Monthly Archive for November, 2005

Du bist belastet.

Spreeblick und das Blog von Andreas haben ja mit diesem Bild letzte Woche jede Menge Aufregung verursacht, das ist ja selbst bei der Süddeutschen Zeitung angekommen. Dass sowas bei einer “Du bist Deutschland” Kampagne auftauchen musste, war irgendwie klar. Das hätten sich die Beteiligten von Jung von Matt bis hin zu Bertelsmann wohl denken können. Jetzt brauchen wir allerdings noch jemanden, der das fiese Kackhaufen-Logo überführt. Dieser Kackhaufen sollte diskreditiert werden. Unbedingt.

Hauptstrom-Beats


Mainstream-Musik gehört. Beschlossen, dass Black Eyed Peas immer noch zu den schickesten Oberflächen gehört, auch wenn von denen musikalisch nicht alles stilsicher ist. Trotzdem. Stylemäßig präzise und “My Hump” irgendwie auch von der Musik her seltsam leer und vorne. Besser sogar noch als Lil Kim’s “Put your lighters up”. Das ja auch ganz schön ist. Sonst noch was? Man verliert ja ständig den Überblick…
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Ups, älter.

Dass mit den grauen Haaren und Falten, das passiert mir sicher auch noch. Passiert ja jedem. Älter werden, das findet aber auch auf einer anderen Eben statt. Im Augenblick etwa gehen entscheidendere Mutationen vonstatten, die ich mit Sorge beobachte. Wie etwa: Als überzeugter Vollmilch-Schokoladen-Fan – jahrzehntelange Treue verbinden uns – schmeckt mir plötzlich die dunkle Bitterschokolade besser. Wirklich. Das ist erschreckend. Dann: Ich gehe aus, will aber keine Leute mehr kennen lernen. Ich finde, ich kenne schon genug. Wenn ich vorgestellt werde, sage ich also artig “Guten Tag” und mache mich umgehend auf, um mich wieder mitten in meiner Bezugsgruppe zu verstecken. Das war früher definitiv anders. Da habe ich erstmal alle ausgefragt, was bei denen so geht. Und – jetzt kommt das Schlimmste: Abends reinige ich meine Zähne mit Zahnseide. Unbedingt. Vergesse ich mal die Pflege meiner Zahnzwischenräume, springe ich doch tatsächlich nochmal aus dem Bett.

Älter werden. Das geht jetzt schon das ganze Leben so. Bis etwa 13 freut man sich ja noch, dass man ständig mehr kann, länger aufbleiben darf und so weiter. Einem wird nicht mal mulmig, wenn man plötzlich mit 14 anfängt, vereinzelt rohe Tomaten zu mögen. Damit geht es aber los. Und die Selbstentfremdung, die in der Pubertät einsetzt, hört von da an nie mehr auf. Naja, hat man zumindest immer was zu tun. Sich mit sich selbst anfreunden zum Beispiel. Dann gehe ich mal, ein paar Stücke dunkle Schokolade vernichten.

Dafür statt dagegen – Pop und Politik 2005

Von Tokio Hotel aus (ja, nochmal) trifft man mitten in die aktuelle Situation von Pop und Politik, denn von da aus kann man nachdenken: Über die Rolle des Zeichens, das jetzt endgültig auf der anderen Seite angekommen scheint, was – kein Grund zur Trauer – nicht heißt, dass es von da nicht irgendwann seinen Weg zurückfinden könnte. Darüber, dass es auch den Mainstream nicht mehr gibt, denn der ist selbst in viele kleine Bröckchen aufgesplittet. Darüber, dass man sich damit von so was wie Öffentlichkeit verabschieden muss und so auch das alte Konzept der Gegenkultur vorübergehend in den Schrank sortieren kann – heute gibt es Zielgruppen anstelle von Öffentlichkeit. Was nicht heißt, dass man darauf nicht reagieren kann. Mit der Konzentration auf die eigene Ökonomie der Nische etwa. Mit der Bildung von Horden statt Banden, was ja eine der Lieblingsthesen von Diedrich Diederichsen ist (das Kollektiv kehrt zurück und es verwirrt noch immer). Mit dem Ausbau der eigenen Infrastruktur, d.h. mit dem Wissen und dem Taktieren um den eigenen Wert. Der nächste Schlachtruf lautet also: Macht das unter Euch aus! Und: Dafür statt dagegen! Weitere, ähnliche Gedanken in diese Richtung hier.

