Das Denken gesellschaftlicher und ökonomischer Potentiale von den Produktionsmitteln her ist ja eigentlich ein marxistischer Ansatz. Um so also absurd ist es, dass ausgerechnet das kapitalistischste Land, die USA, neben Irland die Dimension der neuen digitalen Produktionsmittel bis heute am besten verstanden hat. Dafür gibt es keinen Grund, zumindest nicht vom Stand der Produktionsmittel her. Schon seit Jahren sind wir in Europa auf demselben technologischen Stand, trotzdem kommen fast alle technologischen Projekte aus den USA. Wieso eigentlich?
Beim Nachdenken und Stöbern im Netz zu diesem Umstand einen ganz guten Text vom kanadischen Politiker und langjährigen OECD-Generalsekretär Donald J. Johnston gefunden.
This point may help to explain why the United States took such a remarkable, if not unassailable, lead in recent years; as Risaburo Nezu underlines in his article on e-commerce, the technology was available everywhere, but for many reasons, some unexplained, the United States harnessed it first.
Ab und an verzweifele ich ja dann doch an den verpassten Chancen der deutschen Regierung, die das Netz erst als ein Ort der “Kinderpornographie” versteht, und dann, als das endlich vorbei ist, nichts Besseres zu tun hat, als das Internet vor allem in Bezug auf Online-Durchsuchungen zu diskutieren. Das ist so dermaßen Scheiße. Es gibt echt Wichtigeres. Eines Tages wird man das den deutschen Politikern massiv zum Vorwurf machen – und der Linken, die nie mit ihrer Technikfeindlichkeit aufgeräumt hat. Offensichtlich haben wir den Marxismus zu sehr gedreht. Und zu tief versenkt.

Eigentlich schade, dass das Netz mittlerweile aus Regierungssicht ein Tummelplatz für Kinderpornographen und Terroristen geworden ist. Ich habe fast ein wenig Sehnsucht nach der guten alten Zeit der kulturpessimistischen Lamenti, denen zufolge das Internet (aka porn dot com) “nur” der moralische Untergang der Menschheit gewesen war.
Heute morgen, den 29.7., war auf 3Sat ein Vortrag von Prof. Dr. Ernest Callenbach zu sehen: The Hollowing out of American Empire.
Die Aushöhlung des amerikanischen Imperiums
“Amerika scheint den Gipfel seiner Weltmachtstellung erreicht zu haben, es mehren sich Anzeichen für die Grenzen seiner militärischen Möglichkeiten.
Professor Dr. Ernest Callenbach beschreibt in seinem Vortrag aus dem Jahr 2005, welche Kräfte das amerikanische Imperium schwächen und was nach seiner Auffassung nötig ist, um eine nachhaltigere Welt aufzubauen.”
Das kommt mir wie ein Kommentar zu diesem Beitrag vor, denn von einer beginneden Verelendigung der breiten Masse der Amerikaner lässt sich doch wohl zu Recht sprechen. Sie mag auch eine indirekte Folge der Proliferation des ‘Netzes’ sein. Auf jeden Fall ist mir diese Lobeshymne dann doch zu einseitig auf Seiten einer Technologie, die offensichtlich genauso viel Arbeitsplätze schafft wie sie sie zerstört. Kann man den ‘imperialen Impuls’ der USA einfach so übersehen? Oder der Verlagerung der Arbeitsplätze in die ‘Dritte Welt’, weil sie selbst vor Ort schon zu teuer sind etc. pp.Wer ist hier auf einem Auge blind…
Wen meinst Du eigentlich genau mit “wir”?
Na dich, mich und die anderen im Netz. Das Internet ist doch auch nur ein Mikrokosmos der Weltgesellschaft…
Die USA haben gegenüber Europa einen riesen Vorteil – einen sehr homogenen und konsumfreudigen Binnenmarkt. Dort kann man Geschäftsmodelle rasend schnell multiplizieren und auch finanzieren. In Europa gibt es einfach viele lokale Sprachen/Besonderheiten, die bedient werden müssen. Die Konsumketten in USA machen das ja vor: McDonalds, Starbucks etc. Diese Methoden funktionieren in Europa nicht mal im Kleinen. Ein Konzept aus Bayern muss nicht in Thüringen funktionieren etc. In der Schweiz muss jede ernsthafte Webseite in 3 Sprachen daherkommen usw.
