Monthly Archive for March, 2006

Watch this! (Filme im Netz)

Jetzt immer öfter: Gute kleine Filmbeiträge im Netz. Das munkelte man ja schon lange. Eigentlich hieß es damals, dass der Kurzfilm mit dem Netz ein ganz neues Revival bekommen kann. Nun, das ist vielleicht so. Wichtiger jedoch: Es bilden sich vielmehr spannende neue Formate heraus, die meist weit näher am Fernsehen sind als dass sie sich am Film orientieren. Meine Lieblingsbeiträge sind derzeit Toni Mahoni, von Spreeblick entdeckt – vor allem die Folge über Die große Freiheit ist nach wie vor ungeschlagen. Da findet man doch gleich: Toni Mahoni könnte mit seinen kleinen 5 Minuten-Beiträgen der nächste Christian Ulmen werden. Oder das amerikanische Ask A Ninja, auch ziemlich gut.

Dass das mit dem direkten Angucken von Filmen im Netz in den letzten Monaten so nach vorne gegangen ist, das liegt auch an YouTube.com. Eine Community-Site, nur nicht wie MySpace für Musik, sondern für Film. Das heisst, man kann sich registrieren und dann seinen Filmcontent hochladen. Wieder mal wird das Netz einfacher, denn man kann den Film von dort aus problemlos in seine Website integrieren und reduziert zugleich den eigenen Traffic. Natürlich gibt es schon erste Urheberrechtsstreitigkeiten, und zwar mit NBC, die irgendwelche Saturday Night-Ausschnitte auf Youtube gespottet haben. Wie sollte es anders sein.

Schnurstracks sind auch gleich verschiedene Genre entstanden. Aus Karaoke wird beispielsweise Videokaraoke, Es gibt einen Google-Idol-Wettbewerb und hier ganz weit vorne sind die beiden kleinen Holländerinnen Pomme & Kelly. Leider ist von denen – und die sind wirklich gut – nur noch das Aretha Franklin Video online. Schuld daran ist mal wieder unser guter Freund, die Musikindustrie. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man ihr Blog liest. Da wurde mal wieder kräftig Gema-eintreibendes-Abmahn-Unwesen getrieben. Wiedermal zeigt sich, wie Urheberrecht Kreativität nicht nur schützt, sondern auch behindert – die nächste Folge. Deshalb: Schnell noch angucken, solange es noch da ist. Ach und hat jemand weitere Filmtipps?

DEBUG feiert – come along!

Auch wenn die 101. Ausgabe ab morgen am Kiosk zu haben ist: DEBUG – das Magazin für elektronische Lebensaspekte, dem ich wohlwollend verbunden bin, feiert das 100. Heft. Und damit ich da nicht ganz alleine herumstehe, dachte ich, kündige ich das hier an und dann hat der ein oder andere vielleicht auch Lust, vorbei zu kommen. Morgen, Freitag, 31. März, im Berliner Club 103. Ich glaube ab 23.30 machen die Tore da auf. Hier nochmal das Line-Up.

DEBUG präsentiert: 100 Ausgaben und DELSIN am Fr, 31.03. im 103 Club ab 23.30 Uhr

Aardvarck – live+dj (Rushhour/Delsin, A’dam)
Newworldaquarium (Delsin/NWAQ, A’dam)
Peel Seamus (Delsin, A’dam)

und die DEBUG Crew:

Sven.VT (De:Bug/WMF, Berlin)
Bleed (De:Bug, Berlin)
Andreas Sachwitz & Daniel Wetzel (De:Bug/WMF, Berlin)
Thaddeus Herrmann (De:Bug/City Centre Offices, Berlin)
Kazi Lenker (De:Bug, Berlin)

Visuals: Flora & Fauna Visions (Berlin)

103 Club, Falckensteinstr. 47 in 109997 Berlin Kreuzberg
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Die Umgebung auf Trapp bringen

Heute: Was man tun kann, wenn der Samstag mal nicht so gut läuft? Musik anknipsen. Zum Beispiel.

