Die neue Roisin Murphy ist da. Jetzt ohne Matthew Herbert als Produzent. Und prompt mag keiner in meinem Kontext diese Platte. Zu glatt. Was stimmt. Irgenwie kalt auch. Ja durchaus. Eben so ein bisschen cheesy Dancepop. Naja. Na und?, vielleicht auch.
Tatsächlich hat es bei mir durchaus ein paar mal Hören gedauert, bis ich beschlossen hatte, einen Monat lang ohne “Overpowered” auf den Ohren nicht mehr die öffentlichen Verkehrsmittel zu betreten. Gut, geskippt werden “Footprint” plus “Cry Baby” und “Movie Star” noch, aber egal. Denn wenn man ein bisschen zu viel an Cheesyness verknusen kann und sich durch die zehn anderen Tracks hört, dann mutiert die glasklare Glätte und cheesy Künstlichkeit und man landet im besten Pop.
Sehr Großstadt, sehr urban, sehr Club auch und trotzdem rutscht man entlang der kühlen Glätte dank seltsam musikalischen Einsprengseln und komplex selbstbewusster Texte mitten in ein musikalisches Moment voller Emotionen, die nicht nur was mit einem zu tun haben, sondern einen wegen dieser Glätte angenehm von sich selbst entfernen, indem sie sich an Oberflächen festhalten. Here we go, Ästhetik 2007.
Meistens merkt man ja ganz genau, dass man sich an etwas gehangen hat, was nicht so ganz in Ordnung ist, wenn man es anderen vorspielt. Autsch, denkt man, wenn sich quer durch die reflektierte Wahrnemung des Gegenüber ein durchaus zu cheesiges “You know me better than I know myself” zu hartnäckig wiederholt. Am liebsten möchte man umgehend die neue Broken Social Scene Presents Kevin Drew wieder rausholen, weil die ist mit J. Mascis wenigsten mit allen unten, aber man kann ja nicht immer gleich etwas weglegen, nur weil es nicht perfekt ist. Noch daneben: Wieso auch. “Overpowered” ist ein abwechlungsreiches Album, ständig gibt es irgendetwas zu entdecken.
In einigen Songs sind Acapella-Männerchöre ausgestreut wie in “Checkin’ on me” oder im Hintergrund von “Primitive Love” (super Stück übrigens), “Dear Miami” cruist mit einem strictly rollin’ über die Straßen und “Let me know” nimmt einen dann an der Hand auf den Disco-Dancefloor, bis man mit “Parallel Lives” von Richard X in einem dermaßen intensiv verzweifelt energetischen Clubhit landet, für den ich sonst was geben würde, um ihn mal auf der guten fetten Anlage eines Dancefloor zu hören.
Die mittleren zwei Minuten sind “standing in the way of control” so dermaßen vollgestopft dicht, whew, um dann kurz den Track aufzuräumen und einem leicht melancholischen Gitarren, äh, Riff wohl, Platz zu machen, ’cause we live our lives, bevor dann ein von fettem Bass begleitetes Schlagzeug vollkommen irrsinnig geworden wild ausbrechen darf. Alles verquer hier und voller Widersprüche, die das Leben eben so bereit hält, wenn man durch den Tag geht. Let’s go.

Ohne Matthew Herbert kann Roisin Murphy sich mit “Overpowered” als moderne Pop-Regisseurin profilieren. Sie sucht sich Stück für Stück die Produzenten aus, mit denen sie zusammenarbeiten möchte, reist durch die Welt und stellt so ihr virtuelles Orchester zusammen.
“Overpowered” rotiert auch hier auf der Festplatte mehrmals täglich. Ein sehr zeitgemäßer Kommentar zu Disco und Soul, mit vielfältigen Referenzen. Wenn man sich das Album bei iTunes herunterlädt, erhält man eine kleine QuickTime-Datei, wo ein Raoul Vaneigem-Zitat Freiheit und Konsum zusammenstellt. Die Cover-Version von “Standing in the Way of Control” ist ebenfalls eine tolle Referenz und gleichzeitige Neuinterpretation (http://www.youtube.com/watch?v=U2ITx5nDmV4).
