Monthly Archive for March, 2007

Wohin geht Pop?

pop1.jpg Sebastian Hinz hat im aktuellen Goon-Magazin zusammen mit Annika Schmidt grundlegend über Pop-Journalismus nachgedacht. Darüber, warum ausgerechnet Poschardt den Nerv der Pop-Debatte trifft, was der New Journalism damit zu tun hat, weshalb Adrian Kreye richtig beobachtet, dass Popleben in Europa eben nicht sämtliche Kulturkreise mischt (aber eigentlich: thank god!) und ob man sich selbst thematisieren soll.
Darüber nachzudenken, dafür gibt es Gründe, denn ja, Pop ist im Moment seltsam: Irre viel gute Musik, aber eine Popkritik, die seltsam “lost” ist. Weshalb eigentlich. Entweder das Feld Musik ist nicht mehr das entscheidende Testfeld der Gesellschaft, dann müsste man verschiedene Sachen, die Annika, Sebastian und ich mal besprochen haben, nochmal anders angehen. Oder das Schreiben über Pop ist auf die schiefe Bahn geraten und das Problem hat nicht die Musik, sondern der Journalismus. Hm.

Aufschwung? Ferien!

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Das ist ein Foto vom Wahlkampf 1998, das fiel mir neulich entgegen. Sieht man mal, was sich getan hat: Abgesehen von der neunationalen und zugleich seltsam-sozialistischen Ästhetik, auf die mittlerweile verzichtet wird, würde man heute “schöne Ferien!” definitiv nicht mehr wünschen. Eher “Viel Spaß bei der Arbeit!”

Europa hat am Wochenende Geburtstag. Finde ich gut. Bin Fan.

Hallo Bremen!

Am Dienstagabend reisen Johnny Haeusler, Kolja Mensing, Tanja Dückers und ich nach Bremen und reden als “Generation Laptop” bei der Arbeitnehmerkammer über ein Leben als, äh, “Digitaler Nomade”. Und freuen uns über Besuch. Ab 20 Uhr im Kultursaal der Arbeitnehmerkammer, Bürgerstraße 1.

Bei anderen vorbeischauen, mitunter beruhigend

caterinafake.jpgMitten im Zaudern, ob das wirklich so gut sei mit dem Bloggen oder ob mich die selbst losgetretene Sozialüberwachung nicht langsam zu sehr anstrengt, kam ich in Berkeley bei Caterina Fake vorbei. Mitbegründerin von Flickr, die in San Francisco lebt und wenn man verreist, guckt man sich ja immer gerne in seiner Umgebung um, das ist mit dem Internet auch nicht anders. Was soll ich sagen: Ihr Blog ist toll und hat mich mit dem Format wieder versöhnt. Dort stehen ziemlich gute Beobachtungen zu Unternehmenskultur frei von nichts sagender Managementsprache. Findet man ja selten. Außerdem lese ich gerne Überlegungen über Unternehmen. Das ist nicht nur wichtig, weil wir unser halbes Leben in Unternehmen verbringen oder zumindest damit, Dinge von ihnen zu konsumieren. Auch abstrakt sind Unternehmen einfach eine spannende Form, ähnlich wie Fußballmannschaften. Deren interne Dynamik, die flachen oder steilen Hierarchien, die Herstellung von guter oder bescheuerter Gemeinschaft, verschiedene Formen von Führung oder Evaluation, kurz das ganze Ding Unternehmenskultur – tödlich spannend. Und wird natürlich viel zu selten außerhalb des ökonomischen Feldes beachtet, klar.

Jedenfalls: Caterina Fake teilt allerhand Beobachtungen mit einem und das Herumstöbern durch ihr Blog war für mich in dem Moment genau das, was ich doppelt gebraucht habe. Auch wegen dem Zaudern mit der Welt. Dann zu merken: An Spitzen sitzen nicht nur Idioten, sondern ab und an auch Leute, die sind in Ordnung. Und man kann in dieser Welt auch was werden, wenn man okay bleibt und mit dem Freund auf dem alten Sofa rumlümmelt und sagt: Hey, das bin ich beim Sich-in-Schale-Schmeißen für die Gala (das Foto hier), dort sitze ich, äh ja nein wirklich, neben Bill Gates auf dem Weltwirtschaftsforum und da ist Stewart mit dem Hund auf dem Sofa. Weshalb, habe ich umgehend beschlossen, das sporadische Hineingucken in das Leben anderer Leute, das Blogs ermöglichen, doch nicht nur exhibitionistisch ist. Diese seltsame Form milchiger Transparenz macht ab und an richtig Sinn – abgesehen davon, dass man Gedanken ja nur wirklich durchformuliert und zu einem Ende bringt, wenn man schreibt. Und das Blog will immer wieder von einem, dass man das tut, weshalb das Format für mich eh gut ist, aber das ist noch ein anderer Punkt.

PS: Caterina Fake übrigens aufgefallen: Amtlich etablierter Sexismus in Deutschland.

Systeme

Stefan Niggemeier hat in seiner Teletext-Kolumne am Sonntag in der FAS “über diesen komischen Grand-Prix-Vorentscheid” “als öffentliche Entzauberungsmaschine” geschrieben, bzw. zugeguckt wie:

… diese jungen, auf Star geschminkten und geföhnten Frauen das wirklich meinen, wenn sie sagen: “Du kannst alles erreichen in deinem Leben, du musst nur dran glauben.” Sie hatten, das sah man, ganz fest daran geglaubt, sie hatten überhaupt nicht die Möglichkeit eingeplant, nicht gewinnen zu können, und es ist trotzdem passiert.

