So wird die neue FAZ aussehen. : )
Monthly Archive for September, 2007
Am Sonntagnachmittag in der Sonne mit dem Kontext im Chor hustend das neue I.D. gescannt. Die am längsten angestarrte Doppelseite: Balenciaga-Werbung. Jetzt nicht, dass ich das persönlich anziehen würde, aber es ist einfach perfekt auf den Punkt designt. Heißt: Man kann sich in allen Details verlieren, ohne dass das große Ganze verschwinden würde. Andererseits geht genau dieses Ganze auch nicht in eine eindeutige Richtung – und das ist angenehm. Ebenso bunt wie glamourös, ebenso wild wie klassisch. Perfekte Diffusität. Naja, ein wenig Harry-Potter-Lektüre vielleicht, so vom Setting, aber definitiv besser als die Rückkehr der Nina-Hagen-Hausbesetzer-Folklore, die sonst überall aus dem Heft quoll. Folglich Nicolas Ghesquière, Balenciaga-Designer, zum Künstler erklärt und kollektiv den Hut gezogen.
Die zweite viel diskutierte Doppelseite: It-Bloggerin Cory Kennedy aus L.A., 17, mit Querausflug zur Diskussion: Geschlechterrollen. Dürfen Mädchen wieder Partygirls sein? Reicht das? Nö, meint Herr F. und schunkelt, selbst noch jung, im schneeweißen Hemd das sehr kleine Kleinkind. Immer betrunken, immer auf Koks, immer eine Zigarette in der Hand: langweilig. Dann lieber Cardigan. Und das sagt er, bevor er das magische Alter der über vierunddreißigjährigen Jungs erreicht hat, die um mich herum am Vorabend in großen Gruppen nach zwei Gläsern Wodka-Tonic beschließen, sie müssten jetzt mal ernsthafte Beziehungen führen und vorrübergehende Familien gründen, weil ihre psychologische Uhr tickt.
Aber, wirft der beste Freund ein, der diese Uhr eher selten trägt, das seien ja auch niemals nur Partygirls. Sondern eben Partygirls mit Beziehungen. Ist It-Bloggerin also das weibliche Pendant zum Alpha-Blogger? Mal überlegen. Eigentlich nicht, weil es heute ja auch It-Boys gibt, ich saß gerade neulich einem beim Abendessen gegenüber und habe gestaunt. Außerdem sind beides irgendwie scheußliche Leistungsbegriffe, sowohl “It” als auch “Alpha”. Gehören eigentlich in die Tonne.
Trotzdem hat der beste Freund Recht, es stimmt: Cory beispielsweise kam aus der großen Menge der niedlichen Partygirls in dem Moment heraus (und Cory ist in der Tat niedlich, wenn auch nicht auf den Bildern in der I.D.), als sie dem Fotograf Mark Hunter beim vielen Ausgehen vor die Kamera sprang und in die Beziehung. Und der fotografiert Celebreties auf Parties. Das kann er relativ gut, ein wenig viel Dauer-Inszenierung von authentischem Spaß vielleicht. Und natürlich Cory. Und Cory, die gerne viel schläft, wollten alle anklicken. Und schwups ist man “it”, außerdem mit Lindsy Lohan befreundet und Paris Hilton bezahlt einen, damit sie auch ein bisschen Authentizität abbekommt, wie man mir gesagt hat.
So weit, so gut. Aber dann kommt Getty-Images und man muss über die eigenen Bilder, die man auf seinem Blog veröffentlicht, ein Wasserzeichen packen. Here we go: Das war dann das Ende jeder Unruhe, die das It-Girl verbreitet. Zurück mit der Party-Revolution in den Schoß des ökonomischen Kreislaufs. Schade aber auch, eigentlich. Exzess hatte ja mal eine Sprengkraft. Und jetzt nur noch das: von der Sprengkraft zum Sprungbrett. Dann doch lieber gleich Balenciaga.
Nach vier Stockwerken holländischem Kirschkuchen lese ich B. in der Sonne am Kanal zwischen umkämpften Kastanienbäumen aus den Gesprächen von Marguerite Duras mit Jérome Beaujour vor, ganz einfach weil mir die fließenden Sätze in “Das tägliche Leben” schön, traurig und seltsam vorkommen. Und sie reden viel über das Schreiben, die Liebe und das Leben, immer sehr verzweifelt. Und ein ganzes wunderliches Kapitel lang über “Die Männer” und sehr verzweifelt, ja, da auch:
Sind Sie ein Mann, so ist Ihre bevorzugte Gesellschaft im Leben, was Ihr Herz, Ihren Körper, Ihre Rasse, Ihr Geschlecht betrifft, die Gesellschaft des Mannes. In dieser Verfassung empfangen Sie die Frauen. Es ist der andere Mann, der Mann Nummer zwei in Ihnen, der mit Ihrer Frau lebt, der mit ihr gewöhnliche, nützliche, kulinarische, vitale, zärtliche, ja sogar leidenschaftliche sexuelle Beziehungen unterhält sowie solche, aus denen Kinder hervorgehen. Doch der große Mann in Ihnen, der Mann Nummer eins, unterhält entscheidende Beziehungen nur mit seinen Brüdern, den Männern. (…)
Die Äußerungen der Frauen, die hört man nicht an. Doch soll Ihnen das nicht vorgeworfen werden. Es stimmt, daß die Frauen noch langweilig sind, daß sie in vielen Fällen aus ihrer Rolle nicht auszubrechen wagen. Und daß Sie nicht wünschen, daß die Frauen es tun. Die französische Bourgeoisie ist für eine Frau immer nebensächlich. Jetzt aber weiß die Frau das. Und sie geht, sie verläßt den Mann; sie ist viel glücklicher als früher. Mit ihrem Mann befand sie sich in einem Zustand der Repräsentation. Mit Homosexuellen schon weniger.
