Monthly Archive for April, 2006

Jetzt aber: Ganz neu

Und wirklich gut: Jose Gonzales mit Veneer. Lang lebe die Bedroomproduction. Kommt gerade dieser Tage raus und wurde mir schon lange von Robert Lippok vorgeschwärmt. Und The Knife spielt auch auf einem Stück mit.

Wird Musik eigentlich alt?

Musik habe ich ja allerhand verpasst in letzter Zeit, sie zumindest aber zu spät entdeckt. Aber da einem nie jemand was sagt, da nie jemand darauf besteht, hey hier, musst du hören, da schreibe ich mal zusammen, was mir so aufgefallen ist. (Für alle, die auf aktuelles aus sind, bitte umgehend weg klicken. Geht woanders hin! Los! Ihr dürft auch wiederkommen, denn das kommt die Tage.)


Verpasst 1: Vor ein paar Tagen zum Beispiel war das Konzert in der Neuen Nationalgallerie von Dictaphone, die ich ja wirklich gut finde (war jemand da?). Dictaphone machen eher ruhigere elektronische Musik, aber weil das Genre so verschrieen ist (tot sagt man), möchte man es lieber nicht Elektronika nennen. Filmisch irgendwie. Was man dabei findet: Gerade noch harmonische Elemente, die dennoch nie anstrengend werden, leerer Klang und abstrakte Romantik hat Jan das in seinem debug-Review genannt. Aber es stimmt und noch besser: Oliver Doerell und Saxophonist Roger Doring können es. Hören kann man das auf deren neuen Album “Vertigo II”, das auf City Centre Offices erschienen ist. Und übrigens: Wer es gerne etwas leichter und floating mag, der sollte auf demselben Label in neue I’m not a Gun von John Tejada und Takeshi Nishimoto reinhören. Sehr nett, wenn mir persönlich dann doch zu wenig Gun. Dictaphone sind im Mai übrigens auf Tour, nicht verpassen!


Sehr verpasst, aber erwähnt werden muss es: Die alte Richard Davis, peinlich, schon fast ein Jahr auf Kitty Yo draußen (Juni 2005) und ich höre sie erst jetzt. Dabei fand ich die erste schon beeindruckend. Und diese hier steht der ersten in nichts nach, ein wundervolles Album, in dem Pop und House aufeinandertreffen, dabei ruhig, unaufdringlich, sicher gesetzt und irgendwie wundervoll. Wirklich. (Gottseidank ist das hier’n Blog und ich muss mich nicht nach dem journalistischen Diktat der Aktualität richten.)


Dann immerhin nur ein halbes Jahr verpasst: Puppetmastaz. Dabei ist “Creature Shock Radio” auf Louisville Records definitiv richtig guter Hiphop. Internationales Niveau. Mitreißend. Unbedingt reinhzören. Und schließlich noch (kurze Erwähnung) sehr nett gewesen auch: Die Richard Hawley, das ist der von Pulp, der auf “Coles Corner” mit gekonnt getragenem Sinatra-Verschnitt ankommt. Schön, durchaus. Dann auch die Clap Your Hands Say Yeah (auch zu spät, die kam im Januar), zumindest, wenn man Talking Heads mag (und Talking Heads waren natürlich ganz groß, klar). Dagegen: Die neue Streets ist es irgendwie nicht so. Dann lieber alte Musik. Wird Musik eigentlich alt? – Ja, sicher. Aber nicht so schnell eben. Gottseidank.

Was mir selber gerade auffällt, hier sind gar keine Mädchen dabei. Aber egal, auf Was weiß ich sind ja gerade alle in Emily Haines verknallt. Ich auch. Es gibt also welche. Und coole! Und vor allem spielen sie (Metric mit Emily Haines) am 15. Mai im Magnet in Berlin. Hingehen. Also egal. Wichtiger: Was für gute Musik gibt es eigentlich jetzt? Aktuell?
Jetzt noch mal Emily Haines. Hätte ich gerne in klein, die Person, fürs Regal. Würde ich dann immer mal wieder begeistert hingucken.


 
 
 
 
 
 
 
 

Okay, ich beichte. (Soziale Überwachung)

Ja, es stimmt. Ich bin heimlich weggefahren, ohne meinem Blog etwas zu sagen. Nach Italien. In diesem endlosen deutschen Winter, der jetzt gerade erst zaghaft sich trollt, da hält es ja keiner aus. Und: Ich hätte durchaus noch länger bleiben können, um in der Sonne herumzuliegen, lesen und zu zunehmen. Wobei mir B. beigebracht hat: Dass Italien wirklich so ein unglaubliches Essen hat, ist nicht ganz richtig. Natürlich gibt es wunderbare Plätze, Märkte und Cafes, aber die allgemeine toskanische Küche ist einfach. Einfach, aber genießbar. Und da hat sie der deutschen ja dann doch wieder etwas voraus. (Nein, jetzt nicht meckern, das wäre billig.)

