Subventioniert die Medien, meint Habermas. Aber ist das die Rettung?

Ich bin überrascht. Ansonsten ist meine Haltung Habermas gegenüber eher distanziert. Den Essay heute in der Süddeutschen “Keine Demokratie kann sich das leisten” finde ich einen wichtigen Beitrag, wenn auch seltsam alt-ehrwürdig – und schön genau darin. Und darum geht es: Anläßlich des möglichen Verkaufs an profitsüchtige nationale oder internationale Heuschrecken, nenne ich das jetzt mal, denkt Habermas über eine Subventionierung von Zeitungen nach, weil Qualitätsjournalismus für ihn eine wichtige Kontrollfunktion in der Demokratie einnimmt.

Da wäre einiges zu zu sagen. Zum Verhältnis von Medien und Märkten, denn letztere werden uns ja immer gerne als Ur-Moment der Demokratie selbst verkauft. Aber auch zur neuen Rolle der Leser, die das, was man so Qualitätsjournalismus nennt, nicht immer so schätzen. An der schleichenden Boulevardisierung der Online-Ausgaben großer Zeitungen kann man das genau sehen.

altpapier1.JPG Hier wird dem nachgegeben, was am meisten geklickt und damit gefordert wird – bunte Meldungen. Tatsächlich diskutieren wir in der Redaktion derzeit oft, wie wir mit dieser sehr eindeutigen Tendenz umgehen, aber davon bald an anderer Stelle. Zurück zum Argument: Denn interessant hier ist ja, dass nicht nur Märkte die journalistische Qualität nicht mehr schätzen, sondern eben auch die Leser. Punkt zwei, der bei Habermas zu kurz kommt, wäre also: Bedrohen die Leser die Zukunft der seriösen Zeitung? Auch darüber sollte man nachdenken, ohne Scheuklappen. Doch ob Subventionierung die Lösung für mehr Unabhängigkeit ist? Ich weiss nicht. Doubt that.

11 Responses to “Subventioniert die Medien, meint Habermas. Aber ist das die Rettung?”


  1. 1 RJ

    Ich befürchte, so wichtig das Thema auch ist, und so sehr es auf die politische Agenda gehört, dieser Text verpufft wie so viele andere, selbst wenn er von Habermas ist. Außerdem beschreibt er die Misere zwar akkurat (was in diesem Fall keine große Kunst ist), aber die Vorschläge der Subventionierung im Einzelfall und einer argwöhnischen Beobachtung des Marktes überzeugen mich auch nicht. Böswillig ließe sich der Text sogar so interpretieren: wenn nicht einmal Jürgen Habermas vernünftige Vorschläge hat, wie die unabhängige Presse wiederzubeleben wäre, können wir uns von dieser Hoffnung gleich verabschieden. Denn wie war das gleich mit Adorno? “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”.

  2. 2 Motorkurier

    Das Beispiel der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zeigt doch, dass diese trotz GEZ-Zwangsabgabe sich an den Privaten und dem Boulevard orientieren und darin leider auch verlieren. Dennoch eine GEZ für Zeitungen könnte einer uneingeschränkten Kapitulation vor dem Kapital der Dumpfen und der daraus resultiernden Verflachung immerhin ein wenig entgegen wirken, denn “nur journalistische Qualität setzt sich am Ende doch nicht durch”, wie Thomas Friemel exemplarisch zum Ende der Zeitschrift Player konstatierte.

  3. 3 Heiko Wichmann

    Boulevardisierung trifft eine offensichtlich vorherrschende Tendenz. Qualitätsjournalismus dagegen ins Feld zu führen hört sich verdächtig larmoyant, pauschalisierend kulturpessimistisch an. Ein bisschen wie vorauseilende Selbstverteidigung, a là: Die Leser wollen es ja nicht anders. Meiner Erfahrung nach gibt es für Sophistication, Diversifizierung und schlauer, klüger und kritischer werdende Rezipienten ebenso viele Indizien wie für Porno-fixierte, leichtgläubige oder mit Aufmerksamkeitsdefizit geschlagene Massen. Manche Tendenzen sind vielleicht nur schwieriger wahrzunehmen, zu messen oder zu verargumentieren.

  4. 4 mrs. bunz

    Naja. Sehe ich ja eigentlich auch so. 1. Ist Boulevardisierung die vorherrschende Tendenz. 2. Gibt es Sophistication und Diversifizierung aller Orten. 3. Kann es aber durchaus sein, dass die seriösen Tageszeitungen vielleicht nicht mehr der Ort sind, an dem Sophistication noch stattfindet. Jedenfalls nicht in der alten Form.