Mathieu Boogaerts – Une bonne nouvelle
Um zu versuchen, wenigstens oberflächlich die Atmosphäre positiv aufzuladen.

Metric – Calculation Theme
Um melancholisch seine Depression stilvoll sweet zu pflegen.

Prince – Satisfied
Um von Sex zu träumen, falls man mal keinen hat.
[Vgl. dazu auch *Laut lachend*: Dietmar Dath: Fummle weiter, vollreifer Verführer!, F.A.Z., 28.03.2006, Nr. 74 / Seite 38]

Broken Social Scene – It’s all gonna break
Um es vorher schon besser zu wissen.

Sufjan Stevens – Chicago
Um sich nicht ganz alleine lost und loosing zu fühlen, sondern einen liebenswert netten Typen neben sich zu haben, dem es genauso geht. (Nämlich den auf dem Foto.) (Dessen Album “Illinois” eh umgehend anhören, wenn man Folk mag. Dann ist jedes Stück ist eine Überraschung. Ach und Achtung: Christ! Oder Ironie?)

Roll Deep – Bus Stop
Um dann zum Schluss den ganzen Unsinn hinter sich zu lassen, was soll das auch mit dem Jammern immer. Einfach finden, man hätte das Gute, ach Quatsch, nur das Beste verdient. Ist ja so. Wir sind ja alle tapfer. Außerdem ist Samstag. Eben.

Trapp.

Wahlpflicht

Warum eigentlich nicht. Eignungstest für die Neuen, Wahlpflicht für die, die schon drinnen sitzen. Hat Belgien beispielsweise. Außerdem eine nette aporetische Figur: Die Wahl haben zu müssen.

Kinder? Es reicht! (Modell Berlin)

Man kann es langsam wirklich nicht mehr sehen: Das Thema, dass wir alle keine Kinder kriegen, ist durch. Das ist ja schon keine Debatte mehr, eher Diskurspropaganda. Dabei hat Johanna Adorjan eigentlich letzten Sonntag in der FAS abschließend alles zusammenfassend gesagt, was zu sagen war (finde leider den Artikel gerade nicht im Netz. Hat jemand den Link?). Worauf sie unter anderem auch hingewiesen hat: Die Debatte wird schon wieder tendenziell den Frauen angelastet. Also setzt bitte nicht drei erfolgreiche Enddreißiger Frauen ins Fernsehen und fragt sie, warum sie keine Kinder bekommen. Kinder alleine bekommen, das ist eh keine gute Idee. Kann man machen, ist aber tendenziell zu anstrengend, auch für das Kind.

Ansonsten raten wir allen, die wissen wollen, wie es geht: Leute, schaut nach Berlin! Bei uns hier, im deutschen Ausland quasi, denn das ist Berlin ja, da läuft alles fantastisch. Junge Leute kriegen Kinder, man wird von Kinderwägen geradezu überfahren. Man kann die Kleinen schnurtstracks in die Kita geben, das tut Eltern wie Kindern gleichermaßen gut. Es gibt erschwingliche Wohnungen, alle anderen krebsen auch mit irgendwelchen Projekten herum, die man dazwischen schiebt, als zwangsteilzeitarbeitende Eltern fällt man quasi weder auf, noch aus dem Leben heraus (jaja, das Urbane Pennertum hat auch seine Vorteile!). Wenn der Rest von Deutschland also jetzt einfach diese Berliner Strukturen immitiert und allen Kindergartenplätze zur Verfügung stellt, dann klappt das vielleicht auch in Rest-Deutschland besser mit den Kindern. Außer konkreten Maßnahmen wollen wir sowieso nichts mehr hören. Vielleicht höchstens das: Habt Sex! Das wäre doch schon mal ein guter Anfang, oder?

Jetzt aufregen! Wer ist Deutschland?

Im aktuellen Spiegel findet sich ein langer Artikel zur Einbürgerung von Ausländern, der deutlich zeigt, wie verpennt man hierzulande immer noch ist. Jan Fleischhauer und Marc Hujer schreiben anlässlich des Einbürgerungstests zu Themen wie Anpassung und Integration. Was ja gute Themen sind, aber sofort fällt dieser grauenvolle Satz:

“Ganze Stadtviertel in Deutschland sind deutsch nur noch dem Namen nach.”