Der Umstand, das dem Blog nicht zu sagen und damit auch nicht meinem Umfeld, ist schon seltsam. Denn das ist es ja schon: Eine neue Form von sozialer Überwachung. Die sehe ich eh auf uns zukommen. Mal andenken: Wenn Kate Moss beim Koks-nehmen per Mobiltelefon fotografiert wird, dann ist das kein Problem, das mit der Publicity einer reichen bekannten Person zu tun hat. Das auch. Es ist vor allem aber ein Paradigmen-Wechsel. Denn Mobiltelefon mit Kamera und das Internet, die bilden eine Kombination, mit der das Private ins Öffentliche getrieben werden kann und damit kurzerhand etwa Erpressung demnächst auf uns alle zukommt.

Bei der Weihnachtsfeier mal den falschen Mann geknutscht, in der Schule als Lehrer auf der Abschlussfeier doch mal der Schülerin zu nahe gekommen, früher war das ein Ausrutscher und man konnte hoffen, es hat keiner gemerkt oder es haben alle schnell wieder vergessen. Heute wird das schnurstracks aufgezeichnet, und dann muss man auch keine Ehefrau mehr kontaktieren, dann lässt man einfach durchblicken, was man will und deutet an, dass man sonst den Fehltritt im Internet öffentlich macht. Also: Was heute Kate Moss passiert kommt morgen auf uns alle zu. Oder wie seht ihr das? (Sollte man vielleicht mal was zu machen… )

Klänge in Berlin, Massenmörder in Leicester und Archive in Bielefeld

Nach dem Osterurlaub erstmal ein wenig Wissenschaft: In Berlin findet ab heute ein ganz interessanter Kongress rund um das Thema “Klang” statt. Unter anderen nimmt Kodwo Eshun teil, von dem hatte man ja auch schon lange nichts mehr gehört. In der Tat kam neulich erst wieder eines Abends die Frage auf: Was macht eigentlich Kodwo Eshun, der best-angezogenste Engländer, den wir kennen? Keiner wusste etwas. Jetzt kann man ihn ganz einfach fragen, bevor oder nachdem er gut angezogen zu folgendem Thema geredet hat: “The Great Unlearning: the Legacies and Potentials of Cornelius Cardew and the The Scrach Orchestra”. Na das ist doch was für alle Klangspezialisten.

Auch interessant: Mobiles Hören. Der englische Kulturwissenschaftler Michael Bull aus Sussex macht sich auf selbigem Kongress Gedanken über die “Cultures of Mobile Listening from the Walkman to the Apple iPod”. Veranstaltet wird das ganze vom neuen Masterstudiengang Sound Studies der UdK Berlin in Kooperation mit der FU, genauer dem Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen und dem Interdisziplinäres Zentrum für Historische Anthropologie. Weshalb das Ganze wohl auch am Ende der Welt stattfindet, im Clubhaus in Grunewald nämlich. Wer da noch nicht war, kann sich zusätzlich zum guten Programm von Wald und Villen beeindrucken lassen.

Ansonsten ist meine favorisierte Konferenz des Monats diese hier: How Do Ordinary People Become Mass Murderers? an der englischen Universität von Leicester. Ach, ich bin ja durchaus fasziniert von diesem Genre. Und: Das klingt natürlich einfach toll, auch die andere Frage: Becoming Evil. How Ordinary People Commit Genocide and Mass Killing. Klar aber auch: Das ist natürlich gar nicht lustig gemeint.

In BIELEFELD gibt es übrigens auch eine Konferenz, und zwar von “meinem” Graduiertenkolleg. Am Freitag, den 28. April und am Samstag, dem 29. April sitzen wir dort zum Thema: Zur Geschichte und Historiographie von Archiven. Kommt vorbei! Ich kann das genaue Programm ja nochmal posten, im Moment verschiebt sich da gerade wohl noch etwas.

Erstaunt.

In der Nachmittagssonne in einem Cafe sitzt ein Typ mit wuscheligen schwarzen Haaren und Hitlerbart, ja genau, Hitlerbart. Er ist Typus netter urbaner Penner und hat keinen Voll- sondern einen Hitlerbart und man geht vorbei, geht in den Hauseingang, macht den Briefkasten auf, will in den Innenhof laufen, hoch zur Wohnung, stoppt dann und denkt sich plötzlich: Moment mal. Das geht bei mir durch?

2006 (Ostwestfalen)


Arbeitsplätze


Jugendkultur (Versuch)


Spaceship Universität (1969)

Es ist Lehmann! Toll.

