Monthly Archive for June, 2006

Sprache & Fußball

0,4145,2734334,00.jpgEindeutiger, wenn auch seltsamer Nebeneffekt von Fußball: Sprache wird wichtig. Irgendwie logisch, denn wenn man dieser Tage Fußball guckt, schieben sich zwischen einen und das Spiel die Beobachtungen der Kommentatoren. Und weil das, was man sieht, gerne mal mit dem, wie darüber gesprochen wird, auseinanderklafft, schreibt man dem entgegen, um denen mit dem Mikro sowas wie die Realität nicht alleine zu überlassen.

Täglich macht das besonders gut Strukturiert Fernsehen, auf das sowieso mehr hingewiesen werden sollte, weil es eines der besten Fernseh-Beoachtungsblogs ist. Und schon vor ein paar Wochen hat Peter Körte in einem sehr lesenswerten Artikel das Montieren der bewegten Bilder genauer analysiert. Seitdem weiß ich, dass ich eine “WM der Emotionen” sehen soll, weshalb mir, sobald der Fußball ruht, mitbangende Fans, vierfacher Stümer-Mitspieler-Trainer-und-nochmal-Reverse-Angle-Jubel oder sich vor Schmerz wälzende Spieler, Gesicht selbstverständlich in pickelnaher Größtaufnahme, aufgedrängt werden. Fast schon verwunderlich, dass sie den vor Erschöpfung kotzenden Beckham neulich nicht gezeigt haben.

Daneben haben Sprache und Fußball aber auch die Tendenz, herrlich aufeinander zu prallen. Denn auch wenn wir zum ersten Mal über ein paar wenige ironiefähige Spieler verfügen, fremdeln Sprache und Fußball grundsätzlich miteinander. Sie verkeilen sich dann zu einem Knäuel, das man weiter anstacheln kann. Die Welt aus Sicht der Südkurve hat sich neulich Trapatoni ausgeliehen. Und Jump-Cut hat das Eröffnungsspiel eingefangen, in Tagen, in denen damals noch alle depressiv waren.

PS: Heute morgen beim Stöbern durch das Netz auch folgenden Sommerausflug gefunden. Nette Geschichte irgendwie.

So sehen uns die anderen

bavaria1.jpgZiemlich lustig sind die Berichte in der FAS, die internationale Blogs durchstöbert und mühevoll gesammelt hat, wie die WM-Besucher über Deutschland berichten. Unter anderem liest man da:

Ein englisches Hoch auf den Flaschenpfand, mit denen wir Deutschen unsere Bettler dazu bringen, die Straße zu reinigen. Dann wird natürlich die deutsche Gründlichkeit anhand eines ARD-Spezialwetterberichtes zur Feuchtigkeit des Fussballrasens erwähnt, aber auch der Kopf geschüttelt über die Servicewüste Deutschland, in der frisierwilligen Besuchern in gähnend leeren Friseursalons die Tür gewiesen wird. Erklärt wird, dass die Regel beim Eröffnen einer neuen Supermarktkasse “renne!” lautet und dass man beim Grillen einen “Schnapse” trinkt, ein destilliertes Getränk, um dem Bier noch einen Schwung zu versetzen, wir aber auf unser Grillfleisch, das wir vorher salzen, oben drauf “immer noch” eine Soße wie Senf oder Ketchup packen. Und dass wir vor 60 Jahren mit einem Typen ziemlichen Ärger hatten, was tief verwurzelt ist in der Kultur unseres Landes, weshalb wir die Fahnen am Tag nach dem Sieg umgehend wieder abnehmen
.
Wenn jetzt die Online-Redaktion auch noch die Links zum Klicken und nicht zum Pasten einrichtet, dann ist alles in Ordnung. Jaja, bin deutsch, bin gründlich. Eben.

Warum muss Klagenfurt eigentlich immer unbedingt seinem Namen gerecht werden?