Jungs, das kann man wirklich nicht mehr hören. Was wollen die Leute nur: Kreuzberg den Deutschen? Wieso stellen wir uns nur so an? Wo anders heißt das Chinatown und man freut sich darüber, hier soll dagegen alles homogen angepasst plattintegriert werden. Aber es geht noch weiter, und wie es weitergeht, ist symptomatisch:

“… die Zeit naiver Multi-Kulti-Hoffnungen geht zu Ende. Noch sind die Politiker uneins, wie viel Anpassung man verlangen kann, wie deutsch einer sein sollte, der Deutscher werden will.”
“Tatsächlich ist die Frage, was man von Leuten erwarten kann, die sich auf Dauer in Deutschland eingerichtet haben, nicht unerheblich für ein gedeihliches Zusammenleben.”

Das gedeihliche Zusammenleben sieht nach wie vor so aus: Immer etwas von den anderen erwarten, selber dafür nichts in Kauf nehmen. Denn es sind ja “Leute”, die es sich in Deutschland “eingerichtet haben”. Was ist das bitte für eine Sprache? Hier wird suggeriert, es sei für Ausländer in Deutschland fantastisch. Hier kann man es sich einrichten wie die Made im Speck. Leider ist das eine komplette Fehlannahme und wenn das nicht bald mehr Leute bemerken, dann stehen wir vor einem Desaster.

Schlagen wir uns mal ein paar Zahlen um die Ohren, man muss ja wissen, wovon man spricht. 6,7 Millionen Ausländer leben in Deutschland, das bekanntlich 82 Millionen Einwohner hat. Aber nur 400 000 wollten in den letzten drei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft. Hier will überhaupt keiner hin! So sieht das nämlich aus. Wir haben im Jahr mickerige 130 000 Einbürgerungen (und mal zum Vergleich: geboren werden im Jahr 680 000 Kinder). So werden wir nie ein Einwanderungsland. Genau das wird aber wohl notwendig sein, denn sonst sind wir bald leer. Ausgestorben. Hat uns Frank Schirrmacher beigebracht und ich befürchte, er hat recht.

Wir müssen also schleunigst umdenken, denn wir werden, wenn wir hier alles am Laufen halten wollen, einfach mehr Menschen brauchen. Mehr Ausländer. Und im Moment sieht es so aus: Natürlich wollen Menschen nach Deutschland, das heißt aber nicht unbedingt, dass sie auch Deutsche werden wollen. Warum? Dafür gibt es zwei Gründe.
1. Weil wir ihnen keine Perspektive bieten, weil sie nicht aufgenommen und integriert werden, sondern einem ständigem Beweiszwang unterliegen. Anstelle verschiedene Kulturen als Bereicherung zu verstehen, konfrontiert man sie mit einem dauerhaften Gesinnungsterror. Andauernd müssen sie beweisen, gute Deutsche zu sein. Deshalb will im Moment will keiner eingebürgert werden – Alexandros Stefanidis hat diesen Umstand vor ein paar Wochen im SZ-Magazin beschrieben, er hat beschrieben, warum er lieber Grieche bleibt, anstatt Deutscher zu werden, obwohl er hier lebt.
2. Wir produzieren uns das Ausländerproblem hübsch selbst. Wir isolieren sie. Wir wollen ihnen keine guten Arbeitsplätze geben. Sie sollen die doofen Arbeiten tun, die wir nicht tun wollen. Wir behandeln sie wie bessere Sklaven und dann wundern wir uns, wenn sie sich nicht brav integrieren, sondern Kleinkriminelle bleiben. Sie können in der Gesellschaft nicht ankommen, weil wir sie nicht ankommen lassen. Jeder Mittelschichtsausländer wird als ein Vorzeigesonderfall behandelt, was ja immer noch markiert, dass der Mittelschichtsausländer die Ausnahme ist. Na da würde ich als Ausländer aber auch sagen: Deutsch, nein Danke!

