Monthly Archive for August, 2005

Was das denn?

Dieses seltsame Bild ist im Netz kaum zu finden, deshalb stellvertretend diese bemalte Krücke, bis mir jemand verrät, wo man eines finden kann. Jetzt vor allem: Was macht Gysi bitte da. Oder genauer, denn wir leben ja in einer Mediendemokratie: Was hat man Gysi hier bitte machen lassen? Während Oskar sich einfach nur ins Fäustchen lacht, wählt man für Gysi mit schräg in den Nacken gelegten Kopf nicht nur die Ikonographie eines Heiligen, nein, man lässt dessen linke Hand dem Wähler auch noch Kochrezepte empfehlen. Was denkt sich DIG/Plus, deren Agentur, denn bei sowas? Und wer soll sowas wählen?

Nachholen, jetzt. Zum Beispiel Musik. Studio Pankow

Ich mag ja Musik, überhaupt eigentlich alle Dinge, die sich unauffällig im Hintergrund aufhalten und einen trotzdem präsent durch das Leben begleiten. Das hier, das ist schon seit einiger Zeit draußen, am Beginn des Sommers, der dieses Jahr nie wirklich länger vorbeigucken wollte, auf City Centre Offices, einem Label aus Berlin/Manchester. Und das ist so toll, deshalb muss man, wenn auch spät, da nochmal drauf hinweisen. Sorry, man kommt ja zu nichts mehr in so vollgestopftem Leben. Also: Für Freunde ruhiger Musik sind das hier wundervolle elf Tracks, alle nach verschiedenen U-Bahn-Stationen Berlins benannt, minimal, zurückgenommen, groovy. Ich mag vor allem Heidelberger Platz, Siemensdamm und Linienbusse. Ruhleben ist mir etwas zu ausgefranst. Insgesamt aber eben einfach angenehme Musik von Studio Pankow und das sind Kai Kroker (Rawell, hallo Rawell!), David Moufang (Move D) und Jamie Hodge (born under a rhyming planet). Das rettet heute begleitend den Arbeitsrechercheinternetdurchwühlabend und lässt die Wohnung schöner aussehen. Danke!
(Und am Ende des Abends gibt es dann noch einmal Jackson C. Frank’s “Milk and Honey” des immer noch wundervollen ‘Brown Bunny’ Vincent C. Gallo Soundtracks. Soviel zu noch älterer Musik. 1965 nämlich.)

Schick in Chanel herumstehen in Marienbad 1961

Eine Woche auf einer Tagung zum “Geheimnis” gewesen, viel Material vorgesetzt bekommen, unter anderem diesen Film, an den man immer wieder erinnern kann, weil er einfach so absurd und in dieser Absurdität so groß ist. “Letztes Jahr in Marienbad”, 1961 erschienen, von Alain Resnais, der das Drehbuch zusammen mit Alain Robbe-Grillet geschrieben hat, einem der großen Vertreter des distanzierten Nouveau Roman.

Natürlich darf man kein Stück versuchen, hier irgendwas verstehen zu wollen. Man muss auf der Oberfläche dieses Filmes entlang gleiten und die Entfremdung aus vollen Zügen genießen. Zwischen den verschiedenen Zeiten, in denen sich die todschick in Coco Chanel gekleidete Delphine Seyrig und Giorgio Albertazzi auf den Fluren eines oder vielleicht auch mehrerer Luxushotels begegnen – denn war es Marienbad oder Friedrichsbad, als sie sich zum ersten Mal trafen? Sie erinnert sich nicht, er versucht immer wieder, sie zu überzeugen, verwechselt dabei aber ebenfalls den Ort. Die Ebenen beginnen, sich zu verschieben, letztes Jahr, dieses Jahr, andere Hotels, andere Gärten und auch wenn es ein Foto gibt, das ihr Treffen zu bezeugen scheint, jenes Treffen, auf dem sie ihm versprochen hat, nächstes Jahr mit ihm zu gehen, so beweist dieses Foto von ihr doch nichts. Es hätte jeder überall aufnehmen können, wie sie meint. Vous avez peur, sagt er, du hast Angst. Nun, vielleicht, antwortet sie und geht weiter.

