Monthly Archive for August, 2006

Leben im Poststrukturalismus

Ausgerechnet ich muss das feststellen: Mit J. im Verlauf der Leerung eines großartigen Rieslings neulich frustriert diagnostiziert, dass es nicht nur gut ist, dass der Poststrukturalismus gesiegt hat. Und gesiegt hat er: Die Figur der Unentscheidbarkeit, die ja so typisch für die vielen verschiedenen poststrukturalistischen Herangehensweisen ist, hat sich überall durchgesetzt. Gleich ob Große Koalition, Krieg in Israel-Libanon, das Kopftuch-Problem, die immer zaghaftere Bürgerdebatte, und und und. Man steht vor einer Unentscheidbarkeit der Positionen, soweit das Auge blickt. Man kann sich nicht auf eine Seite schlagen, dazu ist alles zu komplex. Deshalb gibt es immer weniger linke und rechte (oder gute und böse) Seiten. Schwierig, denn das heißt, es gibt für einen auch keine Position, auf der man eindeutig herumstehen und sich die Füße vertreten könnte.

Haben diejenigen, die sich immer an der Figur einer Kritik festgeklammert haben, also doch Recht gehabt? Wendet sich mit dem neuen Leben im Poststrukturalismus alles zum Schlechten? Eigentlich war Poststruk ja mal links. Defintiv jedenfalls linker als es die jammernde Kritikgruppe gewesen ist, die sich schrecklich selbstgerecht immer auf der richtigen Seite wähnte. Zum Ärger linker Spießer, die es immer noch zu Hauf gibt, hat er aufgezeigt, dass das Drinnen ja das Draußen sei. Nämlich weil sich Kritik immer im Verhältnis zu und damit auch in Abhängigkeit vom Bestehenden befindet und deshalb damit verknüpft ist. Und – Überraschung – dass das auch eine gute Seiten hat. Dafür wurde Poststruk dann vorgeworfen, keine Gesellschaftskritik mehr zu zulassen – weil es ja kein Außen gäbe. Aber egal. Wichtiger: Was bedeutet das, wenn der Poststrukturalismus gesiegt hat?

Es bedeutet sicher nicht, dass wir inmitten jener Beliebigkeit angekommen sind, die man dem Poststrukturalismus immer vorgeworfen hat. Das Kopftuchproblem etwa ist nicht egal. Es ist einfach unentscheidbar. Tatsächlich steht das Kopftuch sowohl für patriarchale Unterwerfung als auch für berechtigten Widerstand gegen einen alles gleichmachenden Integrationswahn. Es gibt keine Seite, die die richtigere wäre. Es kommt auf den Kontext an. Und das ist exemplarisch: Die Probleme sind von vornherein komplexer. Nun geht darum, inmitten des Ganzen eine Haltung zu finden. Und irgendwie damit umzugehen, dass das manchmal auch nicht geht. Einfacher wird das Leben im Poststrukturalismus also nicht. Aber, hm, stimmt eigentlich, einfach war der auch nie.

Nachgeholt

Den Eintrag wollte ich schon vor ein paar Tagen schreiben, es war aber nicht nur zuviel los, es passt auch irgendwie zum Eintrag, dass er zu spät kommt. Jetzt aber: Eigentlich muss man der Polizei ja dankbar sein, dass sie diese unberuhigenden Anschläge erst öffentlich gemacht hat, nachdem die ein paar Wochen alt waren. Panik-Attacken sind bei wochenlang zurückliegenden Anschlägen wunderbar unangebracht. Und man kann hoffen, dass der Sicherheitsirrsinn sich in Grenzen halten wird. Wobei ja eh alle ständig freiwillig ihre Einkaufsverhalten über Payback-Karten bereitwillig mitteilen.

Stehengeblieben, aufgenommen.

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Günther who?

Wirklich gern über Grass gelesen. Das hier. Danke Kurt Kister. Das war gut.

Lebenslüge

Ich hatte ja letzte Woche den Kopf im Sand. Jetzt wo ich den wieder hebe, bin ich einigermaßen überrascht. Darüber. CDU goes SPD. Was soll man da eigentlich noch sagen?

