Mitten im Zaudern, ob das wirklich so gut sei mit dem Bloggen oder ob mich die selbst losgetretene Sozialüberwachung nicht langsam zu sehr anstrengt, kam ich in Berkeley bei Caterina Fake vorbei. Mitbegründerin von Flickr, die in San Francisco lebt und wenn man verreist, guckt man sich ja immer gerne in seiner Umgebung um, das ist mit dem Internet auch nicht anders. Was soll ich sagen: Ihr Blog ist toll und hat mich mit dem Format wieder versöhnt. Dort stehen ziemlich gute Beobachtungen zu Unternehmenskultur frei von nichts sagender Managementsprache. Findet man ja selten. Außerdem lese ich gerne Überlegungen über Unternehmen. Das ist nicht nur wichtig, weil wir unser halbes Leben in Unternehmen verbringen oder zumindest damit, Dinge von ihnen zu konsumieren. Auch abstrakt sind Unternehmen einfach eine spannende Form, ähnlich wie Fußballmannschaften. Deren interne Dynamik, die flachen oder steilen Hierarchien, die Herstellung von guter oder bescheuerter Gemeinschaft, verschiedene Formen von Führung oder Evaluation, kurz das ganze Ding Unternehmenskultur – tödlich spannend. Und wird natürlich viel zu selten außerhalb des ökonomischen Feldes beachtet, klar.
Jedenfalls: Caterina Fake teilt allerhand Beobachtungen mit einem und das Herumstöbern durch ihr Blog war für mich in dem Moment genau das, was ich doppelt gebraucht habe. Auch wegen dem Zaudern mit der Welt. Dann zu merken: An Spitzen sitzen nicht nur Idioten, sondern ab und an auch Leute, die sind in Ordnung. Und man kann in dieser Welt auch was werden, wenn man okay bleibt und mit dem Freund auf dem alten Sofa rumlümmelt und sagt: Hey, das bin ich beim Sich-in-Schale-Schmeißen für die Gala (das Foto hier), dort sitze ich, äh ja nein wirklich, neben Bill Gates auf dem Weltwirtschaftsforum und da ist Stewart mit dem Hund auf dem Sofa. Weshalb, habe ich umgehend beschlossen, das sporadische Hineingucken in das Leben anderer Leute, das Blogs ermöglichen, doch nicht nur exhibitionistisch ist. Diese seltsame Form milchiger Transparenz macht ab und an richtig Sinn – abgesehen davon, dass man Gedanken ja nur wirklich durchformuliert und zu einem Ende bringt, wenn man schreibt. Und das Blog will immer wieder von einem, dass man das tut, weshalb das Format für mich eh gut ist, aber das ist noch ein anderer Punkt.
PS: Caterina Fake übrigens aufgefallen: Amtlich etablierter Sexismus in Deutschland.

Caterina Fake’s blog ist wirklich ein Lichtblick im Meer der Meinungen.
Ein kleiner Ausgeh-Tipp für SF übrigens ist das Shine (http://shinesf.com/). Dort steht ein Fotoautomat, wo sich auch Caterina ab und zu ablichten lässt:
http://www.flickr.com/photos/shinesf/91285211/
http://www.flickr.com/photos/shinesf/91345018/
Apropos “Unternehmen” und die Ähnlichkeit von Unternehmen als organisierte Form menschlicher Interaktion gemäß mehr oder weniger offener Regeln und die Analyse dessen außerhalb des ökonomischen Feldes. Zu diesem Thema empfehle ich den kurzweiligen und smarten (der Bildungshuber, Rollkragenunddickrandigeschwarzebrilleträger hätte hier “luzide und alert” hingeschrobt) Vortrag von Peter “Jabba the Hutt” Sloterdijk zum ” Weltmanagement im Kommunikationszeitalter”. Darin unterscheidet er très schön TEAM und GESELLSCHAFT. Das TEAM sei die arbeitsteilige, organisierte Kooperation Einzelner zum Zwecke der Verfielfachung der Wirkungsfähigkeit des Einzelnen, hingegen GESELLSCHAFT eher den Effekt habe, nicht die Bedingungen für die Möglichkeit etwas zu tun, zu entwickeln usw. verfielfacht, weiterentwickelt und verbessert, sondern eher konsumtiv, Energie abziehend sei.
“Ein Team definiert sich eben dadurch, daß der einzelne in ihm zusammen mit anderen klüger wird. Wir sollen uns im übrigen nicht davon abschrecken lasen, daß der Teambegriff umgangssprachlich vor allem für Mannschaftssportarten eingesetzt wird in unserem Zusammenhang ist natürlich von kognitiven Teams die Rede, die strategische Spiele auf ökonomischen, politischen und wissenschaftlichen Feldern gewinnen möchten. Wo Teambildung gelingt, dort erhalten wir einen Beweis dafür, daß das Zuspiel von Intelligenz zu Intelligenz in einem gemeinsamen Steigerungsprojekt tatsächlich möglich ist.
In den meisten Fällen jedoch sind menschliche Intelligenzen nicht teamhaft zusammengesetzt Menschengruppierungen ohne Teamqualität nennen wir Gesellschaften. Für Gesellschaften ist es typisch, daß ihre Mitglieder sich gegenseitig trivialisieren und berechenbar machen.
In Gesellschaft benutzen die Einzelnen ihre Intelligenz in der Regel dazu, sich gegenseitig zu kontrollieren und zu verdumpfen. Man könnte soweit gehen zu sagen, daß alle Geistesgeschichte den Kampf zwischen Teameffekten und Gesellschaftseffekten darstellt.
Den Test auf diesen Unterschied können Sie mit einfachen Mitteln selber machen, wo auch immer Sie sich befinden. Wenn Sie zusammen mit anderen klüger sind als allein, so sind Sie ohne Zweifel in einem Team. Sind Sie allein klüger als mit anderen, so sind Sie in Gesellschaft.”
Groß!
http://www.petersloterdijk.net/german/topoi/weltmanagement.html
@ ralf kellershohn:
‘…in unserem Zusammenhang ist natürlich von kognitiven Teams die Rede, die strategische Spiele auf ökonomischen, politischen und wissenschaftlichen Feldern gewinnen möchten.’
wenn man schon an das gewinnen denken muss und sich gerade unbedingt auf diese 3 felder beschraenken moechte und von ’strategischen spielen’ redet wo es um kriege geht erscheint der zusammenhang dann eben auch nur noch ‘ganz nett’… der etwas flache eindruck entsteht warscheinlich gerade durch das kognitive mitarbeiten an dem ganzen fiesen gemache des ‘Weltmanagements im Kommunikationszeitalter’
‘Sind Sie allein klüger als mit anderen, so sind Sie in Gesellschaft’
…oder auch einfach ‘jenseits von gut und boese’ und in gesellschaft mit ihrem selbst!
gruss!
Hallo Mercedes,
eben war ich im Blog von Mario Sixtus als mein Blick beim Lesen in seine Blogroll abschweifte. Da las ich Deinen Namen und dachte, da schaue ich mal rein.
Und wieder einmal bin ich fasziniert, wie so ein Blog einem die Person näher bringen kann und ich kann Deinen Zeilen im obigen Text wirklich nur zustimmen.
Spontan machte ich daraus einen kleinen Text für meinen Blog. Ich schreibe zwar erst seit dieser Woche und tendenziell eher für den schwäbischen Mittelstand (!), aber denen schadet es auch nicht, wenn sie mal über den Namen Mercedes Bunz stolpern, oder?