[Marguerite Duras, Das tägliche Leben, Suhrkamp 1988, S. 47-48]
Stimmt das noch?, frage ich B. Nein, sagt B, so war das früher. Heute ist das nicht mehr so. Vielleicht sind wir aber wirklich noch ein bisschen langweilig, werfe ich ein. Die Frau ist heute in der viel besseren Position, deshalb liest man doch auch soviel Gejammere über den Verlust der traditionellen Männerrolle in den Feuilletons, entgegnet B. Und wir überlegen. Heute existiert man nicht mehr im Rahmen geltender Strukturen. Man muss alles selbst aktiv herstellen. Andauernd, auch beim Arbeiten.
Netzwerke sind die neuen Hierarchien?, frage ich. Vielleicht, jedenfalls können das die Frauen, erklärt B, das Soziale steht im Mittelpunkt ihrer Erziehung, sie organisieren das Soziale – also machst du später noch was?, fragt B. Ja, sage ich, ich werde gehen, was Soziales herstellen. Das ist mir dann allerdings um den Kopf geflogen, das Soziale. Gott sei Dank gibt es Abhilfe. Raus aus der Stadt und Mobiltelefon aus.

So. Vor zwei Wochen habe ich ja beim Festival 9to5 einen Vortrag zu Linkem Neoliberalismus gehalten. Dass der Begriff erstmal ein Reizwort ist und auf Widerspruch stößt, war klar. Aber ohne dass man für ein bisschen Aufregung sorgt, erhält man ja auch keine Aufmerksamkeit. Oder wie Malte meinte: “…im Anfang war das Buzzword und da stand es nun im Raum und es musste mit Leben gefüllt werden.” Nur von wegen Buzzword. Nach dem Vortrag ist nichts passiert. Also so gar nichts. Hat mich schon überrascht. Normalerweise hält man ja einen Vortag und bekommt dann Manöverkritik vom befreundeten Kontext und ein paar aufgeweckte unbekannte Leute bringen sich außerdem ein. Dieses Mal: Nichts. Niemand hat irgendeinen Ton zu mir über den Text gesagt. Nicht einmal der beste Freund.
Jetzt kann es daran liegen, dass das Material sperrig ist. Meinte am nächsten Tag zumindest Miss K. Gut es macht akademische Ausflüge und sogar innerhalb der Universitätswelt haben Walter Eucken, lesbarer und überraschend kluger Nationalökonom von Welt, heute nicht mehr so viele auf dem Schirm, bin ja auch eher zufällig über ihn gestolpert. Und die vier Vorlesungen zur Gründung der BRD nach dem Weltkrieg II von Foucault werden jetzt auch nicht so häufig in Literatur aufgeführt, vollkommen zu Unrecht natürlich. Die Stille habe ich mir also so erklärt: Wenn einem jemand lauter Material vor die Nase setzt, in dem man sich nicht auskennt, sagt man vielleicht lieber erstmal nichts (müssen ja nicht alle so vorlaut sein wie ich).
Dann habe ich aber, in Profil-kontrollierender Manier meines öffentlichen Bildes, Technorati angeworfen. Und sah mit einem mal: Hey, das wird diskutiert. Oft geht es darüber (hier und hier) ob man heute noch affirmativ „links“ sagen kann. Wobei erstaunlich ist, dass die generelle Tendenz ist: Kann man nicht mehr sagen. Bin ich anderer Meinung: Muss man, sollte man tun. Man darf sich den Begriff nicht wegnehmen lassen, inklusive seiner ganzen reichen Geschichte. Wäre ein Verlust.