Noch mehr Poschardt-Debatte. Jetzt auch im Fernsehen!

Es geht weiter: Volker Panzer, der Mann hier auf dem Bild, der mit dem Kamin im Fernseher und der kulturellen Gesprächsrunde davor, er macht es möglich: In seiner Fernsehsendung werden ein paar Poschardt-Debatten-Teilnehmer versammelt. Der schöne Ulf selbst, dann Mark Terkessidis und Sascha Lehnartz, der gerade neulich unbedingt auch noch zur Debatte dazugehören wollte und deshalb einen Artikel in der FAS hinterher geschoben hat. Die erste Folge „Der Generationsstreit – Die 68er“ zeigt das ZDF am 23. November 2005 um 0.10 Uhr, der zweite Teil “Die Generation Zuversicht” wird heute, am Donnerstag, 24. November 2005, 0.25 Uhr, ausgestrahlt.

Sowieso seltsam, der Ankündigungstext. Ich meine: Generation Zuversicht? Hä? Generation Zuversicht, die gab es ja noch nie. Seltsame Idee. Wo leben die denn vom Fernsehen? Und Generationsstreit, der ist doch nun mal auch schon lange vorbei, gibt es doch gar nicht mehr, egal ob Poshardt sein Vatervorbild Diedrich Diederichsen morden will oder nicht. Das war gestern. Ulf Poschardt ist eben ein alter Nostalgiker.

PS: Der beste Beitrag war eh der von Rattelschneck in der SZ:

Ulf Poschardt beim Großen Meister.
Poschardt: Guten Tag, ich heiße Ulf Poschardt und bin neokonservativ. Mein Problem: Die Leute lachen über mich.
Meister: Du musst dafür sorgen, dass die richtigen Leute über Dich lachen.
Poschardt: Soll ich mich Posch Ulfardt nennen?
Meister: HAHAHA

PSII: Hier der Ankündigungstext der Sendung:
Was ist geblieben vom positiven Aufbruchsgefühl von ‘68? Gelten die jungen Erwachsenen heute wirklich als Generation Zuversicht? Und wie ist das Aufbegehren der jungen Einwanderer in Frankreichs Vorstädten mit dieser Zuversicht in Einklang zu bringen?

Das ZDF-”Nachtstudio” widmet sich dem Generationenstreit. In der Sendung wird um die verschiedenen Lebensmodelle, um Zukunftspläne, um die politische Realität und ihre notwendige Veränderung gestritten. Welches gesellschaftliche und politische Erbe haben die 68er der jungen Generationen hinterlassen? Und wie soll es aus Sicht der älteren Generation mit Deutschland weitergehen? Wie befreit man sich von den Vorgaben der “Überväter” und was sind die Ziele der jungen “Generation Zuversicht”? Unter dem Titel “Unsere besten Jahre” diskutiert Moderator Volker Panzer mit seinen Gästen, was die Generationen heute bewegt.

Gäste:
Ulf Poschardt, Journalist
Jana Hensel, Schriftstellerin
Sascha Lehnartz, Journalist
Peter Schneider, Schriftsteller
Mark Terkessidis, Schriftsteller
Claudia Roth, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen
Emine Demirbüken, CDU-Bundesvorstandsmitglied

Hey, die Jungs tragen Bart. Wieso eigentlich?

