Jetzt der Jahresendansprachen-Vergleich noch einmal aufwendiger, das heißt also als Text, denn Seitenstrang-Angina in der Wohnung herumtragend hat man ja sonst nicht viel zu tun. Und in den Zeiten, in denen man nicht über den Grad seiner Schlappheit mit sich selbst konferiert, kann man fabelhaft nachdenken, herumlesen und aufschreiben. Aufschreiben ist immer gut, auch notwendig, weil man ja im Schreiben erst zu Ende denkt und mich beunruhigt, dass ich Angela Merkels Habitus immer wieder weitaus sympathischer finde, als ich gedacht habe. Wie weit es also noch bis zu dem Moment ist, in dem ich eine Kolumne mit dem Titel “Hilfe, ich werde konservativ!” beginnen muss, das ist derzeit unklar. Sicher aber ist: Die Art und Weise, in der unser Bundespräsident seine Weihnachtsansprache gehalten hat, war weitaus unangenehmer als die Neujahrsrede der Kanzlerin. Im Ernst.
Das beginnt schon mit der Anrede. Er: “Liebe Landsleute Ausrufezeichen” Sie: “Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger Komma”. Lassen wir die Mitbürger und Landsleute gleich beiseite, da muss man ja wohl kein Wort darüber verlieren, da ist ja eigentlich schon alles klar (ich jedenfalls bin kein “Landsleut” und will auch keines werden, definitiv nicht, wo sind wir denn, äh hallo, Globalisierung anyone?).
Also blicken wir lieber auf Komma und Ausrufezeichen und: “Liebe … !” – nein, Herr Köhler, Ausrufezeichen, mit dem geht das eben nicht. Dieses Ausrufezeichen, wir haben das in dunklen Stunden mehrmalig analysiert, das greift quer über die Worte hinweg auf das “Liebe” zurück und wird so leider mehr als die formale Anredefloskel, der sich Bundeskanzlerin Merkel korrekt bedient. Denn: Man will von repräsentativen Persönlichkeiten, also auch seinem Bundespräsidenten, nicht lieb gehabt werden.
Horst Köhler macht dann umgehend den zweiten Fehler und schickt einem auch gleich noch seine halbe Familie hinterher: “Meine Frau und ich wünschen Ihnen frohe Weihnachten.” Was für eine Verwurschtelung der Verhältnisse ist das bitte schön? Also dass die Frau des Bundespräsidenten mit an das grelle Licht der Öffentlichkeit gezogen wird und sich ab sofort anständig anziehen und frisieren muss, weil ein wenig repräsentieren (was sie kann, alle drei Dinge), das ist schon klar. Aber hier an dieser Stelle hat sie nichts zu suchen, weil sie ist nicht gewählt. Und wir haben Demokratie, nicht Dynastie. Außerdem bedient man mit diesem Mitwünschen das Bild einer Ehe als Einheit und das ist nichts anders als ein nochmaliger Rückfall. Denn heutzutage haben wir Genderstudies, Geschlechterkampf und Gütertrennung schon hinter uns, auch wenn das noch nicht so wirklich überall angekommen scheint. Egal – ansonsten aber übrigens ein Punkt, den Schröder früher schon angedeutet hat (O-Ton: “Meine Frau hat ihre eigene Meinung…”) und den Angela Merkel jetzt immer wieder anführt, indem sie ihren Mann nicht überall einbringt, vorzeigt und abnutzt – warum auch. Dreifacher Punktsieg also für Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen Komma, Abstand und Ehemann.
Und Tonfall. Merkels Rede klingt zumindest nicht wie ein Gebet aus dem protestantischen Konfirmationsunterricht. “Wir sind bereit, neue Erfahrungen zu sammeln. Wir werden dazulernen, und so werden wir neue Kraft gewinnen.” Amen. Dennoch gibt es auch bei Merkel Probleme, genauer gesagt zwei. Erstens: Angela Merkel schrammt an einer fiesen Aufmunterungsgeste (“Du bist die Flügel, du bist der Baum! Du bist Deutschland!”), mit der einem suggeriert werden soll, dass es schon ginge, wenn man nur wollte, nur knapp vorbei. Und damit dagegen. Tatsächlich sieht es heute so aus, dass man etwa einen Willen zur Arbeit hat, allein wenn keine da ist, steht man mit seinem Willen in der Gegend herum und will sich dann nicht auch noch sagen lassen: “Sie haben schon lange eine Idee? Es muss gar nichts Überragendes sein, aber sollte 2006 nicht das Jahr sein, in dem Sie versuchen, diese Idee in die Tat umzusetzen?”
Zweitens: Fussball. Denn quer im Raum steht hier trotz erfolgreich absolviertem BamS-Interview mit Abseitsregel-Erklärung folgende Passage: “Natürlich drücken wir unserer Mannschaft die Daumen, und ich glaube, die Chancen sind gar nicht schlecht. Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.”Eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits ist es irgendwie schon cool, in einer Neujahrsansprache so einen feministischen Kalauer loszulassen. Lange hat man Angela Merkel ja vorgeworfen, nichts für die Position der Frauen zu tun, das kann man jetzt auf keinen Fall mehr sagen. Ob sie aber das Richtige getan bzw. gesagt hat, ist allerdings leider zu bezweifeln. Denn sie zeigt hier vor allem, dass sie von Fussball doch nichts so wirklich begriffen hat. Weil hinter dem Männerfussball eben eine ganz andere Maschine steckt. Eine Maschine, die einen ganz anderen Druck erzeugt. Von dem man offensichtlich keine Ahnung hat. Frauenfussball in allen Ehren. Denn das muss ja nicht so bleiben. Ist aber derzeit eben immer noch so. Also hier auch ein zweites Mal knapp vorbei geschrammt, wenn auch immerhin interessant. So oder so (und auf die Gefahr hin, dass mir T.S. den Kopf abreist): Vielleicht bekommt man es mit der Bundeskanzlerin ja doch mehr Spass als man denkt. Eines jedenfalls ist klar: Was ein RSS-Newsfeed ist, wird auf ihrer Seite relativ gut erklärt.
Jetzt wieder schlafen.