Wenn man online anliest, was in Klagenfurt vorgetragen wird, wundert man sich ja schon. Was für eine seltsames Bild von Literatur dort ausgewählt und gepflegt wird. Hauptsache der Text ist nah dran. Dicht. In der Beobachtung. Am Gefühl. Das ist fast wie bei Beckmann. Dabei stellen die meisten ein wohlkalkuliertes Literaturscheitern aus: Guten Tag, ich bin ein Autor, ich drücke mich in Sprache aus, weil ich mit Menschen nicht zurechtkomme, was ich natürlich lieber täte. Ja wieso eigentlich.

Ich bin mir nicht sicher, ob Ingeborg Bachmann das verdient. Sprache ist dort schließlich auch eine präzise auf den Punkt gebrachte Technik, kein Aufnahmegerät, das einem immer irgendwie vor den Füßen im Weg herum steht. Bitte, bitte wieder mehr Wittgenstein, ginge das. Nein? Gut. Dann doch lieber Fußball.

Easy mit Karaoke Kalk

wechselbild.png Langsam wird es monoton, oder? Es muss auch noch andere Dinge außer Fußball geben, auch jetzt. Musik zum Beispiel. Musik für so einen ruhigeren Tag, etwas schwül und staubig draußen, etwas melancholisch drinnen, nachdem wir ja gestern Weltmeister geworden sind und man sich überlegen muss, was jetzt noch kommen könnte, danach. Aber da ist etwas. Wechsel Garland ist da.

easy.pngWechsel Garland, das ist Jörg Follerts letzte Platte auf dem Label Karaoke Kalk. Seit ein paar Monaten, seit Februar, um genau zu sein, draußen, mir erst vor wenigen Wochen in die Hände gesteckt worden. Und jetzt gerade quer zum Mittagessen aufgelegt. Spielerisch, zart und minimal swingt sich diese Musik durch den Raum. Unaufdringlich, aber nie langweilig und auf seltsame Weise zurückhaltend präsent. Ein Jazzelement improvisiert los, wird geloopt, eine gefilterte Stimme fadet aus. Das Piano verirrt sich leise, um dann wieder zurück zu finden und einem den Weg zu weisen. Damals, 1998, ist Jörg Folltert ja schon mit “Wunder” eine Platte gelungen, die in jede Musiksammlung gehört, die was auf sich hält. “Easy” schließt daran eindeutig an. Kauft das. Nein, wirklich, das meine ich ernst.

Bild: Wechsel Garland, Good Dings

…schlaaand!™

Wende? WM!

Eins noch, ganz kurz. Wenn uns demnächst mal wieder jemand erzählen will, 1989 sei als eine historische Zäsur zu lesen und Deutschland sei damit in der “Normalität” angekommen (und damit sagt man eigentlich ja immer nur: Forget the Holocaust), dann können wir ab sofort entgegegnen: Nein. Die Zäsur war 2006. WM. Und Normalität gibt’s nicht. [Fahnen dagegen, warum nicht.]


Bild via FAZ

Fahnen, Fußball, Irokesen und Poloshirts

000_0720.JPGI can relax in Deutschland, was für eine Überraschung: Das mit Identitätspolitik bei der WM läuft ja verhältnismäßig gut. Das liegt, so ist anzunehmen, vor allem an den Formen: Irokesenbürste und Hawaiblumenkette sind durchaus passende Behälter für Nationalgut. Das Volk, the people, les peubles erobert sich die eigene Identität auf diese Weise vom Staat zurück – das hat aber auch gedauert. Man feiert und trifft dabei den richtigen Ton. Hoppla. Das Feuilleton staunt. Spiegel-Redakteur Matthias Matussek denkt wahrscheinlich, das sei alles ihm und dem Coup mit seinem neuen “Wir Deutschen”-Buch zu verdanken.

Ab und an ist jedoch die Sache mit der Identitätspolitik trotzdem seltsam. Das Turnier Holland gegen die Elfenbeinküste zum Beispiel. Was für ein seltsames Spiel. Es ging irgendwie um mehr als nur um Fußball. Mit dem Sieg gegen die Elfenbeinküste fliegt die einzig ernstzunehmende afrikanische Mannschaft raus. Ging schnell, ist aber bei einer Verteilung von 14 europäischen und nur 5 afrikanischen Mannschaften kein Wunder. Nein, fair ist das nicht. Genau deshalb konnte man das ganze Spiel wie eine einzige große Post-Colonial-Study lesen – und dabei kamen einem dann schon unangenehme Eindrücke entgegen.

