Monthly Archive for November, 2006

Lost

Bei diesem Interview mit den beiden Produzenten der Serie “Lost” hat Nina Rehfeldt wahrscheinlich ziemlich viel Spaß gehabt. Und ich bin neidisch, hätte ich auch gerne gemacht. Ist am Ende dann zwar ziemliches Fachgesimpel, aber das zeigt, dass es okay ist, wenn die Gesellschaft in immer kleinere Fragmente zerfällt und nicht dazu verdonnert ist, sich gemeinsam “Wetten Dass..??” antun zu müssen.

Hoppla

An irren Tagen braucht es irrelevante Bemerkungen. Also. Auch eine Form des Älterwerdens: Früher habe ich ja Dinge mit Orangat und so Zeug drinnen keines Blickes gewürdigt. Rosinen? Nur pur. Und jetzt? Hilfe! Ich mag auf einmal Stollen! (Danke Ma!)

PS: Trotzdem bin ich auch heute noch der Meinung, dass die Traubennussschokolade ein herber Konzeptionsfehler gewesen ist. Und Achtziger.

Der Zukunft zuhören

Von Robert Lippok erwartet man ja gerne etwas melodiöses. Das hier ist aber Maschine. Also für Leute wie mich, die Technik gerne mögen. Kann man hier auch hören: 20 tolle Minuten für Leute, die es okay finden, wenn es mal nicht so frontal eingängig ist, sondern eben schwierig. Und daneben mal wieder Musik, die sich wirklich nach Zukunft und Science Fiction und nicht nach Techno-Retro anhört. Schön.

Über die Zukunft der Ideen reden

Carolin Emcke hat in ihrer Gesprächsreihe an der Schaubühne Lawrence Lessig und mich eingeladen. Worüber ich mich sehr freue. Ehrlich gesagt, fühle ich mich fast ein wenig geehrt, mit zwei so guten Leuten auf der Bühne sitzen zu können.

Koordinaten:
West-Berlin, Schaubühne, Sonntag, 12 Uhr. Kommt vorbei, wir geben uns Mühe.

Postkarte (Buenos Aires)

ankommen.jpgJetzt als Text: Schon etwas seltsam, es sich im Wirtschaftscrash der anderen gut gehen lassen zu können, vielleicht sind wir deshalb lieber Ubahn als Taxi gefahren. DDR-Besuchsgefühl: Es war wie damals, als man mit mir (noch klein) dort Teile der zurückgebliebenen Rest-Familie besuchte: Im Centrum konnte man (ich) so viel Spielsachen haben, wie man wollte. Alles was im Regal war, ging auf einmal. Aber – Problem, heute mehr als damals – vom Style her war es nicht so das eigene. Und in Buenos Aires gibt es sogar von Lacoste bis Dior dieselben Marken wie hier, die – das auch noch – im Gegensatz zu deren sonstigen globalen Einheitspreisen billiger sind. Bringt nichts, meist hängt leider nur die spießige Kollektionsvariation in der Gegend rum. Vielleicht eh doof, das Zeug von hier woanders zu suchen, aber wir stecken eben alle im festen Griff der Globalisierung, auch der eigenen: Abends bei PostPost im Goethe-Institut, als wir über Minimal plaudern, sehen die meisten so aus wie man selbst, man hört die gleiche Musik, man droppt die gleichen Theorie-Namen (Rancière, Boltanski und so). Ungefähr jedenfalls.

po.jpgAllgemein nochmal Mode (da haben wir, ich im Schlepptau von Mode-DEBUG-Redakteur JJ einfach endlos viel gesehen, alle Stadtteile durch von Palermo über Microcentro und Recoleta bis hin zu San Telmo): In Buenos Aires jedenfalls tragen die weiblichen Schaufensterpuppen Landleben-Hippie-Blümchen-Zeug, auf der Straße dagegen sind sie entweder einfach unauffällig angezogen (wie dieser Po) oder pflegen den klassischen süd-europäischen Schick der leichten Eleganz. Geht. Männliche Schaufenster zeigen dagegen das englische Landleben und schultern einen Sattel – heißt: Polo Ralph Lauren ist das höchste der Gefühle und ausnahmsweise auch dort genauso unbezahlbar teuer wie hier – In Argentinien leben kostet ja den Europäer sonst durch die Bank nur ein Viertel seines Geldes, was heißt Ubahn 20 Cent, Taxi 1-2 Euro, cafe con leche 60 Cent, ein richtig fettes gutes Steak (Lomo) in besserem Resto 4 Euro und das Hotel**** die Nacht 35 Euro.

