Monthly Archive for February, 2006

Jubiläum!

Morgen ist es soweit. Die 100. Ausgabe der DE:BUG – Magazin für elektronische Lebensaspekte – kommt in die Läden. Und zur Feier unseres langen Atems ist sie dieses Mal besonders schön. Haben die gut gemacht, die Jungs. Großartiges Layout. Hervorragende Artikel (klar). Lexikon. Mitarbeiterfotos. Und wegen all dem Inhalt natürlich besonders fett, 100 Seiten und CD (mit To Rococo Rot, Lawrence, John Tejada, Mouse on Mars, Moderat feat. Paul St. Hilaire und so). Rockt.

Gestern habe ich schon meine Lieblingsseiten (10-11), eine Collage aus alten Layouts, auf einem Essen anderen Journalisten vorgelesen und mich vor Lachen gekringelt. Da kam aber irgendwie keiner mit, seltsamer Weise, das wollte keiner der Jungs dort wirklich verstehen. Egal, zum Jubiläum kann man sich mal ein paar Insiderwitze erlauben. Beispielsweise den Wiederabdruck unserer besten Titelzeile ever: “Hier kommt das gelbe Scheißding”. Das war der Titel zu einer Pokemon-Games-Strecke und unter den Covern der Debug kommt der auf Platz Eins. Platz Zwei hält die Ausgabe 02 mit dem Chris-Korda-Cover und dem präsentesten Rechtschreibfehler aller Debug-Zeiten: “Save the Panet – Kill yourself!”

Gefeiert wird übrigens mit einer DE:BUG 100 Tournee. In meinem Wohnort, Berlin, trudelt man dafür am Freitag, den 31. März ins 103. Schon einmal vormerken.

Schade eigentlich


Image kaputt.

Der Westen & der Islam (Politik in Europa)

So geht es nämlich auch: Nils Minkmar hat am Sonntag in der FAS ein weiteres Mal einen Artikel zum Islam in Europa geschrieben. (Der erste ist dieser hier.) Den sollte man dringend lesen, denn dieser Text bezieht klar Position, ist klug geschrieben und trifft die derzeitigen Schwierigkeiten evident. Sicher sind Minkmars Forderungen – öffentlich geförderter Bau von Moscheen, Islamunterricht (auf Deutsch), Kirchensteuer für islamische Gemeinden, ein eigener Vertreter bei den Fernsehräten, aber auch ein islamischer Nachrichtensprecher etc. – bereits von anderen klassisch linken Positionen eingenommen worden. Hier geht das Ganze aber einen Schritt weiter, denn diese Forderungen haben abseits von Multi-Kulti einen weiteren Grund. Man muss den Islam nicht nur “adoptieren”, weil man nett zu Ausländern sein soll und deshalb deren Kultur respektiert. Man sollte nicht nur aus Höflichkeit, Menschlichkeit und gutem Benehmen integrieren, sondern vor allem, weil es das Gebot der eigenen Sache ist. Weil es darum geht, Europa zu denken. Weil es darum geht, Europa aus der Defensive heraus zu bekommen. Eben deshalb muss man einen europäischen Islam schaffen. Und das ist ein schlagendes Argument, über das man nachdenken sollte. Dringend.

“Seit dem 11. September 2001 geben die islamischen Terroristen, gibt Al Qaida das Tempo vor. Und der Westen stolpert mit militärischen Aktionen hinterher, meist genau dorthin, wo man ihn haben wollte und bequem angreifen kann. Jeden Tag. (…) Vor lauter Furcht wird nicht einmal der tätliche Angriff auf diplomatische Vertretungen – früher ein erstklassiger Kriegsgrund – mit einem Abbruch der Beziehungen beantwortet. Sondern gar nicht.”

“Wir haben keinen Kampf der Kulturen, wenn in Berlin, Marseille und London 99,9 Prozent der Muslime zu Hause bleiben, während einige Eifrige gegen Dänemark protestieren. Wir bekommen ihn aber in vollem Ausmaß, wenn wir weiterhin den Islam in Europa ignorieren, statt ihn zu adoptieren, immer bloß reagieren, Despotenregime stabilisieren und den Terror durch fleißigen Ölkonsum täglich finanzieren.”