    Insgesamt muss das kein schlechtes Zeichen sein. Ich glaube ja, dass man als Tageszeitung einfach ein Stück weit standhaft bleiben sollte und zugleich eine neue Form der Sophistication erfinden muss. Nur: Was könnte das sein. Tja. Darüber denke ich dann mal beim Joggen nach.

  5. 5 RJ

    Klar gibt es Qualität aller Orten. Das Internet ist ideal dafür, auch wenn man ein bisschen suchen muss. Nur sieht Habermas darin auch ein Problem. Ich habe einmal in meinem Archiv[1] gestöbert. Habermas sieht einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, die durch eine Entformalisierung und Entdifferenzierung gekennzeichnet sei, wobei das Internet auch eine Rolle spiele. Das führe dazu, dass es kein gemeinsames Nachdenken mehr gibt, sondern jeder über etwas anderes nachdenke.

    [1] http://www.pickings.de/tiki-view_blog_post.php?blogId=11&postId=933

  6. 6 Peter

    Wer bestimmt eigentlich, was Qualitätsjournalismus ist? Die SZ, das Feuilleton, Herr Habermas? Bestimmt das nicht jeder Leser für sich selbst – auch, wenn das Ergebnis anderen nicht passt? Es gibt einfach Menschen, in deren Leben eine Debatte um Hundekacke auf dem Bürgersteig wichtiger ist als die Zukunft des Irak. Muss jeder selbst wissen.
    Mein Eindruck ist nicht, dass die Boulevardisierung derzeit das eigentliche Problem ist, sondern die redaktionelle Qualität. Weniger Anzeigen gleich kleinere Redaktionen gleich weniger Recherche, weniger Meinungsvielfalt und mehr Einflussmöglichkeiten für PR, Marketing und Politik. Gibt aber auch Gegentrends: Das Internet gewährt mehr Transparenz im Medienmarkt, siehe Bild-Blog (übrigens sinkt die Bild-Auflage seit Jahren). Die Leser können immer besser selbst entscheiden, was sie für Qualitätsjournalismus halten.

  7. 7 mediumflow

    Nachgefragt:

    Ist Boulevardisierung wirklich erst *neuerdings* eine vorherrschende Tendenz?

    Oder war sie es nicht schon viel länger?

    Vorschlag: *Neuerdings* wird eher von Seiten der Zeitungsverlage auch ziemlich gerne und dankbar (fast eilfertig?) darauf reagiert.

    Reasons? You name them… ;)

  8. 8 Heiko Wichmann

    Noch etwas zu dem Text von Habermas.
    Sein “Strukturwandel der Öffentlichkeit” von 1962 ist ein noch immer beachtliches geistesgeschichtliches Werk. Dem Text in der Süddeutschen liegt allerdings ein merkwürdiger Begriff von Öffentlichkeit zugrunde. Der Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gilt als Modell zur Herstellung kritischer Diskurs-Öffentlichkeit. Dass Hansi Hinterseer diesen Auftrag am Samstag abend zur besten Sendezeit erfüllt, würde vermutlich aber auch Habermas bezweifeln. Der Text beklagt den Verlust des wohligen “Morgensegens”, der mit dem Lesen der Tagszeitung am Frühstückstisch verbunden ist. An anderer Stelle werden gar die “geregelten Diskussionen oder gar Beratungen, wie sie in Gerichten oder parlamentarischen Ausschüssen” geführt werden, als Ideal diskursiver Öffentlichkeit angeführt.
    Die Frage nach der Öffentlichkeit, dem Diskurs und dem politischen Raum ist zu wichtig, als dass sie mit dem Hinweis auf öffentlich-rechtliche Bildungsaufträge hinreichend beantwortet oder überhaupt nur angesprochen sein könnte. Ich finde, dass Rainald Goetz in seinem Blog kürzlich eine anregendere Beschreibung der Affektionen und Bedeutungen gegeben hat, die mit den Diskursen der Tagszeitungen verbunden sind (http://www.vanityfair.de/extras/rainaldgoetz/?p=155). Und auch das Editorial der letzten Spex über Gleichzeitigkeit und Virtualisierung des medialen Raums stellt eine weiterreichende Überlegung zu dem Thema dar.

