel, bei denen die Provokation der rechten Anspielungen voll aufgeht. Überhaupt braucht kein Mensch empörte Moralapostel, die mit dem Verurteilen von rechts sich vor allem freuen, dass sie auf der besseren Seite stehen. Das beginnt etwa bei Polylux und Tita von Hardenbergs triumphierenden Beitrag über rechten HipHop. Geht gar nicht, und zwar genau deshalb, weil man mit Rechts ein ernstes Problem hat. Eigentlich zwei.

Das erste ist das klassische rechte Lager: Unterschichtenmilieu. Deren rechte Anfälligkeit löst man aber nicht, indem man sich von mit rechts kokettierenden Aggro-Berlins absetzt, die eh gleichzeitig noch Multi-Kulti als das eigene beschwören. Oh man, Antje Vollmer, da kannste mal sehen, was du mit deiner Deutschquote so angerichtet hast – Flers Song “Neue Deutsche Welle” mit Falko Sample ist jawohl der direkte Outcome. Nur das diskutiert natürlich keiner, wenn es um rechten Hiphop geht. Deshalb: Wichtiger als von hier aus auf die zu zeigen und sich besser zu fühlen (und die dabei noch an der Nase herumzuführen, um sie vorzuführen) ist, wenn man das Rechte in Schläger und Sympathisanten teilt und letztere da abholt, wo sie stehen und mit Perspektiven versorgt, damit die sich umsympathisieren und nicht noch mehr werden. Ob das mit HartzIV und den beliebten Verweis aka Paul Nolte geht, dass die Unterschichten zuviel rauchen und sich schlecht ernähren, ist allerdings fraglich.

Das zweite Problem, das die Empörung eben auch viel zu leicht verdeckt: Dass nicht erst seit rechtem HipHop rechts nicht mehr klar zu erkennen ist und vor allem nicht mehr nur da ist, wo man es vermutet: Am Rand. Mehr und mehr finden rechte Positionen in der Mitte statt. Mal ein paar Beispiele, denn die Momente summieren sich. Anti-Demokratische Romane wie der Eisvogel werden als neue Literatur gefeiert, Joachim Fest kann sich bei Sloterdjik zum Tag der Befreiung darüber auslassen, dass die Deutschen ja Opfer der wütenden Russen gewesen sind und eben nicht zugleich auch Täter. Überhaupt muss selbst das Einstein-Forum diskutieren, ob Stalinismus nicht genauso schlimm wie Faschismus gewesen ist. Was rutscht den da quer, kann man sich hier nur noch fragen. Und ein Verlag für Sozialwissenschaften gibt ein Buch heraus, das Deutschland denken heißt und dabei 1989 als Zäsur für eine neue Republik beschwört. Eben da fängt es an. Und vor allem darf sich konstant irgendwer im Feuilleton (gerne auch der ja angeblich linksliberalen Süddeutschen) von den bösen 68ern und deren “Ideologie” befreien oder zumindest den schlimmen Beeinträchtigungen durch PC.

Überhaupt diese Befreiungsrhetorik, genau deshalb passiert hier ja was komisches: Rechte Positionen werden mit dem alten linken Habitus durchgedrückt. Links wird von allen Seiten als eine Macht beschworen, die das Denken behindert – da passiert hier was, was auf der anderen Seite des Teiches zuvor zu Bush geführt hat, wie Thomas Frank in der New York Review of Books in What’s the Matter with the Liberals? treffend ausgeführt hat. Und das Dumme: Die Linken stehen da und fassen es nicht. Sie können nicht so wirklich damit umgehen, als Macht adressiert zu werden. Nicht gut. Bleibt: Hier wie dort muss man dem begegnen. Sagen, was das ist: Keine Befreiung eben, sondern eine rechte Position. Und klar ist Dissau Crew nicht einfach nur ein Tabubruch. Wenn man den mit rechten Parolen macht ist man rechts. Punkt aus. Nur Polylux macht es sich da zu einfach: Druck ausüben und sich offensiv abgrenzen, hilft nicht zwischen Mittelstandshabitus und Unterschichtengehabe. Das geht nur innerhalb der Schichten. Schon wieder also Schichten. Das Thema scheint mich irgendwie zu begleiten.

