Im aktuellen Spiegel findet sich ein langer Artikel zur Einbürgerung von Ausländern, der deutlich zeigt, wie verpennt man hierzulande immer noch ist. Jan Fleischhauer und Marc Hujer schreiben anlässlich des Einbürgerungstests zu Themen wie Anpassung und Integration. Was ja gute Themen sind, aber sofort fällt dieser grauenvolle Satz:
“Ganze Stadtviertel in Deutschland sind deutsch nur noch dem Namen nach.”
Jungs, das kann man wirklich nicht mehr hören. Was wollen die Leute nur: Kreuzberg den Deutschen? Wieso stellen wir uns nur so an? Wo anders heißt das Chinatown und man freut sich darüber, hier soll dagegen alles homogen angepasst plattintegriert werden. Aber es geht noch weiter, und wie es weitergeht, ist symptomatisch:
“… die Zeit naiver Multi-Kulti-Hoffnungen geht zu Ende. Noch sind die Politiker uneins, wie viel Anpassung man verlangen kann, wie deutsch einer sein sollte, der Deutscher werden will.”
“Tatsächlich ist die Frage, was man von Leuten erwarten kann, die sich auf Dauer in Deutschland eingerichtet haben, nicht unerheblich für ein gedeihliches Zusammenleben.”
Das gedeihliche Zusammenleben sieht nach wie vor so aus: Immer etwas von den anderen erwarten, selber dafür nichts in Kauf nehmen. Denn es sind ja “Leute”, die es sich in Deutschland “eingerichtet haben”. Was ist das bitte für eine Sprache? Hier wird suggeriert, es sei für Ausländer in Deutschland fantastisch. Hier kann man es sich einrichten wie die Made im Speck. Leider ist das eine komplette Fehlannahme und wenn das nicht bald mehr Leute bemerken, dann stehen wir vor einem Desaster.
Schlagen wir uns mal ein paar Zahlen um die Ohren, man muss ja wissen, wovon man spricht. 6,7 Millionen Ausländer leben in Deutschland, das bekanntlich 82 Millionen Einwohner hat. Aber nur 400 000 wollten in den letzten drei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft. Hier will überhaupt keiner hin! So sieht das nämlich aus. Wir haben im Jahr mickerige 130 000 Einbürgerungen (und mal zum Vergleich: geboren werden im Jahr 680 000 Kinder). So werden wir nie ein Einwanderungsland. Genau das wird aber wohl notwendig sein, denn sonst sind wir bald leer. Ausgestorben. Hat uns Frank Schirrmacher beigebracht und ich befürchte, er hat recht.
Wir müssen also schleunigst umdenken, denn wir werden, wenn wir hier alles am Laufen halten wollen, einfach mehr Menschen brauchen. Mehr Ausländer. Und im Moment sieht es so aus: Natürlich wollen Menschen nach Deutschland, das heißt aber nicht unbedingt, dass sie auch Deutsche werden wollen. Warum? Dafür gibt es zwei Gründe.
1. Weil wir ihnen keine Perspektive bieten, weil sie nicht aufgenommen und integriert werden, sondern einem ständigem Beweiszwang unterliegen. Anstelle verschiedene Kulturen als Bereicherung zu verstehen, konfrontiert man sie mit einem dauerhaften Gesinnungsterror. Andauernd müssen sie beweisen, gute Deutsche zu sein. Deshalb will im Moment will keiner eingebürgert werden – Alexandros Stefanidis hat diesen Umstand vor ein paar Wochen im SZ-Magazin beschrieben, er hat beschrieben, warum er lieber Grieche bleibt, anstatt Deutscher zu werden, obwohl er hier lebt.
2. Wir produzieren uns das Ausländerproblem hübsch selbst. Wir isolieren sie. Wir wollen ihnen keine guten Arbeitsplätze geben. Sie sollen die doofen Arbeiten tun, die wir nicht tun wollen. Wir behandeln sie wie bessere Sklaven und dann wundern wir uns, wenn sie sich nicht brav integrieren, sondern Kleinkriminelle bleiben. Sie können in der Gesellschaft nicht ankommen, weil wir sie nicht ankommen lassen. Jeder Mittelschichtsausländer wird als ein Vorzeigesonderfall behandelt, was ja immer noch markiert, dass der Mittelschichtsausländer die Ausnahme ist. Na da würde ich als Ausländer aber auch sagen: Deutsch, nein Danke!
Auch auffallend: Dass in der Diskussion um den Einbürgerungstest ständig Fälle hochgehalten werden, bei denen Ausländer an “Ehrenmorden” (was ein Unwort!) beteiligt sind. Auch in der Spiegelstory. Und damit wird vom Spiegel suggeriert, dass sich die schlimmen Ausländer in der wehrlosen Demokratie “einrichten”. Das ist symptomatisch für die Haltung der Deutschen. Es ist, wenn man es sich genau überlegt, demokratiefeindlich und (eh klar) rassistisch. Ausländer, der Eindringling. Dabei sind 130 000 Einbürgerungen ein Witz. Deshalb muss man dringend umdenken, sonst kommt nämlich keiner. Der Plan sollte eher lauten: Seid nett zu euren Ausländern. Sie sind ein wichtiger Teil unseres Lebens und Landes (… von mir aus).
Und was ich wohl gar nicht sagen darf, streite ich mich eh schon jeden Abend darüber: Deshalb bin ich nämlich für den Einbürgerungstest. Denn der macht aus dem täglichen Gesinnungsterror einen formalen Akt – wie in der USA. Außerdem sind diese Fragen auch nichts anderes als Dinge, die wir alle in der Schule gelernt haben und dieser Caspar David Friedrich Unsinn, den hat man ja schnell drauf, oder etwa nicht? Lieber ein paar Tage lernen und den dauerhaften Gesinnungsterror einstellen. Das wäre wichtig.