Monthly Archive for May, 2007

Schöne neue Welt (leider mit Flecken)

bananarepublic_kl.jpgSci-Fi-Office voraus: Ein unglaubliches Bild, mit dem Banana Republic in den Staaten gerade wirbt. So sieht die aufgeräumte multikulturelle Büro-Gesellschaft der Zukunft aus. Upfront und wiederlich. Obwohl man lokale Firmen vor Ort ja unterstützen soll und Banana aus San Francisco kommt, konnte ich nach diesem Bild da nichts kaufen, geschweige denn in deren Läden reingehen. Wahrscheinlich habe ich was verpasst.

Ausgeglichen habe ich das mit der Schwesternfirma GAP, deren Klamotten zum Abhängen optimal sind. Und ich bin Fan von Abhängen, also habe ich welche gekauft. Zu große Longsleaves und Boyfriend-Trousers, von denen ich bis heute noch nicht rausbekommen habe, wieso die so heißen. Weil sie aussehen, als hätte man sie dem Boyfriend geklaut? Weil der Boyfriend sie einem klaut? Oder weil der Boyfriend mit denen ein einfaches Spiel hat? Echt keine Ahnung.

Mit denen gibt es allerdings ein seltsames Problem, von dem ich gerne mal wissen würde, ob das nur mir so geht. Das wäre: Bei mir kriegt alles von GAP sofort Flecken. Und zwar grundsätzlich. Ich habe das jetzt eine ganze Weile studiert. Gut, jetzt bin ich a) nicht die vorsichtigste Person (daran ist der sorgfältige Ex-Boyfriend öfter mal verzweifelt) und b) eh immer der Meinung gewesen, dass man ein Channel-Kostüm (nicht dass ich eines hätte) nur tragen sollte, wenn man bereit ist, sich mit dem im Sand zu wälzen. Falls es mal angebracht ist. Weil sonst lässt man sich ja vom Luxus terrorisieren. Aber trotzdem lebe ich prinzipiell relativ fleckenfrei – außer ich trage GAP. Pfingsten zum Beispiel.

Es ist verlängertes Wochenende, ich muss trotzdem ins Büro, weil bald Relaunch (kommenden Freitag, glaube ich, vielleicht auch erst Montag). Um wenigstens ein bisschen Entspannungsgefühl zu bekommen, denke ich mir: Rumhänge-Klamotten. Gemacht, getan. Doch kaum auf dem Weg, springen alle Fleckmöglichkeiten hinter mir her und setzen sich in die hellgrauen, hellblauen, hell-irgendwas Stoffe hinein. Und gehen auch nicht mehr raus. Offensichtlich haben sie beschlossen, mich zu begleiten. Ist das normal? Ein Trick von GAP, damit ich bald neue kaufe?

Meine augenblickliche Antwort auf das Problem, ist der Versuch, das mit Würde zu tragen. Als nach der Arbeit beim Einfangen der letzten Sonnenstrahlen die Freundin quer über ihren italienischen Milchkaffee fragt: “Netter Pulli, woher hast du den?”, antworte ich. “Von GAP. Sieht man doch an den Flecken.”

Kunst gucken

joecole.gifWas man lernt, wenn man der Freundin mit dem guten Geschmack die verschiedenen Morde vorlesen muss, die Joe Coleman, hier links im Bild, in Miniaturmanier abgebildet hat, weil Freundin Fan von Serialkillern und sehr weitsichtig. Ich also zwei Stunden in den KW Tötungsarten vorlesend im Einsatz, weiß jetzt: Ein anständiger Serialkiller will Leute nicht quälen, da ist man nur lahmer Saddist, sondern sie aufteilen und sich aneignen. Einverleiben also.

Seltsame Ausstellung: Solange man noch nicht merkt, dass die Arbeiten mehr Obsession als Kunst sind, ist es richtig gut. Der untere Raum voller Wachsfiguren zwischen Medizin, Religion und Kriminologie hält angenehm die Waage zwischen Skulptur und Theatralität, Ekel, Event, Entdeckung und ethnologischem Blick. Gut, Splatter und Stinkemumien machen natürlich auch einfach Spaß, weil man kann quietschen.

