Jetzt, ein paar Tage nach dem Schreiben hier (über politischen Journalismus) und hier (über die IFA und die Runden, die Technologie gerade drehen), etwas bucklige Welt in Niederösterreich. Uff.
Linker Neoliberalismus: Here is the thing.
Holm Friebe, Christian Rickens und ich diskutieren am Samstag um 16 Uhr im Berliner Radialsystem, was links so los sein könnte und wie man ein linkes Projekt anders entwerfen könnte. Und warum.
Wie Holm das so schön formuliert hat: Das 9to5.Wir nennen es Arbeit – Festival-Camp wird eine Branchenmesse für Menschen sein, die Branchenmessen aus guten Gründen meiden. Im Idealfall wird es eine Konferenz, die sich wie ein Ferienlager anfühlt und ein Festival, bei dem es um mehr geht als Tanzen, Trinken und Küssen (um das natürlich auch): Drei Tage als kollektive Auszeit zum gemeinsamen Nachdenken, ebenso als temporärer Freiraum zum gemeinsamen Arbeiten, Leben und Feiern. Es geht um eine praktische wie theoretische Annäherung an die Frage, welche Freiheit genau wir meinen. Wie eine neue Ebene der Kollektivität jenseits von Massenorganisationen aussehen könnte? Unklar. Ob es dazu den von Mercedes Bunz – durchaus in provokanter Absicht – ins Spiel gebrachten „linken Neoliberalismus” braucht, der mit Foucault gedacht werden muss? Vielleicht. Ob daraus eine brandneue soziale Bewegung wird? Wird man sehen müssen.
In jedem Fall gilt: Wir stehen dem Arbeitsmarkt so, wie er heute aussieht, nicht mehr zur Verfügung. Wir hauen alle ab! … zum Strand von 9to5. Der ist tagsüber übrigens umsonst und draußen – wir sind auf dem Sonnendeck.
Und jetzt das Gegenprogramm: Ab morgen drei Tage Bayreuth, Meistersinger, Symposium, Angst vor der Zerstörung. Whew.
Ganz interessant: Die Zeit hat eine Umfrage in Auftrag gegeben, mit dem Ergebnis jeder dritte Deutsche denke und fühle “links”. Die Begründung: Es bezeichnen sich nur noch 11 Prozent als rechts – allerdings auch 52 Prozent als Mitte und weit weniger, 34, als links. 68 Prozent sind für die Einführung von Mindestlöhnen, 72 Prozent findet, die Regierung tue zu wenig für soziale Gerechtigkeit; 74 Prozent sind für die Betreuung von Kindern unter 3 Jahren und 67 Prozent finden, die Telekom oder Energieversorgung sollten in Privatbesitz bleiben. Nun ja. Gut. Was ich mich frage: Ist das wirklich links? Reicht das?
Vielleicht ist das die Rückkehr des Staates auf die politische Bühne, wie Jörg Lau in seinem durchaus lesenswerten Artikel schreibt. Andererseits ist der Status eines “sozialen Bundesstaates” nichts neues, Anarcho-Liberalismus wie bei Milton Friedman hatten wir hier nie, Gott sei Dank, das braucht auch kein Mensch. In der BRD ist seit Bismark das Soziale hoch im Kurs des Staates, noch heute ist Sozialität im Artikel 20 des Grundgesetzes festgeschrieben. Das sprang mir gestern gut in die Augen, während die Tüten und ich unter den Arkaden des Justizministeriums vor den springenden Regentropfen Zuflucht gesucht und wir uns vor dem Gesetz wiedergefunden haben.
Deshalb auch. Nee, nein. Nicht links. Das klingt eher nach Angst. Man ruft nach dem Staat aus Angst, im Grunde aus Angst vor Globalisierung. Man ruft nicht nach einem wirklich linken Projekt. Man versucht, die Globalisierung auszublenden, anstelle zu entwerfen, wie eine linke Globalisierung aussehen könnte. Material – Internationale und so – ist ja durchaus vorhanden. An dieser Stelle aber: Funkstille bei den Bundesbürgern. Weshalb ich das nicht finde, dass dieses Land nach links ruckt.
Denn Links ist immer ein Stück weit auch ein utopisches Projekt. Wie wollen wir leben? Mit dem Klammern an ein sozialen Netz, das so tut, als wäre alles beim Alten, als würden wir weiter alle Vollzeit arbeiten können, nicht viel viel älter als früher werden, kurz: als hätte die Ordnung der Welt sich nicht geändert, eigentlich nicht. Ich nicht zumindest. Sehr richtig bemerkt Thomas E. Schmidt auch dann in der gedruckten Zeit zu Lafontaine, dass Die Linke die erste linke Partei ist, die ohne Fortschrittsglaube auskommt. Dabei muss es nicht mal Fortschritt sein. Aber Zukunft, Veränderung, Revolution, Umsturz, Utopie, irgendwie so eine Spur von sowas, zumindest einen Hauch davon, das braucht es schon für links. Da bestehe ich drauf.