Die Finanzierung von Vorhaben ist in Europa und speziell in Deutschland auch schwer. Privates Geld ist dünn gesät und Banken finanzieren eCommerce ‘Zeugs’ nur wenn du mindestens für 150% der Kreditsumme dingliche Sicherheiten mitbringst. Die BusinessPlanWettbewerbe sind meist realitätsfern – die BWL-Studenten, die da mitmachen haben ja von Geschäft meist keine Ahnung, geschweige denn von Unternehmertum. Weit und breit auch wenig Vorbilder zum abgucken.
Das ist das beste an der Globalisierung: Sie arbeitet gegen den Nationalismus.
Oder es ist halt wirklich was dran, dass das amerikanische Wirtschafts- und Universitätssystem einfach flexibler ist.
Man kommt schneller an Geld und die bürokratischen Hürden sind nicht so hoch.
Und, dass es wohl auch einen ausgeprägteren Unternehmergeist gibt. Man schau sich nur mal die Rate der Unternehmensgründungen von Universitätsabsolventen in den Staaten und im schönen Deutschland an.
Nicht ganz außer Acht lassen sollte man vielleicht auch eine weit verbereitete Mentalität in D., die im Geldverdienen was Anrüchiges sieht. Man schau sich nur mal die Diskussion um das Geldverdienen mit Blogs an.
well, well frau bunz – ihre klage in allen ehren, aber das hier ist wohl ein vorschlag zur standortopimierung. danke fuer den ratschlag, ihre staatsbuergerlich gesinnung ist notiert, werden sich zypries und schaeuble sagen, die auf ganz unterschiedliche weise am selben strang ziehen – dahingehend das netz zu einem transaktionsraum zu machen.
in bestimmten dingen – z.b. e-government – ist deutschland ziemlich weit voraus und das rennen um die nutzung der potentiale des digitalen fuer das kerngeschaeft des kapitalismus – dem tausch – noch lang nicht entschieden. lies mal c. engemann – e-governement. vom user zum buerger dazu. etwas holprig aber schon passend.
kurzfristig ist die position der usa mehrern faktoren geschuldet. klar militaerisch-industrieller komplex der seit manhattan projekt, spaeter in lax und nichtzuletzt arpanet & folgen saemtliche ruestungswettleauefe mit rechenpower gewonnen hat. zuses z2 wollte die luftwaffe dagegen nicht haben – nicht kriegswichtig hiess es. turing is es da besser ergangen. auch wenn die rache spaeter kam. arsen, bitter ist es!
jede menge kapital aus ruestung und oel in den siebzigern, welches in firmen wie intel floss, half auch. in deutschland hatte siemens nen monopol auf diese technologien, da wuchs nix. haben sie entweder platt getreten oder aufgekauft. spaeter in den usa dann die verfuegbarkeit von venture-kapital, bezos, page and brin haetten nie land gesehen in d-land.
ausserdem: die usa haben mehr konsumenten, viel mehr. mit mehr kaufkraft und weniger technikfeindlich. schon in den siebzigern und geschweige erst in den achtzigern. exposure to new media und deren usage. welche gruene mutti hat den ihren kindern computerspiele gekauft?!
dann fruehzeitige gruendung von comp-science departments. bei uns haben das bis ca 75 die linguisten gemacht. gibt ne kritische masse von programierern wie nirgendwo sonst auf der welt. get stuff out fast – das geht in den usa auch.
last not least – patent- und copyright-recht. dmca macht schon sinn, kapitalistisch gesehen. und gleichzeitig fs/os – was ja auch nur auf grundlage von copyright geht. investitionsschutz ist wichtig, auch wenn er rein juristisch stattfindet.
die bay area ist ein hafen, ein hafen im digitalen. da bleibt einiges haengen und wird einiges auf fahrt geschickt, was nicht selten viel zurueckbringt. kristallisationen der stroeme im transaktionsraum sind im valley zu besichtigen. wenn du deutschland zu einem solchen hafen machen willst, versuchs mal mit digitaler identitaet. teh next big thing…
Interessant, dass sich aus der A-Bloggeria jemand dieses Themas annimmt. In diesen Sphaeren wird sonst gern uebersehen, was die eigene Kunst schmaelert. Androhende Zukunftsangst oder Identitaetskrise der Szene? …
Die USA sind so weit vorne, weil wir es so wollen. Gefoerdert durch ein praktisches Problem: Den Benutzern in den westlichen Industrienationen verbleiben durch ASCII-Textcodes und bevorzugt englischesprachige Schulbildung die Kontinente Asien und Afrika hinter dem Internet-Horizont. Von kulturellen Unterschieden abgesehen.