Auch auffallend: Dass in der Diskussion um den Einbürgerungstest ständig Fälle hochgehalten werden, bei denen Ausländer an “Ehrenmorden” (was ein Unwort!) beteiligt sind. Auch in der Spiegelstory. Und damit wird vom Spiegel suggeriert, dass sich die schlimmen Ausländer in der wehrlosen Demokratie “einrichten”. Das ist symptomatisch für die Haltung der Deutschen. Es ist, wenn man es sich genau überlegt, demokratiefeindlich und (eh klar) rassistisch. Ausländer, der Eindringling. Dabei sind 130 000 Einbürgerungen ein Witz. Deshalb muss man dringend umdenken, sonst kommt nämlich keiner. Der Plan sollte eher lauten: Seid nett zu euren Ausländern. Sie sind ein wichtiger Teil unseres Lebens und Landes (… von mir aus).

Und was ich wohl gar nicht sagen darf, streite ich mich eh schon jeden Abend darüber: Deshalb bin ich nämlich für den Einbürgerungstest. Denn der macht aus dem täglichen Gesinnungsterror einen formalen Akt – wie in der USA. Außerdem sind diese Fragen auch nichts anderes als Dinge, die wir alle in der Schule gelernt haben und dieser Caspar David Friedrich Unsinn, den hat man ja schnell drauf, oder etwa nicht? Lieber ein paar Tage lernen und den dauerhaften Gesinnungsterror einstellen. Das wäre wichtig.

Mal sehen, was London macht

Bis später. Blogwart geht sich umgucken. – Erstmal Tee und indisches Essen im Tayyabs. Falls jemand noch einen besonderen Tipp hat, feel welcome to post it.

Nachschieben 2.0 (Blogs & Musikjournalismus)

Und da wir schon am Nachschieben sind: Alle anderen Blogs wie Spreeblick oder Popnutten haben schon darauf hingewiesen, Tobias Rapp hat in der TAZ vor wenigen Tagen einen sehr lesenswerten Artikel zu Musik, Journalismus und Blogs geschrieben. Ahoi Jefferson!

“Hier kündigt sich kein neues Goldenes Zeitalter des Musikjournalismus an, es ist längst da. Mit allem, was dazugehört: Hypes um mittelmäßige Bands, endlose Texte, die alles mit allem verbinden, um der eigenen Begeisterung Ausdruck zu verleihen, erbitterte Grabenkämpfe um nichts, Erster sein. Und der Glaube, man könnte die Energie dieser Explosion irgendwie in die etablierten Medien übertragen, ist eine Illusion. Bestimmt wird dieser Wildwuchs irgendwann Institutionen herausbilden. Gerade seine Unprofessionalität, seine Bereitschaft zum Irrtum und zur wilden Spekulation zeichnen ihn aus, das handwerklich Fragwürdige, der Antijournalismus.”

Jo.

Spät nachdenken, doch etwas finden (The Strokes)

Jetzt mal was nachschieben. Nämlich: Über Rockpop nachdenken. Der hat es ja immer schwierig, weil man ihm vorwirft, dass das alles schon mal dagewesen. Ist ja auch tatsächlich ein seltsames Problem, denn es will ja keiner sagen: “Ich habe ‘ne Band und – hey, weisste was? – wir klingen wie meine Eltern!” Was auch noch stimmt. Aber eben nicht der Punkt ist. Wie hat KiWi-Verleger Helge Malchow gerade so treffend geschrieben: “die nie ganz neue, nie ganz alte Rockmusik”. Eben. Auch nie ganz alt, darauf kommt es an. Und dazwischen geht es darum, ob gekonnt einer dieser wunderbaren Popmomente aufgemacht wird, der einen durch den Tag trägt. Und der muss nicht tief, fest, oder schwer sein. Oder was ganz Neues. Seicht ist da oft besser. Man muss vor allem mit dem Segeln können, das ist es. Deshalb macht das mit der Wiederholung auch nicht so viel, im Gegenteil.