Die kleinteiligen Bilder, die in mittelalterlicher Miniaturmanier die Leben der Mörder erzählen, sind dann erstmal lange toll, aufwendig auch, irgendwann aber zu redundant. Auf dem Weg durch die Ausstellung mutiert folglich, was man erblickt: Weil sich zwischen Stockwerk 1 und Stockwerk 2 nichts entwickelt, verschiebt sich das Ganze von guter Kunst in eine hochqualitative Obsession. Wahrscheinlich hätte man weniger ausstellen sollen.

Und dann der Höhepunkt: Bei Gunter Reski im Pavillion vor der Volksbühne vorbeigeguckt. Nicht nur weil KN die Welt ab und an deutlich begeistert, hat er beim Durchblättern des Katalogs beschlossen, dass eine Reski-Retrospektive besser gewesen wäre. Tatsächlich ist das mit Sicherheit bald notwendig. Ist einfach zu gut, das, poetisch, malerisch und auch konzeptionell. Eben umfassend überzeugend. Quasi: Wir raten zum Kauf, bevor die Preise explodieren.

Im Rest des Sommerabends haben alle dann begonnen, an Tannenzäpfle herumzubaumeln und den Diskurs zu kraulen. Festgestellt wurde, dass wir die letzte Generation mit Gegner gewesen sind, wobei GR darauf bestanden hat, dass er gar nicht meine Generation sei. Vielleicht hat er Recht. Wenn man sagen kann: “Während wir vor allem gegen die Macht gearbeitet haben, arbeitet man heute vor allem nach vorne (für sich, seine Karriere)”, dann wollte ich diesen Gegensatz noch nie wirklich akzeptieren. Dass “vorne” “dagegen” ist, daraufhin sollte man bestehen, mal länger wahrscheinlich, also später dann.

Im Gespräch mit MT, die wiederum tatsächlich weder GRs noch meine Generation ist, wurde immerhin klar, dass Widerstand heute ist, wenn man anstelle der Karriere einen Umweg macht. AL hatte den nötig, der kam mit hängender Fahne aus dem Olympiastadion. CG dagegen findet den nicht gut, weshalb er über seinem Glas Rotwein hinweg erzählte, wie die neue Form der Macht in der Volksbühne angekommen ist und darauf bestand, dass sich dieser Tage jede Menge verändert. Auch mal was Neues. Im Normalfall erzählen einem ja alle, es herrsche Stillstand, weshalb es sonst immer meine Aufgabe ist, die Menschen davon zu überzeugen, dass gerade jede Menge passiert, Revolution quasi.

mantel_kuss.jpg

wigman.jpg

todo

Dringend intoleranter werden.

Anziehen, gar nicht so einfach

goransundberg.jpg Recherchiere gerade, weil das mit meinem Kleidungsstil funktioniert nicht mehr. Finde aber nur coole Jungs-Seiten. Kunststück, wenn der beste Freund der DEBUG-Moderedakteur ist.

Das Problem jedenfalls geht so: Früher wohnte ich in der Popkultur, da konnte man gut Perlenketten-schwingend (thanx Mum!) durch die Gegend laufen und die Umgebung mit Zitaten von Eleganz beunruhigen. Jetzt wohne ich im Großraumbüro, also haben sich die Verhältnisse verkehrt. Rumhängen kann ich da natürlich, wie ich will. Ich will aber nicht irgendwie, ich mache die Sachen gerne richtig. Auch das Anziehen.

Was heißt: Stilistisch muss sich eigentlich jetzt alles umdrehen. Entweder die Grundausstattung muss aussehen wie Büro, sich dann aber nicht einfügen. Oder sie ist Clubkultur, die jedes klassische Bürooutfit schlägt.

Für Jungs gibt es das. Goran Sundberg zum Beispiel. Von dem ist auch das Foto oben, würde ich gerne in meiner Umgebung auch mehr sehen, sowas, wobei mir selbst das Outfit für das tatsächliche Tragen schon wieder zu sehr Mode-Mode ist. Ich bin ja, was das angeht, zugleich ehrgeizig und faul, was heißt: ich hatte mal ein Cape in den Achtzigern, mit kalter Luft von unten und dafür gut Aussehen – eher anstrengend.

Bleibt also nicht viel. APC macht gerade so auf Puff-Ärmel-Mädchen. Nicht so meins. Filippa K, wenn die mal Sachen machen ohne Dreiviertel-Arm (weil nervt). Und Fred Perry natürlich. Preppy par excellence. Natürlich. Jemand noch eine Idee?

In Zürich gewesen und Preppies geguckt. Mochte das, Zürich. Und Preppies, die auch.

