Monthly Archive for October, 2007

Montag: The motor-cars passed incessantly over the bridge of the Serpentine; the upper classes walked upright, or bent themselves gracefully over the palings; the lower classes lay with their knees crocked up, flat on their backs; the sheep grazed on pointed wooden legs; small children ran down the sloping grass, strechetd their amrs, and fell. Virginia Wolf, jetzt fertig gelesen, leider, das ist ja immer so als ob eine ganze Äre wegfallen würde, verschwinden, die einen lange belgeitet hat, auch das ich einen Urlaub hatte in Polen, wann war das nochmal?, jedenfalls Jacobs Room, Oxford University Press, 2000, here p. 228-229. Ich werde das vermissen.

Manifest des Affirmationismus

Gestern fiel mir Merves neuer Alain Badiou in die Hände und blieb einfach da.

“Die Berufung der Kunst in all ihren Formen besteht darin (im Gegensatz zu ihrer aktuellen Neigung zur inkonsistenten Mannigfaltigkeit), sich die unmoralische, rückhaltlose und – wenn sie Erfolg hat – zutiefst unmenschliche Kraft der Affirmation wieder anzueignen.

Erklären wir erneut die künstlerischen Rechte – über die Menschlichkeit – auf unmenschliche Wahrheit. Akzeptieren wir erneut, von einer Wahrheit (oder von einer Schönheit: das ist dasselbe) durchdrungen zu sein, anstatt peinlich genau die Feinheiten unseres Ausdrucks zu beherrschen.

Es geht darum, zu affirmieren. Und deshalb ist dieser Entwurf der eines Manifestes des Affirmationismus.”

Alleine schon diese Geste. Was zu wagen. Schön. – Alain Badiou, Dritter Entwurf eines Manifestes für den Affirmationismus, Merve Verlag Berlin, 2007, S. 9

Kann das gehen, ein Online-Magazin?

Gesucht: Online gut umgesetzte Magazine. Tageszeitungen haben ja ihre etwas langweilige Form gefunden aka Text trifft Bild und ab damit in die Blogroll – Der Tagesspiegel, der online den Look einer Zeitung pflegt, ist da ja im deutschen Raum eher eine Ausnahme. Aber jetzt, nach Foto-Blogs wie The Satorialist oder Amy Stein kommen bald die Magazine (meine These). Monocle von Tyler Brylée (Ex-Wallpaper) macht gerade einen guten Anfang. Bei meinen weiteren zwei Lieblingsmagazinen Fantastic Man und Acne Paper sieht es eher noch nach “Phase 1″ des Online-Journalismus aus: Print wird Online abgebildet. Online ist hier quasi nichts anderes als Werbung für Print. Wenn man alles so gut hinkriegt wie Fantastic Man gerade, dann darf man das auch.

fantastic-man.jpgDazu noch ein paar Zeilen, einfach weil mich das fasziniert. Im Zuge eines Vortrags an der Hamburg Media School habe ich versucht zu verstehen, was Magazine heute ausmacht. Viel geblättert. Viel in die Ecke gepfeffert. Alle Design- und Architekturmagazine des Professors gesichtet, am liebsten Archis und Dot Dot Dot. Den besten Freund Löcher in den Bauch gefragt. Stundenlang staunend bei Pro qm im japanischen Idea geblättert. Den Lieblingsberater dazu animiert, mir Fachbücher über verschlungene Seitenwege zukommen zu lassen. Klar wurde dann, dass es journalistisch nicht mehr in Richtung Special Interest und Segmentierung geht. Magazine macht heute aus, dass sie Themen und Formate neu und anders zusammenzubinden und zwar so, dass sie dabei zu etwas Eigenem werden. Und genau das schafft Fantastic Man so gut.

Fantastic Man, eigentlich ein Modeheft für Männer, das ja die Butt-Jungs Gert Jonckers und Jop van Bennekom machen, hat wunderschöne Fotostrecken, um die Ecke guckende Hintergrundartikel und Porträts, nein, eben nicht von Celebreties, sondern von interessanten Personen, das ist ja etwas anderes. All das wird miteinander verzahnt, kombiniert und morpht so zu etwas Neuem, Eigenem. Unterstützt übrigens von einem elegant klassischen Layout, liegt ja gerade im Trend, so ein zurückhaltender, zeitloser Stil. Der prägt beispielsweise auch das Acne Paper von Thomas Persson. Print also überhaupt nicht tot, im Gegenteil. Print super schön. Was mich trotzdem interessiert: Wie könnte man all das online interpretieren, ohne es dort abzubilden, sondern etwas Eigenes daraus machen. Kennt jemand Ansätze?