Als ich aus den USA zurück gekommen bin, habe ich mich ja schon etwas verwundert umgeguckt. Wieso tragen in meinem Umfeld mit einem Mal plötzlich immer mehr Jungs Bärte? Wieso hält sich das? Ich habe mir dann die Keimzelle des Bartes, den relaxten jungen Mann dort links, seines Zeichens Moderedakteur der DEBUG, geschnappt. Und recherchiert. Dann geschrieben. Für die Zitty.

Das da unten im Kommentar ist dabei rausgekommen.

Draußen Winter, drinnen Musik (Pingipung, Static)

Diese beiden Releases sind ja schon einige Wochen draussen und beide Elektronika-Alben haben in diesen Wochen schon folgenden Test bestanden: Draußen Winter, drinnen warm. Weil: gute Musik. Schon einmal zwei perfekte Weihnachtsgeschenke, eigentlich.

Pingipung, eines meiner Lieblingslabel, veröffentlicht mit Pingipung plays: The Piano seine erste CD. 18 Tracks drehen sich um das Tasteninstrument, einer Idee zufolge, die den Betreibern des Labels vor zwei Jahren im Auto beim Lauschen ihrer isländischen Lieblingsband (Múm wahrscheinlich) gekommen ist. Offensichtlich gemächlich, aber hartnäckig verfolgte man dann das Ziel und das liegt nun vor: Eine Liedsammlung zu Ehren des Instruments. Und was für Ehren! Von abstrakterer Annäherung bis hin zu verspieltem Flohwalzer ist alles dabei und alles nimmt einen immer vorsichtig, aber sicher an die Hand. Außerdem gibt es noch eingangs einen sehr netten Text von Tobias Ruderer, in dem er feststellt: “Hören Sie hin und stellen Sie fest: Das Klavier muss gar nichts. Angefasst gehört es.” Und dass sie das können, das Klavier von außen, innen und oben drauf anfassen, das zeigen dann Lawrence, Barbara Morgenstern & Robert Lippok, Peter Presto, Thaddi und andere. Hört man gerne.

Die zweite Platte von Static, “Re: Talking about Memories” ist eine Spur melancholischer, aber nicht weniger schön. Hanno Leichtmann treibt hier plockernde Elektronika dem Song entgegen, und zwar mit Hilfe von Ronald Lippok, Lars Rudolph, Martin Siewerts, sowie Christof Kurzmann, der wieder einmal wunderschöne Texte singt. In den ruhigen Stücke finden sich elektronische Klänge neben akkustischen Gitarren oder Trompeten-Einsprengseln wieder und alles fügt sich zu einem klaren, aber dichten Klangteppich zusammen, der einen abfängt, mitnimmt, nach vorne bringt. Gut für dusselig dunkle Tage, an denen man sich vor der Welt zurückziehen will. Mir gefallen ja am besten die Nummer 4, Never, never, das sehr ruhig losgeht und dann fast chansonartig wird und das 6. Stück, Point of Hope. Vielleicht sogar weil diese beiden Stücke am nächsten an der klassischen Songstruktur dran sind, damit habe ich es ja gerade. Erschienen ist das ganze auf dem Label von Thaddi, City Centre Offices.

Beide schon draussen. Static-Release-Konzert live in Berlin im NBI am Donnerstag 1. Dezember und in Paris am Centre Pompidou, 9. Dezember.

