Ausgerechnet ich muss das feststellen: Mit J. im Verlauf der Leerung eines großartigen Rieslings neulich frustriert diagnostiziert, dass es nicht nur gut ist, dass der Poststrukturalismus gesiegt hat. Und gesiegt hat er: Die Figur der Unentscheidbarkeit, die ja so typisch für die vielen verschiedenen poststrukturalistischen Herangehensweisen ist, hat sich überall durchgesetzt. Gleich ob Große Koalition, Krieg in Israel-Libanon, das Kopftuch-Problem, die immer zaghaftere Bürgerdebatte, und und und. Man steht vor einer Unentscheidbarkeit der Positionen, soweit das Auge blickt. Man kann sich nicht auf eine Seite schlagen, dazu ist alles zu komplex. Deshalb gibt es immer weniger linke und rechte (oder gute und böse) Seiten. Schwierig, denn das heißt, es gibt für einen auch keine Position, auf der man eindeutig herumstehen und sich die Füße vertreten könnte.
Haben diejenigen, die sich immer an der Figur einer Kritik festgeklammert haben, also doch Recht gehabt? Wendet sich mit dem neuen Leben im Poststrukturalismus alles zum Schlechten? Eigentlich war Poststruk ja mal links. Defintiv jedenfalls linker als es die jammernde Kritikgruppe gewesen ist, die sich schrecklich selbstgerecht immer auf der richtigen Seite wähnte. Zum Ärger linker Spießer, die es immer noch zu Hauf gibt, hat er aufgezeigt, dass das Drinnen ja das Draußen sei. Nämlich weil sich Kritik immer im Verhältnis zu und damit auch in Abhängigkeit vom Bestehenden befindet und deshalb damit verknüpft ist. Und – Überraschung – dass das auch eine gute Seiten hat. Dafür wurde Poststruk dann vorgeworfen, keine Gesellschaftskritik mehr zu zulassen – weil es ja kein Außen gäbe. Aber egal. Wichtiger: Was bedeutet das, wenn der Poststrukturalismus gesiegt hat?
Es bedeutet sicher nicht, dass wir inmitten jener Beliebigkeit angekommen sind, die man dem Poststrukturalismus immer vorgeworfen hat. Das Kopftuchproblem etwa ist nicht egal. Es ist einfach unentscheidbar. Tatsächlich steht das Kopftuch sowohl für patriarchale Unterwerfung als auch für berechtigten Widerstand gegen einen alles gleichmachenden Integrationswahn. Es gibt keine Seite, die die richtigere wäre. Es kommt auf den Kontext an. Und das ist exemplarisch: Die Probleme sind von vornherein komplexer. Nun geht darum, inmitten des Ganzen eine Haltung zu finden. Und irgendwie damit umzugehen, dass das manchmal auch nicht geht. Einfacher wird das Leben im Poststrukturalismus also nicht. Aber, hm, stimmt eigentlich, einfach war der auch nie.

Gestern den ganzen Tag die neue Pharrell Williams gehört. Kein richtiger Hit dabei, keine richtig neuen musikalischen Momente, bei denen man aufspringt, um sie genauer von vorne und nochmal und nochmal zu hören. Trotzdem solide. Singen kann er ja, auch wenn man nicht immer alles tun muss, was man kann. (Hoch herumjaulen wie mit Jay-Z auf “Young Girl” beispielsweise.)
1. Zum Beispiel, wenn ich bei meinem italienischen Laden um die Ecke frisches Basilikum kaufen will. Ich meine richtiges Basilikum, keines, das in einem blöden Topf auf luschig künstlicher Erde herumwächst und nur gut riecht, aber nach nichts schmeckt. So geschnittene Büschel. Wie in Italien eben. Nur dass Italien heute auch Israel ist, wie mir der Herr Besitzer sagt.
Was 2. auch gilt, wenn man sich die Mülleimer auf der Straße anguckt und die Menschen, die darin herumwühlen. Wieso nach Lateinamerika fahren, Leute in Slums gucken gehen und Fotos davon schießen, wie die im Müll nach Verwertbarem suchen? Gibt es auch hier! Vor der eigenen Haustür und in der ganzen großen Stadt Berlin (ist das woanders auch so?) wühlen sich tagtäglich Dutzende von Leuten mit Profi-Stöcken bewaffnet durch den Müll.
Gestern Fernsehen geguckt, Surface. Gut, nicht anspruchsvoll, keine gesellschaftlichen Verschiebungen, aber nett. Denn: Soll Mystery sein und gruselig, ist aber eher explizit niedlich. Ein niedliches Monster, Nimrod, ein niedlicher kleiner Junge, Miles, und Erwachsene, die einem auch keinem Angst machen. Dafür aber überall Patchwork-Family, anscheinend das neue gesellschaftliche Modell, das man so vorgeführt bekommt und das jetzt auch auf dem amerikanischen Land Normalfall wird.
