Monthly Archive for October, 2005

Die Jungs sind beleidigt (Die SPD-Krise / Oder: Feminismus 3.0?)

Diese Jungs. Jetzt rasten sie aus. Wenn da oben einfach die Nahles kommt und alles durcheinanderbringt, dann schnappt erst der Münte ein, weil er seinen Willen nicht bekommt; dann ist der Stoiber sauer, dass sein Lieblingsspielkamerad nicht mehr, bleibt der auch weg. Jungs! Contenance! Wir sind eine Demokratie, da wird gewählt! Jetzt aber wirklich! Muss euch Mama Merkel wohl zur Ordnung rufen, wenn ihr euch ausgetobt habt, oder was?

Irgendwie denke ich mir ja schon, dass das so nicht passiert wäre, wenn die Nahles ein Mann sein würde. Dann hätte man das im Vorfeld vielleicht schon anders gelöst. Und danach anders reagiert. Nicht so seltsam beleidigt.

Ökonomisch sinnvoll (Feminismus 2.0)

Eine Studie der Basler Firma Prognos hat ergeben, dass die Unterstützung von Maßnahmen zur besseren Vereinbahrkeit von Familie und Beruf keine feministische Wohltat ist oder sonstwie eben so ein Ding für Frauen, sondern sich schlicht und einfach ökonomisch rentiert. Mehr Teilzeitarbeit, mehr Kindergartenplätze, mehr, ja, Flexibilität. Das ist gut. Danke, Eidgenossen!
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Wir erobern das Kapitol (Feminismus 1.0)


Rosa Parks ist die erste Frau, welcher heute die Ehre zuteil geworden ist, im Kapitol aufgebahrt zu werden.
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Zeitumstellung

Erst freut man sich ja über die Stunde, die einem die Zeitumstellung schenkt. Aber nicht lange. Dann sitzt man ab 17 Uhr im Dunkeln. Sollte man doch abschaffen, oder?

Lesen 1.0 – Dietmar Dath über Drastik, Deutlichkeit und salzweiße Augen


Hier geht es um Drastik, Grausamkeit und Ekelhaftigkeit, es geht um Splatter- und Horrorfilme von Lucio Fulci oder Dario Argento, um Pornofilme, um fiese Szenen aus American Psycho von Bret Easton Ellis oder um Metallica und Heavy Metal. Es geht also darum, über Dinge zu schreiben, die man nicht auf reflexivem Abstand halten kann, sondern die einen nicht in Ruhe lassen. Die einen Anfallen. Und darüber so zu schreiben, dass es nicht einfach eine neunmalkluge Ästhetik der Drastik wird, das ist keine einfache Aufgabe.

Die geht in „Die salzweißen Augen“ aber auf, auch weil Dietmar Dath die Auseinandersetzung wieder mit dem eigenen Leben verwickelt: Das Nachdenken über Drastik ist hier eben kein kulturwissenschaftliche Untersuchung, auch wenn das Buch durchaus intellektuelle Schlenker macht, sondern schreibt sich in Briefen an ein Mädchen, das einen mal berührt hat, auch wenn es aus einer ganz anderen und ordentlichen Welt kam. Einer Welt, der man das jetzt erklärt: Warum einen das fasziniert. Wie es funktioniert. Wer was wie dabei falsch liest. Wie die Dinge dagegen eigentlich sind. Mitten in einer Liebesgeschichte, die schief geht und an der man vielleicht genau deshalb hängt (und meist hängt da ja nicht nur wegen dem/der anderen, sondern vor allem wegen sich selber – auch hier wird dieses Buch irre ehrlich am Ende, beeindruckend), gerahmt von einer Liebesgeschichte also wird man einmal quer durch den ganzen kulturellen Wissensschatz von Dietmar Dath geführt, kriegt Bücherlesetipps, Philosophieverweise und Filmanalysen vor die Nase gesetzt.

Und gerade weil die eben leicht abseitig und anders sind, als das, was man in den normalen Zeitungen meistens liest (man schreibt ja nicht umsonst über Drastik), macht das alleine schon Spaß. Dann aber stehen da auch noch gute Sätze drin. Etwa folgender: „Man kann sich die Arschlöcher, die einem Beachtenswertes zufunken, nicht immer aussuchen.“ Und andere. Auch wenn ich philosophisch mit Sicherheit woanders wohne, weil Dietmar eben Poststruk und Derrida von einer völlig anderen Perspektive liest und deshalb hasst: Gutes Buch.


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Der Pierre

“Subkulturen”, sagt die Jugendkultur-Expertin Brigit Richard, die ich neulich interviewt habe, “funktionieren heute anders. Weil man sich im Mainstream nicht mehr absetzen kann – man kann nicht mehr schocken – wird sich heutzutage durch kleine symbolische Verschiebungen abgegrenzt. Die Abgrenzung wird heute also über Kleinigkeiten praktiziert, deren feine Differenzen für Außenstehende nur schwer zu erkennen sind.”