supermarkt.jpg Daneben ist die Stadt irre laut, was ich mag. Immer. Gleichzeitig sind alle weniger hecktisch, freundlicher, gelassener, hilfsbereit. Davon könnte man sich hier eine Scheibe abschneiden, nur im Supermarkt, Disco eben, kriegt man die Krise, wenn das Abkassieren von nur zwei Leuten vor uns trotzdem dreißig Minuten kostet, weil alle ausführlich miteinander plaudern, nochmal irgendwas abwischen, aufstehen, was anderes erledigen und so weiter und die Ruhe weg. Bei uns auch. Aber auf der Straße staunen wir wieder: Die Armen, von denen es viele gibt, kommen nachts in die Stadt, sortieren als Cartonnieri den Müll und legen sich dann, bis ihr Zug zurück fährt, vor die Nobelgeschäfte schlafen, bis die aufmachen. Bei uns undenkbar. Und Armut – und das beeindruckt uns sehr – bedeutet da auch nicht automatisch Drogensucht oder Alkoholismus – was nicht heißt, dass es in Argentinien mit Armut keine Probleme gäbe [Siekmann&Creischer haben in ihrem Projekt Exargentina mehr dazu gemacht]. Auch aufgefallen: Es gibt in Buenos Aires außer Familie noch weitere Formen zwischenmenschliche Beziehungen. Männerfreundschaft, finden die etwa ganz toll. Aber auch sonst: Leute kennen sich, man grillt zusammen und begleitet sich durchs Leben.

teatro.jpgUnd hier? These, die am Kapitalismusvortragstag aufkam, als Lawrence und JJ mit mir den ganzen Tag selbigen diskutieren mussten: In Deutschland gibt es nur die zwischenmenschliche Struktur “Kleinfamilie”, sonst haben wir wenig an Modellen zu bieten, wie sich Menschen aufeinander beziehen könnten. Wir sollten mal wieder ein paar erfinden. Das Versprechen des Kapitalismus, das da hieß: Denk an deinen Vorteil, mache dich auf zu deinem individuellen Aufstieg und investiere das dann in das Einfamilienhaus deiner wackeligen Kleinfamilie, dieses Modell ist mit der Prekarisierung der Mittelschicht gescheitert, ist wohl klar. Der kann uns keine Familie mehr versprechen, Haus auch nicht, Pech gehabt Kapitalismus. Allerdings: Den kollektiven Aufstieg in die Mittelschicht, den die deutsche Linke rund um die Gewerkschaften damals dagegen gesetzt hat, den hat es gleich mit weg gerockt. Eh ein etwas seltsames Modell gewesen, selbst historisch. Zeit für Neues. Ich bin ja für Freunde. Die webt man dann in ein Netzwerk aus Arbeit, Respekt und Solidarität. Die immer ganz hoch halten. Wäre mal ein Anfang.

Musik, die man unbedingt umgehend wieder hören muss: Die 7 Minuten und 1 Sekunde “Somebody hold me” von Lawrence auf “The Absence of Blight” bei Dial 2003. Für dieses Stück mache ich vor der Welt glatt einen Knicks und sage Pete winkend danke.

Heute Querformate (wieder da, war toll!)

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Ein voller, lauter, netter, unhipper Moloch. Abgesehen vom Fleisch keine großen Besonderheiten. Irgendwie angenehm.

000_1513.JPGAuch so eine Frage, die neulich mitten im Raum stand: “Wie erfinde ich mir die Welt neu?” So geht das: Toll, dass es Wörter gibt im Leben. Kann man um alles herumwickeln, davor stellen, dazwischen schieben und dann sieht die Sache schon gleich viel besser aus. Denn die verschaffen einem Abstand und eine neue Einstellung. Das klappt. Zumindest klappt es immer dann, wenn die Bilder nicht dazwischen herumfuchteln. Aber man kann eben nicht alles haben. Jetzt erstmal Worte: Chapeau. Toll.

Jemand eine Empfehlung?

Da ich ja Sonntag in den Flieger nach Buenos Aires steige, um mich weit weit weg bei zwei Vorträgen dank des Goethe-Instituts endlich mal auszuruhen (und das werde ich tun, indeed): Jemand eine Empfehlung, was ich dort nicht verpassen sollte, falls ich doch mal was tun will?

PS: Jan Joswig und ich reden übrigens über Dinge mit “M”. Und Lawrence macht Musik.

