Monthly Archive for December, 2005

Windungen, Schnee (Weihnachten)

‘Gebenedeit sei Gott,’ schrie Philipp, ‘da seid ihr ja. Der ganze Berg ist voll Leute. Laufe doch einer gleich in die Sideralpe hinab, und läute die Glocke, daß die dort hören, daß wir sie gefunden haben, und einer muß auf den Krebsstein gehen und die Fahne dort aufpflanzen, daß sie dieselbe in dem Tale sehen, und die Pöller abschießen, damit die es wissen, die im Millersdorfer Wald suchen, und damit sie in Gschaid die Rauchfeuer anzünden, die in der Luft gesehen werden, und alle, die noch auf dem Berge sind, in die Sideralpe hinab bedeuten. Das sind Weihnachten!’
‘Ich laufe die Alpe hinab’, sagte einer.
‘Ich trage die Fahne auf den Krebsstein’, sagte ein anderer.
‘Und wir werden die Kinder in die Sideralpe hinab bringen, so gut wir es vermögen, und so gut uns Gott helfe’, sagte Philipp. Ein Sohn Philipps schlug den Weg nach abwärts ein, und der andere ging mit der Fahne durch den Schnee dahin.
Der Eschenjäger nahm das Mädchen bei der Hand, der Hirt Philipp den Knaben. Die anderen halfen, wie sie konnten. So begann man den Weg. Er ging in Windungen. Bald gingen sie nach einer Richtung, bald schlugen sie die entgegengesetzte ein, bald gingen sie abwärts, bald aufwärts. Immer ging es durch Schnee, immer durch Schnee, und die Gegend blieb beständig gleich.

[Adalbert Stifter, Bergkristall]
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Das täuscht

Jedes Jahr ist es wieder das gleiche. Wann fährst du? Sehen wir uns nochmal? Mist, ich habe das Geschenk für meine Schwester vergessen, die möchte Backförmchen. Wo zur Hölle kriegt man denn Backförmchen? Meine Verwandtschaft wird mich umbringen, wenn die Post nicht die Zeit aufholt, die ich verdaddelt habe. Wann ist die Weihnachtsfeier nochmal? Komm doch zum Essen dazu, wir sehen uns dann ja lange nicht. Wer will was? Weiss noch nicht, was ich an Sylvester mache. Weisst du irgendwelche Gründe, warum es gut ist, dass 2005 zu Ende ist, ich soll eine Liste von fünf machen. Weil dann die Neunziger endlich vorbei sind? Schreib: Weil in diesem Jahr mal wieder zuviel passiert ist und das kann keiner brauchen. Uff. Folglich: Der Konsum ist unschuldig, dennoch hat Weihnachten ja irgendwie damit überhaupt nichts zu tun: Ruhe, Besinnlichkeit, Einkehr und so’n Kram. Man fühlt sich eher so, als möchte man sich gleich in der Badewanne ertränken, wenn man dafür endlich mal Zeit hätte. Wahrscheinlich braucht es aber den ganzen Stress, sonst würde am Abend des 24. kein Ereignis stattfinden. Was ein Aufwand.

Wahrheit! Wahrheit?

Alle sind aufgeregt. Denn Schäuble hat gesagt, man könne Information verwenden, die man unter unrechtsstaatlichen Bedingungen erlangt. Man kann das natürlich hochdrehen und erklären, der Schäuble würde ‘Ja’ zu Folter sagen. In der Tat schiebt er aber hinterher, dass es klare rechtsstaatliche Grenzen gibt und unsere Sicherheitsbehörden nicht augenzwinkernd dulden dürften, dass es Folter gibt. Und man könnte deshalb sagen: Eigentlich ist nichts gewesen. Ist es aber irgendwie doch. Was man daran sieht, dass man etwas hinterher schieben musste. Und Schäuble sollte wissen, dass man etwas tut, wenn man sowas sagt, auch wenn man hinterher schiebt.

Folter ja, Folter nein, was auch immer. Egal. Denn die Frage, ob man im Ausnahmezustand foltern dürfte oder nicht, geht schon viel zu weit. Sie geht nämlich davon aus, dass man durch Folter die Wahrheit erfahren würde. Dabei weiss man genau, dass Menschen unter Folter alles zugeben. Der Schmerz löscht die Welt aus, das Opfer sieht erst Sternchen und dann gar nichts mehr, es ist ihm gleich, über was es da befragt wird, es sagt alles oder nichts, so hat Nils Minkmar in einem guten FAS-Artikel letzten Sonntag darüber geschrieben. Wenn also Foltern keine Wahrheit ans Tageslicht holen kann, worum geht es dann in dieser Debatte, die aus den USA zu uns herüber schwabt?

