Digital Lifestyle Behaviour (2)

Kann Wikipedia den Bildungsbürger retten?

13 Responses to “Digital Lifestyle Behaviour (2)”


  1. 1 Henry

    Ja. Englische Wikipedia großartig für Triviales, Literatur, Musik. Deutsche Wikipedia großartig für naturwissenschaftliche Beiträge und geschichtliche Ereignisse. Was will ein Intellektueller mehr?

  2. 2 mspro

    Hab ihn nie kennengelernt, diesen “Bildungsbürger”. Aber Besserwissern geht es dort prima, hab ich gehört.

  3. 3 JPK

    Ja und nein. Ja, weil die Wikipedia eine Quelle ist, aus der der Bildungsbürger (können Nichtbürgerliche eigentlich keine gebildeten Menschen sein?) Informationen beziehen kann, um wissen zu sammeln und seine vorhandene Meinung zu differenzieren. Nein, weil eine Quelle schwerlich ausreicht, um ein Thema differenziert zu betrachten und sich dazu eine Meinung zu bilden, wenn es nicht gerade um mathematisch- naturwissenschaftliches Elementarwissen geht.
    Meinungs-Bildung hat schließlich auch was mit Bildung tun und sollte ein starkes Charakteristikum des Bildungsbürgers sein.

  4. 4 ben_

    Ufff. Ich hatte gerade vor ein paar Wochen erschrocken folgende Abschnitte in der Wikipedia gefunden

    Das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderters zeichnet sich durch folgende Charakteristika aus:

    akademische Ausbildung
    “In-group-Verhalten”, hervorgebracht durch ähnliche Bildungswege; über dieses Verhalten grenzte sich die Schicht von anderen sozialen Teilgruppen ab – von einigen Forschern wird das als Reetablierung neo-aristokratischer Gesinnungsmomente, wie etwa das Denken in Standesgemäßheit und Abstammung, gesehen
    hohe Selbstrekrutierung
    gesellschaftliches Prestige ist wichtiger als wirtschaftliche Prosperität

    überwiegend protestantische Konfession
    gilt als “kulturelle Elite”
    besetzt Berufe, die die bürgerlichen Ordnungsentwürfe weitervermitteln und so sozial dominant werden lassen

    Und es geht noch weiter:

    Der bildungsbürger denkt im Gegensatz zum typischen Besitzbürger nicht nur an sich selbst und das Geld, wobei ein überdurchschnittliches Einkommen bzw. Vermögen in diesen Kreisen meist vorausgesetzt wird. Als Kapital wird in diesen Kreisen das Vorhandensein von Beziehungen und Verbindungen verstanden, was sie als das ursprünglichere und bedeutendere Kapitalvermögen begreifen als das Geldkapital.

    … und dachte dann so bei mir: uff, das bin ja ich; das ist ja, wie ich das Netz sehe. Ich möchte fast behaupten, das Netz hat den Bildungsbürger nicht gerettet, es hat ihn neu geboren und seine Möglichkeiten und Macht sind so groß wie nie. The golden Age of Bildungsbürger is rising, denn “Wir sind die Schöpfer von Sitten und Gebräuchen.”

  5. 5 Ongaku

    wikipedia ist bloß die repräsentation der bildung

    was der bildungsbürger auch ist – frage kann nur heissen, kann wikipedia den bildungsbürger ersetzen

    nein, kann nicht ersetzen, der bildungsbürger kann nachlegen, stundenlang, wikipedia nicht, das web nicht, immer alles gleich zu lang und zu viel

    wikipedia McBildung – fast food

    kann wikipedia microsoft encarta (und ähnliche lexika )ersetzen – fast ja – aber nur fast

    mehr aber nicht

  6. 6 Mario

    Die Frage ist doch vielmehr, ob “Bildung” im Sinne von institutionell vermitteltem Wissen noch ein Konzept mit Zukunft ist, oder ob diese Institute, und mit ihnen die Idee eines genormten Wissens, vulgo Bildung, Relikte aus dem 19-ten Jahrhundert sind.

  7. 7 Matthias

    Wo gibt es heute noch Bildungsbürger?