Black Skin, White Mask: Natürlich ist es rein zufällig, dass die Holländer ausschließlich weiße Spieler auf den Platz gestellt hatten, die dann noch dazu in ihren Polohemden-Trikots schnieke den Kleidungsstil der Kolonialherren verkörperten. Von da aus fiel einem dann aber jede Menge entgegen: Beispielsweise, dass bis auf Angola alle afrikanische Mannschaften von weißen Trainer geführt werden. Und dass damit der Weiße in seiner Rolle als Sklaventreiber eingesetzt wird, ein Eindruck, der durch die Otto-Pfister-Episode noch verstärkt wurde. Denn wenn die Mannschaft aus Togo nicht zum Training antritt, weil Togo die Prämien nicht zahlt, wird wieder einmal das Bild der chaotischen, arbeitsunwilligen Schwarzen produziert, die keine Disziplin haben. Da könnte man auf jeden Fall noch dran arbeiten, das ist nicht schön. Im Gegensatz zum holländischen Trikot, denn das trifft zumindest den immer noch andauernden TomFred-Perry-Hype. Nur die Farbe, naja.

holland_trik_home06.jpgHolland ist übrigens die einzige Mannschaft mit Polohemd. Italien war ja in den letzten Turnieren in der Trikot-Mode ganz vorne, mit den aufgedruckten Schweißflecken unter den Achseln beeindruckt man dieses Jahr allerdings niemanden. Dass Fred Perry und Ralph Lauren derzeit im Spiel der bürgerlichen Unterwanderung Hippness-Punkte gemacht haben, hat dort offensichtlich keiner mitgeschnitten. Andererseits, Italiener im Polohemd? Passt eh nicht.

Wo guckt man Fussball in Bielefeld?

Hilfe. Wir suchen gerade etwas planlos nach einem netten öffentlichen Ort. Hat jemand einen Tipp?

PS: Und da ich gerade bei Fussball bin, muss ich noch ein Lob aussprechen. Auf der Hinfahrt den Tagesspiegel gekauft und darin die tägliche 11freunde-Beilage gelesen. Komplett durch. Ist super.
11freunde_titel.jpg

Ich wurde gefragt, da habe ich nachgedacht. Über Weblogs.

Moritz Sauer von Phlow hat mir per Mail ein paar Fragen gestellt. Zu Weblogs. Meine Antworten hier.

Mehr zum Thema Blogs hat übrigens Johnny Haeusler in derselben Reihe bei Phlow vor mir gesagt, sowie neulich der Netzeitung ein sehr gutes Interview gegeben. Sollte man gelesen haben, wenn man was über Weblogs sagen möchte. Jetzt Fußball.

Gottseidank, Fußball bleibt super

Nach ein paar Tagen kann man das feststellen. Uff. Bin beruhigt. Die WM wird mir das nicht verleiden. Sie ist tatsächlich viel entspannter, als die ganze intensive und monatelange Aufregung einen haben befürchten lassen. Es macht immer noch Spaß Fußball zu sehen, selbst die Berichterstattung geht dieser Tage. Wahrscheinlich bekommt man mit drei Spielen pro Tag genug realen Input, weshalb man nicht zuviel Unsinn reden muss. Gut so.

000_0752.JPGBerlin, die Stadt, in der ich wohne (ab übermorgen gucke ich in Bielefeld), kann man auch noch durchqueren. Sogar mittendrin, Unter den Linden oder am Potsdamer Platz kommt man vorbei, ohne von schwenkenden Fahnen vom Rad gefegt zu werden. Eines allerdings geht nicht: Eineinhalb Stunden vor den Deutschlandspielen sollte man an seinem Guckort schon angekommen sein, denn: Vorsicht! Da waren das letzte mal alle autofahrenden Menschen dermaßen Parkplatz-aggro, dass es Unfälle zuhauf gegeben haben muss. Hat natürlich keiner gemeldet, hätte er ja sonst das Spiel verpasst. Kann aber nicht anders gewesen sein. Krieg war das.