Wenn man durch Foltern nicht an die Wahrheit kommen kann, dann geht es in der Folterdebatte nicht ums Foltern. Eigentlich geht es vielmehr um die Hilflosigkeit unserer Gesellschaft. Diese Hilflosigkeit: Wir stehen dem aktuellen Terrorismus mehr oder weniger machtlos gegenüber. Und um diese Machtlosigkeit zu vertuschen, redet man sich ein, dass eine unter Schmerzen herausgepresste Wahrheit doch wenigstens etwas Handfestes wäre. Dass man lieber den Gegner quält, als gar nichts zu tun, das ist natürlich unmoralisch, wenn auch psychologisch nachvollziehbar. Dass man dabei aber glaubt, man käme der Wahrheit auf die Spur, das sollte man sich dann doch nicht vormachen.

Und was überhaupt nicht geht: Dass wir den Bundesverfassungsschutz und den Bundesnachrichtendienst nach Guantanamo schicken, um einen 22jährigen Gefangenen zu verhören. Mit dabei im rechtsfreien Raum, wie die SZ so treffend titelt, das geht gar nicht. Guantanamo, ja: Guantanamo ist illegal.

Zeitungen lesen

Neulich festgestellt, dass ich das Magazin Vice immer noch gut finde. Irgendwie wagt man was. Die Story über Obdachlose in Berlin ist beispielsweise eine Sternstunde investigativen Journalismus. Selbst wenn sie einfach nur erfunden wäre, ist mir das tausend Mal lieber als jeder typischer Seite-drei-Artikel, der pseudo-mitfühlend auf Menschen aufbaut. Gut, das Konzept “Krassheit” hat man schnell kapiert und dann wiederholt es sich, aber die anderen jüngeren Blätter sind auch nicht viel besser. Die Zoo hat ganz gute Themen und Texte, aber eher durchschnittliche Bilder. Während man die Qvest dann wegen Bilder und dem klaren Layout sehr gern blättert, aber wegen der Texte nicht so gerne liest. Da könnte man noch etwas polieren. Hm. Was sollte man sonst noch so im Blickwinkel haben, außer die 11Freunde natürlich? Tageszeitungen?

Also wenn man von da aus in den tagesjournalistischen Mainstream guckt, dann kann man sich über die Zeitungslandschaft ja eigentlich nur noch wundern. Sehe ich das falsch oder ist da auf der linkeren Seite lange nichts mehr inspirierendes aufgetaucht, das es in den Mainstream hinein geschafft hat? Auch wenn die taz in der letzten Zeit irgendwie zumindest tendenziell besser geworden ist, wie ich finde. Auch wenn ich gerne Jungle World lese, obwohl Linkssein kein Grund dafür sein sollte, lange, unverständliche Schwirbelsätze zu akzeptieren. Die Folge: Wenn ich mein Umfeld beobachte – und das hat seine Symphatien immer auf der linken Seite – dann liest man am Wochenende am liebsten die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Inklusive mir. Sollte das einem zu denken geben? Müssen wir jetzt alle den vor kurzem re-designten linksliberalen Guardian da drüben lesen, weil das dieser Tage die schönste Zeitung ist? Dort zeigt sich in der Tat, was ein klares Konzept in Zusammenarbeit mit einer guten Bildredaktion leisten kann.

Und hier? Tatsächlich hat es die FAZ als Zeitung verstanden, sich zu erneuern. Beispielsweise hat man der Süddeutschen die besten Leute weggekauft und in die Sonntagszeitung gesteckt. Umgedreht hatte die Süddeutsche bei ihren Menschenankäufen kein so gutes Händchen. Das Projekt “linksliberale Zeitung” jedenfalls kommt auf der Ebene der Texte eher uninspiriert herüber. Es fehlt das Konzept und selten liest man etwas, das einen überrascht.
Natürlich hat die FAZ immer noch eine Menge Artikel, bei denen sich einem die Nackenhaare sträuben, dennoch hat sich das Blatt erstaunlich geöffnet – und was immer man auch von Schirrmacher hält, hat man das wohl ihm zu verdanken. Davon sollte man lernen. Lieber schnell. Umgedreht kann man dem Süddeutschen als Verlag natürlich zu Gute halten, dass er auch nicht ganz untätig gewesen ist. Die Nebenprojekte des Süddeutschen Verlages, von der SZ-Bibliothek über die Diskothek oder die Cinemathek, haben nicht nur finanziell den Verlag gerettet, sondern sind auch einfach wirklich gut gelungen. Was zeigt sich daran? Der kulturelle Kanon wird nicht mehr vom Rest des klassischen Feuilletons gemacht, sondern an der Schnittstelle Popkultur/Ökonomie erstellt. Und: Es gibt ihn noch, den Kanon. Jetzt weiterlesen.