Immer wieder biegt die Geschichte in eine ästhetische Geste, eine Position ab. Die Menschen werden zu Statuen, Staffetten in einem Garten und fühlen sich eigentlich auch ganz wohl damit, weniger zu fühlen, in einer Geste zu erstarren, zum Teil eines Tableaus zu werden. Die Kamera fährt über den geometrischen Garten, gleitet durch leere Flure und umrundet die Tänzer (tatsächlich ist hier der Matrix Effekt zwei Mal mühsam analog mit stillstehenden Schauspielern vorweggenommen worden). Entfremdung, Abstand von den Dingen, von sich selbst einnehmen, ist ja einer der besten Tricks gegenüber der Welt und wird hier bis zur Perfektion, also dem Gedächtnisverlust durchgeführt. Angenehm. Erscheint einem in verwirrten Umorientierungszeiten als ein idealer Ort, um Urlaub von der Welt zu nehmen. Ein Hoch auf die Oberflächen. Und wenn man das dann noch mit so einer humorvollen Absurdität koppelt, kann eigentlich nichts schief gehen – ist ja auch alles schon schief von vorneherein, eben.

PS: Übrigens findet das Leben in französischen Filmen meist um die 30-35 statt. Oder bilde ich mir das ein?

Ansehen: Sin City

Groß. Einfach groß irgendwie. Einmal geradeaus und hocherhobenen Hauptes untergehen, verzweifeln an der Gerechtigkeit, der Liebe und dem Leben und doch eben an all dem festhalten, bis einem das Blut aus dem Mund blubbert. Dazwischen ein wenig Auto fahren, herumknutschen und Leute abknallen. Mache ich auch. Jeden Tag.

Klischees. Sind. Eben. Großartig. (Manchmal.) Und irgendwie haben letzte Woche im Feuilleton viel zu wenige verstanden, dass es nicht automatisch Sexismus ist, wenn man Strapse trägt und mit dem Lasso wedelt. Die Männerrollen sind in diesem Film ja auch nicht weniger holzschnittartig – und regt sich darüber jemand auf? Nein. Das, das ist dann Sexismus. Im Feuilleton, nicht im Film aber.

Dekonzentriert

Von TAZ bis FAZ: Unsere heilige Spitzmaus hat ja heute Todestagsjubiläum. Da erinnern wir uns doch mal schnell daran, dass wir, bevor uns unser Faible für Biowissenschaften überrollt hat, mal für Dichten und Denken waren, was wir heute ja nur noch sind, wenn es sich gut verkauft. Paul Thomas Mann, immerhin, der rang noch um die kulturelle Kraft des Ästhetizismus, er durfte noch Sätze mit vielen Kommas schreiben, die man zweimal lesen muss. Und er hatte einfach einen wahnsinnigen Wortschatz. “Dekonzentriert” zum Beispiel. Bin ich Fan von.

“Verwirrtes, zerfranstes, überfordertes, leidendes Dasein dieser Tage, gehetzt, überreizt, dekonzentriert, missbraucht. Bestellung einer gedruckten Dankeskarte zur Erledigung von hundert Anreden.”

Trotzdem ist natürlich bei Mann alles so entsetzlich vorsichtig, die Unordnung ist immer einfach nur bedrohlich, das Pathos, das drüber hinweg schwappen soll, bleibt immer eine Spur zu ordentlich, um etwas anrichten zu können. Die Worte sind glasklar gesetzt, aber oft tun sie dabei eben wenig. Seltsam.

Und dann vergessen alle ja immer gerne das hier: “Demokratischer Idealismus? Glaube ich daran? Denke ich mich nicht nur hinein, wie in eine Rolle?” Hat Thomas Mann deshalb also im Nachkriegsdeutschland so gut funktioniert? Das vermutet man ja. Oder ist es auch so: Wenn man hier eben nicht sofort die Schublade “Thomas-Mann-eh-klar-Konservative-Revolution” aufmacht, dann könnte eine Auseinandersetzung damit ja eigentlich mal spannend sein, einfach, um abseits der Fernsehduelle mal wieder einen Anlass zu bekommen, darüber nachzudenken, was das so sein könnte, Demokratie. Denn demokratischer Idealismus. Glaube ich daran? Hm.