Diese beiden Zitate treffen die Spannbreite des Problems auf den Punkt. Trotzdem bleibt noch folgendes zu sagen: Real haben wir diesen Kampf der Kulturen vielleicht nicht, aber diskursiv wird uns diese Figur verfolgen. Nachhaltig. Wir alle werden mit der Figur “Kampf der Kulturen” in den nächsten Jahren leben müssen, diese Figur werden wir nicht mehr so schnell los. Multi-Kulti-mäßig diesen Kampf zu verneinen, wird keine Lösung sein. Die Lösung ist im Grunde genau das, was Minkmar macht: Die Linie des Kampfes neu und anders zu entwerfen. Für Europa. Warum nicht.

Alter Ego – Zum Verhältnis von Subjekt und Technik und der neuen Form des Kapitalismus

Ist es nicht so: In Bezug auf Games zeigt sich unserer verkrampfter, misstrauischer Umgang mit Technik an zwei Momenten. Zum einen an der nicht enden wollenden Debatte um Gewalt in Spielen, die meistens von Außen mit schrillenden Alarmglocken und moralischer Entrüstung an die Welt der Spiele herangetragen wird, zum anderen und innerhalb des Game-Diskurses am stolzen Anpreisen von mehr „Realismus“. Beides ist natürlich Unsinn. Heiko Gogolin hat das in der Gee vor einiger Zeit treffend ausgeführt: Realistische Games sind nicht die besseren, weil Spielen vor allem erst einmal damit etwas zu tun hat, dass man eine andere und eigene Welt eröffnet, in der differente Regeln herrschen. Was heißt: Die Qualität eines Games besteht nicht im Realismus, sondern in gutem Gameplay, innovativen Einfällen, kreativen Ideen, überraschenden Aufgaben. Eher so etwas.

Und dass Ballerspiele Gewalt auslösen sollen, diese These hat sowieso noch nie etwas mit Spielen zu tun gehabt. Schuld an ihr ist die ästhetische Theorie des 18. Jahrhunderts, also Lessing und Schiller, deren Aristoteles-Lektüre einem hier in den Weg kommt, eine Lektüre, in der es um Kultur bzw. genauer um das Theater als kathartisches Moment und als moralische Instanz ging. Egal – wichtig ist hier nämlich erstmal, was diesen beiden Diskursen gemeinsam ist.

Gemeinsam ist ihnen nämlich eine zweifache Form der Verlängerung: Im ersten Fall preist man mit „Realismus“ die Verlängerung der Welt in das Spiel hinein. Im zweiten Fall warnt man vor der Verlängerung des Spiels in die echte Welt, als wirke das Spiel auf den Spieler zurück, der dann mit seinen in der Game-Welt gemachten Erfahrungen Unsinn in der echten Welt anstellt. Beide Male geht es um das gleiche: Man zielt auf die Schnittstelle zwischen den zwei Welten, der Übergang zwischen spielendem Subjekt und gespieltem Spiel. Immerhin hat man verstanden, dass das Subjekt keine autonome und geschlossene Einheit ist, sondern dass es interagiert.

Also blicken wir auf den Entwurf des Subjektes: In den letzten Jahrzehnten hat man vermehrt darauf hingewiesen, dass das Subjekt nicht einfach so alleine für sich in der Welt herumsteht. Den alten Ansatz, dass ein autonomes Subjekt sich auf ein Objekt zu bewegt, die alte Begründung, die mit Descartes „Cogito, ergo sum“, „ich denke, also bin ich“, beginnt und von dort aus ein ganzes System begründet, ist vermehrt in Frage gestellt worden. Poststrukturalistische Theorien haben wieder und wieder gezeigt, dass die Setzung des Subjektes nur zusammen mit dem Objekt entstehen kann. Zuletzt hat der französische Theoretiker Bruno Latour in seinem Essay “Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie” dazu aufgerufen, die Subjekt-Objekt-Trennung durch eine Theorie der Hybride zu ersetzen. Hybride, Mischwesen mit menschlichen und nicht-menschlichen Anteilen, die von einer Untrennbarkeit so genannter Quasi-Subjekte und Quasi-Objekte ausgehen, untrennbar, weil sie sich gegenseitig Gewicht geben. Auch die amerikanische Wissenschaftstheoretikerin Donna Harraway hat mit ihrer Figur des “Cyborgs” für eine komplexere Konfusion zwischen Organismus und Maschine plädiert, die den bisherigen Entwurf der Beziehung von Mensch und Maschine als “Grenzkrieg” ablösen soll. Und all das ist sicher richtig.