Neulich gut gewesen (2)

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Zufällig reingeschaltet in Sie haben Knut und dran hängengeblieben. Wegen der Bilder, der Dialoge, aber auch weil dieser Film von Stefan Krohmer die Spießigkeit der linken Politikszene in den Achtzigern so präzise trifft. Erstaunlich nämlich: Auch in meinem Bekanntenkreis reden und schreiben Leute, die ich übrigens mag, über die “goldenen Achtziger”. Was ich überhaupt nicht verstehe. Ich fand das, was ich damals mitbekommen habe, eher unangenehm. Im Grunde war es ja so: Als man noch einen klaren rechten Gegner hatte (so etwas wie der Staat, der Kapitalismus, der Patriarch, der Kohl, auf jedenfall irgendwas mit “der” …), war in Wirklichkeit gar nichts einfacher. Innerhalb der deutschen Linken hat man sich hervorragend selbst tyranisiert, niedergedrückt von der Last des symbolischen Kapitals.

PS: Politisch tote Begriffe. Folge 1. Heute: “Hegemonie”.

Neulich gut gewesen (1)

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Polizeiruf 110 Er sollte tot von Dominik Graf. Überhaupt Dominik Graf – immer wieder überzeugend. Zum einen wegen der Bilder und weil die Kamera genau hinguckt. Ein sehr eigener Stil, der auch darin besteht, Gewalt ausführlich zu zeigen. Wobei die nicht wie im asiatischen Film ästhetisiert wird, sie ist eben da. Dafür schweift die Kamera zum Ausgleich ab und an zur Seite über die Wiese und verfängt sich in einem Reh. Einfach so, weil es gut aussieht.
Zum anderen wegen der Geschichten, die den üblichen, eingefahrenen Windungen nicht folgen. Die verweigern sich einfach. Wenn der frühere Chef in den Fall verstrickt ist und mitten im Film einen Herzinfarkt erleidet, ist er eben tot. Wenn Kriminalkommisar Jürgen Tauber den Fall dann weiter aufklärt, hat das damit nichts zu tun. Es soll keine Rehabilitierung erfolgen. Es erfolgt einfach nichts. Der Mann ist tot, das war es. Angenehm. Überall woanders hätte man da eine Linie gezogen.

PS: Hier ein Interview in der: BZ. Seltsam, der muss da einen Fan haben. Man beachte auch, dass die Antworten nicht wirklich zu den Fragen passen. Macht aber nichts.

Ist nicht wahr, oder?

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Okay, Pharrell Williams, okay.

pharell.jpgGestern den ganzen Tag die neue Pharrell Williams gehört. Kein richtiger Hit dabei, keine richtig neuen musikalischen Momente, bei denen man aufspringt, um sie genauer von vorne und nochmal und nochmal zu hören. Trotzdem solide. Singen kann er ja, auch wenn man nicht immer alles tun muss, was man kann. (Hoch herumjaulen wie mit Jay-Z auf “Young Girl” beispielsweise.)

Meist groovt die Platte aber ziemlich. Track 2, “How does it feel”, nimmt einen mit einem Disco-Synthie-Streicher-Sample an der Hand und trägt einen fantastisch fluffig mit nach vorne. Und dann die Sachen, die so in die Richtung A Tribe Called Quest / Q-Tip gehen, finde ich ja eh prima. Ab und an geht einem allerdings das ganze Frauen-Angesinge auf die Nerven: You are my Number One, My Angel, Young Girl, Baby, Ahah. Nervt etwas. Hey, ein Track, gut, aber jetzt reicht es, okay?

Dann ganz interessant: Fester Glaube an den amerikanischen Traum. Wird geradezu beschwört, manifestiert sich gleich in zwei Stücken hintereinander. “Best Friend”, das einen antreibt, loszulegen: “Let it out, my nigga let it out.” Und dann gleichzeitig Religionskritik übt und Eigenverantwortung predigt: “Jesus would arrange it, but Jesus won’t change it. Hold yourself responsible, only yourself to blame it. – It is our chance who we are!”. Und mein Lieblingsstück, etwas ruhiger: “You can do it too”, das so geht: “You can do it too, young love, my Nigga, you can do it too. No matter if you do drugs, I did it, you can do it too.”

Und natürlich der ‘Vielen Dank lieber Gott’-Song “Our Father”, den jeder B-Boy braucht. You’re the greatest, eh klar. Aber dann wird das Leben beschrieben: Entschuldige, dass ich Tatoos habe, you know I am so sensitive, you know I’m chased by women, you know my mind is driven, to you my heart is givin…”. Äh hallo? Pharrell ist definitiv schon ein wenig irre. Prima.

