Vorbei, das mit der Repräsentation. Jetzt Charme?

Nach vier Stockwerken holländischem Kirschkuchen lese ich B. in der Sonne am Kanal zwischen umkämpften Kastanienbäumen aus den Gesprächen von Marguerite Duras mit Jérome Beaujour vor, ganz einfach weil mir die fließenden Sätze in “Das tägliche Leben” schön, traurig und seltsam vorkommen. Und sie reden viel über das Schreiben, die Liebe und das Leben, immer sehr verzweifelt. Und ein ganzes wunderliches Kapitel lang über “Die Männer” und sehr verzweifelt, ja, da auch:

Was die Männer und uns verbindet, ist der Charme, und der Charme besteht darin, gleich zu sein. Als Mann oder als Frau zu entdecken, daß man gleich ist.

Sind Sie ein Mann, so ist Ihre bevorzugte Gesellschaft im Leben, was Ihr Herz, Ihren Körper, Ihre Rasse, Ihr Geschlecht betrifft, die Gesellschaft des Mannes. In dieser Verfassung empfangen Sie die Frauen. Es ist der andere Mann, der Mann Nummer zwei in Ihnen, der mit Ihrer Frau lebt, der mit ihr gewöhnliche, nützliche, kulinarische, vitale, zärtliche, ja sogar leidenschaftliche sexuelle Beziehungen unterhält sowie solche, aus denen Kinder hervorgehen. Doch der große Mann in Ihnen, der Mann Nummer eins, unterhält entscheidende Beziehungen nur mit seinen Brüdern, den Männern. (…)

Die Äußerungen der Frauen, die hört man nicht an. Doch soll Ihnen das nicht vorgeworfen werden. Es stimmt, daß die Frauen noch langweilig sind, daß sie in vielen Fällen aus ihrer Rolle nicht auszubrechen wagen. Und daß Sie nicht wünschen, daß die Frauen es tun. Die französische Bourgeoisie ist für eine Frau immer nebensächlich. Jetzt aber weiß die Frau das. Und sie geht, sie verläßt den Mann; sie ist viel glücklicher als früher. Mit ihrem Mann befand sie sich in einem Zustand der Repräsentation. Mit Homosexuellen schon weniger.
[Marguerite Duras, Das tägliche Leben, Suhrkamp 1988, S. 47-48]

Stimmt das noch?, frage ich B. Nein, sagt B, so war das früher. Heute ist das nicht mehr so. Vielleicht sind wir aber wirklich noch ein bisschen langweilig, werfe ich ein. Die Frau ist heute in der viel besseren Position, deshalb liest man doch auch soviel Gejammere über den Verlust der traditionellen Männerrolle in den Feuilletons, entgegnet B. Und wir überlegen. Heute existiert man nicht mehr im Rahmen geltender Strukturen. Man muss alles selbst aktiv herstellen. Andauernd, auch beim Arbeiten.

Netzwerke sind die neuen Hierarchien?, frage ich. Vielleicht, jedenfalls können das die Frauen, erklärt B, das Soziale steht im Mittelpunkt ihrer Erziehung, sie organisieren das Soziale – also machst du später noch was?, fragt B. Ja, sage ich, ich werde gehen, was Soziales herstellen. Das ist mir dann allerdings um den Kopf geflogen, das Soziale. Gott sei Dank gibt es Abhilfe. Raus aus der Stadt und Mobiltelefon aus.

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5 Responses to “Vorbei, das mit der Repräsentation. Jetzt Charme?”


  1. 1 Georg

    Sind das die Hände von B. auf dem Lenkrad? Da würde ich auch das Mobiltelefon ausmachen ;-)

    Zu Deiner Frage: Ja ja ja. Es ist immer noch so, das sich Männer mit Männern am wohlsten fühlen. Besonders wenn man Hobbies nachgeht fühlt es sich oft komisch an, wenn da Frauen bei sind. Sei es nun Radfahren oder in der Kneipe sinieren. Männer sind da gerne “unter sich”. Stimmt 100pro.
    Gruß Georg

  2. 2 Bernd

    also, ich weiß nicht.

    Die Geschlechterrollen sind in Westeuropa beiderseits zerstört, ich glaube auch nicht, das die Frauen erkennbar weniger am Jammen sind weil sich die jeweils projezierten Erwartungen an sie massiv erweitert haben.
    Das mit der ehemals sozialen Festlegung gibt sich (zumindest in Westeuropa) auch langsam, nicht umsonst kommt ein Großteil des sozialen Personales inzwischen aus Mittel-Osteuropa oder gar Asien.

    Nach einer in der Erinnerung noch frischen Reise nach Polen und der anschließenden Fahrt im hiesigen Regionalexpreß mit Blick in die jeweiligen Gesichter bekommt man ein Gefühl davon was der Westen an Offenheit, Respekt und “sozialem” Verhalten bereits verloren hat.

    Hier geht es nur noch um besitzstandswahrende Verteilungskämpfe bei gleichzeitigem Streicheln des eigenen Egos und Angst vor sozialem Abstieg. Und dies schlägt dann gnadenlos auf das soziale Verhalten durch. Leider wird sich dieser Unterschied mit wachsendem Wohlstand nivellieren, da mache ich mir nichts vor.

    Ach naja, mit den “Neusprech” Begriffen wie Synergie, Nachhaltigkeit und Netzwerken kann ich mit Verlaub nix anfangen, da dies eher alter Wein in nicht neuen Schläuchen ist. Vor allem wenn man dann sieht was beim “netzwerken” so raus kommt und auf welcher unterirdischer Ebene dann sehr schnell gelieben wird. Aber man hat ja eifrig “genetzwerkelt”. Hilfe.

  3. 3 Peter

    Ich glaube, dass Duras Unrecht hatte mit dem, was sie da geschrieben hat – auch wenn es schön klingt.

    Sicher, es gibt Männer, die sich nur mit anderen Männern wohl fühlen. Vielleicht kannte Duras besonders viele solcher Männer, weil sie diese Art von Mann mochte. Aber es gibt (und gab) auch solche, die lieber mit Frauen zusammen sind. Und solche, die sich bei beiden Geschlechtern gleich wohl fühlen.

    Übrigens glaube ich auch nicht, dass wir der traditonllen Männerrolle verlustig gegangen sind. Im Gegenteil, die ist immer noch da. Leider. Wir könnten eine neue Rolle ganz gut gebrauchen. Frauen haben den Wechsel (besser: die Erweiterung) der ihren doch auch ganz gut hinbekommen.

  4. 4 aurogallus

    Moment mal. Erst mal geht es darum, dass manche Männer angeblich gerne unter sich sind und Männersachen machen. Aber am Ende des Zitates, dieses “Mit Homosexuellen schon weniger”, das verstehe ich überhaupt nicht. Hat das was mit dem Vorhergehenden zu tun?

  5. 5 Ongaku

    “Was die Männer und uns verbindet, ist der Charme, und der Charme besteht darin, gleich zu sein. Als Mann oder als Frau zu entdecken, daß man gleich ist.” Duras. Punkt.

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