
Ab sofort in Berlin: Wintereinbruch. Mist aber auch. Gott sei dank darf ich bald nach Buenos Aires.
Monthly Archive for October, 2006
The Whitest Boy Alive, das ist doch diese Band um Erlend Oye, die diese romantischen Lieder spielen. Falsch. Denkt man so. Dann aber geht man auf ein Konzert und lernt: TWBA, die sind gar nicht wirklich romantisch. Das ist eine Konzeptband.

Das beginnt schon beim Auftreten: Erstmal sind diese vier Jungs alle so dermaßen gezielt neben der Spur männlich, dass alleine das schon Kunst ist. Gekonnt gepflegte leichte Schwulität, die man offensichtlich heute trägt. Okay, gut, zumindest, wenn man es kann. Das können die. Egal ob Marcin Oz mit seinen herumwuchernden Wuschellocken am Bass, der Schnauzbart-tragende Daniel Nentwig am Keyboard oder der blonde Schlagzeuger Sebastian Maschat, der zweite klassisch bebrillte Nerd der Band. Alles gelungene Kunst am Menschen, die in geballtem Anmarsch von vieren eine seltsame Atmosphäre kreiert: Weil quer durch diese schräg angesurften Männlichkeit die ganze Zeit über Liebe gesungen wird, steht in angenehmen Abstand beim Konzert Sex im Raum herum. Was vielleicht auch, haben ich mir mit dem Kontext überlegt, daher kommt, weil Erlend Oye der Welt gegenüber genau den Gesichtsausdruck trägt, den Jungs haben, wenn sie einen Orgasmus bekommen: grundsätzliches Erstaunen. Egal – sobald er den Mund aufmacht, kann man sich in diese Stimme einwickeln, das ist bei TWBA ähnlich wie bei Hot Chip.
Musikalisch sowieso: Groß. Geht etwas verhalten los, steuert dann aber gelungen in eine richtige Party und wird zwischendurch unterfüttert. Mit Percussions, irre guten Coverversionen (über Portisheads “Glory Box” könnte man einen Essay schreiben) Arme nach oben strecken, herumwuchten des Keyboards, Erlend Oye, der als ziemlich perfekter Entertainer viel besser weiss, was er tut, als er es aussehen lässt und einem Marcin, der auf den Lautsprecher klettert, um das Konzert mit Daniel Wang an den Decks vorher und nachher in eine Party aufgehen zu lassen. Von da aus dann, morgens um vier, draußen hat es geregnet, einmal quer durch den Temperatursturz hinter Daniel ins Taxi gesprungen und nach Hause gefahren. Schöner Abend. Sollte man bei Gelegenheit wiederholen.