Ab und an zu klug für den Mainstream zu sein, indem man seine Band Nerd nennt oder auf der Website seines Recordlabels Star Trak Entertainement Baustellengeräusche rattern lässt. Dann wird es wieder normal: man kommt – ist der Typ Hiphop oder nicht – natürlich auf zwei Modelabel, Billionaires Boys Club und Ice Cream. Etwas zuviel dann definitiv: Hintendrauf auf das aktuelle Album steht der Satz “Wealth is of the Heart and Mind. Not of the Pocket” draufzuschreiben. Ja klar, oh Mann, denkt man sich da. Wirklich?

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Hallo Globalisierung. (1&2)

1. Zum Beispiel, wenn ich bei meinem italienischen Laden um die Ecke frisches Basilikum kaufen will. Ich meine richtiges Basilikum, keines, das in einem blöden Topf auf luschig künstlicher Erde herumwächst und nur gut riecht, aber nach nichts schmeckt. So geschnittene Büschel. Wie in Italien eben. Nur dass Italien heute auch Israel ist, wie mir der Herr Besitzer sagt.
Ich: Basilikum?
Er: Gibt es nicht, ist schon weg und die Welt kommt nicht mit dem liefern nach.
Ich: Die Welt?
Er: Unser Basilikum kommt entweder aus Italien. Oder aus Isreal. In Israel ist Krieg. Und in Ligurien herrscht wegen der vergangenen Hitze Wasserknappheit.
Ich: Hallo Globalisierung!

Was 2. auch gilt, wenn man sich die Mülleimer auf der Straße anguckt und die Menschen, die darin herumwühlen. Wieso nach Lateinamerika fahren, Leute in Slums gucken gehen und Fotos davon schießen, wie die im Müll nach Verwertbarem suchen? Gibt es auch hier! Vor der eigenen Haustür und in der ganzen großen Stadt Berlin (ist das woanders auch so?) wühlen sich tagtäglich Dutzende von Leuten mit Profi-Stöcken bewaffnet durch den Müll.

Seltsame Entwicklung: Wir sind ja viel zur WM in Blogs dafür gelobt worden, dass es bei uns auf Grund des kleveren Flaschenpfandes weniger Müll auf der Straße gibt. Weil wir unsere Armen den Müll auf den Straßen wegmachen lassen. Und das hat was, ich jedenfalls bin durchaus froh, dass der Platz vor meiner Hoftür bedeutend sauberer ist und am Samstagmorgen weniger nach Bierresten stinkt als früher an Wochenenden. Flaschenpfand muss bleiben. Andererseits, ganz klar, man ist das scheiße, denn Hilfe zur Selbsthilfe habe ich mir definitiv anders vorgestellt.

Surface, Oberfläche. Manchmal genau das richtige.

250px-SurfaceTVSeries.jpgGestern Fernsehen geguckt, Surface. Gut, nicht anspruchsvoll, keine gesellschaftlichen Verschiebungen, aber nett. Denn: Soll Mystery sein und gruselig, ist aber eher explizit niedlich. Ein niedliches Monster, Nimrod, ein niedlicher kleiner Junge, Miles, und Erwachsene, die einem auch keinem Angst machen. Dafür aber überall Patchwork-Family, anscheinend das neue gesellschaftliche Modell, das man so vorgeführt bekommt und das jetzt auch auf dem amerikanischen Land Normalfall wird.

Ansonsten ganz clever gemischt, etwas animierte Dinosaurier ala Spielberg, Ökologie, Übernatürliches, Teenagerprobleme mit den Eltern, ein wenig Grusel wie “Im Rausch der Tiefe” und auch Versprechen wie bei “Abyss”. Also Unterhaltung. Und das ist ja auch was, immer dieses Denken. Oder Verantwortung. Pffft. – Mich interessiert das ja außerdem, weil es in North und South Carolina spielt und ich genau da vor einem Jahr war. In den USA ist die Serie leider nach der ersten Staffel abgesetzt worden, obwohl sie ganz gut lief. In Deutschland ist sie erfolgreich, mit 17,9% stärkste im Prime-Time-Programm, wie Strukturiert Fernsehen weiß. Soll angeblich mit einem anständigen Ende abschließen, kein Cliffhanger. Also ein langgestreckter Spielfilm. Guck ich weiter. Schon deswegen:

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