Über Unterschichten

Die Austellungsreihe des Weimarer K&K Zentrum für Kunst und Mode beschäftigt sich mit Kleiderportraits. Sechs Leute wählen ein Kleidungsstückt und schreiben einen Text, zusammen wird das ganze jeweils 2 Wochen im K&K KIOSK ausgestellt. Letzte Woche war die Mao-Jacke von Peter Ott. Ab morgen darf ich.

pict00081Über Unterschichten: Eines Tages, so etwa gegen Ende der Neunziger, rutschte die Hose aus der Taille auf das Becken. Jungs trugen den Po ihrer Baggypants ja schon seit einiger Zeit in den Kniegelenken, jetzt konterten die Mädels im Spiel der eingeleiteten Absenkungstendenz. Zunächst wurden Jeans ohne Bündchen in, dann senkte sich schließlich die gesamte Jeans gefährlich dem Genitalbereich entgegen. Die Hüfthose trat ihren Siegeszug an. Herkömmliche Jeansschnitte waren mit einem Mal nicht mehr klassisch, sondern altmodisch und ließen einen aussehen, als ginge man zu Karneval als Cowboy. Der epistemische Bruch in der Hosenkultur war unübersehbar. Die klassische Trennung in Unterteil und Oberteil gab ihren Geist auf. Es halft wenig, den Gürtel enger zu schnallen, auch wenn einem das alle naselang als vermeintliche Rettung postuliert wurde. Die Hosen rutschten runter, die Pullover blieben jedoch so kurz wie sie waren und zwischendrin fand sich entblößt eine undefinierte Mittelschicht, die bis heute frierend der kalten Realität harrt, in welche sie durch die Krise geworfen wurde. Kein Wunder: Das mehr an Freiheit für den mittleren Bereich ging prompt mit mehr “Eigenverantwortung” einher. Was man vormals in altem Bequemlichkeitsliberalismus schamhaft bedeckte, musste jetzt durchdiszipliniert werden. Als erstes begann man mit der Unterschicht: Bereiche, die bislang als Privatangelegenheit galten, sollten jetzt potentiell immer offen gelegt werden können. Was bisher unansehnlich sein durfte, quälte sich nun durch verschiedene Schulungen und trat einem dann durchgestylt entgegen: Anstelle des gezielten natur-belassenem Gewusel eines englischen Gartens ging ohne rasierte Bikinizone gar nichts mehr. Daneben machte die Angst vor der “Panty Line” die Runde.

Die Auswirkungen für die Unterschicht blieben nicht aus. Der Slip war mit einem Male absolut unsexy. Der Tanga war das angesagte Teil der Stunde. An dem kam keiner mehr vorbei. Frauen, die weiterhin den Slip trugen, weil sie sich davor scheuten, eine Schnur durch den Po zu ziehen, fühlten sich, als würden sie den Sexappeal von Omas Schlüpfer hochhalten. Noch dazu quellten die Dinger verräterisch und unangenehm unpassend aus dem niedergesunkenen Hüfthosenbund. Der Tanga, diese in den Alltag eingespeiste Aneignung der Subkultur “Stripperin”, signalisierte dagegen Ja-sage-Willen und sexuelle Aktivität. Der Hintern, der sich beim Sitzen zu niedriger Hüfthosen gerne halb entblößt, wurde quasi zum neuen Dekolltee, in das man ständig erschrocken Einblick erhielt.

Erschrocken? Diese Bedenken waren eben welche für Leute mit Omas Schlüpfer. Ab sofort blitzte der Tanga oberhalb unzähliger Hüfthosenbündchen hervor. Nicht nur die cooleren Popstars wie Gwen Stefani und Christina Aguilera trugen ihn. Meine Schwester, oft beckleckerte Mutter zweier Kinder, trug ihn auch. Schon nahe am Verzweifeln fragte man sich, ob noch etwas anderes übrig blieb, als der Unterschichtendisziplinierung zu folgen. Gut, sexy wollte man durchaus sein, aber wie war das überhaupt mit diesem Ja-sage-Willen? Ist Sex etwas, zu dessen Leistung man gleich mal per Tangatragen präventiv “Ja” sagen muss? Und wie war das noch mal mit der klassischen Idee des langsamen Entblätterns und der stückweisen Entblößung? Ausziehen ist offensichtlich von nun an nur noch etwas, was man macht, um sich anschließend schlafen zu legen – alleine. (Was manchmal zwar besser ist, aber solange Singles noch quer durch alle Schichten als Mangelkrankheit verhandelt werden und Heteropaare als normativer Soll-Zustand gelten, wird das aus der öffentlichen Perspektive ja verdrängt.) Wie lange konnte man da noch Widerstand leisten?