Trotzdem bleibt das natürlich ein Problem. Man muss da irgendwie raus. Irgendwas muss anders sein. Und die Versuche, da zu entkommen, sind vielleicht das Interessanteste am dritten Strokes-Album. Das – und ich bin ja Strokes-Fan, im Ernst – leider kein besonders gutes Album ist. Andauernd klingen die Dinge “so wie”, anstelle “aber doch anders als”. Sicher, paar Songs sind okay. Mit “You only live once” kann man durchaus einen Tag anfangen. Und “Juicebox” ist gut, “Razorblade” besser. Allgemein aber sucht die Musik hilflos nach Formen, anstelle Bestehendes zu verschieben. Aber trotzdem, trotzdem hat das Album etwas ganz Interessantes. Und deshalb muss ich nochmal kurz darüber schreiben, auch wenn alle über die Arctic Monkeys sprechen.

Da ist erstmal die Penetranz, mit der hier eine in die Enge der Erwartungen getriebene immer noch sehr junge Jungsband ihre Ratlosigkeit ausstellt. Diese Geste durchzieht ja die gesamten Texte der Platte, wird aber getoppt mit dem Satz “I’ve got nothing to say”, der acht Mal hintereinander im Refrain von “Ask me anything” wiederholt wird. Und man denkt sich einerseits: Ach, dann halt doch die Klappe, Julian Casablancas; merkt aber im gleichen Augenblick, dass da was auf den Punkt gebracht wird und mit einer unverfrorenen Transparenz raus in die Welt gestellt wird – und das schon wieder etwas hat.

Zum anderen gibt es ein paar konzeptuelle Momente, die sitzen. Etwa das Geplänkel in einem Radiosender am Anfang und am Ende von “Ask me anything”. Oder das ruckartige Abbrechen mitten im dichten Höhepunkt von “Ize of The World”. Klar spielt das darauf an, dass die Platte mit Titel “First Impressions of Earth” eben ein Blick von außen auf die Signale der Welt sein soll, zugleich hat das aber etwas richtig schön digital reflektiertes, als ob die Songs schon vorweg kopiert, runtergeladen und dabei abgeschnitten worden wären. Beste moderne Momente.
Auch “Red Lights” als Popsong ohne merkbare Melodie, bei dem andauernd alle einzelnen Bestandteile auseinanderfallen: Weit vorne. Aber ja gut: Trotzdem gelingt es der Platte nie wie den anderen beiden, wirklich zu entkommen, darauf muss man sich einstellen. Dann aber kann man schon was finden. Und das ist doch: Immerhin.
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Italien!

2:1, na also, das war doch großartig! Nach den Toren von Podolski und Frings müssen die besserwissenden Kritiker von Klinsmann endlich verstummen. Die nächsten Monate werden richtig gut. WM, wir kommen.

Die Mutter, das Problem (Bürgerkrieg?)

“Ich meine nicht, dass die Väter nichts machen sollen. Aber wir erreichen die Vereinbarkeit von Beruf und Kind nicht, indem wir uns noch weitere 50 Jahre darum streiten, wer die Kinder wickelt. Das hat uns im Verhältnis zum übrigen Europa bereits mindestens um 30 Jahre zurückgeworfen. Wir kommen nur durch aushäusige Kinderbetreuung und nicht durch Umverteilung innerhalb des Paares weiter. Man kann nicht ohne Hilfe zu zweit Kinder erziehen und gleichzeitig im Beruf konkurrenzfähig bleiben. Eltern und Kinderlose würden in zwei gesellschaftliche Gruppen zerfallen; das würde bürgerkriegsähnliche Zustände annehmen.”