Genau daran musste ich denken, als Heribert Prantl in der SZ am Freitag in seinem Kommentar auf Seite 4 der Welt noch einmal das Konzept der Identität erklärt und schreibt: “Identität ist aber komplex. Identität im 21. Jahrhundert kommt nicht aus einer einzigen Wurzel, sondern aus einem Wurzelgeflecht, das sich, wie das die Philosophen Gilles Deleuze und Pierre-Felix Guattari beschrieben haben ‘in der Begegnung mit anderen vernetzt.’”

Pierre-Félix, hier im Bild, das ist vom Namen her natürlich richtig. Trotzdem denkt man sich: Aha, so so. Denn es sagt eben niemand Pierre. Was soll einem also hier mit dem Pierre gesagt werden? Und man spinnt weiter: Es wäre auch noch “Jackie Derrida” zu vergeben, beim nächsten Mal vielleicht. Das kommt halt nur eben nicht so gut. Da fehlt die elegante Pierre-Félix-Veredelung, denn hierzulande ruft man “Jackie” wahrscheinlich eher seinen Hund. – Die wichtigere Frage, der wir uns jetzt stellen müssen, ist allerdings: Zu welcher Subkultur gehört Heribert Prantl?
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Deutschland, dein Serienelend

SAT1 will es wissen. Jetzt ist Harald Schmidt weg, da muss ja irgendwas gemacht werden. Man war also nicht untätig. Es folgt: Die Fernsehserienoffensive. Erst die ‘Telenovela’ “Verliebt in Berlin”, was Schnuppeliges für romantische Kinder. Unglücklich verliebte Zahnspangenprobleme für die ganze Familie mit ein paar Büromobbing-Intrigen; dann harmlos noch ein bisschen Klassenunterschiede dazugepackt – fertig ist das Märchen.

Reicht aber nicht, man braucht noch mehr. Also ergänzt man durch ein weiteres Format für Erwachsene. Nix Büroplenkeleien, wir brauchen Sex und Intrigen im Überfluss. Herauskommt: “Bis in die Spitzen”, eindeutig eine gepflegte Masturbationsserie. Schön gefilmt, gute Kostüme und uralter Mist-Plot – man hatte über Nip Tuck, Lost oder Desperate Housewifes und so weiter schon fast vergessen, dass es so einen Unsinn noch gibt. Serien rund um einen richtigen Bösewicht. Einen, der Ehen auseinandertreibt. Ungewollte Kinder tauchen plötzlich am Horizont auf. Männer müssen irre männlich aussehen oder sie dürfen nur schwule Waschlappen spielen.

Überhaupt geht alles um neobiedere Konstellationen: Die Ehen stehen auf dem Spiel! Die Gesellschaft ist bedroht! Durch Sex! Ach diese dunkle Welt der Friseure – zwei Imperien bekämpfen sich! In der zweiten Folge haben schon alle mit dem Bösewicht geschlafen. Und der böse Mann sagt so Sätze wie: “Erst werde ich in deinen Freundeskreis, dann in deine Ehe und zuletzt in dich eindringen.” Ach so. Aha. Oh man, das ist so 80er, ich staune Bauklötze. Dallas! Denver Clan! Falcon Crest! Ich mache gleich wieder Aerobic, wenn das so weitergeht.

Noch schlimmer: Weil das ja so richtig schön krank ist, kommt meine Tokiohotel-Perversion wieder in mir hoch. Dieses Elend. Einfach faszinierend. Äh, Fan? Nein? Muss nicht sein? Na gut.

Wollen wir das, singende Männer?

Dieser Tage viel Musik gehört, erst in Graz live, dann einen ganzen Stapel von Platten, äh CDs, die ich am Wochenende aus dem DEBUG-Büro mitbekommen habe. Was auffällt: Rund um Elektronika, was ja eigentlich mein Lieblingsgenre, begegnen einem immer mehr authentisch singende Männer. Also Männer, die von ihren Gefühlen reden. Und zwar musikalisch völlig ungebrochen. Unentfremdet. Ohne jede Spur von Ironie. Ohne zwei Zentimeter Abstand. Die volle Ladung Ausdruck also. Da wird auch kein Inhalt gegen die Musik gesetzt.

Folk is back and worse: It is not very weird most of the time. Unfortunatly. Denn Folk ist ja immerhin noch ne historische Musikrichtung, an der man sich irgendwie kulturell abarbeiten kann. Dann hat man ja noch eine Struktur und damit ein Gegenüber und kann sich nicht so ungehemmt alleine austoben. Aber bei einem Großteil des Singer-Songwritertums ist auch nichts mehr historisch. Da gibt es nur das DU in der Musik. Da geht es wohl dann um Essenz. Oh Gott!

Man müsste sich mal ernsthaft darüber Gedanken machen, warum man genau das eben nicht will, diese Art der singenden Männer. Warum das auch gar nicht weit vorne ist. Wieso alle aber trotzdem darauf kommen. Was für Männerrollen da aufgerufen werden. Wann das geht. Wann nicht. Ob Folk und diese Art von fühlendem Singen nicht der Neo-Biedermeier der Szene ist. Oder was da eigentlich passiert.