Sagt nicht nur Bild, sondern auch seit 14:50 Uhr der DFB. Damit ist es offiziell! Da ist also das Trainerteam doch hartnäckig genug gewesen, der Bayern-München-Bild-Filzwand entgegenzutreten und auf Qualität zu setzen. Nichts gegen BM, natürlich! Trotzdem gut. Jetzt können wir auch verlieren, meinetwegen. Oder naja: Muss ja nicht sein.

Bielefeld? – Warum eigentlich nicht.

Für die vielen Auskünfte: Danke. Habe auch schon das meiste gesehen, das ihr erwähnt habt. Und vieles besucht, das geht ja schnell hier. Nur das “Miners” habe ich irgendwie noch nicht gefunden, wie das passieren konnte, das weiß ich auch nicht. Das steht dann das nächste Mal ganz oben auf der Liste, Ende des Monats.

Wichtiger aber: Übrigens finde ich Bielefeld gut. Wenn man aus Berlin kommt und sich da an die Armut und die Parkatragenden Vollbärte gewöhnt hat, denkt man natürlich, man ist in einem Themepark der Bürgerlichkeit gelandet. Ich wohne ja im Jugendgästehaus hinterm Niederwall gleich hinter dem Rathaus (ist nicht ganz billig, das EZ 37 Euro, aber schön – kann ich empfehlen). Und so safe habe ich mich ja schon lange nicht mehr gefühlt – wobei ich ja in Berlin sogar noch im Ghetto Prenzlauer Berg lebe, einem wirklich gesetzten, sicheren Viertel, in denen einem niemand etwas böses will. Außer vielleicht die Handtasche rauben oder den Rechner stehlen. Und das ist zwar unverschämt und käme in Millionenstädten wie Tokio oder Hongkong keinem in den Sinn (ach Europa!), aber immerhin, körperliche Bedrohung ist das ja auch nicht.

Hier jedoch: Um mich herum aufgeräumte, gut funktionierende Wohnblöcke (Das gibt es!), alles frisch renoviert. Gepflegt. Ein paar Jugendliche stehen im Park herum und versuchen irgendwie Gangsta-mäßig auszusehen, das kommt aber eher etwas hilflos rüber. Gewalt ist hier eindeutig ein sehr absurder Gedanke. Kein Wunder, es gibt ja auch Perspektive: Beim Spazieren zur Universität durch die Sonne führt der Weg vorbei an jeder Menge Arbeitsplatzsituationen. Es beginnt mit den wunderschönen Maschinen-Fabrikwerken von Dürrkopp (Backstein, um 1900), neben denen das funkelnagelneue Jugendgästehaus untergekommen ist, die Barmer-Ersatzkasse hat hinter mir einen großes Gebäude und Dr. Oetker ist in Bielefeld natürlich auch noch, während Bertelsmann nebenan, in Gütersloh, residiert. Also eine Gegend, die scheinbar mit Arbeitsplätzen gesegnet ist. Früher hätte ich mir gedacht: So ein Leben – Eintritt in die Firma, Unterbringung im Mehrfamilienhaus – nein, das will ich nicht führen. Heute denke ich mir eher: Gut, dass es das noch gibt, aber mal sehen, wie lange.

Das hier die Bürgerlichkeit noch weniger bedroht ist, das sieht man an den Geschäften: In Berlin nur noch große Ketten, hier noch viel Einzelhandel, Bettwäschespezialisten, verschiedene Bekleidungsläden, Schuhläden, die keine Kette sind, dafür mit guten italienischen Marken, aber auch Pralinengeschäfte oder Feinkostläden, die nicht nur mit internationalen Spezialitäten wie Parmaschinken oder so winken. Hier gibt es eher gehobenes deutsches Essen, man gönnt es sich, man zeigt, dass man es sich leisten kann. Während mein Umfeld in Berlin ja gerne mal guten Wein und 100 Gramm Parmaschinken auf den Tisch stellt, auch wenn wir uns sonst nichts leisten können. Gutes Essen ist hier eben mehr als nur symbolisches Kapital, es ist noch Ausdruck von realen Verhältnissen.

Leute mit ohne Geld kaufen dann im Selbstbedienungsbäcker, bei dem man an der Kasse bezahlt – nix Bioladen. Gibt es hier übrigens nicht, habe ich zumindest nicht gesehen, nur am Unischiff. Sonst nur Reformhäuser. Und was noch auffällt: Türkisches Essen wird hier eher in anständigen Grillrestaurants konsumiert und nicht in Billig-Schnäppchen-Fleischmitnehm-Dönerläden. Und so etwas ist wichtig, denn so etwas lässt natürlich Migranten im öffentlichen Bild auch gleich ganz anders ankommen – nämlich in der Mitte der Gesellschaft und nicht am unteren Rand.