Jemand, der bloggt, heiratet und die Freunde sind dabei, quer durch das Netz spuren zu legen. Die Spur führt dann da hin: Afroshop, Lübecker Str. 48 und nach einem guten Shampoo für Dreadlocks fragen. Have fun, Malte Mayweather. :)
Sommersonntagmorgen holt Mr. Bleed im langärmeligen Sweatshirt meinen türkisblauen Bikini von der Helmholtz-Wiese der Verpeilten und nachdem wir mit großen Tassen Milchkaffee die Infrastruktur des Internet im Schatten neu ausgemessen haben, rauchen wir zu viele Zigaretten in zu kurzer Zeit und sammeln Diskurse, die wir nicht mehr hören wollen:
1 Früher war alles besser.
2 Es gibt zu viel.
3 Alles mit Jugend (vorbei, nie vorbei, whatever).
4 Unsere Generation hat nichts und niemanden hervorgebracht.
Wir erleben einen grausamen Aufstieg der Neo-Adorniten, sagt Mr. Bleed und trollt sich mit seinem Sweatshirt vor dem Sommer. Zwölf Stunden später treffe ich dann auf Holzplanken ein schwieriges Gespräch. Mit Verwunderung gucke ich den Kommunikationsdatenpaketen dabei zu, wie sie sich friedlich auf dem Weg dermaßen verformen, dass auch kein nachgeschobenes Transmission Control Protocol mehr etwas ausrichten kann. Trotzdem okay, immerhin hat das Routing jetzt mal ein Update, sage ich zum besten Freund und unsere Motorola-Mobiltelefone umklammernd, die wir gerne haben, gehen wir den Wiesengrund hinunter, ein, zwei, drei Jägermeister trinken.
Neue Lieblingswörter: Geschmacksnazi, Internet-Faschismus, bewaffnen. Was das denn: Deutliche Militarisierung des eigenen Vokabulars zu beobachten. Spaß dran. Ups.
Die Schweiz, sagt SL zu mir, während im Hintergrund Tjiuana Mon Amour Brodcasting Inc. läuft und die Wände mit Cold Jubilee nachdenklich färbt, die Schweiz ist die DDR für Reiche. Grmph, sage ich grinsend zu meinem Weißweinschorle. Weil ich mag ja die Schweiz. Rivella blue forever.

Claudius Seidl hatte ja in der FAS davon geschwärmt: der neue Tarantino, Death Proof. Und er hat recht. In allem. Gestern nachgeguckt und heute immer noch beeindruckt. Whew. Was für ein grandioser Auto-Girlstalkaboutboys-Film. Das ist jawohl der feministischste Film, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Wobei das hat schon immer an Tarantino überzeugt: Der Komplex Gewalt/Sex/Frauen. Konnte er immer gut. Schon sehr früh hat Tarantino ja konsequent darauf verzichtet, in der ganzen Gewalt-Arie, die er abgefeiert hat, eine fiese Eindring-Vergewaltigungs-Gewalt-Phantasie gegen Frauen zu wiederholen, die überall woanders in der Welt Usus war, selbst bei Clint Eastwood.
In den Achtzigern war das ja normale Filmsprache, man stellte das so als “jetzt passiert etwas Schreckliches” aus, fand das aber eigentlich faszinierend gut. Da war ich noch klein und die Welt im Westen noch richtig fies. Tarantino hat diesen Moment einfach aus der Welt gestrichen. Dafür hat er bei mir einen Stein im Brett… (…sagt man so? Komische Metapher). Wobei, über eine Sache habe ich mich in Kill Bill geärgert. Endlich haben wir eine Superheldin, und warum wird sie dann brutal: Wegen ihrer Muttergefühle. Oh Mann, Quentin. Genau das wird in Death Proof allerdings explizit zurückgenommen, als ob er sich entschuldigen will.
Ansonsten ist es Tarantinos erster Film über Sex, der eigentlich überall und andauernd stattfindet, auch wenn man ihn nie sieht. Und über sowas wie schräg verunglückte zwischengeschlechtliche Beziehungsversuche, die einen im Leben über den Weg laufen. Nicht über Liebe, nein. Ich glaube, das könnte er nicht. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, es ist ein sehr persönlicher Film und Unfälle kann er gut: Die Mädchen, unglücklich natürlich, quatschen ihr Unglück quer über alle Jungs drüberfahrend in einer Straightness in die Welt, dass man befürchtet, die realen Jungs, mit denen man ins Kino geht, verlassen gleich den Kinosessel. Was sie aber nicht tun, wahrscheinlich weil die Mädchen auf der Leinwand dabei einfach viel zu sexy aussehen, extrem coole Autos vorkommen oder die Jungs in den Kinosesseln einfach heute in Ordnung sind und sowas ertragen können.
Leicht haben die es nicht, genau wie bei Francois Ozon finden sie da vorne auf der Leinwand keine einzige attraktive Identifitkationsfigur zum Festhalten. Alle Männerrollen entweder uncool oder pervers. Aber gut, auch wenn das vielleicht nicht so schön ist, man hält das aus. Spreche da aus Erfahrung und stellvertretend: Das ging uns Mädchen schließlich jahrelang so. Jetzt in den Mustang und ab ins Büro.