Dieses Statement und andere Antworten kann man in einem ganz guten Interview lesen, das Claudia Wahjudi und Heike Gläser mit der Romanistin und Professorin Barbara Vinken zum Thema “Die deutsche Mutter” geführt haben. Darin erklärt sie unter anderem die spezielle Problematik von Kindern und Deutschland (Rückzug des Staates aus der Erziehung nach dem Dritten Reich) und zeigt Alternativen auf, beispielsweise, dass die Mutterrolle in Frankreich nicht bedeutet, seinen Beruf in Frage zu stellen. Außerdem eben: Dass es keinen Sinn macht, mit dem Schwert der Demographie zu drohen. Denn dass macht die Situation, Kinder bekommen zu wollen, auch nicht attraktiv. Die Einstellung, Kinder und Beruf nicht zu vereinbahren zu können, muss eben weg. Und dafür müssen eben auch andere Strukturen her. Hier ist der ganze Text zu lesen (Zitty wieder, ist aber gut).


Frau Vinken.

Go to the Opera! Rette Orest!

Gestern mal wieder in der Oper gewesen. Oper ist ja immer gut, weil per se irgendwie grund-irre. Die ganze Zeit laut und unverstärkt herumsingen, das ist eindeutig eine antiquierte Form. Noch dazu immer die Nummer mit den ganz heftigen Gefühlen, weil es sonst ja keinen Grund gibt, so laut zu werden. Strukturell liegen einem schon so viele Steine im Weg, so dass man gar nicht zeitgenössisch werden kann. Der Gang in die Oper ist also wie der Besuch eines Alten Museums. Hat was.
Dieses Mal: Orest von Händel. Die hat er 1734 aus neun anderen Opern zusammengeschustert, heißt er hat die beliebtesten Arien – Cut, Copy & Paste – noch einmal in einem neuen Gefüge zusammengeworfen. Was schon etwas anstrengend ist, man fühlt sich wie in einer Best-of-Hitparade der Da Capo-Arie und ist schon heilfroh, wenn sich die Sänger am Schluss mal in ein Duett oder einer mehrstimmigen Passage zusammenfinden dürfen.

Inszeniert hat das Stück Sebastian Baumgarten, der die Opernszene etwas aufmischt und deshalb gerne mal von erschreckten Bildungsbürgern, die etwas bewahren wollen, ausgebuht wird. Gestern auch – Licht aus, Applaus brandet auf und sofort geht um uns herum ein “Bravo! vs. Buuuuh!”-Kulturkampf los. Wir waren überrascht. Seltsam, dachten wir, diese Bürger. Ärgern tun die sich, weil bei Baumgarten immer zeitgenössische Verweise auftauchen und er in seinen eklektische Inszenierungen gerne etwas postmoderne Ansätze fährt. Die Verweise aus Händel heraus warenaber notwendig (wer die etwas maue Orest-Oper kennt, weiss das), im Allgemeinen gut gemacht, manchmal vielleicht etwas zu eindeutig und platt. Man präsentierte uns ein Agamben-Text im Theater, schon wieder, wei mein guter Bekannter Aram danach stöhnte, das ginge wohl gar nicht mehr ohne. Beschluss des Abends: Agamben im Theater ab sofort verboten.

Aber egal, die wirklich großartigen Videoprojektionen von Stefan Bischoff haben es wieder herausgerissen. Nein, keine Ironie – bei Orest kann man sehen, dass der Videobeamer auf der Bühne präzise eingesetzt wirklich Sinn machen kann. Was auch dem beeindruckenden Bühnenbild von Robert und Ronald Lippok zu verdanken ist. Trotz minimaler Ästhetik haben die zugleich alles grundlegend verändert, das Orchester von Thomas Hengelbrock auf die Bühne gestellt und das Operngeschehen näher an die Zuschauer gerückt, was zugleich entspannt unaufgeregt rüberkommt. Allgemein ist das Setting eher minimal gehalten und man sieht da gerne hin. Und die Kostüme von Valerie von Stillfried haben mit ihrem Bezug zur zeitgenössischen Mode das perfekt abgerundet. Und die sehr guten Opernsänger sind auch noch hervorragende Schauspieler und in ihren Rollen perfekt besetzt. Und das hat man in der Oper ja auch nicht so oft. Hat Spass gemacht, der Abend.

Hingehen. Berlin, Komische Oper, 5. | 8. | 17. | 17. | 19. | 31. März 2006