Monthly Archive for July, 2007

Wieso sind die USA eigentlich so weit vorne?

Das Denken gesellschaftlicher und ökonomischer Potentiale von den Produktionsmitteln her ist ja eigentlich ein marxistischer Ansatz. Um so also absurd ist es, dass ausgerechnet das kapitalistischste Land, die USA, neben Irland die Dimension der neuen digitalen Produktionsmittel bis heute am besten verstanden hat. Dafür gibt es keinen Grund, zumindest nicht vom Stand der Produktionsmittel her. Schon seit Jahren sind wir in Europa auf demselben technologischen Stand, trotzdem kommen fast alle technologischen Projekte aus den USA. Wieso eigentlich?

Beim Nachdenken und Stöbern im Netz zu diesem Umstand einen ganz guten Text vom kanadischen Politiker und langjährigen OECD-Generalsekretär Donald J. Johnston gefunden.

There can be little doubt that what we are dealing with today is also a truly transformational technology. Electronic commerce has challenged us all, consumers, producers and governments alike. Notions of work and workplaces are being recast. The key force of the new economy is speed, not just because the velocity at which information and finance travels around the globe is bewildering, sometimes even alarming. In fact, the speed with which technology is introduced, diffused and mastered has become a fundamental component of success.

This point may help to explain why the United States took such a remarkable, if not unassailable, lead in recent years; as Risaburo Nezu underlines in his article on e-commerce, the technology was available everywhere, but for many reasons, some unexplained, the United States harnessed it first.

Ab und an verzweifele ich ja dann doch an den verpassten Chancen der deutschen Regierung, die das Netz erst als ein Ort der “Kinderpornographie” versteht, und dann, als das endlich vorbei ist, nichts Besseres zu tun hat, als das Internet vor allem in Bezug auf Online-Durchsuchungen zu diskutieren. Das ist so dermaßen Scheiße. Es gibt echt Wichtigeres. Eines Tages wird man das den deutschen Politikern massiv zum Vorwurf machen – und der Linken, die nie mit ihrer Technikfeindlichkeit aufgeräumt hat. Offensichtlich haben wir den Marxismus zu sehr gedreht. Und zu tief versenkt.

Wer zerkratzt eigentlich meine CDs, ich oder mein CD-Player?

jo.jpg
Heute hat mir ein Produktdesigner den Tag gerettet. Jo.

Verschiebungen (Mode->Kunst->Musik->?Zucchini?)

zucchini.jpg DEBUG wird 10. Ich soll einen Artikel schreiben. Aber worüber. Vielleicht popdiskursive Verschiebungen weiter verfolgen: 1. Mode ist die neue Indie-Musik geworden, weil man mit dem Droppen von kleineren hochqualitativen Designern im Handumdrehen Leute aus dem Gespräch ausgrenzen kann. Wurde nebenbei und unabsichtlich am Freitag bei Safran-Pasta quer über Hillside-Riesling getestet und von Holm Friebe gekonnt mit links gebannt.

2. Kunst ist die neue Popmusik, weil in Monopol, in Sleek oder beim wöchentlichen Atelierbesuch im halbneuen Zeitmagazin zum Beispiel über Künstler berichtet wird, wie im Feuilleton über Popmusik. Marke: Sollte man kennen, muss man haben. 3. Nur was ist Musik eigentlich noch? Außer schön natürlich und auf dem Ipod. Da ist sie wieder, die offene Frage. Ja, wurde schon gestellt. Weiss ich. Aber beschlossen: Bleibe da jetzt mal so hartnäckig dran, wie Stefan Niggemeier an Call-TV-Mimeusen. So. Alternativ schreibe ich höchstens eine Ode an die Zucchini. Und das hätte sie verdient, geht aber wohl gar nicht.

4. Von Tim Pritlove auf der Republica gelernt und auf das Essen übertragen: Bullshit-Bingo. Sollte man bei jedem Essen einführen. Super, um den Gesprächsverlauf fröhlich in alle Richtungen zu treiben. Leider habe ich im Verlauf des Abends auf dem Hillside verloren, was wir zusammengesammelt haben. Platz 1 weiß ich noch, kam nämlich von mir und war die Sünde der über 30jährigen: “Über Essen sprechen”. Uff. Zucchini anyone?

File under: Eine Schande für die ganze Landschaft

Alle Leiden lassen sich in schöne und unschöne einteilen, in sittliche und unsittliche, unsittliche für die, welche sie ansehen und in ihrer Nähe dulden. Eine Waise, die auf einem Grabhügel in Tränen zerfließt, ist schön und ihr Schmerz wird ihr durch das ganze Leben wohltuend sein; aber ein Kind, welches verkommen und hungrig im Staube liegt, ist eine Schande für die ganze Landschaft …
[Gottfried Keller, Der grüne Heinrich, Erste Fassung, Insel Verlag 2005, 37]

Ziemlich beeindruckend zielsicher, aber seltsam auch, dieser Satz. Und ganz prinzipiell beschlossen: Abgesehen davon, seine Nase in den Sommerfahrtwind zu hängen, ist das Lesen von Der grüne Heinrich das Beste, was man mit einem Samstagnachmittag tun kann.

landschaft.jpg

Diese musikalische Umgebung sagt: Heyhey warmer Sommerabend.

kalkcd39_cover.jpgNeulich Abend tanzte eine Melodie vorbei. Le Rok war das. Approxe Twelve kam im März, ein Album auf Karaoke Kalk natürlich. Aber darüber muss man jetzt schreiben, denn das ist die perfekte Musik für Abende, an denen man draußen vor der Tür von angenehm lauwarmer Luft umgeben ist, die einen umfängt, als ob es in der Welt nichts Schlechtes gäbe. Mücken zum Beispiel.