Und ganz am Ende steht dann folgender Satz, der mir bis heute im Kopf geblieben ist:

… dass es in dieser Welt eben nicht reicht, ganz fest an sich zu glauben, nicht einmal, wenn man dazu noch ganz hart an sich arbeitet.

Das wird hiermit in allen Ehren zum wahrsten Satz der Ausgabe gekürt. Außerdem gut dass hier, in Deutschland, sowas bemerkt und beschrieben wird, während das in den Vereinigten Staaten nie jemand schreiben würde, auch wenn es da so ist. Was man gerne vergisst, aus der Entfernung, da stimme ich Moni zu. Wobei ich die ja mag, die Vereinigten Staaten, das sollte man nicht falsch verstehen. Nur haben wir eben ein System, das man als ungerecht mitverantwortlich machen kann, und die haben nur ihr Individuum und das ist im Zweifelsfall eben selbst Schuld. Ich mag Systeme.

Ordnung der Popmusik 2.0

Mir gerade am Telefon mit T., der mir MySpace erklärt hat, klar geworden: Früher durfte man alles mögliche über eine Band sagen, nur nicht: “Die klingen wie … “. “Klingt wie” war immer eher schlecht, denn man war ja auf der Jagd nach dem eigenen Sound und, genau, Orginalität. Heute, in Zeiten von MySpace, Last.fm und Leute-die-diese-CD-gekauft-haben-haben-auch-Amazon ist alles ganz anders. “Klingt wie” ist jetzt nämlich die wichtigste Kategorie, um überhaupt gefunden zu werden. Finde ich ja faszinierend.

Ansonsten gibt es gerade eine Diskussion zum Status der Popkritik, hat man mir gesagt. Habe ich nachgeguckt. Selbst habe ich den Artikel von Diedrich Diederichsen in der taz erst überflogen, dabei aber umgehend schon mal festgestellt, dass ich Air immer ganz anders gehört habe. Viel französischer – ich glaube, ich mag Oberflächen, so prinzipiell eben. Darüber hinaus bin ich mir nicht ganz so sicher, ob es Sinn macht, eine Position so dermaßen aussen zum Kapitalismus zu suchen, wie DD es hier tut. Aber später mehr, vielleicht zumindest.

This wall must be destroyed, and it will fall.

Beim Recherchieren da vorbei gekommen und mich gefragt: Haben wir heute noch solche Sätze? Gut, wahrscheinlich macht man sich mit denen nur noch lächerlich. Schade eigentlich. Mit traumwandlerischer Sicherheit die bessere Zukunft vorhersagen, wie Underground Resistance damals, das hatte schon was.

Dann weiter gedacht, dass heute Revolutionen eben nur noch ökonomisch sind. Die drehen sich vor allem um die Senkung der Lohnnebenkosten und sowas. Aber halt, denn das stimmt ja gar nicht: Die Revolution war, wenn man es genau nimmt, schon bei Marx mehr von einer ökonomischen als von einer politischen Logik her motiviert. Trotzdem ist die digitale Revolution (und die gibt es) bei uns in Europa was, durch das man vor allem Arbeitsplätze einspart. Oder vor dem man die türkische öffentliche Ordnung rettet, indem man Youtube sperrt. Oder wegen dem man pseudo-vorsorglich den Bürgern wegen den Riots in den Banlieus das Veröffentlichen von Gewaltvideos im Internet verbietet. Irgendwas haben wir da falsch gemacht. Ich geh erstmal tanzen, zu Alex.

Schlachten

charlesdegaulle.jpg Beim Zwischenstopp in Charles de Gaulle hat mich hinterrücks die Vergangenheit überfallen, weshalb ich ziemlich schlechte Laune gekriegt habe. Im nächsten Flugzeug dann Gott sei Dank: Kriegsfilm! Meine Rettung, denn wie mies meine Laune wirklich war, wurde klar, als ich Clint Eastwoods “Flags of Our Fathers” am liebsten ohne Story als 90-Minuten-Dauerabschlachtung gesehen hätte. War mir irgendwie nahe.

Was lange Strecken von Kriegshandlungen angeht, ist der Film aber so schon okay. Hatte etwas Angst, dass der zu gutmenschen-mäßig sein würde, war aber eher down to earth, der Film. Richtig gut hinbekommen hat er die Darstellung der Eigendynamik eines Angriffs. Weil: Ideale spielen für das Sterben eigentlich keine Rolle, trotzdem ist man bereit, zu Hunderten an einem Strand zu verenden, denn das macht man aus der Situation heraus. Man fängt an, macht Verluste und damit die was anderes werden, d.h. kein Verlust, sondern ein Preis, den man zu zahlen hat, um zu gewinnen, macht man eben weiter. Auch wenn es fast ganz aussichtslos ist. Man hält sich lieber an den Resten einer Situation fest, anstelle die Sinnlosigkeit auf sich zu nehmen. Vielleicht ist man auch ganz einfach wütend und mag nicht aufgeben.

Restlos geschummelt ist im Film allerdings die Sache mit der Verwundung. Zwar fliegt ab und an mal ein abgefetzer Kopf durch die Gegend, aber soweit ich mich erinnern kann, schreit keiner wie am Spieß, niemand winselt jämmerlich oder macht sonst irgendwas fieses, was man so macht, wenn Dinge einem weh tun: einbrechen. Immer sterben alle für die anderen. Heimlich wird dadurch sowas wie Heroismus natürlich wieder eingeführt. Ist ja auch schön, Heroismus. Ist aber eben Heroismus.

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