Das Band geht an, der Chor setzt ein, Auftritt: das nackte Plastik-Bambini, dass der goldbestickte Pastore erhoben mit Gefolge durch die eiskalte Kirche trägt und auf Stroh vor den Weihrauch und Wärme verbreitenden Dreifuß bettet. Mit einem Mal das Gefühl, Teil einer großen Reproduktionsmaschine zu sein: Rechts auf uns hinabblickend, links zu uns rüberlinsend, vorne uns vom Altar grüßend, also quasi in jeder Nische eine Mutter, die ihr winkendes Kleinkind erhoben präsentiert. Verkündigung, Geburt, Anbetung, ab und an grüßt es sogar heraus aus dem Bauch. Das Kind, das Kind, das Kind in unendlichen Variationen. Heilige Kleinfamilie: der religiöse Apparat sichert die Produktion der Produktivkräfte. Jesus ist keine Ideologie, sagt der Pastore gerade vorne. Althusser wäre hier anderer Meinung. Buon Natale. Saukalt hier.
Wir diskutieren das nachdenklich uns an der lauen Nacht auf dem Vorplatz wärmend. Denn noch beeindruckender ist eindeutig die Geste rund um die Oblade: Aufbewahrt in einem goldverzierten Marmorschrein in der Mitte des Raumes, also in diesem Falle Santo Spirito und dank Brunelleschi was für ein Raum, wird sie sorgfältig aus dem Tabernakel herausgeholt und hoch erhoben in die Kuppel. Und gehalten. Die Arme der Seidengewänder rutschen blitzend. Silencio bitte. Das Gefolge hebt mit wohlkalkulierter Verzögerung ebenfalls die Unterarme und öffnet die Handflächen gen Himmel. Wir sind Teil eines alten Gemädes.
Vielleicht, sage ich später diesen Moment rekapitulierend zu J. und ziehe an meiner Zigarette, ist es gar nicht nur die Ideologie der Kirche. Denn eigentlich hat die Gesellschaft aus vielen verschiedenen Möglichkeiten sich das spießigste Fest herausgesucht. Wenn man den Foucault unter den Arm packt, würde die Frage lauten: Warum eigentlich ausgerechnet dieses Fest und kein anderes?
Wie jetzt, sagt J.
Na die Niederkunft des Heiligen Geistes auf die Erde zu feiern, meine ich, das wäre ja mal ein Anlass. Ich meine Weisheit, Erkenntnis, Einsicht, Verstand, Stärke, um nur ein paar der sieben Gaben des Heiligen Geistes zu nennen, kann ja eigentlich jeder brauchen. Pfingsten spielt aber keine Rolle. Die mehr und mehr non-religiösen Europäer gehen nicht zu Messe – außer an Weihnachten. Aus Angst vor den tatsächlich religiösen Moslems sagen sie zwar heute, dass sie gläubig sind, aber Religion ist vor allem das Erleben einer Gemeinschaft, auch bei uns. Es braucht ja zwei oder drei in seinem Namen. Das wird aber höchstens noch an Weihnachten praktiziert.
Das stimmt, sagt J. und schiebt als weitere Argumentation dazu, dass Weihnachten das Fest sei, das außerhalb der religiösen Sphäre die stärksten Spuren hinterlässt. Deutschland beginne ja schon im September hysterisch, den Spekulatius in den Supermärkten aufzustellen.
Dass die Beschwörung der Reproduktion in Form des Bambinis plus die Anbetung der Kleinfamilie das wichtigste religiöse Fest außerhalb der Religion ist, beschließen wir also, ist nicht unbedingt eine Idee der Kirche. Die packt nach Weihnachten das Plastik-Bambini eben in keinen goldverzierten Tabernakel, sondern steckt es, wir haben gefragt, in irgendeine Ecke. Gloria a te, o Signore.