Viva Zapata! Oder: Die Poprechte

Kann man einen großartigen Abend mit einem neokonservativen jungen Liberalen haben, ohne es zu merken? Was ist CDU-Koksen? Warum heißt Realität anerkennen nicht, keine Wahlmöglichkeit zu haben? In einem wirklich guten Interview in der Zitty erklärt einem seit letzten Mittwoch Diedrich Diederichsen, wie das mit den Spießern, den Neokonservativen und Sting ist. Und ein für allemal geklärt wird auch, dass es eben unverständlich ist, vor zwanzig Jahren für sein Linkssein gute Gründe gehabt zu haben und heute nicht. Denn: Dass sich die Verhältnisse verändert haben, ist kein Grund dafür, dass man die alte Position einfach aufgibt. Es gibt keine normative Macht des Faktischen, man hat immer eine Wahl. Man muss eben lernen, schneller zu denken. Und denken musste man schon immer, denn einfach so links sein, das war noch nie cool. Die Coolen sind links, okay. Das ist aber etwas anderes.

Trotzdem muss man leider sagen: Die neuen angehippelten Neocons haben in der Diskursdebatte zwar nicht überzeugt, irgendwie aber trotzdem das Oberwasser bekommen, seitdem allen eingeredet wurde, dass es eine linke Hegemonie gäbe. Was der Poprechten viel zu viele abgenommen haben. Interessant wird nun: Das ist jetzt durch. Durch Niedermachen der poplinken Position holt man ab sofort niemanden mehr hinter dem Fernseher hervor. Und das war ja der zentrale Trick, über den sich die Poprechte in den letzten Jahren ihren Coolness-Faktor abgeholt hat. Was machen die also jetzt, worüber bleibt denen noch zu reden? An eigenen aufregenden Themen außer dem Poplinken-Bashing haben die Poprechten ja wenig zu bieten. Vielleicht: Endlich so sein wollen, wie der Kapitalismus immer schon war. Super Idee. Im Interview sagt Diederichsen dann dazu: “Wenn man sich anpassen will, muss man sich anpassen (….) Aber ist das nicht ein elendes Projekt: endlich so sein wie der Kapitalismus immer schon war? Ich sage dazu: Todestrieb.”

Genau: Die politische Wahl trifft man eben nicht, weil sie bequemer in das eigene Leben passt. Sondern weil es die verrücktere, anstrengendere Vision mit mehr Sexappeal ist. Das erklärt einem auch Christian Ulmen ein paar Seiten vorher. Korrekt. Und genau deshalb kann man sagen: Was gestern richtig war, gilt heute eben immer noch. Man sagt nicht einfach ‘Ja’ zu dem, was zum eigenen Leben am besten passt. Man kämpft. Alles andere wäre langweilig.
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Wirklich wir werden erwachsen! (Blogs)

Es mehren sich ja die Zeichen, dass die Blogs in den Zeitungen angekommen sind. Es gibt beispielsweise mittlerweile Tonnen von Süddeutsche Zeitung-Blogs, die das ja wahrscheinlich vom Jetzt-Blog gelernt haben – dort findet man zumindest dank Christoph Koch und anderen immer aktuelle Bemerkungen zum State of the Art der Popmusik. Ganz gut.
Dann etwa das Blog von Zitty-Chefredakteur Matthias Kalle, mit ziemlich lustigen Texten, vom Flow aber noch ein bisschen langsam, Herr Kalle. Aber: Wenn Matthias Kalle im Netz ankommt, mit dem er ja als ordentlich klassisch ausgebildeter Reporter durchaus fremdelt, wie ich weiss, dann heißt das schon was. Verwunderlich: Ausgerechnet die FAZ.net Seiten könnten da noch was tun. Was das Zusammenwachsen von Zeitung und Internet angeht, sind die sonst sehr vorbildlich und schlagen die SZ-Online-Seite um Längen. Egal. Denn jetzt folgendes: Man kann Mario Sixtus jetzt auch hier beim Handelsblatt verfolgen. Das wird also richtig professionell. Eine neue Verdienstmöglichkeit. Grüße zur Dezentrale.

Stardust Memories

Woody Allen hatte ja gestern Geburtstag und anläßlich dessen hat man Stardust Memories im Fernsehen auf Rotation gestellt. Toll. Weil: Toller Film. Präzise, unterhaltsam, dabei leicht wirr und auf jeden Fall amerikanisch. Wenn Regisseur Sandy Bates auf einem Filmfestival von Bewunderern umringt wird, erfolgt das mit einem angenehm kalten Blick auf das eigene Kennerumfeld. An den späteren Filmen nervt ja, dass Woody Allen dauernd thematisiert, wie es sein kann, dass so ein hässliches Entlein wie er eine umwerfende Charlotte Rampling abgekommt. Was ein Fehler ist. Weil Attraktivität sich ja noch nie vom Aussehen hergestellt hat, sondern von sowas wie Präsenz. Und gut, Aussehen gehört da dazu, man sieht halt nun mal aus. Das ist aber nicht alles. Egal: Ein viertes Mal gibt es den morgen Abend, um 1.00 Uhr auf mdr. Mit beeindruckend schöner Charlotte Rampling. Präsenz eben.