Eines Tages entdeckte ich sie. Die Lösung. Die Hüftunterhose. Eine der seltenen Fachverkäuferinnen, die im schwierigen Klima der Kaufhäuser noch überlebt hatten, wies mich darauf hin. In glänzendem Schwarz war das kleine Teil aus Lycra ein Slip im herkömmlichen Sinne, doch dabei knapp genug, um den Zeitgeist ein Schnippchen zu schlagen. Ganz im klassischen Sinne des Wortes “Unterwäsche” war es bereit, sich zu verbergen und hatte dabei den supercoolen Charme eines Bikiniunterteils aus den Siebzigern. Per Zufall war es mir gelungen, dem Zeitgeist ein Schnippchen zu schlagen. Umgehend habe ich beschlossen im nächsten Winter mich dann nicht mehr einschüchtern zu lassen und von nun an aktiv dagegen zu halten. Zur Rettung der Mittelschicht, auf deren Relevanz ich bestehe, wird im Sanitätshaus ein Nierenwärmer beschafft. Denn auch wenn Schichten selten ein für allemal an ihrem Platz bleiben, sondern von Zeit zu Zeit von einer eruptiven Bewegung erfasst werden, sollte dennoch – und zwar für jede Schicht – gelten, dass Menschen eben ein großes Wärmebedürfnis haben.

Speer und Sean

Gestern kam Soderberghs “Oceans Eleven” im Fernsehen und nachdem ich letzte Woche endlich in Sidney Pollacks “Die Dolmetscherin” mit Nicole Kidman und Sean Penn gewesen bin, wird im Gegenschnitt der beiden irgendwie klar, dass Soderbergh-Filme zwar schnieke anzuschauen sind, aber keinen Effekt hinterlassen. Es ist, als ob da einige Flächen gekonnt ineinander geschoben werden, Story passt, ist ganz nett, Schauspieler sind eigentlich alles gute Kerle und das Setting ist jedesmal retro-modern in Szene gesetzt. Und doch. Bleibt da wenig.

Ganz im Gegensatz zu Pollacks Film, in dem die Story nicht aufgeht, vielleicht sogar lausig ist, trotzdem erreicht das Teil eine Dichte, nachdem sich andere Filme nur sehnen können und man überlegt, woran das liegt und taucht in den Film ein und dann geht einem auf, dass jede einzelne Figur, die in dem Film vorkommt, perfekt sitzt, auch wenn sie Sean Penn nur ein Fax reicht oder im Bus mitfährt und 10 Sekunden im Bild ist. Potentiell könnte der Film an jeder einzelnen Figur abbiegen und weitermachen. Dort, in dieser verhaltenen Aufmerksamkeit scheint eine Kraft des Filmes zu liegen. Jede Figur wird mit sorgfältigem Augenmerk perfekt eingeübt.

Wie redet man dazu wohl mit den ganzen Schauspielern und Nebendarstellern, um diese Dichte zu erreichen?, um diese seltsame Intensität hinzukriegen?, die einer Aufmerksamkeit geschuldet ist, die eben nicht wie bei Soderbergh mit einer gezielten und vordergründigen Klarheit arbeitet, sondern ein Zwischengeschehen bleibt. (Eigentlich ist Pollack ein Fall für Bernhard Waldenfels, dessen gutes Buch “Phänomenologie der Aufmerksamkeit” gerade bei Suhrkamp erschienen ist und darin versucht, diese kaum merkliche Weise und unspezifische Dichte von Aufmerksamkeit zu beschreiben – “Zwischengeschehen” ist hier von ihm geklaut…)