Auch auf die Gefahr hin, eine auf den Deckel zu bekommen. Die besteht nämlich. Neulich musste ich mich schon verteidigen, weil ich dagegen war, von Artikeln berührt zu werden. Und wenn das da schon losgeht, wie wird das erst, wenn man gegen singende Menschen zu Wege zieht. Vor allem Männer, weil diese Gesellschaft ja noch denkt: Wenn Männer mal authentisch Gefühle zeigen, müssten alle begeistert sein. Glücklich geradezu. Auch weil: Gefühle sind ja immer gut. Nur hier ist das eben kein Stück so. Wieso eigentlich? Hm.

Transgender, Wy Not

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Gesehen in Graz, Neubaugasse

Überall diese Hegemonie der Linken! Rebellion durch FDP!

Mark Terkessidis beantwortet in der heutigen Samstagstaz einen Text von Ulf-Poschardt, dem zukünftigen Chefredakteur der Vanity Fair Deutschland, der eine Woche zuvor ebenfalls in der TAZ geschrieben hatte. Danke Mark. War nötig. Richtig gelacht habe ich ja bei Marks Antwort auf folgende Passage von Poschardt:

P: “Wenn ehemalige Linke (wie ich) nicht aufhören, über die existierende Linke den Kopf zu schütteln, so hat das mit der Biografie, Sozialisation, der intellektuellen Entwicklung und dem daraus gewachsenen Respekt für Triumphe wie Niederlagen linker Theorie und Praxis zu tun.”

T: “Irre sind mehrere Behauptungen – ich greife mal vier davon heraus. 1. Ulf Poschardt ist ein ehemaliger Linker.”

Ja, touché. Und, hat die Linke ansonsten ein Problem? Bestimmt. Wer hätte dieser Tage keines? Aber wenn sich Ulf Poschardt einfach die alten Ansätze von den Liberalen ausborgt und durch Cut-Copy-Paste in einen neuen Kontext auf dieses Alte das Stickerchen “Jetzt Neu!” drauf klebt und so tut, als hätte man (er) sich damit auch noch von links weg weiterentwickelt, dann ist das geschummelt. Man ist nicht links gewesen, nur weil man mal mit Ex-Die Beute-heute-WOZ-Redakteur Andreas Fanizadeh geredet hat. Andererseits: Tatsächlich fehlt sowas wie gesellschaftliche Visionen und Ansätze. Darauf gibt Mark dann keine Antwort (muss er auch nicht), da hat Ulf Poschardt vielleicht dann aber einen Punkt, wenn er das links sondiert. Nur: Rechts ist das auch nicht anders.

Deshalb: Ebenso wie man sich aber über die Linke wundert, muss man auch nach rechts blicken. Denn auch die Konservativen – und das hat Bettina Gaus in ihrem Taztext vor einigen Wochen ein wenig verpasst, haben hier kein geringeres Problem. Und das ist durchaus interessant: Konservative gibt es nicht mehr. Was schade ist, allein als Reibungsverlust. Auch wegen mehr, kein Witz, man muss schließlich auf der Höhe des Problems sein: Konservative hatten früher durchaus die Vorstellung einer Ordnung der Gesellschaft und den Willen, damit eine Gemeinschaft zu bewahren. Anstelle dessen gibt es heute nur noch mehr Eigenverantwortung, aber keine Gesellschaft mehr. Post-Politik nennt Rancière das.

Wohin man blickt, nur noch Individuum. Rechts mit Eigenverantwortung, links dafür dann mit Grundabsicherung. Beides Male aber die gleiche Kernzelle der Argumentation. Gesellschaftlicher Entwurf, anywhere? Gemeinschaft? Zusammenhang? Solidarität? Sense. Man könnte also feststellen: Wir leben im totalitären Diskurs des Individuums und weil dieser Begriff immer positiv besetzt war, fällt das kaum einem auf. Gesellschaft ist aber mehr, als die Addierung von Individuen, die mit Eigenverantwortung oder Grundabsicherung ausgestattet werden. Schärfer formuliert: Wenn Politik überhaupt mal wieder anderes als Verwaltung sein will, muss es einen gesellschaftlichen Entwurf geben. Der muss ja nicht unbedingt gleich so klebrig verbindlich und spießig werden, wie die letzten. Nur im Moment sind ja alle entmutigt. Oder eben Deutschland.

PS: Da er andauernd vorkommt (bei Poschardt, bei Fanizadeh),
hier noch ein Bild von Daniel Richter. Dessen Titel: Gedion (2002)

Going out, meeting good music

We went to a concert in Kreuzberg to get over it. First the all in white dressed cool band Punk Soul Loving Bill from Bielefeld and then, well, a little bit more intense Forward Russia from Leeds. To quote an english college: “We’re back in front of the stage, anticipating the arrival of !Forward, Russia!. It soon becomes apparent that I would have waited in front of that stage for an era if I knew what was going to hit me.”

Och ne, oder?

Das war schlimm. Bibifax.