Eine Reihe von Kritik, diese zum Beispiel, unterstellt, ich hätte ein „Digitale Bohème“-Manifest geschrieben und wollte nur meine eigene kleine Welt rechtfertigen. Hey, nein. Erstmal geht es in dem Text gar nicht um Digitale Bohème, sondern darum, wie Kapitalismus heute agiert und wie man Widerstand in dieser Ordnung des Kapitalismus denken könnte. Meine „kleine Blase“, kommt höchstens an einer Stelle vor, nämlich wenn es um kreative Arbeiter und deren Selbstbestimmung geht – und da auch eher kritisch. Habe ich ja schon verschiedentlich immer wieder drüber geschrieben: Dass nämlich Selbstbestimmung heute keine freie Wahl mehr ist, sondern vom Diskurs verordnet, weshalb man Selbstbestimmung nicht fallen lassen darf, aber auch nicht denken könnte, man wäre als Freischaffender auf der besseren, weil freieren Seite (ohne Chef und so) in dieser Gesellschaft angekommen.
So richtig sorgfältig durchgearbeitet – und darüber habe ich mich sehr gefreut – wird der Text dagegen hier von I heart digital life, einem Eintrag, in dem auch noch dazu – Purzelbaum – alle Punkte genannt werden, die mir wichtig sind. Und von mir aus, das Diskurspolitik nennen, sehr gerne. Bin dabei. Sorgfältig gelesen, wenn auch eher kritisch hat das fix [your] master boot record und da nur ein kurzes Reply zu seiner ausführlichen Lektüre: Zu dem Eindruck, ich sei gegen Erwerbsarbeit, siehe oben. Bin ich kein Stück. Im Gegenteil: Wie man in Unternehmen anders leben, agieren und arbeiten kann, das ist ein Punkt, der auch zu einer Praxis der Diskurspolitik gehören würde – und damit zu linkem Neoliberalismus. Projekt: Die Erzählung der Festanstellung verschieben.
Grundsätzlich stehen wir aber auf verschiedenen Standpunkten, klar, wobei ich darauf bestehe: Ich verstehe Diskurspolitik, die Beobachtung der herrschenden Ordnung, durchaus als politisches Projekt, denn in meinen Augen sind politische Projekte nicht nur angewandte Gesetze oder Mindestlohn-Beschlüsse, sondern auch die Sichtbarmachung der Diskurse, in denen wir leben – denn auch hier geht es um Macht.
Zuletzt dann natürlich Spreeblick, die gleich eine lockere Folge von Beiträgen (1 & 2) hinausgeschossen haben. Danke! Wie nett! Na dann mache ich mal Sonntag.

Das muss noch nachgetragen werden: Das beeindruckende Helmut-Schmidt-Interview in “Der Zeit”, auch wenn der beste Freund nicht davon zu überzeugen war, weil er Schmidt wegen der Pershings nicht leiden kann. Bin ich anderer Meinung. Erstmal ist es interessant, dass Schmidt den ganzen RAF-Hype basht, der heute so gerne dicht unsere Zeitungen überzieht.
Und dann der Tonfall.
Gut, jetzt schillert Krieg immer, weil man so tut, als ob er ein Moment essentieller Entscheidung ist. Leben/Tod. Was ja geschummelt ist, weil dazwischen liegt das, was im Krieg am häufigsten vorkommt: verletzt. Nein, das klingt einfach gerade heraus. Findet man ja heute nicht mehr. Gerne winkt man dann ja “Mediendemokratie”. Aber das geht tiefer, denn das ist nicht nur unter Politikern so. Der Tonfall des Interviews sticht aus unserer Zeit einfach heraus. Und warum?
Der Erklärungsversuch könnte so gehen: Nicht nur im Journalismus werden heute alle Interviews autorisiert (und damit komplett entschärft und umgeschrieben). Allgemein passt man heute besser auf das auf, was man sagt und tut. Weil es viel weiter versendet werden kann – dank Internet. Jetzt ist, dass man im Internet erscheint, erstmal schön, weil nicht mehr nur die alteingesessenen Medien die Macht haben zu veröffentlichen. Und man das öffentliche Bild nicht mehr den Medienmenschen überlassen muss. Man kann dagegen angehen. Hintenrum wird es aber unangenehm.
Man googelt sich selbst, um das Bild zu kontrollieren, das die Anderen von einem haben. Man gestaltet sein Selbst auf myspace, um ein cooles Profil von sich zu entwerfen. Und bei all dem denkt man immer die Anderen mit. Denn wir alle sind heute öffentliche Personen. Was heißt: Ständige Selbstzensur. Könnte die neue Plage werden. Jeder, erklärte der Professor mir neulich, während er seine hippe, blonde Haarsträhne aus der Stirn strich, ist heute in unserer Gesellschaft ein Produkt. Und Social Networks, fügte er hinzu und kraulte die Katze, sind der Kindergarten, in denen man lernt, sein Profil zu bilden und seine Marke besser zu verkaufen. Ich habe beharrlich behauptet, dass das nicht alles sei. Rein aus Prinzip. Weil wäre irgendwie traurig. Aber ein gutes Argument dagegen ist mir auch nicht so wirklich eingefallen. Jemand eine Idee?