Apropos Kultur und Nationen: Neben den Argumenten von bro gibt es noch einige grundlegende Unterschiede in Europa. Zahlenmaessig vielleicht den Amerikanern ueberlegen, sind die Europaer in viele Kultur- und Sprachkreise fragmentiert. Was fuer den Binnenhandel von Vorteil ist, gereicht jedem Internetprojekt zum Nachteil. Zu viele Sprachen, rechtliche Unterschiede, Administration, kurz gesagt: Zu wenige Benutzer in einer Sprache/ Nation.
Die Finanzierung unterscheidet sich besonders in Deutschland in weiten Teilen von dem amerikanischen Prinzip: Die Eigenkapitalquote in Deutschland liegt, begruendet in der Deutschen Geschichte, bei unter 15%. Das ist wenig, kurz gesagt: Es ist kein Geld da. Also muss das Geld von Extern in die Unternehmen kommen. Wieder begruendet in der niedrigen Eigenkapitalquote ist Risiko bei deutschen Unternehmen und Banken ein Fremdwort, besonders fuer Internetprojekte nach der geplatzten Internetblase 2002. In Amerika ist die Blase auch geplatzt, doch hier gehoeren Risiko und Verlust zur Unternehmenskultur. Die Amerikaner haben ihre Projekte mit Weitsicht und Tempo weiterentwickelt. In Deutschland haben alle Beteiligten beleidigte Leberwurst gespielt, mit Gott und der digitalen Welt abgeschlossen.
Deutschland hat auch Vorteile. Das Wachstum ist – abgesehen von voellig abgehobenen Investoren der vergangenen und neuen Zeit – sehr organisch. In Amerika scheint es wohl mehr um das Who-is-who zu gehen: BizAngels, Parntership, Networking und der ganze aufgesetzte Scheiss. Drueben hat sich eine Perpeto mobile Industrie rund um Internet-StartUp, VentureCapital etc. entwickelt. Das wird aus Deutschland immer bewundert, besonders von denen die aus eigener Kraft keine Ideen oder Konzepte entwickeln. Das weist auf die extremen Spannungen in Amerikanische hin, denn irgendwo muessen die Millionen ja herkommen, bzw. im Falle des Scheiterns eingeklagt werden. Nicht selten sind das die kleinen, einfachen Leute – waehrend die grossen Namen mit dem abgesahnten Geld in den naechsten StartUp investigieren. Ich denke, das Wachstum in Deutschland ist demokratischer, sozialer und nachhaltier als in Amerika.
Natuerlich gibt es Probleme, die in naher Zukunft geloest werden muessen. Eine einheitliche Gesetzgebung fuer Daten- und Telefonnetzen innerhalb Europas zum Bespiel. Ich bin auch dafuer, das Informationen langfristig nicht von Unternehmen gespeichert und vorgehalten werden duerfen, wie Google das macht. Hier gibt es zu wenig Erfolge und Zielsetzung: Querio war eine Kopfgeburt fuer Europa, und leider machen die Franzosen alleine weiter, da haette auch Deutschland lernen koennen. Dafuer hat Deutschland mit Theseus die naechste, konsequentere Kopfgeburt in dieser Richtung gestartet, damit all die feinen Excellenzinitiativen auch was zu tun haben. Leider geht Theseus so weit an der Realitaet vorbei wie nur irgendwas, keine Hoffnung auf Besserung.
Was ich mir wuensche: Einen Ausbau der Oeffentlich-Rechtlichen Anstalten als “Medienanstalten”. Durch diese vorhandene Struktur der Aufbau eines oeffentlich finanzierten Bildungsnetzes, ein freies Google sozusagen. Dafuer wuerde ich gerne mehr GEZ-Gebuerhen bezahlen. Denn Information und Wissen muss auch in Zukunft allen Menschen weiter frei zur Verfuegung stehen, eine “digitale Kluft” innerhalb unserer Gesellschaft waere Fatal. Wohl ein eokonservatives Ideal, aber keine Zukunft fuer Deutschland und Europa.
Fin.
Die meisten Argumente wurden bereits genannt. Aber zur Verteidigung der Deutschen IT-Szene sei noch folgendes hinzuzufügen:
Was man schnell übersieht: Die deutschen Programmierer sind dem Nerdstadium bis heute kaum entwachsen. Denen ist selbstverliebter Code immer noch wichtiger als Geschäftsmodelle oder Usebility. Dementsprechend sind sie tatächlich außerhalb der Szene nicht so präsent.