Sonst aber geht es. Das Angebot ist groß, an jeder Ecke ist eine Open-Air-Location, in der es zwar nett ist, man aber die Leinwand nicht gut sehen kann, weil zu hell. Dafür ist es nirgendwo überlaufen. Seltsamer Trick aber auch, na egal. Darauf eine Biowurst.

PS: Über Fußball lesen: hier. Fooligan.

Latte ist vorbei, oder?

Bilde ich mir das nur ein? Jedenfalls scheint mir, der schwarze Kaffee kommt zurück und löst den Latte Macchiato ab, der zwar sehr erfolgreich gewesen ist, es aber irgendwie auch schwer hatte. Wirkte immer irgendwie affig, das Getränk, wenn auch vollkommen zu Unrecht. Tatsächlich hat man den Milchkaffe ja nicht einfach in Latte Macchiato umbenannt, weil das schicker klang. Latte Macchiato hat als gefleckte Milch eben noch Schaum zu bieten, während der Milchkaffee ohne Schaum ist und meist nicht einmal mit Espresso gemacht wird, sondern mit Kaffee. Naja, sagt man so, da ist sich aber keiner wirklich sicher. Egal: Den besten Namen für dieses Getränk haben übrigens die Holländer, die nennen den nämlich “koffie verkeerd”, verkehrter Kaffee, weil das Milch-Kaffee-Verhältnis aus den Fugen geraten ist. Und das ist jetzt alles vorbei.

aida.pngSorgfältige Beobachtungen in ausgesuchten Cafebars inklusive eigener Geschmacksumschwenkung und erneuertem Distinktionsverhalten (ja, der Satz ist gleich zu Ende) veranlassen mich zu folgender Beobachtung: Der normale schwarze Kaffee, er kommt zurück. Und zwar nicht als Espresso, auch nicht als Filterkaffee, sondern einmal durch die große Bar-Espressomaschine gejagt als Verlängerter. Verständlich, wenn man darüber nachdenkt, Espresso ist einfach zu schnell weg. Vom Espresso Lungo hat man wenigstens etwas, das man in mehreren Schlucken trinken kann. Und das beeindruckt: Mittelgroße Tasse oder Glas, tiefschwarze Flüssigkeit, sorgfältiger Bittergeschmack und haselnußbraune Crema. Gerne ein paar Mal täglich, immer aber in einer Bar, Cafe eigentlich eh nur in einer Bar, leider oft zu teuer, sollte eigentlich ein Euro kosten, maximal einsfuffzig. Sonst lieber gehen. Nein, wirklich. Außer vielleicht im Cafe Einstein, einfach weil es da den besten Cafe Berlins gibt.

In Wien gibt es ihn, glaube ich, bei Aida. Von dort auch das Bild bzw. von deren super Website. Im dortigen Cafe ist es tagsüber hell und am Abend wird es Nacht. Schön, dass die Welt irgendwo dann doch noch in Ordnung ist und auch noch bei einem Stückchen Kuchen. Neue Bürgerlichkeit? Ach egal, Schluss jetzt. Nicht immer nachdenken, manchmal lieber konsumieren.

Wir stellen um auf EDV.

Dann also: Herzlich Willkommen! Ab sofort blogge ich hier weiter. Und das heißt auch – Jubiläum – nach zehn Jahren Internet meine erste eigene Hompage. Sagenhaft!

http://www.mercedes-bunz.de/

Und RSS:
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Mal sehen, ob mich Mercedes Benz bald verklagt, um die Domain zu haben. Bislang schicken Sie mir ja immer nur sehr brav Pressemeldungen über neue E-Klassen-Videocasts.

Wer eines hat also bitte das Bookmark ändern. Ist vielleicht noch ein bisschen beta, aber Mr. Kösch und ich arbeiten dran. Und bei der Gelegenheit überhaupt: Vielen Dank, Mr. Kösch.
Fehler und Probleme bitte einfach kommentieren. Aber seid freundlich, etwas umgewöhnen muss man sich ja immer. Obwohl freundlich, das seid ihr ja eigentlich eh.