Tatsächlich steht aber die postmoderne Theorie, deren Aufgabe es gewesen ist, die Trümmer des autonomen Subjektes umzudeuten, jene Trümmer, welche die Moderne noch als Verlust beklagte, vor einer neuen Aufgabe. Denn heute ist die Fragmentierung des Subjektes gesetzt. Wir sind alle flexibilisierte Subjekte. Wenn also eine vermeintliche Gefahr der Games beklagt wird, die meistens entweder vor einer vermeintlichen Spielsucht warnt oder sich gegen Gewalt in Games richtet, so handelt es sich bei beiden um eine alte Klage. Heute leben wir mit Parallelgesellschaften, wir arbeiten in parallelen Ökonomien, wir spielen in parallelen Welten. Es scheint also vielmehr so, als üben wir mit Games genau das, was unsere Gesellschaft braucht: Der heutige Kapitalismus ist mit der Globalisierung in seiner flexibilisierte Phase eingetreten.

Nach der Fabrik des Bourgois, die ein produktorientiertes Familienunternehmen gewesen ist und nach einem Effizienz-orientierten und von Managern geleiteten Konzernkapitalismus, in dem wir alle Angestellte gewesen sind, ist der Kapitalismus in einer neuen Stufe angekommen. Die französischen Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapallo haben das in der treffenden Studie Der neue Geist des Kapitalismus gezeigt (sollte man sich unbedingt besorgen!): Seit der New Economy kriegen wir flache Hierarchien und mehr Selbstbestimmung angeboten. Wir sollen lebenslang lernen. Aus der Arbeit ist ein Projekt geworden, an das sich das nächste reiht (wenn wir Glück haben). Wir landen also sozial schlecht versichert in einem flexibilisierten Kapitalismus der Projekte und die Beherrschung paralleler Welten gehört zur den Grundvoraussetzung, in dieser neuen Form überleben zu können.

Man muss sich also folgendes fragen: Gehört das Spielen von Games weniger zu einer Flucht aus der Realität, ist es nicht weniger der Versuch, einer normativen Welt zu entkommen, sondern kann man das Spielen in Parallelwelten nicht vielmehr als Übung sehen, um dem neuen Kapitalismus besser zu entsprechen zu können?

[to be continued...]

Superbowl vs. WM (Vom Singen)

Gestern dann noch kurz den Anfang des Superbowl geguckt. Beeindruckend. Schon sehr anders als hier: Wie sich da alles unter dem Dach einer Nationalhymne sammelt, die dann von einer drei-Personen-dicken Aretha Franklin gesungen wird, ach was sag ich, gesungen. Aretha Franklin, Aaron Neville und Dr. John waren so ergriffen, dass sie das Spielen der Hymne an den Rand des Hörbaren trieben, um auszudrücken, was für ein Moment das ist. Und alle, die Prolls, die Außenministerin, die muskelbepackten schwarzen und weißen Spieler, alle platzen fast vor Pathos. Was schön war. Während wir hier mit einer Sarah Connor Vorlieb nehmen müssen, die “Brüh im Glanze dieses Lichtes” singt. Jesus.

Gut, die USA, natürlich sind die größer und das ist eben ein anderes Konzept: Schwarze, Weiße, Reiche, Arme, alle beanspruchen für sich, vom Star Sparkled(äh nein) Star Spangled Banner repränsentiert zu sein – wenn, dann kämpft man eher für die Aneignung der Flagge als sie abzulehnen. Nach dem Motto: Hey ihr rechtskonservativen Deppen, wir Schwulen sind eben auch America, nehmt das! Während dagegen das Deutschsein historisch bedingt immer noch eine Angelegenheit des Staates ist, den die Bevölkerung nur bewohnt. Man teilt sich die Flagge nicht mit der Regierung, die gehört denen. Weshalb auch der Superbowl definitiv ergreifender gewesen ist, als die Fußballweltmeisterschaft wird. Leider.