    Und falls doch, dann muss man sie unter den (letzten) FAZ-Lesern suchen.
    Die Wikipedia-User denken nicht mehr in diesen Kategorien.

  8. 8 mrs. bunz

    Whew. Das geht ja los.

    Ja, der Bildungsbürger ist ’sort of tot’, jedenfalls im alten Sinne, weil das alte Konzept von Bildung, mit allen seinen Vor- und Nachteilen (Exklusion, aber auch die Möglichkeit von Aufstieg), nicht mehr funktioniert.

    Bildung ist heute zu Wissen geworden. Das ist etwas anderes. Bisschen unangenehmer. Fakten, Fakten, Fakten eben, das hat gesiegt. Bildung hatte was Verstaubtes, aber auch, an der Grenze zur Bohème, Glamour.

    Heute: Wissen ist nur bedingt ein Kapital. Das kann man sich ergoogeln. Also geht es heute nicht mehr darum, es zu haben, sondern das Richtige damit anzufangen. Das ist schwieriger als man denkt.

    Ich würde sagen: Wikipedia ist der neue Bildungsbürger. Die Funktion, die der Bildungsbürger teilweise hatte, für eine Kultur das Wissen zu sichern, zu wiederholen und damit aufzubewahren, diese Funktion hat heute Wikipedia bzw. das Netz. Aber das heißt nicht, dass Bildungsbürger völlig weg sind.

    So wie Ben_ habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht. Er hat recht, es gibt das alles noch genau so. Nur woanders. Bildungsbürger werden vor allem da gebraucht, wo Wissen gelebtes Wissen ist. Denke ich jetzt mal so.

  9. 9 Andreas77

    All die Leute, die Wikipedia (mit)schreiben, sind doch Bildungsbürger par excellence, und dadurch, dass sich Wikipedia ständig erneuert ist, ist es allerdings gelebtes Wissen – dass durch die Öffentlichmachung die Exklusivität (teilweise) verschwindet, ist ja auch nicht schlecht. Wobei ich aber auch sagen würde, dass wahre Bildung nicht die Kenntnis vieler Fakten ist, sondern eher die Fähigkeit, sich in unbekannten Fakten schnell zurechtzufinden – um neue Fakten schaffen zu können. Und Wissen ist auch, so abgedroschen es klingt, wissen, was man auch noch wissen könnte oder eben nicht weiss – Lexikon des Unwissens lässt grüssen…

  10. 10 Moritz E.K. Waldhauser

    wenn der “bürger” sich nicht selbst retten kann, dann wird dies niemand für ihn übernehmen – denke ich. und zu thema wikipedia nur folgendes: http://www.mekwaldhauser.net/blog/2007/11/04/ich-zerstorte-das-universum/

  11. 11 holger

    Sorry, aber das geht hier doch alles ziemlich durcheinander. Vielleicht sollte man zunächst einige Abgrenzungen vornehmen.

    Zunächst zwischen Informationen, Wissen und Bildung.
    Also ganz schnell ein Versuch von mir:
    1)
    Die Artikel bei Wikipedia stellen – wie jedes andere Lexikon auch – (mehr oder weniger sortierte) Informationen dar. Sie haben mit Wissen zunächst nichts zu tun.
    2)
    Wissen ist vielmehr an ein Subjekt gebunden, dieses verarbeitet Informationen vernetzt diese mit weiteren Informationen und “speichert sie ab”. So wird aus Information Wissen.
    3)
    Wissen alleine ist nun aber noch lange keine Bildung, aber ein Teil dessen. Bildung ist auch an eine Person gebunden jedoch vielmehr, viel umfassender als Wissen. Bezieht sich auf Dinge die man nicht wirklich bewusst weiß. Umfasst vielmehr den mehr oder weniger reflektierten Umgang des Menschen mit sich selbst und der Welt.

    Vielleicht soweit zunächst.