Das hat aber noch eine andere Folge. Vor allem die Deutschen sind überdurchschnittlich oft und intensiv an Open-Source Projekten beteiligt. Da gibt es eben auch viel Idealismus im Nerdtum. Das merkt man nicht, wenn man die Programme benutzt, aber wenn man sich die Credits der meisten erfolgreichen Projekte mal anschauen würde, würde es schwer fallen irgendein Projekt zu finden, in dem nicht deutsche Namen auftauchen. An zentraler Stelle.
Ich würde soweit gehen zu behaupten, dass die aktuellen weltweiten IT-Entwicklungen sehr dominant von deutschen Entwicklern mitgeprägt wurden. Unter der Haube…
Ich kauf euch das Argument “die haben einfach mehr Leute” so nicht ab. Die meisten US-Amerikaner jenseits der beiden Kuesten haben mit Web 2.0 nix am Hut. Viele Dinge erwachsen sogar ziemlich exklusiv der Bay Area, und da leben auch nicht mehr Leute als in Berlin-Brandenburg.
Das groessere Problem ist in meinen Augen die deutsche Technikfeindlichkeit, die von grossen Teilen der deutschen Nerd-Szene verinnerlicht wurde. GUIs sind böse, mit Linux waer das ncht passiert, unter Hitler haetts das nicht gegeben … ihr kennt das Spiel.
Hallo,
also eigentlich wurde schon fast alles gesagt, aber ich möchte trotzdem noch etwas hinzufügen. Ich bin seit ca. sechs Monten in den USA und habe folgende Dinge bemerkt:
1. Die Leute hier sind naiv. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber viele glauben ganz einfach ohne zu hinterfragen, was Fernseh, Werbungen und Internet sagen. Wenn eine Website sagt: Melde dich an, dann machen die das.
2. Die Leute hier denken nicht über Datenschutz nach. Kommt irgendwo ein neues Social Network, melden die sich einfach an. Der eigene Name oder sogar die Social Security Number (ändert sich das ganze Leben nicht mehr) haben kaum einen Wert für den einzelnen. (Für Datensammler dagegen schon, aber das ist ein anderes Thema)
3. Die Leute hier haben die 80/20 “verbessert” zur 60/40 Regel (in Deutschland gilt mehr die 100/150 Regel). Mache 60% der Arbeit in 40% der Zeit. Das ist nicht nur im Web so (siehe Brücken/Infrastruktur). Amerikane geben etwas so schnell wie möglich frei (pre Beta-Stadium), brauchen dafür allerdings relativ lange). Das würde Deutschen nicht einfallen.
Das mit der Sprache kann ich nicht bestäigen. Auch ein Deutsches Start-Up könnte eine Englische Webseite erstellen und in den USA promoten (z.B. plazes.com).
Also ich weiß, dass dieser Beitrag eigentlich am Thema vorbei ist, allerdings passt er gut zur Überschrift. Und wo ich gerade bei der Überschrift bin: NEIN, sind Sie nicht! Das sieht nur von Europa so aus. Bei englischsprachigen Seiten kann ich inzwischen nach 10 Sekunden sagen, dass die von einem Amerikaner oder von jemand anderes entwickelt wurde. Amerikaner können Seiten einfach nicht strukturieren. Das ist schrecklich. Die sind (meistens) total überladen und unübersichtlich. Und vom Offlineleben möchte ich gar nicht sprechen…
In diesem Sinne,
Guten morgen, ich schlafe jetzt.
Die Geschwindigkeit, mit der in den USA Technologien eingeführt werden, ist sicher ein Grund dafür, weshalb die USA so weit vorne sind.
Aber warum sind sie schneller?
Neben den hier schon genannten, sehe ich einen Grund in dem unterschiedlichen Denken und in der Mentalität. Vielleicht sind die USA als offenes Immigranten-Land auch aufgeschlossener gegenüber neuen Ideen. Auswandern erfordert immer auch Mut und dies prägt die Mentalität vieler Migranten. So gehört zum „american way of life“ Optimismus und eine positive Einstellung. In Deutschland herrscht dagegen oft eine übervorsichtige Bedenkenträgerei. Während in den USA Studenten erfolgreiche Startup-Firmen als Vorbild sehen, ist es in Europa üblich, erst mal nach dem Staat zu rufen. Als links und revolutionär gilt hier vielen bereits die Forderung nach einem lebenslangen Bürgergeld.
eine kommilitonin letztens zu mir: “ich muss schnell mit dem studium durch sein, denn ich will noch verbeamtet werden”
außerdem: gehen sie mal mit ihrer start-up-idee zur heimischen sparkasse – viel spaß!