Anyway: Ganz groß, der Moment, in dem der Sicherheitsagent Sean Penn die rechte Hand in die Luft streckt und minimal bewegt, um eine heranfahrende Kolonne von Autos anzuhalten. Einen Oskar bitte alleine dafür. Sowieso: Nicole Kidman und Sean Penn ein Traumpaar (noch besser, wenn sie nicht als Dolmetscherin konstant so superstarmäßig frisch gebürstet wäre). Und sowieso II: Ein Hoch auf die minimale Schauspielerei. Der Ort, an dem bei Sean Penn da gespielt wird, liegt irgendwie ganz weit hinten und ist trotzdem irre effektiv; das reine Gegenteil zu Sebastian Koch, den ich mir gleich angucken werde und der ganz weit vorne spielt, so dass es einem ständig ins Gesicht springt. Anstrengend, das. Zur Erbauung werde ich mir die ganze Zeit vorstellen, wie es wäre, wenn Sean Penn Speer spielen würde. Dann wollen wir doch mal sehen. Wird bestimmt seltsam.

For Weekend-Warriors

In Berlin prasseln dieses Wochenende Events auf einen ein. Überhaupt ist hier ja Designmai, da kann man ständig irgendwo in der Stadt in einen Showroom hineingucken. Freitag Abend gibt es dann noch Papierarbeiten von Cem Bora im COMME des GARÇONS Guerilla-Store in der Karl Marx Allee 78 ab 19 Uhr. In der Galerie Neu eröffnet ab 18 Uhr Cerith Wyn Evans.

Abends spielen Robert Lippok und Barbara Morgenstern, die da oben so geradlinig gerichtet aus dem Bild gucken, anlässlich ihrer neuen gemeinsamen Tesri einen Live-Preview im neuen NBI in der Kulturbrauerei, das gibt Pop-Elektronika mit prima Sounds. Monika Records, ihr Label, hat jetzt übrigens da jeden Freitag einen Abend. Alle aufrechten Recken können dann später noch ihr Tanzbein in Kreuzberg in der Kunstfabrik am Flutgraben bei der ‘Electro Music Departement’-Designmai-Party schwingen, da gibt es Musik von Kareem (Zhark Rec.), Kotai & DJ Legion sowie DJ Nocturne (Rome Rec.) und Daniel Pflumm sorgt für absolut stilsichere Video-Visuals.

Samstag ist dann Treffen blogender Menschen bei Blogmich, die, wenn man dem Programm glauben darf, heute alle das Essen kochen, das sie morgen dann mitbringen. Passend zur Blogkultur: It’s a sort of selfmade get together, jeder ist sein eigener Veranstalter, so etwas. Klingt nett. Da später auch Party. Jetzt erstmal Arbeit.

PS: Wie konnte ich das vergessen. Natürlich ist auch noch große Neptunbrunnen Sause am Alexanderplatz. In die Befreiung vom Deutschland am 8. Mai 1945 hineinfeiern mit Tocotronic, Von Spar und so weiter ab 18 Uhr. Kurz vorher da ein paar Reden und später verlagert sich das ganze in den Festsaal Kreuzberg mit DJs Tobias Thomas, Pantha du Prince und so.

Schöne Aussichten

Welche Rolle Kultur in diesem Land spielt, zeigt ein weiteres Mal die aktuelle Entscheidung der Deutschen Forschungsgemeinschaft 14 naturwissenschaftliche Graduiertenkollegs zu fördern und kein Geisteswissenschaftliches. Da kriegt man als so to say Nachwuchswissenschaftlerin mit dem Kopf tief in der Kulturwissenschaft ja schon die Krise. Dabei wusste schon 1938 der Epistemologe Gaston Bachelard:

“Es geht (…) nicht darum, eine erfahrungsorientierte Bildung zu erwerben, sondern sie zu wechseln, die Hindernisse beiseite zu räumen, die das tägliche Leben bereits angehäuft hat.”

Hoffentlich geht das bald mal wieder jemandem auf. Stehe zum Hindernisse beiseite räumen allemal bereit.
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