    Bevor wir zum Bildungsbürger kommen, noch ein Ausflug:
    Bildung muss hier als Teil kulturellen Kapitals verstanden werden kann, welches zur Distinktion zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen genutzt wird. Kulturelles Kapital besteht darüber hinaus jedoch auch aus instututionellen Bescheinigungen wie Schulabschlüsse und Titel und objektivierte Formen im Sinne von Gegenständen, wie Kunst. Diese haben wiederum nur einen Nutzen, wenn man über genügend Bildung verfügt. Das System referiert also auf sich.

    Kommen wir nun zum Bildungsbürger:
    Dieser unterscheidet sich dadurch von anderen, dass er besonders viel kulturelles Kapital (in allen drei Formen) in seinem Besitz hat und dieses schließlich auch zur Distinktion einsetzt.

    Was hat also Wikipedia mit dem Bildungsbürger zu tun?
    Wikipedia kann, zumindest wenn man ihn so begründet wie ich das gerade getan habe, schon mal nicht der Bildungsbürger von heute sein. Wikipedia ist, genau wie andere Enzyklopädien und auch die größten Bibliotheken der Welt, keine Bildung, sondern Information.

    Aber nochmal zurück zur Ausgangsfrage: Kann Wikipedia den Bildungsbürger retten?
    Da müsste man vielleicht zunächst fragen, ob und in welcher Form der Bildungsbürger überhaupt in Gefahr ist, dies aber nur am Rande.

    Zunächst möchte ich die Frage noch einmal etwas anders interpretieren: Fördert Wikipedia (neue) Bildungsbürger hervor?
    Ein Antwortsversuch müsste sich an die Unterscheidung der drei Ebenen halten:
    1) Bringt es Bildung bei den Personen hervor, die sich mit ihr beschäftigen?
    Dies könnte durchaus sein, ist zu vermuten und für die extensiven Nutzer sogar zu hoffen. Also: Ja.
    2) Institutionelle Zertifikate
    Nö, zumindest nicht direkt.
    3) Gegenständliches Kulturkapital
    Nö, auch nicht wirklich.

    Unter dem Strich kommt nach der oben genannten Herleitung kein wirklicher Bildungsbürger heraus.

    Nun könnte man noch – und das soll es dann für heute auch gewesen sein – danach fragen, ob Wikipedia, wenn es für eine Verbreitung und Demokratisierung von Informationen steht, die zuvor nicht allen Menschen zur Verfügung stand, dazu führt, dass sich zumindest auf dieser Ebene das Bildungsbürgertum derart verbreitet, dass es sich selbst auflöst. Schließlich muss er sich ja von anderen durch etwas unterscheiden, was ihm gehört und ihm als besonderes Kennzeichen zugerechnet wird.
    Die Frage lautet überspitzt also:
    Hat Wikipedia (oder zumindest die dahinter stehende Idee) das Potenzial das Bildungsbürgertum zu zerstören.

    holger

  12. 12 Jowinal

    Hat sich nicht das Ideal vom Bildungsbürger gerade in Zeiten des Web2.0 diametral gewandelt? Meines Ermessens ist die Frage eventuell anders zu stellen: verliert der das netznegierende, netzkulturpessimistische Bildungsbürger den Zugang zum Diskurs? Entsteht dadurch vielleicht gerade die Prekariatsfalle der einstigen Bildungselite.

    Das Web2.0 erfordert meiner Meinung nach netzwerkaffine Kompetenzen, die die einstige Bildungselite ebenfalls erst Erlernen muss. Sein geballtes Wissen diskurseffizient im Netz zu platzieren, ist heute mitunter die alles entscheidende Kompetenz. Wissensbasierte Plattformen zeichnen sich durch Crossmedialität aus. Die Relevanz von Wikis nimmt dabei zu. Qualitätssteigerung und -sicherung werden dabei in Zukunft noch verstärker in den Fokus treten als bisher. Wissen ist somit erstmals ubiquitär. Eine kompetente Einordnung liefert aber erst das Einbetten in Diskurse, die aufgrund entsprechender Hyperlinks auch für bildungsfernere Schichten verständlicher vermittelt werden können. Insofern ist das Wiki als kollektiver Wissensspeicher im Netz nicht mehr wegzudenken. Gerade für den Bildungsbürger, der die Anwendung seines Wissens hier unter Beweis stellen kann.

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