Roisin Murphy inszeniert das Glücksversprechen der Oberfläche, des Spiegels, der Discokugel neu. Ihre faszinierende Kostümauswahl und ihr choreographierter Freestyle-Disco-Tanz erwecken vermutlich nur Neid bei den anderen etablierten Dancefloor-Diven.
Dass sie übrigens auch unabhängig von Disco-Orchester und Studiotechnik eine schöne Stimme hat, kann man hier hören (und sehen): http://ibrm.fimc.net/mc/Article.asp?id=491457
mein lieber scholli, da hat die hauptstadt ja ganze arbeit am menschen geleistet. es ist wohl doch so, dass sich hier im neandertal, also alles ausserhalb berlins, der innere faustkeil noch eine weile durchsetzt, während man ja an der spree in die generation de ausufert. rein sprachlich und natürlich gefühlstechnisch. ich muss mal nachdenken, kann man musik so hören? kann man musik eigentlich ertragen obwohl herbert nicht produziert? was sagen die anderen? kann man sich selbst eigentlich trauen?
Bei EMI gibt es für umsonst “Modern Timing” zum Runterladen, unter:
http://www.emirecords.co.uk/roisin/download/index.html
Ein klasse Boogie Disco outtake Stück mit Vocoder-Effekt.
Also ich habe RM zu Ruby Blue Zeiten live in Den Haag beim North Sea Jazz Festival gehört und gesehen und da, so im direkten Vergleich mit den richtig guten Musik-Acts dieser Welt, hatte sie überhaupt nichts verloren.
Overpowerd aber ist einfach flach. Da ist gar nichts mehr.
Und lieber Heiko: Mit oder “ohne Herbert”, als “Kommentar” mit “Referenzen” und “inszeniert das Glücksversprechen” und “faszinierende Kostümauswahl und ihr choreographierter Freestyle-Disco-Tanz” was bitte hat das mit dem Thema (nämlich Musik) zu tun? Das sind pseudo-intellektuelle Wortblasen, die nur von Leuten kommen können, die Musik nur mit dem Hirn hören anstatt mit dem Bauch. Und dass sie eine schöne Stimme hat, reicht auch nicht, man muss auch singen können ;-)
Mein lieber Chrisfried, Du hier? Egal, RM ist eine Popikone und ohne jetzt hier einen Diederichsen-artigen Diskurs vom Zaun zu reissen, unantastbar als solche! Für einen Hardcore-Jazz-Konservativen kann das ja gar nicht gehen, RM ist ein Gesamtkunstwerk – Stimme, Tanz, Outfits, Ueberfrau, etc. – Pop eben. Die kongeniale Zusammenarbeit mit M.Herbert hat uns ein unvergleichich anderes Popalbum beschert, warum man das bei einem North Sea verbrät, ist Frage verfehlten Bookings.
Die neue Scheibe ist allerdings aus Sicht des Pop in der Tat flacher -einer Madonna hat man derartige Discoreferenzen verziehen-, aber auch ich musste mehrmals mit vielen Skips durch das neue Album. Nachdem es mir zu ihren Molokozeiten leider nie gelungen ist einen Livegig zu besuchen, die Moloko-DVD aber alles in den Schatten stellt, was jemals auf Musik-DVDs gebannt wurde, habe ich eine Karte für den 6.11. in Mannheim geordert und platze vor Spannung. Ansonsten ist RM und ihre Musik nur mit Sinnen jenseits oder massiv unterhalb des Kopfs zu goutieren, was man von vielen Jazzergüssen nun wirklich nicht behaupten kann.
Stephan, bei dir hört sich das nett an.
Davon abgesehen bin ich nicht wirklich ein Hardcore-Jazz-Konservativer. Vergleich das doch mal mit Joe Zawinul oder Mardi Gras BB…Ich meine, du hast doch Ahnung von Musik, wie kannst du…..? Aber gut, es ist ne Frau und als Ikone unantastbar.
Bis zum nächsten Espresso ;-)
Es war fantastisch in Mannheim! Hingehen!