Wie radikal ist ein Schnösel?

Mal wieder dazu gekommen, einen Text zu schreiben, den ich auch wirklich gerne mag. Passiert ja viel zu selten, es ist zu wenig Zeit, sich zu konzentrieren und auf den Punkt zu kommen. Aber: Das ist dieser hier. Ist auch im Literaturteil der aktuellen zitty.

buch_5107_wg.jpg Christian Kracht ist ein arrogantes Arschloch. Er ist ein reicher Schweizer Schnösel, dessen Vater jahrelang Generalbevollmächtigter bei Springer gewesen ist. Ein Popliterat, der die Namen von Luxuswaren droppt und der mit seinen elitären Freunden einen auf Tristesse Royal macht. Und der hat jetzt ein neues Buch herausgebracht. Na und? So könnte man denken. Nur: Wer sich mit dieser Meinung bequem zurücklehnt, macht es sich im Leben wirklich zu einfach – und ist dem Autor bereits auf den Leim gegangen.

Tatsächlich ist Christian Kracht an diesem Ruf nicht unschuldig, gewissermaßen pflegt er ihn sorgfältig. Der Schriftsteller als Weltbürger ist seit Ernest Hemingway ein klassischer Entwurf der Figur „Autor“. Kracht folgt dieser Tradition. Öffentlich entspricht er dem Bild eines immer reisenden Autors, der in Bangkok oder Kathmandu lebt und in San Francisco produziert – dabei wohnt er mit seiner Frau meist in Berlin-Mitte in der Linienstraße. Auch in den Erzählungen seines neuen Buches, ein Kompendium aus den Texten der vergangenen Jahre, bedient er dieses Bild. In der Mongolei macht er sich auf die Suche nach dem verschollenen Nationalgericht, das sich am Ende als bloße Erfindung, als Traum und Projektionsfläche zeigt. Im Ramses Hilton in Ägypten erklärt er, wie man sich am geschicktesten unerlaubter Weise an Buffets bedient. Und in Berlin-Mitte macht er zwei Künstler, die mit aller Macht berühmt werden wollen, zu einem surrealen Theaterstück.

Christian Kracht beschreibt dies alles unverspielt, mit einer präzisen, klaren Sprache. Er ist ein sorgfältiger Beobachter, der den glatten Oberflächen des Reichtums ebenso fasziniert folgt, wie er Brutalität und Abgründe deutlich beschreibt. Mit Positionen, die bereits besetzt sind, gibt er sich jedoch nicht lange ab. Springer scheiße finden? Lieber dessen Maßanzug beschreiben. Zugleich das panislamische linke Kulturmagazin „Bidoun“ promoten? Kein Problem. Und das hat was. Tatsächlich muss man sich überlegen, ob in einer Welt, in der jeden Sonntag eine Sabine Christiansen die Kritik der Gesellschaft moralisch verwaltet, der Schnösel nicht die radikalere Position ist. Auf jeden Fall sollte man es sich von den eigenen Bedenken nicht nehmen lassen, einen guten Schriftsteller zu lesen.

Christian Kracht, New Wave. Ein Kompendium 1999-2006 kostet 19,90 EUR und ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

11 Responses to “Wie radikal ist ein Schnösel?”


  1. 1 mr. marcus

    radikalere Position als Sabine Christiansen? Das ist ja nicht so radikal. Habe auch in dem De:Bug Text über Kracht, den letzten Satz gar nicht verstanden: Christian ist ein Terrorist. Hallo Hallo?!

    Ist Herr Kracht denn überhaupt – bei aller Liebe zu dem Wort – ein Schösel? Arrogant bestimt, aber gleichgültig doch gerade nicht.

    Weitgehend guter Geschmack und eine – sagen wir mal – teilzeit-interessante Attitude – reichen hier zu Lande wohl schon, um so manche ganz aus dem Häuschen zu bringen. Das geht ja schnell. Und passiert trotzdem so selten.

