Monthly Archive for January, 2006

Baum unter Büschen

Worauf verwiesen werden kann: Auf den wirklich guten Artikel von Stefan Niggemeier (FAS von gestern) über das Internet und die Zukunft der Medien. In dem wird endlich auch mal klargestellt, dass die Washington Post zwar Probleme mit den Beschimpfungen in einem Blog hatte, aber dennoch auch weiterhin Leser auf ihrem Webportal bloggen lässt. Da führt auch kein Weg dran vorbei.

Dann am Wochenende neben dem ganzen Sonnenschein im Gesicht noch super gewesen: Die Überschrift in derselben Zeitung, die über einem Johannes Rau Artikel stand. “Unter Büschen ein Baum”. Aber klar doch. Sehr gelacht.

Winterschlaf

Zum Denken ist es irgendwie zu kalt. Folglich Bürgertumspause. Überhaupt Politik: Innenpolitisch verstehen sich alle prima oder wissen nicht so genau. Merkel ist mir fast sogar sympathisch, was zunächst nur dazu führt, dass ich mir selbst suspekt bin. Vordergründig passiert also nicht so viel. Hintergründig kommt man dafür kaum zur Ruhe – zwei Identitäten zu führen ist gar nicht so einfach. Zumal Doppelqualifikationen (oder wie man das nennt) die Menschen ja immer nur auf den ersten Blick gut finden – dann glauben sie, man könne nichts richtig. Dabei kann man eigentlich ja noch viel mehr, man muss sich nur trauen. Egal – zuviel zu tun, im Kopf ist nicht einmal Platz für neue Musik (wenn man beim fernsehdurchschaltenden Einschlafen auf MTV The Strokes, Juicebox, sieht, dann darf man das wahrscheinlich nicht gut finden). Egal. Für mehr reicht es gerade nicht. Nächster Tag.

Stop now and listen to me (Killagirl)

England mal wieder. Die können das einfach. Kommt erst jetzt und also mit etwas Verspätung bei mir an, dafür aber um so fetter: Lady Sovereign. Präzise produzierte Tracks mit tiefem Bass, der direkt in den Unterleib fährt und einem Flow, der einen einpackt und mitnimmt [Favorites: Get Random und A little bit of Shhh]. Kümmert sich einen Dreck um Regeln oder Erwartungen, weil hat die Supreme Pop Power für sich irgendwie gepachtet. Deshalb auch mit 19 eine so coole Rotzgöre geworden, dass sie zunächst die Londoner Radiolandschaft im Sturm eroberte, dann die Shows für Dizee Rascal eröffnet durfte und dann, gerade mal ein paar Tracks auf ihrem Album bei Chocolate Ind. draußen, in die Staaten flog, wo sie Usher, Pharell und so weiter vorgestellt und von Jay-Z für Def-Jam umgehend gesignt wurde. Und cool geblieben, weil hat das raus mit der Ironie. Bummer.

Besides good music, a new Role Model, für uns alle. Aussehen? Platz in der Gesellschaft? Scheiss drauf. Ein Hoddie von Adidas und ne große Klappe ist das, was zählt. Klar, sowas lernt man, wenn man englische Punks als Eltern hat, daneben Skills, auf die man sich verlassen kann und dann noch Professionalität diese Anlagen kreuzt. Heraus kommt sowas: “Don’t let anyone tell you what to do, except for what time to wake up in the morning.” Yo. But now we get Random.

Auslaufen.

Es geht wieder los. (Serien 2006)

Neulich startete ja schon die zweite vierte Staffel von “Six Feet Under”, eine Serie, mit der ich mich aber immer noch nicht so angefreundet habe. Am Mittwoch ab 22.05 folgen dann die beiden Schönheitschirurgen (hier im Bild) von NipTuck auf ProSieben, die mir irgendwie spontan lieber sind. Auf demselben Sender beginnt heute Abend um 23.45 Uhr Queer as Folk und die späte Stunde zeigt schon, dass man vor schwulen Themen offensichtlich immer noch große Angst hat. Wichtiger als Queer as Folk, weil irgendwie schon seit Monaten in aller Munde wird The L-Word. Das spielt in L.A., ist mit Jennifer Beals und gibt es jedoch erst im September (auch auf Pro-Sieben).

Schon diesen Freitag dafür: Ab 20.15 auf RTLII die vierte Staffel von 24 und wir alle können wieder über das Töten nachdenken. Etwas später kommt dann noch die DEBUG-Lieblingsserie des letzten Jahres: Veronica Mars. High-School-Crime-Serie mit Klassengegensätzen, Inzest, Autos und einem sehr coolen Mädchen. Mit dabei außerdem: Gute Musik von The Streets bis the Killers und Paris Hilton, die sich selbst spielt. Was sie wirklich gut macht. Im Ernst. In den USA ist die Serie viel gelobt worden, unter anderem von Buffy-Produzent Josh Wedon. Dieses Jahr kommt sie dann auch zu uns. Ab 14.15 Uhr, Samstag, 1. April 2006 auf ZDF. Seltsamer Sender für eine Serie, seltsamer Sendeplatz. Ob das mal gut geht.

Sowieso besser: Serien und DVDs zu Hause mit wärmflaschenwarmen Rechner auf dem Bauch angucken. Schon jetzt absolut 2006, das.