Applaus.
Soweit ist das jetzt gekommen: Leistung muss sich wieder lohnen, finde ich.
Ich und das Umfeld haben heute bei Kaffee und Kuchen festgestellt: Eigentlich wollten wir nie Karriere machen. Wenn, dann machen wir sie eher zufällig. Also müssen wir uns fragen: Wie kommt das? Mögen wir die Welt zu wenig? Haben wir ihr nichts mitzuteilen? Bzw. was ist das für eine seltsame Welt, in der man irgendwie nichts will? Darüber muss nachgedacht werden.
Mich heute früh gefragt: Wenn man jetzt morgens mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit quer durch die Stadt wieder eine Mütze aufziehen muss, sollte man da bedrückt sein, weil der Winter vor der Tür steht? Oder froh, weil das fahle winterkalte Sonnenlicht einem zeigt, dass man es wieder ein ganzes Stück weit durch sein Leben geschafft hat? Hm. Ich glaube ja, es braucht ein Plädoyer für die kalte Jahreszeit. Draußen wird es kalt, kann man sich nach drinnen zurückziehen. Da muss mal am Image gedreht werden. Ja, ich habe gerade mal zehn Minuten nichts zu tun und prompt Flausen im Kopf. Ich geh’ schon …
PS: “Unterschicht! “Endlich haben mal wieder alle was zu tun! Wahnsinn!
Mal wieder dazu gekommen, einen Text zu schreiben, den ich auch wirklich gerne mag. Passiert ja viel zu selten, es ist zu wenig Zeit, sich zu konzentrieren und auf den Punkt zu kommen. Aber: Das ist dieser hier. Ist auch im Literaturteil der aktuellen zitty.
Christian Kracht ist ein arrogantes Arschloch. Er ist ein reicher Schweizer Schnösel, dessen Vater jahrelang Generalbevollmächtigter bei Springer gewesen ist. Ein Popliterat, der die Namen von Luxuswaren droppt und der mit seinen elitären Freunden einen auf Tristesse Royal macht. Und der hat jetzt ein neues Buch herausgebracht. Na und? So könnte man denken. Nur: Wer sich mit dieser Meinung bequem zurücklehnt, macht es sich im Leben wirklich zu einfach – und ist dem Autor bereits auf den Leim gegangen.
Tatsächlich ist Christian Kracht an diesem Ruf nicht unschuldig, gewissermaßen pflegt er ihn sorgfältig. Der Schriftsteller als Weltbürger ist seit Ernest Hemingway ein klassischer Entwurf der Figur „Autor“. Kracht folgt dieser Tradition. Öffentlich entspricht er dem Bild eines immer reisenden Autors, der in Bangkok oder Kathmandu lebt und in San Francisco produziert – dabei wohnt er mit seiner Frau meist in Berlin-Mitte in der Linienstraße. Auch in den Erzählungen seines neuen Buches, ein Kompendium aus den Texten der vergangenen Jahre, bedient er dieses Bild. In der Mongolei macht er sich auf die Suche nach dem verschollenen Nationalgericht, das sich am Ende als bloße Erfindung, als Traum und Projektionsfläche zeigt. Im Ramses Hilton in Ägypten erklärt er, wie man sich am geschicktesten unerlaubter Weise an Buffets bedient. Und in Berlin-Mitte macht er zwei Künstler, die mit aller Macht berühmt werden wollen, zu einem surrealen Theaterstück.
Christian Kracht beschreibt dies alles unverspielt, mit einer präzisen, klaren Sprache. Er ist ein sorgfältiger Beobachter, der den glatten Oberflächen des Reichtums ebenso fasziniert folgt, wie er Brutalität und Abgründe deutlich beschreibt. Mit Positionen, die bereits besetzt sind, gibt er sich jedoch nicht lange ab. Springer scheiße finden? Lieber dessen Maßanzug beschreiben. Zugleich das panislamische linke Kulturmagazin „Bidoun“ promoten? Kein Problem. Und das hat was. Tatsächlich muss man sich überlegen, ob in einer Welt, in der jeden Sonntag eine Sabine Christiansen die Kritik der Gesellschaft moralisch verwaltet, der Schnösel nicht die radikalere Position ist. Auf jeden Fall sollte man es sich von den eigenen Bedenken nicht nehmen lassen, einen guten Schriftsteller zu lesen.
Christian Kracht, New Wave. Ein Kompendium 1999-2006 kostet 19,90 EUR und ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.
Ich rede ja ab und zu mit dem Fernsehen. Lange habe ich mir das nicht angeguckt, wenn die mich aufgenommen haben. Weil: Ich habe mir eingebildet, man sollte da eher natürlich bleiben und deshalb sei das besser. Eines Tages aber doch. Und was entdeckt? Dass ich komische Gesichtsverziehungen mache. Und dass natürliches Verhalten vor der Kamera dazu führt, dass man völlig unruhig aufgedreht durch die Bilddiagonale fegt. Ging alles gar nicht, war schrecklich anzusehen. Es hat schon einen Sinn, dass Anne Will immer so ruhig dasitzt. Viel habe ich aber offensichtlicht nicht dazugelernt, wie ich gerade festgestellt habe.
Jetzt erst angeguckt: Mich auf rebell.tv – und gefunden: Uh. Eigentlich denke ich ja immer, ich bin eine ernsthafte Person, aber irgendwie wirke ich vor allem niedlich. Hey Welt. Dieser Eindruck ist falsch. Ich bin bald 35 und sehe nur zufällig aus wie eine Heike Makatsch Mitte der Neunziger, die als Girlie über Politik redet. Ich schwöre!

Und darin geht es um: Brille abnehmen – Ankommen – Ökonomie ist die neue Politik (nicht gut formuliert) – Kommt das Internet vom Krieg oder von Filesharing – Warum mache ich Zeitung und nicht Internet – Das ging aber schnell
Annläßlich ihres Geburtstages wurde Hannah Arendt am Wochenende von der FAS und Thomas Schmid gut gefunden und von Micha Brumlik in der TAZ gebasht. Brumlik behauptet, Arendt könne die Globalisierung nicht denken. Schmid plädiert dafür, sich die Freiheit zu nehmen, mit Arendt Politik nicht als Verwaltung, sondern als Leidenschaft und Gestaltung zu denken. Warum links rechts gedacht wird und umgedreht, verstehe, wer will, da habe ich mich eh langsam dran gewöhnt. Und bin für Freiheit und FAS, klar.
Satz, der gestern auf der Straße vorbeikam und seitdem seltsam in meinem Leben herumsteht: “Muss ich ab 35 im Leben immer Kompromisse machen?”

Eigentlich kann man ja popkulturelle Verweise in der Kunst nicht mehr sehen, weil gähn. Zu easy. Das hier ist trotzdem gut. The Sculptor, The Devil and The Architect, 2006. Folkert de Jong bei Peres Projects


