Monthly Archive for December, 2007

Gloria

Das Band geht an, der Chor setzt ein, Auftritt: das nackte Plastik-Bambini, dass der goldbestickte Pastore erhoben mit Gefolge durch die eiskalte Kirche trägt und auf Stroh vor den Weihrauch und Wärme verbreitenden Dreifuß bettet. Mit einem Mal das Gefühl, Teil einer großen Reproduktionsmaschine zu sein: Rechts auf uns hinabblickend, links zu uns rüberlinsend, vorne uns vom Altar grüßend, also quasi in jeder Nische eine Mutter, die ihr winkendes Kleinkind erhoben präsentiert. Verkündigung, Geburt, Anbetung, ab und an grüßt es sogar heraus aus dem Bauch. Das Kind, das Kind, das Kind in unendlichen Variationen. Heilige Kleinfamilie: der religiöse Apparat sichert die Produktion der Produktivkräfte. Jesus ist keine Ideologie, sagt der Pastore gerade vorne. Althusser wäre hier anderer Meinung. Buon Natale. Saukalt hier.

Wir diskutieren das nachdenklich uns an der lauen Nacht auf dem Vorplatz wärmend. Denn noch beeindruckender ist eindeutig die Geste rund um die Oblade: Aufbewahrt in einem goldverzierten Marmorschrein in der Mitte des Raumes, also in diesem Falle Santo Spirito und dank Brunelleschi was für ein Raum, wird sie sorgfältig aus dem Tabernakel herausgeholt und hoch erhoben in die Kuppel. Und gehalten. Die Arme der Seidengewänder rutschen blitzend. Silencio bitte. Das Gefolge hebt mit wohlkalkulierter Verzögerung ebenfalls die Unterarme und öffnet die Handflächen gen Himmel. Wir sind Teil eines alten Gemädes.

Vielleicht, sage ich später diesen Moment rekapitulierend zu J. und ziehe an meiner Zigarette, ist es gar nicht nur die Ideologie der Kirche. Denn eigentlich hat die Gesellschaft aus vielen verschiedenen Möglichkeiten sich das spießigste Fest herausgesucht. Wenn man den Foucault unter den Arm packt, würde die Frage lauten: Warum eigentlich ausgerechnet dieses Fest und kein anderes?
Wie jetzt, sagt J.
Na die Niederkunft des Heiligen Geistes auf die Erde zu feiern, meine ich, das wäre ja mal ein Anlass. Ich meine Weisheit, Erkenntnis, Einsicht, Verstand, Stärke, um nur ein paar der sieben Gaben des Heiligen Geistes zu nennen, kann ja eigentlich jeder brauchen. Pfingsten spielt aber keine Rolle. Die mehr und mehr non-religiösen Europäer gehen nicht zu Messe – außer an Weihnachten. Aus Angst vor den tatsächlich religiösen Moslems sagen sie zwar heute, dass sie gläubig sind, aber Religion ist vor allem das Erleben einer Gemeinschaft, auch bei uns. Es braucht ja zwei oder drei in seinem Namen. Das wird aber höchstens noch an Weihnachten praktiziert.

Das stimmt, sagt J. und schiebt als weitere Argumentation dazu, dass Weihnachten das Fest sei, das außerhalb der religiösen Sphäre die stärksten Spuren hinterlässt. Deutschland beginne ja schon im September hysterisch, den Spekulatius in den Supermärkten aufzustellen.
Dass die Beschwörung der Reproduktion in Form des Bambinis plus die Anbetung der Kleinfamilie das wichtigste religiöse Fest außerhalb der Religion ist, beschließen wir also, ist nicht unbedingt eine Idee der Kirche. Die packt nach Weihnachten das Plastik-Bambini eben in keinen goldverzierten Tabernakel, sondern steckt es, wir haben gefragt, in irgendeine Ecke. Gloria a te, o Signore.

Pimp your Profile

Man muss mal über Selbstdarstellung auf Profilseiten nachdenken. Auch weil:

These 1: Die Ideologie stellt das imaginäre Verhältnis der Individuen zu ihren wirklichen Lebensbedingungen dar.

Und:

Eine Ideologie existiert immer in einem Apparat und dessen Praxis oder Praktiken.