Hallo hallo? (Fussball, Frauen und Ausrufezeichen)

Jetzt der Jahresendansprachen-Vergleich noch einmal aufwendiger, das heißt also als Text, denn Seitenstrang-Angina in der Wohnung herumtragend hat man ja sonst nicht viel zu tun. Und in den Zeiten, in denen man nicht über den Grad seiner Schlappheit mit sich selbst konferiert, kann man fabelhaft nachdenken, herumlesen und aufschreiben. Aufschreiben ist immer gut, auch notwendig, weil man ja im Schreiben erst zu Ende denkt und mich beunruhigt, dass ich Angela Merkels Habitus immer wieder weitaus sympathischer finde, als ich gedacht habe. Wie weit es also noch bis zu dem Moment ist, in dem ich eine Kolumne mit dem Titel “Hilfe, ich werde konservativ!” beginnen muss, das ist derzeit unklar. Sicher aber ist: Die Art und Weise, in der unser Bundespräsident seine Weihnachtsansprache gehalten hat, war weitaus unangenehmer als die Neujahrsrede der Kanzlerin. Im Ernst.

Das beginnt schon mit der Anrede. Er: “Liebe Landsleute Ausrufezeichen” Sie: “Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger Komma”. Lassen wir die Mitbürger und Landsleute gleich beiseite, da muss man ja wohl kein Wort darüber verlieren, da ist ja eigentlich schon alles klar (ich jedenfalls bin kein “Landsleut” und will auch keines werden, definitiv nicht, wo sind wir denn, äh hallo, Globalisierung anyone?).
Also blicken wir lieber auf Komma und Ausrufezeichen und: “Liebe … !” – nein, Herr Köhler, Ausrufezeichen, mit dem geht das eben nicht. Dieses Ausrufezeichen, wir haben das in dunklen Stunden mehrmalig analysiert, das greift quer über die Worte hinweg auf das “Liebe” zurück und wird so leider mehr als die formale Anredefloskel, der sich Bundeskanzlerin Merkel korrekt bedient. Denn: Man will von repräsentativen Persönlichkeiten, also auch seinem Bundespräsidenten, nicht lieb gehabt werden.

Horst Köhler macht dann umgehend den zweiten Fehler und schickt einem auch gleich noch seine halbe Familie hinterher: “Meine Frau und ich wünschen Ihnen frohe Weihnachten.” Was für eine Verwurschtelung der Verhältnisse ist das bitte schön? Also dass die Frau des Bundespräsidenten mit an das grelle Licht der Öffentlichkeit gezogen wird und sich ab sofort anständig anziehen und frisieren muss, weil ein wenig repräsentieren (was sie kann, alle drei Dinge), das ist schon klar. Aber hier an dieser Stelle hat sie nichts zu suchen, weil sie ist nicht gewählt. Und wir haben Demokratie, nicht Dynastie. Außerdem bedient man mit diesem Mitwünschen das Bild einer Ehe als Einheit und das ist nichts anders als ein nochmaliger Rückfall. Denn heutzutage haben wir Genderstudies, Geschlechterkampf und Gütertrennung schon hinter uns, auch wenn das noch nicht so wirklich überall angekommen scheint. Egal – ansonsten aber übrigens ein Punkt, den Schröder früher schon angedeutet hat (O-Ton: “Meine Frau hat ihre eigene Meinung…”) und den Angela Merkel jetzt immer wieder anführt, indem sie ihren Mann nicht überall einbringt, vorzeigt und abnutzt – warum auch. Dreifacher Punktsieg also für Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen Komma, Abstand und Ehemann.

Und Tonfall. Merkels Rede klingt zumindest nicht wie ein Gebet aus dem protestantischen Konfirmationsunterricht. “Wir sind bereit, neue Erfahrungen zu sammeln. Wir werden dazulernen, und so werden wir neue Kraft gewinnen.” Amen. Dennoch gibt es auch bei Merkel Probleme, genauer gesagt zwei. Erstens: Angela Merkel schrammt an einer fiesen Aufmunterungsgeste (“Du bist die Flügel, du bist der Baum! Du bist Deutschland!”), mit der einem suggeriert werden soll, dass es schon ginge, wenn man nur wollte, nur knapp vorbei. Und damit dagegen. Tatsächlich sieht es heute so aus, dass man etwa einen Willen zur Arbeit hat, allein wenn keine da ist, steht man mit seinem Willen in der Gegend herum und will sich dann nicht auch noch sagen lassen: “Sie haben schon lange eine Idee? Es muss gar nichts Überragendes sein, aber sollte 2006 nicht das Jahr sein, in dem Sie versuchen, diese Idee in die Tat umzusetzen?”

Zweitens: Fussball. Denn quer im Raum steht hier trotz erfolgreich absolviertem BamS-Interview mit Abseitsregel-Erklärung folgende Passage: “Natürlich drücken wir unserer Mannschaft die Daumen, und ich glaube, die Chancen sind gar nicht schlecht. Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.”Eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits ist es irgendwie schon cool, in einer Neujahrsansprache so einen feministischen Kalauer loszulassen. Lange hat man Angela Merkel ja vorgeworfen, nichts für die Position der Frauen zu tun, das kann man jetzt auf keinen Fall mehr sagen. Ob sie aber das Richtige getan bzw. gesagt hat, ist allerdings leider zu bezweifeln. Denn sie zeigt hier vor allem, dass sie von Fussball doch nichts so wirklich begriffen hat. Weil hinter dem Männerfussball eben eine ganz andere Maschine steckt. Eine Maschine, die einen ganz anderen Druck erzeugt. Von dem man offensichtlich keine Ahnung hat. Frauenfussball in allen Ehren. Denn das muss ja nicht so bleiben. Ist aber derzeit eben immer noch so. Also hier auch ein zweites Mal knapp vorbei geschrammt, wenn auch immerhin interessant. So oder so (und auf die Gefahr hin, dass mir T.S. den Kopf abreist): Vielleicht bekommt man es mit der Bundeskanzlerin ja doch mehr Spass als man denkt. Eines jedenfalls ist klar: Was ein RSS-Newsfeed ist, wird auf ihrer Seite relativ gut erklärt.

Jetzt wieder schlafen.

Hallo hallo?

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