Grundgesetz vs. Independance

Morgen hat unser Grundgesetz Geburtstag und anlässlich dessen fällt den Politikern ein: Für das Internet könnte eigentlich auch das Grundgesetz gelten. Bis zum Ende der Legislaturperiode, 2009 ist das allerdings erst, gelte es, ein Grundrechtkatalog für das Internet zu erfinden, sagen sie hier. Wobei die Parteien sich endlich mal wieder wohlerzogen benehmen: Die Linkeren rufen nach Freiheit, die Rechteren nach Ordnung. Tatsächlich braucht es das wahrscheinlich, ein Grundgesetz, auch wenn das ein Ende der Declaration of Independence of Cyberspace wäre. Aber Cyberspace, eh ein schlimmer Begriff, auf den man scheußliche Sachen projiziert hat. Und dieser seltsame Traum damals, von einer virtuellen unabhängigen Welt ist ja sowieso vorbei. Also Grundgesetz. Warum nicht.

Toussaint, ach wie schade

toussaint_fontaine.jpg Gerade die letzte Seite des neuen Jean-Philippe Toussaint “Fliehen” (Fuir) gelesen. Jetzt entsetzt. Wie konnte das passieren, dass jemand, der Romane wie “Das Badezimmer” oder “Der Photoapparat” geschrieben hat, dermaßen ins Mittelmaß mutiert?

Gut, immer noch schöne Sprache, aber das ganze Setting, auf das die Sprache aufsetzt: Schlimm. Blöde Metapher für das Ende einer Liebe, entsetzliche Frauenfigur mit der ebenso überemotionalen wie erfolgreichen Modeschöperin Mari, doofe pseudo-hippe Ortswahl (Shanghai/Louvre), überflüssige Sexszenen, die kein Mensch braucht. Einzig die Klammern, die ab und an in die Sätze gestreut werden, sind immer noch schön. Nutzt man sich im Laufe des Lebens ab? Scheußliche Vorstellung.

Post bekommen

“Aktueller Stand Ihrer Rentenversicherung zum 01.05.2007:
Leistung bei Tod:
für die Bildung einer Rente zur Verfügung stehendes Kapital.

In der Leistung bei Tod ist eine Schlussüberschusszahlung in Höhe von 16,30 EUR enthalten, die nur für das laufende Versicherungsjahr garantiert ist.”

Aha.

Subventioniert die Medien, meint Habermas. Aber ist das die Rettung?

Ich bin überrascht. Ansonsten ist meine Haltung Habermas gegenüber eher distanziert. Den Essay heute in der Süddeutschen “Keine Demokratie kann sich das leisten” finde ich einen wichtigen Beitrag, wenn auch seltsam alt-ehrwürdig – und schön genau darin. Und darum geht es: Anläßlich des möglichen Verkaufs an profitsüchtige nationale oder internationale Heuschrecken, nenne ich das jetzt mal, denkt Habermas über eine Subventionierung von Zeitungen nach, weil Qualitätsjournalismus für ihn eine wichtige Kontrollfunktion in der Demokratie einnimmt.

Da wäre einiges zu zu sagen. Zum Verhältnis von Medien und Märkten, denn letztere werden uns ja immer gerne als Ur-Moment der Demokratie selbst verkauft. Aber auch zur neuen Rolle der Leser, die das, was man so Qualitätsjournalismus nennt, nicht immer so schätzen. An der schleichenden Boulevardisierung der Online-Ausgaben großer Zeitungen kann man das genau sehen.

altpapier1.JPG Hier wird dem nachgegeben, was am meisten geklickt und damit gefordert wird – bunte Meldungen. Tatsächlich diskutieren wir in der Redaktion derzeit oft, wie wir mit dieser sehr eindeutigen Tendenz umgehen, aber davon bald an anderer Stelle. Zurück zum Argument: Denn interessant hier ist ja, dass nicht nur Märkte die journalistische Qualität nicht mehr schätzen, sondern eben auch die Leser. Punkt zwei, der bei Habermas zu kurz kommt, wäre also: Bedrohen die Leser die Zukunft der seriösen Zeitung? Auch darüber sollte man nachdenken, ohne Scheuklappen. Doch ob Subventionierung die Lösung für mehr Unabhängigkeit ist? Ich weiss nicht. Doubt that.