Und:

Nur durch und in einer Ideologie existiert Praxis. Nur durch das Subjekt und für Subjekte existiert Ideologie. [Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsapparate, 14, 14 und 18]

Diese drei Sätze haben mir heute heftig zugewunken und mich aufgefordert, sie unter den Arm zu nehmen, um mit ihnen über Selbstdarstellung auf Profilseiten nachzudenken. Mach ich ja auch, hier zum Beispiel. Wie man sie genau in Anschlag bringen kann, bin ich mir noch nicht sicher. Aber da lauert irgendwas, soviel ist klar. So was wie: Pimp your Profile – Das neue Design des Kapitalismus. Folglich: Suche aufgepimpte Profilseite. Schön. Oder schrecklich. Also alles auf MySpace, ha! Nein, egal. Fällt jemandem was dazu ein?

Jetzt geht das mit den Listen los

Das Jahr geht zu Ende. Man wird folglich aufgefordert nachzugucken, was man die ganze Zeit über konsumiert hat. Hier meine Liste. Und ihr?

Gadgets: BMW 325i Cabriolet. Kind of posh, auch wenn nicht so teuer, dafür aber um so mehr oh yes. Abgesehen davon der Ipod Touch, der das bessere, weil eindeutig erschwinglichere Iphone ist. Und genauso schön.

Clubs: Picknick (Berlin), Kim (auch Berlin, komme da nicht so oft raus)

DJs: Sick Girls, Coconut Twins

Musik: Die Toronto-Ontario-Posse: Apostle of the Hustle “National Anthem of Nowhere”, Feist “The Reminder”, Broken Social Scene presents Kevin Drew “Spirit if…”, Emily Haines “Knives Don’t Have Your Back”

Mode: Isabelle Marant

Zeitschrift: Fantastic Man

Best Blogs 2007

Text: Rainald Goetz

Foto: Amy Stein, Hedi Slimane – zwei, weil es das Jahr war, in dem Fotos als eigene Inhalte (also nicht bloß als Beiwerk) im Netz ankamen

Mode: The Satorialist

Journalismus: Stefan Niggemeier, klar, oder?

Lieblingsklassiker: Malorama

Steinzeit

Das Internet ist ein chaotisches, rechtloses, informationsüberflutetes Medium, denkt das Landgericht Hamburg. Und räumt auf. Stefan Niggemeier soll ab sofort Medienhaus spielen und alle Kommentare vorab kontrollieren. “Wenn du zuviele Freunde im Internet hast”, sagte Mr. Bleed neulich zu mir, “hast du ein Problem – oder eine Firma.”

Früher war das anders: Das Internet, dachte man sich so, ist ein öffentlicher Raum mit vielen Möglichkeiten. Das faszinierende ist ja, dass es kein Speichermedium ist, sondern so etwas wie ein Verteilermedium. Was ermöglicht, dass Menschen dort miteinander in einen Dialog treten können und ihre Meinung äußern. Wenn man Blogger verpflichtet, Kommentare vorab zu kontrollieren, ist das ein massiver Eingriff in die Meinungsfreiheit.

Greift eine Überwachungspflicht, verändert man massiv die aktuelle Kultur von Blogs und Foren, da hat Stefan Niggemeier absolut Recht. Jeder wird sich vorher überlegen, ob er sich in seinem Blog oder Forum mit einem heiklen Thema befasst. Was das für die Meinungsfreiheit bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Und er sagt: Ich werde Berufung gegen dieses Urteil einlegen. Wenn wir helfen können: Gerne.

Voice over

Grey’s Anatomy bekommt ja in der vierten Staffel einfach nicht mehr so die Kurve, auch wenn es manchmal nette Momente hat. Psychologische Momente nennt man so etwas wohl, meistens sind das ja Banalitäten, die alle kennen. Was nicht heißt, dass sie ungültig sind. Man muss sie wohl eher in neue Situationen packen, damit sie einen erwischen. Voice-over zum Beispiel. Als Voice-over funktionieren sie gut.

Somtimes we tell the truth because the truth is all we have to give. Sometimes we say the truth because we need to say it out loud to really hear it for ourselves. Sometimes we tell the truth because we just can’t help ourselves. And sometimes we tell them because we owe them at least that much.