  9. 9 Bernd

    Die vorherigen Kommentare haben das Fernsehen in die Diskussion mit einbezogen… gut.
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    Mal Butter bei die Fische:

    Die Krokodilstränen der ö.-rechtl. Sender und die Ausschöpfung aller Mittel zur Erlangung noch höherer Gebühren gehen mir inzwischen so auf den Zeiger, daß ich mich so langsam aber unglaublich sicher einem weiteren Medium verweigere (nach Radio nun eben TV).

    Seit den 90er Jahren wurden alle erfolgreichen Konzepte der privaten Anbieter gnadenlos kopiert und mit riesigen Etats ähnlich produziert. Und das waren alles aber keine hochgeistigen Formate.
    Höhepunkt des Schwachsinns war der Abkauf (der eigentlich freien es war ja ´ne “Demo”) Berichterstattungsrechte der Loveparade vom damaligen SFB und die Zahlung von 5 Mio. DM an die planetkom. Danach war mein Mitleid endgültig vorbei. Die kommerzielle Entwicklung hat mit Hr. Struwe auch einen Namen.

    Die Situation der Zeitungen und ihrer Internetauftritte ist sicherlich schwierig, weil die Zeitungen einfach mit dem Tempo der Meldungen und der eigenen mediumeigenen Aktualität nicht Schritt halten können; inzwischen aber bei ihrer Hauptkompetenz, der regionalen Berichterstattung, dank Personalmangel eher schlecht aufgestellt sind. Der Rest ist (westdeutsches) Rufen im Walde und unverkappte Angst um Besitzstandswahrung.

    Wenn man die deutschen Online-Angebote der Zeitungen mal wirklich anschaut ist man dort von Qualitäts-angeboten noch weit entfernt. Am meisten fällt der “Schnulli” bei SpON auf; was dort in vielen Rubriken geschrieben und bebildert wird, spottet jeder korrekter Recherche und dem dazu verschlagworteten Bildarchiv.

    Und dafür sollte man vor nicht allzu langer Zeit mal Geld bezahlen ? Lachhaft.

    Die Realitäten sind andere: die das Springer (als nicht politisch genehmes Unternehmen) im TV-Bereich bei den Herrschenden nicht gewollt wurde (ich möchte mal gar zu gerne wissen was bei dort seit Einführung des Kabel-TV 1984 dort im TV-Bereich an Geld versenkt wurde…).

    Qualitätsangebote im TV- Bereich haben einen Namen (BBC, Discovery Channel, History Channel), ab und an dürfen auch mal die alten ARD/ZDF-Kempen mal wieder ´ne Reportage drehen. Siehe heutiger 2.Teil der ARD-Reportage : Das Märchen vom gerechten Staat. Sonst werden die Formate zusammengestrichen. Fertisch.

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    Zitat Süddeutsche Habermaas:

    “Natürlich erlauben die wilden Kommunikationsflüsse einer von Massenmedien beherrschten Öffentlichkeit nicht die Art von geregelten Diskussionen oder gar Beratungen, wie sie in Gerichten oder parlamentarischen Ausschüssen stattfinden.”

    Dies ist eine Aussage fern jeder Realität von Gerichts- und Ausschutzsitzungen. Da ist bereits alles so demokratisch kaputtgeregelt…

    siehe die Einführung des modernen “Tetzelschen Ablaßhandels” im Strafrecht (um Verfahren gar nicht erst durchführen zu müssen) und den Einblick in Ausschußsitzungen des Deutschen Bundestages im bereits gesendeten Teil 1 der ARD-Reportage “Das Märchen vom gerechten Staat”.

  10. 10 schomsko

    Ich bin grundsätzlich gegen Subventionen von Unternehmen mit Gewinnabsichten. Außerdem frage ich mich, wieso ausgerechnet jetzt die Medien gerettet werden sollen. Wegen der Konzentrationen der letzten Jahrzehnte?
    Für Zeitungsinvestoren gilt in Zukunft wie für Blogs: “Respekt ist eine Währung”. Abgesehen davon steckt ein bisschen Wahrheit in jeder Lüge.
    Ey und wir haben ja noch die Öffentlich Rechtlichen. Um die sauber zu kriegen, müssten wir die Werbung und die Rundfunkräte abschaffen. Und dann schaffen wir die Werbung bei der Sueddeutschen ab und kaufen Volksaktion mit Zeilenrabat.

  11. 11 Daddy87

    The later courts feared a potential explosion of litigation against the government by a nation of plaintiffs who could use a policy disagreement as the basis for a lawsuit. ,

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