I Minimal – alles anders

Wenn früher einer der Urväter von Minimal, Mike Ink, sich unelektronischer Popmusik wie von Prefab Sprout näherte, dann inkorporierte er sie in Technobeats. Mit der heutigen Annäherung sollen dagegen genau diese Technobeats ausgegrenzt werden. Wandert der Geist von Minimal in eine neue Popmusik? Es scheint so. In Deutschland ist Minimaltechno in seiner klassizistischen Hochphase. Die Musikredakteure Jan Joswig und Mercedes Bunz zeigen an einigen Beispielen, dass sich Produzenten wie Konsumenten darauf geeinigt haben, Detailverschiebungen statt Quantensprünge zu erwarten. Dieses sichere Plateau macht den Blick frei für Vorlieben, die man immer schon hatte, die aber nicht in den Blick der Produzenten gerieten, solange Minimal noch definiert werden musste. Ein Label wie Dial, elektronische Produzenten wie Richard Davis oder Jazzanova oder ein DJ Highfish entdecken plötzlich die akustische Langsamkeit für sich.

II Medien, Mainstream + Message
Wie sich Popkultur zur Krise der Linken positioniert

Was ist der politische Impact von Kultur? Ist da was? Denn eines ist klar: Das politische Konzept kultureller Arbeit ist in der Krise. Früher war Kapitalismus entfremdete Arbeit und bislang versuchte man, dieser Entfremdung durch selbstbestimmte, kreative Arbeit zu entkommen. Heute ist das anders. Kultur, Kunst und Pop sind mittlerweile genau das, was den Linken Probleme macht: Sie sind schon immer global, flexibel, kreativ und selbst bestimmt gewesen und entsprechen damit genau dem neuen Geist des neoliberalen Kapitalismus (vgl. Boltanski, Chipello). Hilfe, wir sind unser Feind!? Und warum ist Subkultur jetzt Mainstream? Jan Joswig und Mercedes Bunz gehen gucken, wie sich junge deutsche Künstler aus Streetart, Mode, Kunst, Medien, Musik und Design zu diesem Dilemma positionieren.





“Can you teach me how to fight?”








[Karen, war doch Junior Boys. Aber älteres Album, Last Exit, 2004. Und sogar nicht nur guter Song, sondern auch guter Satz.]



Ich nehme alles zurück (symbolisches Kapital)

Was aber passiert, wenn man das Versprechen der realen Welt verpasst, weil man immer glaubt, dass sie einen enttäuschen wird? Tja, dumme Sache, das. Deshalb: Ich tue Buße. Glaube, ich habe in der letzten Zeit desöfteren über symbolisches Kapital gelästert. Festgestellt, dass sich das Versprechen des symbolischen Kapitals, welches wir etwa in Bildung, PopKulturKunstWissen etc. investieren, nicht mehr auszahlt. Die Nase darüber gerümpft. Und so weiter.

Heute aber in doppelter Weise festgestellt, dass es umgedreht genauso wenig geht. Man braucht etwas, auf das man zusegelt, so am Horizont. Ne Perspektive. Früher sagte man da wahrscheinlich unglaublich kitschig “Hoffnung” zu. Heute heißt das dann post-struk-modern “Versprechen”. Bin ich ab sofort voll dafür. Denn nochmal: Was aber passiert, wenn man das Versprechen der realen Welt verpasst, weil man immer glaubt, dass sie einen enttäuschen wird? Ja was? Das hier zum Beispiel (schreibe ich so ähnlich in der nächsten zitty zum Thema “Armut”):

Nie war die ökonomische Situation dieses Landes und das Lebensgefühl der Deutschen weiter auseinander als heute. Wahnsinn, dass in einem Herbst, in dem die Konjunktur boomt, alle über Armut reden und Angst haben. Ökonomische und gefühlte Realität liegen meilenweit auseinander. Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist positiv, die Arbeitslosenzahl ist im letzten Monat auf den niedrigsten Stand seit fast vier Jahren gefallen. Im kommenden Jahr rechnet die Bundesagentur für Arbeit mit einem Überschuss von knapp 5 Milliarden Euro. Allgemein hat der Staat 2006 Mehreinnahmen von 20 Milliarden Euro erwirtschaftet und erwartet für das Jahr 2007 noch einmal 25 Milliarden. Die Lohnkosten sinken. Deutschland geht es großartig. Man steht – trotz Mehrwertsteuererhöhung – vor dem stärksten Konjunkturaufschwung seit sechs Jahren, wie unsere Wirtschaftsweisen bestätigen. Wir segeln in ein robustes Wirtschaftswachstum hinein. Und was machen wir? Haben Angst.

Irgendetwas kann da doch nicht stimmen. Deshalb gilt ab sofort die Parole: Realer Erfolg reicht nicht. Wir brauchen wieder mehr Versprechen. Versprechen sind super. Sollte man wieder mehr einsammeln. Die sind prima für die Zukunft, das eigene Leben oder ganz einfach auch praktisch für das nächste Wochenende. Bin dafür.