    NEW WAVE liegt auf jeden Fall sehr gut in der Hand mit diesem kühlen Einband und fast die Hälfte der Texte ist wirklich schön und klar und wahr. Schön auch dein Anfangssatz. Den mag er bestimmt auch. Schön auch die aus der Hüfte geschossene Information: “dabei wohnt er mit seiner Frau meist in Berlin-Mitte in der Linienstraße”

    best regards.

  2. 2 krystian

    wie radikal ein schnösel sein kann, bzw. konrekt: christian kracht, das wüsste ich auch gerne. was ist denn nun das radikale an ihm – das (vermeintlich) beliebige seiner haltung? haben wir hier jemanden, der der beliebigkeit in unserer zeit konkretes profil verleiht und einen namen gibt: new wave? ist das sein großer beitrag? ich selbst habe das buch bislang nur gescannt und sein nordkorea-kompendium arbeite ich gerade durch (meine rezension erscheint in der camera austria), aber soviel ist sicher: wir leben in einer zeit, in der ein schriftsteller nur so gut ist wie seine leser/krtiker/rezpienten. in der mir bekannten rezeption finden sich wenig wirklich schlagkräftige argumente, geschweige denn überzeugende argumentationen FÜR diesen christian kracht. ich weiss nicht, was mir mehr abstösst auf den zweiten blick: seine arrogante haltung oder die ignorante rezeption.

    in dem sinne: schade, dass “Wie radikal ist ein Schnösel?” sich nicht mehr platz genommen hat um seine durchaus interessante position zu entwickeln.

  3. 3 Aram

    krachts “radikalität” besteht wohl eher in seiner nervig pubertären provo-haltung: so wie man früher als teenager stalin toll fand, um die linksliberalen eltern zu schocken, findet man heute eben die nordkoreanische diktatur klasse. schock horror. verzweifelt versucht der schnösel kracht, aus seinem eigenen ästhetizismus auszubrechen, indem er sich auf die seite des bösen schlägt – aber wahrscheinlich ist das auch nur ein weiterer auswuchs seines gänzlich apolitischen ästhetizismus. krachts äußerungen zu dem thema finde ich jedenfalls ähnlich nervig wie zizeks lenin/stalin-pakt …

  4. 4 m.a.c.k.e.

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  5. 5 dissident

    Kracht kracht nicht einmal. Vielleicht zeige ich nur meinen Neid auf, nicht aus dieser behüteten und gesitteten Gesellschaft zu entstammen, in der alles möglich ist und der Sinnzerfall vorherrscht – ich werweisse ja nur -. Soviel, dass ich dieses Wissen eigen nennen könnte, weiss ich immerhin, dass den Golfer langsam die Bälle ausgehen, im Gleichschritt mit ihrer Behinderung, jeden Schuss zu verfehlen, mit dem sie Anklage erheben wollen für ein Ding (meinetwegen ein System), welches sie ernährt.

    Nein, nein und nochmals nein. Kracht liest sich nicht, Kracht ignoriert es sich und man wacht, bis er und seine Kohorte aussterben, Kinder kriegen oder wieder den Konformismus predigen. Aja. Dank Selbstironie verkommt auch ein Kracht zu Wichtigkeit eines mutmasslichen Wichtes.

    Gezeichnet,
    DER DISSIDENT
    der Enthauptete

  6. 6 mrs. bunz

    Nein Aram, da ist Kracht geschickter und weitaus komplexer. Er findet die nordkoreanische Diktatur eben nicht einfach nur klasse. Darum geht es in diesem Text auch gar nicht. Es geht um Simulation – sehr seltsam, warum sich niemand im Feuilleton die Mühe gemacht hat, diesen Aspekt mal deutlicher auszugraben.

