“Wie findest du das?” “Ich ziehe so ein Gesicht wie du. Was heißt: Und wieder hat mir mein präzises Urteil den Abend verdorben. Wenn ich liberal wäre, hätte ich mehr Spaß.”
Monthly Archive for April, 2008
Eigentlich höre ich ja nicht gerne minimalen Elektro zu Hause, ich finde, das ist Musik für ein großes Soundsystem. Sie gehört in den Club, in dem man Bässe und Höhen in vollem Umfang durch den Raum bouncen lassen kann. Oder sagen wir es so: Meine Wohnung fremdelt mit Techno. Auf der Website von Karaoke Kalk, eines meiner Lieblingslabel, habe ich aber gerarde das als neues Webrelease entdeckt, auch wenn die Musik von 2005 ist: Kandis, Jumpstart. Und mit Jumpstart ist es anders. Vielleicht, weil Jumpstart gekonnt an der Grenze zwischen ruhigen Knispel-Beats und minimalem Techno herumwuselt, das kann Kandis ja gut, sei es unter Senking, Fumble oder eben Kandis. Jumpstart ist dabei von den Tracks her immer ein wenig düster und zurückhaltend, aber präsent, und zugleich sehr gekonnt elegant und schön. “Lost at the Youth Club” erklärt die Beats zur Melodie, die dann aber doch im Verlauf bereitwillig ihren Part abgeben, shifting eben, wie es nur elektronische Musik kann. “Letter” fängt an, seltsamen Melodien durch die Zeit zu folgen, wie eine Fährte, die man mit der Nase aufgenommen hat. Und “Picture Page (Process ‘integ’ Remix)” drückt dann wirklich wunderschön einen repetitiven Technofilter durch den Track, bis er sich in einer Melodie verfangen hat, die einen an der Hand nimmt und einen uplifting mit ihr bekannt macht. Leichte Euphorie stellt sich ein. Musik eben.
Am Anfang habe ich ja Mr. Bleed lachend an den kurzen Haaren gezogen: Ein Öko-Technik-Special? In der DEBUG? Jetzt noch? Werden wir nicht schon genug täglich mit Klimawandel-Öko-Faschismus bombardiert, um uns als Konsumenten weiterhin gut fühlen zu können? Dann habe ich angefangen zu blättern und bin prompt entschuldigend zurückgerudert. Weil das ist wirklich gut geworden. DEBUG, übrigens auch mit neuem schicken Webauftritt, wirft einen Blick darauf, wieviel Energie Google verbraucht, besucht in Berlin einen Provider samt seinen Stromausfall-BackUp-Schiffsmotoren, fliegt virtuell auf der Green Gadget Messe in New York vorbei, um dort mit den Lohas zu stricken und Ji-Hun Kim liefert neben punktgenau treffenden eigenen Überlegungen noch ein wirklich lesenswertes Interview mit Dietmar Dath zu seinem neuen Buch “Maschinenwinter” dazu, in dem der neben anderen schönen Sätzen folgenden sagt:
Ein paar falsche Ansichten sollten (…) doch mal wieder angegriffen werden. Zum Beispiel das allgegenwärtige, unpolitische und reaktionäre Gefasel, das davon ausgeht, Hiroshima und Nagasaki kämen von der Physik statt vom Zweiten Weltkrieg, die Verweigerung und Zerstörung reproduktiver Rechte käme von den Biowissenschaften statt vom Patriarchat, die Überwachung käme von der Computertechnik statt vom Imperialismus und so weiter. Also die ganze gängige Technikkritik, die systematisch verschweigt, dass der Folterer foltert, nicht das Folterinstrument. Unterdrückung, Ausbeutung und so weiter sind Verhältnisse zwischen Menschen, nicht schuldhafte Folgen der Aufklärung.
Jo.
Gestern kam Julian Kücklich im Büro vorbei, erklärte uns, was Serious Games sind und zeigte uns das hier. Leuchtete sofort ein, die wundervollen Abgründe an Krassheit der Games mit politischen Statements zu verbinden. Die Tage, in denen Unterhaltung unschuldig war, sind ja schon lange vorbei. Hier zeigt sich jedoch: Das wird noch zunehmen. Fein!

Molleindustria aims to reappropriate video games as a popular form of mass communication.
Dienstag saß ich auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik vor Kurt Beck. Denn der hat eine Rede gehalten über Public Value im Netz. Was ein Elend. Wenn Kurt Beck und seine Frisur tatsächlich Kanzler werden, muss man sich ernsthaft überlegen auszuwandern, in den Untergrund zu gehen oder in die – Schluck – Opposition.
