Mehr vom Kronleuchter.
Monthly Archive for November, 2007
Neulich unterm Kronleuchter mit Sascha Lehnartz über seinen treffenden Artikel geplaudert und hier einer Meinung gewesen: Zeitungen transportieren zwar Schlagzeilen, dass Jungs in der Schule hinter den Mädchen zurückbleiben und Ministerien finanzieren Projekte, die “Neue Wege für Jungs” heißen. Heißt: Hier tun alle so, als ziehen die Jungs an den Mädchen vorbei. Nur weil die besseres Abitur machen und schneller ihr Studium durchziehen. Aber ist das nicht Humbug? Muss man sich als Junge wirklich Sorgen machen?
Kein Grund, Amok zu laufen, es ist doch so: Das reale Arbeitsleben sieht anders aus. Für das schmeißen die Jungs einfach ihr Studium und haben dann schon Jahre Berufserfahrung, wenn die Mädchen Bachelor-gekrönt ins post-universitäre Nichts rauspurzeln. Martin van Crevelds These, dass die Dominanz von Bastionen immer schon gefallen ist, wenn Frauen sie erobern, ist nicht ganz ohne – was auch immer man von seinem Frauenbild hält. Das Studium in Deutschland ist jedenfalls immer weniger wert. Toll, dass so viele Frauen es jetzt abschließen. Studieren? Nur noch im Ausland.
Außerdem: Spätestens wenn die jungen Frauen im Arbeitsleben auf ihre immer noch männlichen Chefs stoßen, wie diese hier im Bild zum Beispiel, funktioniert das System genau wie früher. Es macht Frauen Probleme. Ist ja auch nachvollziehbar: Wenn einem neben den Hierarchie-Unterschieden dann noch Geschlechterdifferenzen in den Weg kommen, ist das Arbeitsleben mit Jungs schlichtweg einfacher. Da passiert dann automatisch unabsichtliches male-bounding und hups, schon hat durch die Hintertür der strukturelle Sexismus wieder Eingang gefunden, ohne das jemand das wirklich wollte.
Was um so mehr heißt: Die Panik um die Zukunft der Jungs in einem Land, in dem die Top-Positionen im Management immer noch hochprozentig von Männern regiert werden, ist nicht nur albern, sondern peinlich. Das scheint eher ein Halten des Status Quo: Der Diskurs tut so, als wären Frauen schon ganz weit, dann kann man vor dem immer noch ungerecht ausbalancierten Leben da draußen mit dem Was-wollt-ihr-denn?-Verweis die Augen verschließen. Ganz toll. (Und Fieber habe ich auch.)
Junge Skandinavier sind ja in Berlin für hippe Mode bekannt, klar, und für tendenziell zu extensives Feiern. Das kann manchmal etwas viel werden und veranlasste den besten Freund letzten Freitag, nachdem um 1.23 Uhr ihm ein übermütiger Skandinavier die Plattennadel zum zweiten Mal vom Teller gewischt hat zum Murmeln der Bemerkung “Ausländer raus”. Worauf ich trotz Sozialstress lachen musste. Daneben können sie aber noch anderes. Kunst zum Beispiel. Sieht man hier, auf der Ausstellung “Obergeschoss dritter Finger rechts / Norwegen” in der Pappelallee 15, Berlin. Das ist Ballhaus Ost, 3. Etage. Die ist zusammengestellt von Gunter Reski, meinem Lieblingsmaler, der selten etwas falsch macht. Und auf dieser Gruppenausstellung sieht man einige wirklich gute Arbeiten. Und alle super gehängt. Noch bis zum 08.12.2007, Dienstag bis Samstag, 15:00 – 18:00 Uhr. Also nimm dein Zombiekind an die Hand wie Emma Tryti, stecke ihm eine Feder in den Kopf und schau vorbei. Ist gut.
Es ist ein bisschen absurd, aber hier wollte ja lange keiner etwas machen oder nur sehr langsam, obwohl ich es ab und an versucht habe: Mein erstes Buch (ja, ich fange jetzt auch damit an) kommt heraus. Quer über die Kommunikation in vier Sprachen (geschrieben auf Deutsch, übersetzt von Cecilia Pavon ins Spanische und besprochen im Mailverkehr mit Damian in Französisch (er) und Englisch (ich)) ist eine Essaysammlung in Buenos Aires bei Interzona Editoria soeben erschienen, wie ich erfahren habe. Denn gerade erreicht mich per Mail ein Satz von Damian, der den grauen, kalten Winternovemberabend warm werden lässt: “La utopía de la copia, ton livre, viens de sortir. Il est tres jolie. Donne-moi ton adress pour que je puisse te l’envoyer par la poste. Congratulations!!” Merci beaucoup, merci Damián Tabarovsky et Cecilia Pavon!
Das Umfeld sucht eine Möglichkeit, Tennis zu lernen. In Berlin. Vom Umfeld aus auch erstmal Einzelstunden, denn es soll schnell gehen mit dem Lernen. Alle Bemühungen sind jedoch bislang gescheitert – Tennislehrer haben das Umfeld nicht zurückgerufen, Sportstädten ebenfalls nicht. Tennis spielen, sagt das Umfeld verzweifelt zu mir, kann man in Berlin, Tennis lernen ist jedoch offensichtlich nicht so einfach. Was heißt: Wir brauchen Hilfe. Weiss jemand wohin man sich wenden könnte? Oder kennt eine Person, die das lehrt?
Folgenden Satz in einem Artikel von Fritz Göttler zum neuen Film “American Gangster” gelesen und mich gewundert.
Äh, hm. Seit wann befreit der Kapitalismus die Unterdrückten? Das ist mir irgendwie neu. Habe ich was verpasst?

So wäre dieser grauen Novembertage ganz gut durch die Welt zu traben. Wunderschöne Zeichnung von Robyn O’Neil schlecht fotografiert von mir. Eigentlich sollte man sich in dunklen Zeiten aber in Farbe werfen. Etwa nach Kandor oder Chinatown. Beides groß.
Kann Wikipedia den Bildungsbürger retten?