Le Rok lässt einen die vergessen. Denn Le Rok aka Christoph Döhne macht House2.0. Musik, sehr dicht und funky, mit zart melancholischem Einschlag, damit es nicht aufdringlich wird, wie es die beste Samplekultur elektronischer Musik früher unter Herbert mal vorgemacht hat. Naseweis wagen sich Soundelemente mit Videogameanmutung nach vorne, Gesang tritt mit einem gesampelten Rewind in Dialog, dazwischen schalten sich zirpende Geräuschen, bis sich das Ganze zu einem leichten Rhythmus formiert, der einen sachte, aber nachdrücklich am Arm stupst.

Scheu kennt das nicht, wieso auch. Gitarrenelemente formieren sich zu einem Popsong, der mit den instrumentellen Tracks von Phoenix locker mithalten kann, aber nicht lange, dann kommt ein Wechsel und das nächste Stück beginnt wieder mit einem dunklen Housebass, als ob nichts gewesen wäre. Denn es ist ja so: Sounds sind dazu da, um mit ihnen Musik zu machen, Genre sind Schubladen, aus denen man sich was nehmen kann, um etwas zu verschieben und anderes aufzubauen.

Das braucht einen Rahmen – und den gibt es hier. Oft merkt man Le Rok an, dass Schlagzeug mal ein wichtiges Instrument für ihn gewesen ist. Drums sind die Plattform, auf der sich alle anderen Elemente austoben dürfen, die Plattform, auf die sich der Bass aufstellt, zu einer Melodie formiert, dann Elektronika Klänge vorbeischauen und alles einen sanft nach vorne mitnimmt, wo auch immer das sei. Choped Ride, Dropdown, Cheeseball, Happy Apple, all das gibt es in Hannover, Lower Saxony, sagt er. Da kommt das her. Sehr leicht, sehr schön, wie das Leben manchmal ist im Sommer. Haben wir ja selten genug.

Festhalten

Die große Schwester sieht ihre ersten Störche, während wir glücklich seemüde Alleen entlangbrausen und mir dieses dunkelblaue Hosenrockanzugkleid von Isabel Marant nicht aus dem Kopf will.

schwan.jpg

raumschiff.jpg

fuerdichfuermich.jpg

Ich und die Popkultur

Wir sind in der Krise, wir zwei. Nachhaltig. Leider. Lange habe ich versucht, das zu verdrängen. Aber irgendwann geht das nicht mehr. Jetzt wälze ich diese Fragen: Darf man mit der Popkultur eine Krise haben? Ist es nur mir da gerade so langweilig? Habe ich einfach was verpasst? Was ist da los? Muss ich jetzt nur noch gut essen wollen und mir schönes Design angucken? Gott bewahre!

rattebaer.jpgIch habe Filme aus Zürich mitgebracht, sage ich. Filme, entgegnet Mr. Bleed daraufhin leicht abwinkend durch das Telefon, verhalten sich zu Serien wie Kurzgeschichten zu Romanen. Was irgendwie stimmt. Meistens. Dann sind da die Ausnahmen. “Der Rechte Weg” von Fischli/Weiss zum Beispiel, hier Ratte und Bär mit Steinen auf dem Kopf. Nochmal: Superfilm. Horrorfilm, eigentlich.

kellerquer.jpg

lenin_quer.jpg

“Er hatte noch nicht die Kenntnis erworben, daß bei dem faulen und haltlosen Teilen der Armen durch wiederholtes Abweisen jenes Gekränktsein und dadurch jener Stolz geweckt werden müsse, welche endlich Selbstvertrauen hervorbringen.” [Keller, Der grüne Heinrich, Erste Fassung]

Zürich ist ein guter Grund Gottfried Keller zu lesen, den ich eigentlich genieße. Aber den Satz dort oben musste ich dann doch zweimal lesen. Erinnerte mich an folgendes: “Erst der Kampf erzieht die ausgebeutete Klasse, erst der Kampf gibt ihr das Maß ihrer Kräfte, erweitert ihren Horizont, steigert ihre Fähigkeit, klärt ihren Verstand auf, stählt ihren Willen.” [Lenin, Ein Vortrag über die Revolution von 1905]

Nicht nur die Personen, auch diese Sätze wohnen irgendwie um die Ecke voneinander, oder sehe ich das falsch? Die Revolution ist der bürgerlichen Meinung, man muss sich das Weiterkommen über harte Arbeit am eigenen Elend verdienen. Klingt irgendwie unangenehm.

Stellenausschreibung

“Frei und sicher leben in der Chancen-Gesellschaft”

Hahaha. Was soll denn das sein? Liest sich wie: “Stellenausschreibung: Art-Director und Texter dringend gesucht”. “Frei & sicher”? “Chancen-Gesellschaft”? Dann auch noch mit Bindestrich? Igitt, wer will denn in sowas leben.