Was mir ein Freund noch geschrieben hat: … Der rührendste Moment kam aber, als die Trophäe dem 73jährigen Besitzer der Steelers, Dan Rooney, übergeben wurde, der die Steelers seit den 70ern führt, nachdem ihm sein Vater die Geschicke des franchise übergeben hatte. Man kann ja vieles über den gesichtslosen Kapitalismus sagen, gerade auch im amerikanischen Sport, aber mir ist kein deutscher Fussballklub bekannt, der seit den 30ern durchgehend als Familienunternehmen geführt wird. Die Gegner, die Seahawks, gehören übrigens Paul Allen, dem Mitgründer von Microsoft. Wenn das alles kein Stoff für Legenden ist …

Stimmt wohl. War gut, gestern.

Dieses Wochenende: Transmediale

Nur ein kurzer Verweis: Seit gestern fährt die Transmediale in Berlin wieder ihr gesamtes Programm, das sich dieses Jahr sehr gut liest: Club, Ausstellung, Symposium, Get together. Beim Symposium sind etwa der niederländische Medientheoretiker Matthew Fuller dabei, der gerade ein wirklich interessantes Buch bei MIT Press herausgebracht hat und mal etwas frischen Wind in das Genre bringt. Oder Simon Critchley, dem kann man immer zuhören, der macht Theorie und versucht das dabei gut rüberzubringen. Mehr Information hier.. Wie die Ausstellung oder das Symposium dann wirklich ist, kann ich nicht sagen, weil ich schlapp zu hause bleiben muss. Vielleicht weiss das ja einer von Euch und berichtet das. Ansonsten: Schönes Wochenende.

Noch ein bisschen Bürgerlichkeit

Erstmal hinsetzen und skeptisch gucken, das ist nie verkehrt. Beispielsweise im guten Eintrag zum Bürgerlichkeitsthema auf Explorations, in dem sich mit Jan Engelmanns TAZ-Beitrag zerfleddernd genüßlich auseinandergesetzt wird. Was richtig ist. Denn erstens ist natürlich die Wahl nur eine Stilentscheidung unter vielen und den neuen Regeln dieser Entscheidung hinterherzuspüren, darum geht es doch in dieser Debatte. Es tut sich einiges – das muss begriffen werden.

Und zweitens: dass die Feuilletondebatte der Bürgerlichkeit “nur” aus dem “engen Millieu” der Beteiligten kommt, diesen Pseudovorwurf, den kann ich echt nicht mehr hören. Die richtige Antwort darauf: Die persönliche Befindlichkeit ist mir als Ausgangspunkt journalistischer Themen oder Ideen immer noch lieber als ein sich an Zielgruppen und Marktforschungen heranschwänzelndes Servicegedudel („das wollen die Leute lesen“), die muss hier in aller Breite wiederholt werden.

Überhaupt: Der Ihr-dreht-euch-doch-nur-um-Euch-selbst-IRRELEVANZ-Vorwurf. Der kam ja schon in der Poschardt-Debatte. Auch Bloggern erzählt man das gerne, das mit der Irrelevanz und dem engen Milieu. Woraus man schließen kann: Wenn der Kulturpessimismus in der Postmoderne der Spielverderber gewesen ist, dann ist das der Irrelevanz-Vorwurf in der Nischengesellschaft. Es ist also abzusehen, dass wir damit lernen müssen, beim Lesen zu leben. Dabei ist der Irrelevanz-Vorwurf fies heimgesucht vom Gedanken, der Journalismus hat die Aufgabe zur Repräsentation des Volkes und nicht zu dessen Anstoß. Deshalb ist diese Position auch aufklärungsfeindlich. Und vor allem auch elitenfeindlich. Und angsterfüllt und spießig. Das sowieso. Ach egal, nicht aufregen. Lieber das gute Bild angucken. Gefunden hier.
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