    Einerseits geht es um die Simulation einer Reise. Ich meine: Das Buch heißt “Die totale Erinnerung”, da sollte man sich schon mal fragen, wie total die Erinnerung ist. Ich habe kurz dem Leiter des Goethe-Instituts in Soul, Jürgen Keil, gemailt, weil ich ihn zufällig kannte und neugierig war. Goethe unterhält auch einen Lesesaal in Pyongyang, aber dem Leiter war von einem Besuch von Christian Kracht nichts bekannt. Überhaupt: Was in dem Text berichtet wird, kann man auch im Netz und so weiter erfahren, das steht teilsweise sogar auf der Website des Auswärtigen Amtes. Und die Fotos des Bildbandes sind dermaßen entpersonalisiert, dass man für die auch nicht dortgewesen sein muss. Trotzdem – und das ist ja irgendwie das Spannende – ist die Reise nicht einfach ein “Fake”, denn im Grunde ist es für den Text egal, ob Christian Kracht da war oder nicht. Der Text balanciert vielmehr geschickt auf der Linie. Allein diese Balance hinzukriegen ist erstmal schön, finde ich.

    Und Simulation passt einfach. Ein Land, das auf Simulation aufbaut, trifft auf einen Text, der auf Simulation aufbaut, und streift eine Bedrohung, die eventuell auch auf Simulation aufbaut – tatsächlich haben sich die Wissenschaftler ja gefragt, ob der Atombombentest jetzt überhaupt echt gewesen ist. Da hat man doch endlich mal wieder jede Menge zu tun, versucht rumzuräumen, stellt fest, dass Kategorien nicht passen, das ist doch prima.

    Außerdem muss ich sagen: Die Sprache von Christian Kracht sitzt passgenau. Er schreibt das präziseste Deutsch, das man dieser Tage lesen kann. Sehr klar. Die Worte sind niemals in sich selbst verliebt. Was man vielleicht nicht immer zu seiner Position sagen kann, aber egal. Soweit erstmal.

  7. 7 straub-huillet

    aha. neo-bürgertum ist toll und kracht auch – lustig. ohmei ohmei.

    wen interessieren schnösel überhaupt?

    versteh das alles nicht, kann aber auch an mir liegen.

    sh

  8. 8 dissident

    Dies erinnert mich an die französische Ideengeschicht,die zuweilen auch behauptete, alles seien nur Simulationen …

    Frau Bunz:

    Möchten wir uns verlinkten? Ich könnte dir als Linkhure eine neue Zielgruppe aus der Schweiz verschaffen, in der doch so viele träumen, nach Berlin auszuwandern. Sie wären für die dann schon ein Begriff und diese würden sich dann sicherlich für ihre Werke in Berlin interessieren. Dann müssten sie endlich nicht mehr die urbanen Penners manifestieren.

    PS: Der Linkaustausch beruht nur auf Gegenseitigkeit!

    DER DISSIDENT
    der intellektuelle Unterschichtler

  9. 9 la deutsche vita

    Kracht ist schwer zu beschreiben. Wie bei den meisten wirklich großen Schriftstellern liegt man mit jedem noch so treffenden Wort immer knapp daneben. Er trägt eine intellektuelle Tarnkappe von Prada und sitzt gelangweilt grinsend auf der Schulter des verzweifelten Feuilleton-Redakteurs, der die Schublade nicht aufkriegt, in die er ihn gerade stecken wollte. Kracht kracht. Manchmal jedenfalls. “Der gelbe Bleistift” ist genial. “1979″ ist unergründlich. Und “Faserland” reduziert die gesamte, auf 150 Seiten Deutschlandreise angestaute Erleichterung, endlich dieses Land verlassen zu haben, in der Beobachtung, dass auf den Türen öffentlicher Gebäude jetzt nicht mehr “Drücken” steht. Schön dass es ein neues Buch gibt. Ich hatte ihn schon vergessen.