Jüngerer, d.h. also auf jeden Fall lebendiger rechtsliberaler Intellektueller gesucht. Sollte pointiert schreiben. Any idea? Wir waren am Telefon gestern etwas ratlos.

Make yourself intense (designmai)

spcaetimeperversion.jpgEigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mal ein paar einfache, kurze, poppige Postings zu machen und nicht immer den schwierigen philosophischen Kram. Andererseits wollte ich das Interview hier schon länger verlinken, weil ganz interessant. Und jetzt der Anlass: Vor der Eröffnung des Design Mai schnell noch ein paar Worte der australischen Philosophin Elizabeth Grosz zu Kunst und Intensität:

“Darwin talks about two fundamental processes that regulate all of life; one is natural selection and the other is sexual selection. Natural selection is about survival, and sexual selection, for him, is largely about reproduction or about sexual seduction. And what I think is the origin of art, basically, is that impulse to seduction.

So I take it that all forms of art are a kind of excessive affection of the body, or an intensification of the body of the kind which is also generated in sexuality. So it’s something really fundamentally sexual about art, about all of the arts, even though they’re very sublimated. What art is about is about the constriction of the materials, so the materials then become aestheticised or pleasurable. … So this impulse to art is to not make oneself seductive but to make oneself intense…”

Normaler Weise finde ich das ja eher annoying, wenn die Menschen immer alles auf Sex zurückführen wollen. Aber der Twist, den Grosz hier macht, hat was, wenn auch ein bisschen wirr. Erst wird Kunst mit seduction, also Verführung, quergeschaltet. Nicht so spannend. Aber in dem Moment, in dem sie dann mit selection, Auswahl, argumentiert, trifft sie meines Erachtens einen wichtigen Punkt: Kunst auf die Verdichtung des Materials zurückführen, to make it intense. Nur wozu braucht es hier eigentlich Darwin, fragt man sich. Hm.

Aber Darwin braucht es. Zum Beispiel um darauf zu verweisen, wie fundamental diese Tätigkeit ist. Und das ist sie, merkt man immer wieder beim Musik hören. Design bewundern. Bilder angucken. Fundamental wichtig für das Leben, man muss sich ja irgendwo festhalten. Und auch erstaunlich alt. Außerdem, lässt J. gerade dezent urlaubsgebräunt durch das Telefon ausrichten, klingt sexual selection eben einfach besser als sexual seduction. Hat sie recht.

So let’s have a look how intense that is: DESIGNMAI OPENING: 11. MAI, 20h im DESIGNMAI Forum, Spandauer Str. 2, 10178 Berlin.

Zwei Diskursverschiebungen erwischt

Heute mag ich meinen neuen Arbeitgeber besonders. Erstens forscht Axel Vornbäumen im Tagesspiegel anhand zweier richtig guter Bilder zur Ästhetik der Masse. Eines zeigt die 20 000 Nackten auf einem Platz in Mexico City, die der Künstler Spencer Tunick dort für eine Fotosession ordentlich aufgestellt hat, das andere den Thomas-Struth-artig dynamischen Aufruhr im Parlament in Taiwan. Und erwischt damit genau eine Grenze, Vornbäumen, meine ich. In Taiwan sieht Politik wie Kunst aus und in Mexico bekommt die Kunst über die Masse an Menschen und ihre gleichmachende Nacktheit etwas Politisches.

Auf der gleichen Seite (eins ist das) überlegt Peter von Becker, ob die Empörung um das Doping von Basso nicht scheinheilig ist. Mittlerweile dopt sich doch die ganze Gesellschaft, wirft Pillen beim Lernen für Prüfungen, schnippelt an sich rum beim Älterwerden, optimiert sich in der Ernährung. Also let’s go. Tatsächlich hat sich da was geändert: Von der Flucht zur Optimierung durch Drogen. Denn klammern wir mal Heroin aus, dann nimmt man Drogen heute ja nicht mehr, weil man die Gesellschaft anders nicht ertragen kann, sondern damit man besser in ihr funktioniert. Alles einfach geht. Man mehr Spaß hat. Klare Beobachtung und in gepflegter Kultursprache, aber ohne Kulturpessimismus. Jetzt nur noch ein neues Layout von unsere Homepage, dann wird alles gut. Ist aber auch notwendig.

PS: Das Interview mit der französischen Schriftstellerin Benoîte Groult („Finden Sie String-Tangas bequem?“) von letztem Sonntag ist übrigens ebenfalls lesenswert. Coole Person.