Mark Terkessidis beantwortet in der heutigen Samstagstaz einen Text von Ulf-Poschardt, dem zukünftigen Chefredakteur der Vanity Fair Deutschland, der eine Woche zuvor ebenfalls in der TAZ geschrieben hatte. Danke Mark. War nötig. Richtig gelacht habe ich ja bei Marks Antwort auf folgende Passage von Poschardt:
P: “Wenn ehemalige Linke (wie ich) nicht aufhören, über die existierende Linke den Kopf zu schütteln, so hat das mit der Biografie, Sozialisation, der intellektuellen Entwicklung und dem daraus gewachsenen Respekt für Triumphe wie Niederlagen linker Theorie und Praxis zu tun.”
T: “Irre sind mehrere Behauptungen – ich greife mal vier davon heraus. 1. Ulf Poschardt ist ein ehemaliger Linker.”
Ja, touché. Und, hat die Linke ansonsten ein Problem? Bestimmt. Wer hätte dieser Tage keines? Aber wenn sich Ulf Poschardt einfach die alten Ansätze von den Liberalen ausborgt und durch Cut-Copy-Paste in einen neuen Kontext auf dieses Alte das Stickerchen “Jetzt Neu!” drauf klebt und so tut, als hätte man (er) sich damit auch noch von links weg weiterentwickelt, dann ist das geschummelt. Man ist nicht links gewesen, nur weil man mal mit Ex-Die Beute-heute-WOZ-Redakteur Andreas Fanizadeh geredet hat. Andererseits: Tatsächlich fehlt sowas wie gesellschaftliche Visionen und Ansätze. Darauf gibt Mark dann keine Antwort (muss er auch nicht), da hat Ulf Poschardt vielleicht dann aber einen Punkt, wenn er das links sondiert. Nur: Rechts ist das auch nicht anders.
Deshalb: Ebenso wie man sich aber über die Linke wundert, muss man auch nach rechts blicken. Denn auch die Konservativen – und das hat Bettina Gaus in ihrem Taztext vor einigen Wochen ein wenig verpasst, haben hier kein geringeres Problem. Und das ist durchaus interessant: Konservative gibt es nicht mehr. Was schade ist, allein als Reibungsverlust. Auch wegen mehr, kein Witz, man muss schließlich auf der Höhe des Problems sein: Konservative hatten früher durchaus die Vorstellung einer Ordnung der Gesellschaft und den Willen, damit eine Gemeinschaft zu bewahren. Anstelle dessen gibt es heute nur noch mehr Eigenverantwortung, aber keine Gesellschaft mehr. Post-Politik nennt Rancière das.
Wohin man blickt, nur noch Individuum. Rechts mit Eigenverantwortung, links dafür dann mit Grundabsicherung. Beides Male aber die gleiche Kernzelle der Argumentation. Gesellschaftlicher Entwurf, anywhere? Gemeinschaft? Zusammenhang? Solidarität? Sense. Man könnte also feststellen: Wir leben im totalitären Diskurs des Individuums und weil dieser Begriff immer positiv besetzt war, fällt das kaum einem auf. Gesellschaft ist aber mehr, als die Addierung von Individuen, die mit Eigenverantwortung oder Grundabsicherung ausgestattet werden. Schärfer formuliert: Wenn Politik überhaupt mal wieder anderes als Verwaltung sein will, muss es einen gesellschaftlichen Entwurf geben. Der muss ja nicht unbedingt gleich so klebrig verbindlich und spießig werden, wie die letzten. Nur im Moment sind ja alle entmutigt. Oder eben Deutschland.

PS: Da er andauernd vorkommt (bei Poschardt, bei Fanizadeh),
hier noch ein Bild von Daniel Richter. Dessen Titel: Gedion (2002)