  10. 10 dreta

    frag mich eher ob ein/e schriftstellerIn in der heutigen zeit so gut ist wie sein/ihr verlag

    der autor : ruf, bild, modell von … anstatt projekt

    das klare und präzise … sicher der ausdruck deutscher verliebtheit in systematik

    das klare und präzise deutsch – das hat ne nähe zum fundamentalen und fundamentalistischen … redaktionscodex

    andererseits ist es ärgerlich wenn vor worten oder zugunsten von wortmaschen die inhalte nicht stimmen, dann, wenn die inhalte gerade angesteuert werden und konstitutiv sein sollen

    kracht nicht gelesen, aber klingt wie typisch (ruf, bild, modell) contemporary

    nationalsprachen verschenken zu viel … das ins aspekt zu bringen wäre heute weltoffen … in den grammatiken stecken die weltsichten, in den tempusmarkierern und präpositionen (wenn ich an swahili denke, an oromo, chinesische sprachen) … keine kleinen buffetabstauber, sondern wesentlich weiter reichende immanenzen im kleinen und großen … relativität

    da ist mir das deutsche, das über nordkorea spricht oder ägyptische buffets kleinsprache …

    lieber infinit … keine totalen erinnerungen, keine erinnerungen … die dazu aus einem zentrum kommen, der linienstraße zu berlin …

    keine orte … keine orte … keine räume … keine keine … offenheiten …

    der diskurs hier um kracht scheint mir nicht grad weiter entfernt als die literarischen diskurse im meister und margarita bzw des verhandelns von literaten und literatur dort, also realsatire dort und daraus hier … womit der kracht´sche kanon für mich vermutet wäre inkl der rezeption …

    karl may scheint die damaligen web pages (nachschlagwerke und lexika und reiseberichte usw) ähnlich genutzt zu haben wie kracht das web … arno schmidt findet im may´schen werk jedoch eine topografie, die als immanenz zu verstehen wäre … eine topografie, die über die deutsche sprache allein weit hinaus reicht und allgemein gültig wird … sachsen goes via projektion worldwide und worldwide passt auf sachsen in den übertragbaren topografischen einzelheiten … may übersieht bloß einen kleinen punkt, weil einstein den noch nicht entdeckt hat … die ufer von gewässern erodieren auf der nordhalbkugel tendenziel auf der rechten seite, während die auf der südkugel links tendieren … wenn man das nicht weiß, hilft der ganze simulationsversuch auch nicht … der begriff simulakra passt dann besser als der begriff simulation, denn krafcht scheint sich eher an medien zu orientieren bzw an medialer vermittlung, also noch eher intermedialität anstatt simulation inkl etwaiger schnittmengen … was hilft die surrealität, wenn das wasser auf der falschen seite erodiert … kracht ist viel eher konstruktivist und welterzeuger … ruf, bild, rolle eben … die texte klone davon …

  11. 11 Mathias Richel

    Reflexhaftes Scheiße-Finden vieler Einzelner ist auch ein klassisches Merkmal der Popliteratur. Natürlich bewegen sich Kracht und Freunde in Welten, die vielleicht für viele verborgen bleibt. Wahrscheinlich ist das sogar ein Attitude dieser literarischen Bohemé. Nur warum kann man nicht akzeptieren, dass die Popliteratur vielleicht die Autoren-Sprache der Jetzt-Zeit ist? Und vielleicht ist das oft bemühte Marken-Dropping (ja ein klassisches Element der Popliteratur und das nicht nur bei Kracht), auch nur ein Spiegel für das, was “da draußen” tagtäglich passiert. Ob im kleinen mit dem richtigen Klingenton oder im Großen im Helmut Lang Zwei-Teiler.
    Wogegen lässt sich rebellieren, seit Mitte der Neunziger die Elterngeneration das Piercing für sich entdeckt hat und es en vogue ist, mit Tochter oder Sohnemann sich einen Joint im Wintergarten einzufahren?
    Vielleicht ist dann das beobachten und das akzeptieren, das kommentarlos aufzeigen und es ohne Bewertung wirken lassen, mehr noch vielleicht – aktiv dieses urbanen Bohemé zu pflegen, ja die größte Rebellion, die wir uns noch leisten können. Weil die Wahrheit meistens auch so herrlich weh tut.

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