Übrigens auch: Prompt gehört die Innenstadt tagsüber eindeutig den Frauen und den Alten. Gruselig. Aber das hat auch Vorteile: Man kann in H&M ein weißes Leinenkleid anprobieren, ohne 20 Minuten an der Umkleidekabine Schlange zu stehen. Mein Fazit: Bielefeld ist toll! (Bald mehr…)

Bielefeld – any idea?


Ab morgen in aller Herrgottsfrüh pendelt der Blogwart regelmäßig nach Bielefeld, seine Post-Doc-Stelle antreten. Jemand einen Tipp, wo man da einen netten Kaffee einnehmen kann oder so? Hm.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Stimmt. Opfer ist heute ein Schimpfwort.

Heute lese ich auf Spreeblick den wirklich guten Text “Du Opfer!”, zu den mobbenden Hauptschulkindern, denen eine perspektivlose Hartz IV-Karriere in Aussicht steht. Bei denen es nichts mehr zu wollen gibt. Da muss man drauf hinweisen, deshalb hier extra einen Auszug aus dem Spreeblick-Text:

Hier wächst eine Generation auf, die „Opfer“ als Schimpfwort kennt. Das ist bezeichnend. Denn sie sind Opfer, auch wenn sie es nicht wahrnehmen. Sie sind Opfer eines Schulsystems, das Gleichtaktung und Abgrenzung fördert. Dumme bleiben unter Dummen und Schlaue unter Schlauen dumm. Sie sind Opfer eines Wirtschaftssystems, das den Schwachen keine Chance gibt. Das Ergebnis sind elitäre Wichtigtuer, die BWL mit Philosophie verwechseln und eine ghettoisierte Masse ohne Perspektive, die sich ihr Weltbild aus der Bildzeitung und den Talkshows zusammenzimmert. Und die Kinder dieser Menschen blicken nun auf unsere durchökonomisierte Gesellschaft und orientieren sich an ihr. Oliver Lück formuliert dies im spOn-Interview so: „Gewalt ist nun mal die ökonomischste und einfachste Art und Weise, Erfolgserlebnisse und Macht zu erleben. Aggression und Gewalt sind für diese Jugendlichen eine hoch ökonomische Überlebensstrategie.“ Denn nichts anderes lehrt der Markt: das Recht des Stärkeren. In einer Gesellschaft, die sich im großen Maße mit der Ökonomie identifiziert, sind solche Auswüchse nicht wirklich überraschend. Im Grunde sind die Checker in Neukölln also „nur“ sehr konsequent und haben scheinbar begriffen, wie Deutschland tickt. Ich könnte ihnen fast gratulieren zu diesem Scharfsinn, aber das Thema ist zu ernst für Ironie.

Hier alles lesen.
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Blutwurst

Vorgestern vor der DEBUG Party (die wirklich gut gewesen) mit Freunden im Chez Gino’s in Kreuzberg Essen gegangen. Dort gibt es gute und bezahlbare elsässisch-badische Küche, Flammkuchen, Spätzle, Forelle auf roten Linsen – so’n Kram. Und unter anderem eben auch gebratene Blutwurst. Und Blutwurst-Ravioli. Umgehend beschlossen, dass die Blutwurst die Rucola dieses Jahrzehnts ist, was sich etwa auch daran zeigt, dass Constanze von Bullion im Tagesspiegel von heute einen Artikel über das schöne Stück geschrieben hat. (Aber auch daran.) Das Gespräch um die Blutwurst verdichtet sich. Also bitte merken: Rucola ist normal. Der Nachfolger Bärlauch ist allerdings absolut out! Denn Blutwurst ist in! Und die beste Blutwurst dieses Landes kommt, wie man in dem Artikel lesen kann, aus unserem Lieblingsproblembezirk Neukölln. Von Marcus Benser, dem Blutwurstritter. Dessen Geschäfts ist Karl-Marx-Platz 11. Mit Preisen aus Frankreich und so. Dachte man gar nicht.

Später dann während des Essens (ohne Blutwurst, die haben wir noch boykottiert, aber über das Probieren kommen wir wohl nicht mehr lange drum herum) festgestellt, dass die verschiedenen Stadtteile in Berlin in den letzten Jahren noch mehr auseinander gerückt sind. Wenn man im Prenzlauer Berg wohnt, könnte man fast Urlaub in Kreuzberg machen, denn man ist dort in einer ganz anderen Welt. Zweiter Beschluss des Abends deshalb: Demnächst fliegt Easy-Jet von Schönefeld aus Berlin-Kreuzberg an – denn es ist ja schön dort. Wär doch was.
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