Außerdem jetzt gleich morgen: Do 24. Nov. ab 22:00. In Berlin im Ausland. Das ist hier.
MAGGIE, KAI, MICHA & CHRISTOF
Biegungen77: KAI FAGASCHINSKI + MARGARETH KAMMERER + CHRISTOF KURZMANN + MICHAEL THIEKE
kai fagaschinski | clarinet
margareth kammerer | voice, guitar
christof kurzmann | voice, g3, omnichord
michael thieke | clarinet
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Paris is burning

Paris. Also. Hätte man schon längst was zu schreiben können. Nur was. Man kann sagen: Hier hat der Staatsapparat einen Riot produziert. Man kann sagen: Hier kann man junge Männer dabei beobachten, was passiert, wenn sie keine Perspektive haben. Man kann sich vorstellen, dass man mit denen trotzdem nicht einer Meinung sein wird. Deshalb kann da auch nicht so viel Solidarisierung von Links kommen, auch wenn verzweifelt darum gerungen wird. Revolte, war da nicht etwas? Geht uns das nicht an? Funktioniert aber nicht. Hier sind allerhöchstens Sozialarbeiter gefragt, keine schicken Theorien. Perspektiven. Elend. Weiter geht es. Man kann dabei zusehen, wie aus denen jetzt organisierte Kriminelle gemacht werden. Man kann vorhersagen: Sarkozy wird nicht zurücktreten, weil in Frankreich nie jemand zurücktritt. Man kann sagen: Es wird hart durchgegriffen werden. Man kann sagen: Fies, das alles.

Wenn Spiegel Online jetzt versucht, zwei brennende Autoreifen in Berlin und Bremen zur Ausbreitung der französischen Revolte umzustilisieren, kann man allerdings nur den Kopf schütteln. Journalisten! Wenn dann lieber mit unserem 1. Mai vergleichen. Unsere jährliche Revolte. Der ritualisierte Aufstand. Ich bin ja Fan. Revolten waren ja noch nie spontan, dass ist ja eigentlich ein großes Märchen. Und mit dem 1. Mai wird darauf verwiesen, dass Potenial zum Aufruhr durchaus vorhanden und lebendig ist. Dass etwas sein könnte. Gleichzeitig dreht aber auch keiner durch und zündet ein paar Behinderte an. Wer will denn schon richtige Riots, geh kommt.

Fällt jemandem ein, warum man das mal gebraucht hat?


Muss das wirklich sein?

Am Wochende in Begleitung Expressionismus angeguckt. Brücke-Auststellung in der Berlinischen Gallerie. Und was soll man sagen: Der Begleitung quasi die Brücke-Ausstellung verleidet. Alles schlimm gefunden. Schräge Farben alleine machen es eben nicht. Gut, tolle Farbigkeit. Geschenkt. Bin mir aber nicht sicher, ob das reicht. Und nur weil die Nazis einen Scheiße fanden, wird man eben noch nicht gut.

Beispielsweise diese Motive. Deren Beziehungsvorstellungen. Erschreckend. “Die Vereinigung”. “Die Trennung”. Überall diese humanistische Sehnsucht nach Ganzheit. Unangenehm. Dann das Frauenbild. Schlimm. Männer malen Tänzerinnnen. Männer malen nackte Modelle, haben sie als Beziehung und nennen sie “Fränzi”. Überhaupt überall Frauen mit gespreizten Beinen und mit groben Strich gemalt. Dabei irgendwie keine Liebe zum Strich und damit zum Bild. Dann noch die Stadt als schräge schnelle Diagonale. Und man merkt spätestens hier: Jede thematische Annäherung ist das erfüllte Klischee. Man wird nicht überrascht, nicht irritiert. Bis auf die Ringelpullidarstellungen alles grauenvoll. Dann doch lieber Leibl und Sozialer Realismus.

Das hier geht ja. Irgendwas könnte da doch aber sein, im Expressionismus. Kann mich vielleicht jemand mal kurz vom Gegenteil überzeugen?

Yo, man. Listen to this.

Mal gute Musik, die nicht melancholisch ist. Endlich, ich dachte schon, irgendwas sei falsch mit mir. In at the Deep End heißt die Platte. Roll Deep die Crew. Das ist Grime aus London, den man ein bisschen gestreichelt hat, so dass er nicht mehr ganz so dark ist. Was ihm gut tut. Mir auch. Bisschen was gezielt upliftendes, das braucht man im Herbst.