Hochglanzpop, kalt, cheesy und irgendwie gut

roisine_murphy.jpg Die neue Roisin Murphy ist da. Jetzt ohne Matthew Herbert als Produzent. Und prompt mag keiner in meinem Kontext diese Platte. Zu glatt. Was stimmt. Irgenwie kalt auch. Ja durchaus. Eben so ein bisschen cheesy Dancepop. Naja. Na und?, vielleicht auch.

Tatsächlich hat es bei mir durchaus ein paar mal Hören gedauert, bis ich beschlossen hatte, einen Monat lang ohne “Overpowered” auf den Ohren nicht mehr die öffentlichen Verkehrsmittel zu betreten. Gut, geskippt werden “Footprint” plus “Cry Baby” und “Movie Star” noch, aber egal. Denn wenn man ein bisschen zu viel an Cheesyness verknusen kann und sich durch die zehn anderen Tracks hört, dann mutiert die glasklare Glätte und cheesy Künstlichkeit und man landet im besten Pop.

Sehr Großstadt, sehr urban, sehr Club auch und trotzdem rutscht man entlang der kühlen Glätte dank seltsam musikalischen Einsprengseln und komplex selbstbewusster Texte mitten in ein musikalisches Moment voller Emotionen, die nicht nur was mit einem zu tun haben, sondern einen wegen dieser Glätte angenehm von sich selbst entfernen, indem sie sich an Oberflächen festhalten. Here we go, Ästhetik 2007.

Meistens merkt man ja ganz genau, dass man sich an etwas gehangen hat, was nicht so ganz in Ordnung ist, wenn man es anderen vorspielt. Autsch, denkt man, wenn sich quer durch die reflektierte Wahrnemung des Gegenüber ein durchaus zu cheesiges “You know me better than I know myself” zu hartnäckig wiederholt. Am liebsten möchte man umgehend die neue Broken Social Scene Presents Kevin Drew wieder rausholen, weil die ist mit J. Mascis wenigsten mit allen unten, aber man kann ja nicht immer gleich etwas weglegen, nur weil es nicht perfekt ist. Noch daneben: Wieso auch. “Overpowered” ist ein abwechlungsreiches Album, ständig gibt es irgendetwas zu entdecken.

In einigen Songs sind Acapella-Männerchöre ausgestreut wie in “Checkin’ on me” oder im Hintergrund von “Primitive Love” (super Stück übrigens), “Dear Miami” cruist mit einem strictly rollin’ über die Straßen und “Let me know” nimmt einen dann an der Hand auf den Disco-Dancefloor, bis man mit “Parallel Lives” von Richard X in einem dermaßen intensiv verzweifelt energetischen Clubhit landet, für den ich sonst was geben würde, um ihn mal auf der guten fetten Anlage eines Dancefloor zu hören.

Die mittleren zwei Minuten sind “standing in the way of control” so dermaßen vollgestopft dicht, whew, um dann kurz den Track aufzuräumen und einem leicht melancholischen Gitarren, äh, Riff wohl, Platz zu machen, ’cause we live our lives, bevor dann ein von fettem Bass begleitetes Schlagzeug vollkommen irrsinnig geworden wild ausbrechen darf. Alles verquer hier und voller Widersprüche, die das Leben eben so bereit hält, wenn man durch den Tag geht. Let’s go.

Digital Lifestyle Behavoir (1)

Wir streiten uns: Gehört es eigentlich zum guten Ton, vor dem Daten jemanden zu googlen? Finde: Ja. Wenn man sich interessiert, sollte man schon über das Gegenüber was wissen wollen. Sonst schummelt man und sollte es gleich lassen. Besser für alle. Miss K. dagegen meint, man könnte Menschen auch mal selbst kennen lernen. Okay, naja. Auch richtig. Your real ego vs. the online profile. Hm. Also?