Whoo hoo! (Blur, Song2)

Okay Menschen. Jetzt mal kurz was persönliches und sich dazu Blur “Song 2″ denken, sehr, sehr laut, inklusive dieses kläglich-klapprigen Schlagzeuges am Anfang. Mir ist ja den ganzen Sonntagmorgen so wackelig wie diesem Schlagzeug gewesen, nicht etwa, weil ich zuviel aus war, dazu ist zur Zeit leider zu viel zu tun. Nein, weil irgendwie klar war, dass ich heute mit meinem Chef würde telefonieren müssen. Und von dem bekomme ich dann bei dem Telefonanruf die Antwort, wie er das so findet, was ich die letzten drei Jahre lang jeden einzelnen Tag gemacht habe. Geschrieben. Dissertation eben, Geschichte des Internet. Ich also, naja, aufgeregt. Verhaspelt. Und er, der eigentlich selten lobt, sagt dann gleich: “Ich bin mehr oder weniger durch und eigentlich sehr gut.” Wortwörtlich. Ich habe mitgetippt. Das war es dann also. Bestanden, also fast, noch die offizielle Prüfung. Trotzdem: I got my head checked, By a jumbo jet, It wasn’t easy. But nothing is, no … — Whoo hoo!

Ich schon (Stifter, Linke, Religion)


Praschl goes Stifter, das ist dieser unglückliche Dicke hier. Wir gehen mit.

‘Ist es schön in ihrer Heimat?’, fragte Jakoba.
‘Ich will sie ihnen ein wenig beschreiben,’ antwortete ich. ‘Da ist Wald und Wald und Wald. In demselben sind Föhren, Fichten, Tannen, Buchen und Birken in Menge. Alle andern Bäume und Gesträuche sind auch da.’ [Aus der Mappe meines Urgroßvaters]

Das ist radikaler Irrsinn und zwar da, wo er nicht hingehört. Alle erwarten ihn in der Avantgarde, man findet ihn aber im Biedermeier. Ein guter Plan für die nächsten 4 Jahre: Den Neokonservativen das Biedermeier madig machen, zeigen, was da so an subversiven Tendenzen herumlungert.

Ansonsten gibt es derzeit für die Linken ja wenig zu tun, wie Diedrich Diedrichsen ja nicht ganz zu unrecht vor ein paar Tagen im Rahmen eines Tazartikels zur neuen Macht Religion meinte. Vielleicht Revolutionspessimismus pflegen: Vor uns liegt … “wahre kulturelle Hegemonie: Wenn der rechte Wirtschaftsliberalismus ein Problem hervorruft, auf das nur rechte Religiosität und Wertegeschwätz eine Antwort wissen.”

Gestern im Verlauf des Abends beschlossen: Zunächst einmal jedem, der einem erzählt, er wisse nicht, was er wählen sollte, eine klar Antwort geben. “Ich schon.” Man sollte einfach grundsätzlich wissen, wo man steht. Eh eine seltsame Koketterie. Als ob es nicht jedesmal so wäre.

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DQ, Issue 3.

Wirklich gut. Ach Frankreich eben. Via shesaiddestroy.org. Back on track, Gottseidank. Sonst wissen wir ja gar nicht, wo wir hingucken sollen.

Wir spielen 24

“Wie kann man überleben, wenn man sich an Regeln hält, die der Feind nicht akzeptiert”, fragt der niederländische Schriftsteller Leon de Winter auf Spiegel Online.

Wie kann man sich vom Feind unterscheiden, wenn man dieselben Regeln spielt?

Henryk M. Broder hätte ruhig etwas mehr einfallen können. Journalismus hat eben, das wurde ja lange falsch verstanden, nicht unbedingt etwas mit Objektivität zu tun. Sondern eben auch etwas mit Position.

Und so geht das eben nicht.