“Liebeskummer”, sagt S. zu mir und zupft sich an seinen grauen kurzen Haaren, “hat man heute nicht mehr mit Personen, sondern mit Situationen.” Und nachdem dieser Satz eine Weile durch den Raum flog, bevor er bei mir gelandet ist, stelle ich erstaunt die Nase in meine Tasse Tee mit Milch steckend diesen Gedanken von allen Seiten genau prüfend fest: Er hat Recht.
Ich ziehe also an meinen blonden Haaren, um zu überlegen, woran das liegt. Erstens schieben wir der Flexibilisierung die Schuld in die Schuhe, weil die auch die Beziehungen kreuzt. Heute geht es eben nicht mehr unbedingt darum, dass man auf die ‘eine’ Person trifft und dann bis zum Ende des Lebens und so weiter. Man parkt, und wenn man Glück hat, bekommt man den Parkplatz lange, selbst wenn man sich ab und an um eine Umweltplakette kümmern muss, damit man noch durch die Stadt fahren kann.
Zugleich ist aber auch das Verlassen des Teenagertums ein Grund, denn wenn man das Leben schon eine Zeit lang mitgemacht hat, wiederholt sich irgendwann das Elend. Dann wird das ganze Vor-die-Wand-Fahren abstrakter, man ist auf das Leben sauer, weil schon wieder, was nicht heißt, dass es trotzdem nicht noch dasselbe ist: ein anstrengendes Elend. Immer noch hilft dagegen jedoch eines, sagt S. und dreht die Anlage auf: Musik.
Nachtrag: Hey Umfeld, das ist ja sweet, aber nein, keine Angst.

“Immer noch hilft dagegen jedoch eines”
Die schönste Nachricht des Tages. Hierfür Dank.
Hm, und Du meinst, dass das alles mit der neueren notwendigen Flexibilität zu tun hat? Gab’s den Typus nicht vielleicht schon immer? Gab’s nicht immer schon die Parker und die Sternensucher; die Pragmatiker und die Romantiker; die die lieben und die, die es lieben, geliebt zu werden; die, die’s auch allein aushalten und die, die’s nicht tun? Weiss nicht so genau, aber: dass Musik Situationskummer eher verstärkt schon. Hier jedenfalls meist.
Liebe Mercedes Bunz,
Das ist sehr wahr und toll und etwas traurig.
Ihr Jonas
man parkt sein Glück…irgendwie richtig, doch Musik kann auch ziemlich destruktiv wirken. Vor allem verbindet man es bis an sein Ende mit jener Musik.
die liebe ist und bleibt das groesste: fuer immer und ewig…
ich wuensch da gerade auch wegen dem herzschmerz mal besteste besserung! man spuert da wenigstens immer dass man am leben (und kein zombie ;-) ist! alles gute!
@rob vegas: und wenn schon! dann vertieft die musik die sache das kann durchaus von nutzen sein!
musik ist und bleibt das zweitgroesste: fuer immer und ewig… ;-)
Traurig. Traurig, aber wahr… :-/
Schon mal Proust gelesen? Erinnert mich irgendwie daran, Gerüche werden zu Sensationen…
“Stur und ohne nachzufragen halten wir an der Annahme fest, dass Dauerhaftigkeit Sicherheit verleiht, Vergänglichkeit hingegen nicht.”
(Sogyal Rinpoche)
Trauern wir nicht dem falschen Traum nach und übersehen dabei das eigentliche Glück?
Im Irrglauben, Dauerhaftigkeit verleihe Sicherheit knien wir zitternd nieder vor der Kontingenz, die die Peitsche der Beliebigkeit schwingt. Wer sagt eigentlich, dass Nicht-Notwendigkeit gleich Beliebigkeit ist?
Anstatt die Anlage aufzudrehen, die vermeintliche Enttäuschung mit Musik zu übertönen, würde ich gerne noch einmal hinschauen. Personen sind eben keine Parkplätze; voller Veränderung sind sie (gerade deswegen) nicht beliebig. Hinter Kontingenz verbirgt sich nicht Beliebigkeit sondern Leben – die Schönheit der Welt. Ich brauche die Anlage nicht aufdrehen, die Musik spielt schon…
“Konsum wird immer, mit einem von Bourdieus Lieblingsausdrücken, ‘verkannt’, besonders wenn der erinnerte Augenblick liminale Bedeutung besitzt. Bei der Erinnerung an romantische Augenblicke traten die Gewährspersonen in den emotionalen Erfahrungsraum der Romantik ein und entflohen (‘vergaßen’) deren konsumorientierten Charakter. Durch diese Aufhebung des Misstrauens, die für die Erfahrung des Rituals erforderlich ist, und ihr Aufgehen in den Emotionen der Liebesbeziehung verlieren die Menschen den konsumorientierten Charakter ihrer eigenen Praktiken aus den Augen und reproduzieren damit (unbewußt) die konsumorientierte Ordnung. Romantische Verabredungen zeigen die Charakteristika dessen, was wir in Umkehrung eines Marx’schen Begriffes als ‘Personenfetischismus’ bezeichnen könnten: das heißt, es ist nicht die Ware, die von den Personen, die sie produziert haben, getrennt zu sein scheint (wie im Warenfetischismus), sondern es hat vielmehr den Anschein, dass die Menschen von den Waren getrennt sind, die ihre Erfahrungen produziert haben. Die Beziehungen zwischen Menschen und Objekten erscheinen damit als Beziehungen zwischen Menschen.”
Sicher dass das so ist, das jenes früher nicht so war? Ich denke schon. Man hat es nur anders Wahrgenommen.