Style, wenn dort auch ziemlich selten (es stinkt)

flohmarkt.jpg Was für eine Frisur und was für ein Blick. Was die beiden auf “Drückfix, ein Spiel für Tüftler und Strategen”, machen, kann ich mir zwar nicht wirklich erklären, war aber am Sonntag das einzige Highlight auf dem Flohmarkt. Flohmarkt, sowieso. Uh. Aber manchmal hat man im Leben keine Chance, das Chaos zu vermeiden.

Auch weil: Der beste Freund liebt es, sich auf Flohmärkten zu verlieren. Das praktiziert er jedes Wochenende. Schwer verständlich. Nicht nur, weil ich – im Gegensatz zu ihm – auf Flohmärkten nie was finde. Noch dazu mufft es scheußlich und ist ein einzigartig großes Durcheinander, welches einen dermaßen restlos überfordert, dass man sich umgehend in die heilige Ordnung des nächsten Warenhauses zurück wünscht. Nee, das ist überhaupt nicht spießig.

Zur Spießigkeit des Flohmarktspaziergangens müsste man in der Tat einen eigenen Essay schreiben. Zu diesem Wochenendauffanglager zerstrittener Paarbeziehungen, diesem Wohnungsvollstopfer für Pfenningfuchser, die sich alle zusammen an der Idee des nur von ihnen entdeckten Kleinods festklammern. Give me a break. Mit unmäßig viel Kaffee davor und danach im Kontext abhängen, das ist leider dagegen okay. Und wenn der geschlossen beschließt, nach dem regelmäßigen Familientreffen über den Flohmarkt zu spazieren, hat man eben keine Chance. So ist das mit Familie. Da ist Drückfix manchmal das einzige Highlight.

Give me a break

Jeff Noon hat nach “Falling out of cars” immer noch nichts geschrieben. Also was kann man lesen, frage ich Mr. Bleed, mein Husten braucht Erholung, deshalb lege ich mich an die polnische Ostsee und konsumiere dort Literatur. – Zadie Smith, sagt Mr. Bleed. – Wirklich?, frage ich und berichte: Ich habe mir gerade Virginia Woolf geholt. Viel. Weil dunkel “Orlando” als ein gutes Gefühl in Erinnerung. – Nie verkehrt, meint Mr. Bleed. Und ich weiss jetzt wieso. Das Schreiben von ihr nimmt großartige Biegungen, die gerne mit Omnibussen zu tun haben.

It’s not catastrophes, murders, deaths, diseases, that age and kill us; it’s the way people look and laugh, and run up the steps of omnibuses. 111

Then, at a top-floor window, leaning out, looking down, you see beauty itself; or in the corner of an omnibus; or squatted in a ditch – beauty glowing, suddenly expressive, withdrawn the moment after. No one can count on it or seize it or have it wrappend in paper. Nothing is to be won from the shops, and Heaven knows it would be better to sit at home than haunt the plate-glass windows in the hope of lifting the shining green, the glowing ruby, out of them alive. Sea glass in a saucer loses its lustre no sooner than silks do. 158
Virginia Woolf, Jacob’s Room, Oxford University Press

Und man liest das und denkt sich: Was für Abzweigungen. Genau deshalb Ästhetik. Um Dinge zu durchkreuzen, Unsinn anzustellen, alles weiter zu treiben und dann hinter her zu schwingen. Trotzdem es drinnen dunkel verknotet aussieht, kann man draußen Dinge materialisieren, die ein eigenes, anderes Leben haben und Punkte bilden, an denen man sich festhalten kann. Ach, die Kultur. Ein super Trick.

Und dann ist da noch ein anderer Punkt. Virginia Woolf ist irgendwie das Gegenprogramm zu allem, was wir jetzt haben. Von der neueren Literatur über Journalismus bis hin zu Blogs ist es immer ein Schreiben, welches das eigene Ich unter den Arm klemmt und mit dem durch die Welt geht. Virginia Wolf dagegen heftet sich eng an die Fersen fremder Ichs und blickt mit ihnen in die Welt. Die Sätze, die die Menschen bilden, stehen da, werden aber nicht beurteilt. Irgendwie groß. Sollte man wieder mehr tun.