Am Anfang habe ich ja Mr. Bleed lachend an den kurzen Haaren gezogen: Ein Öko-Technik-Special? In der DEBUG? Jetzt noch? Werden wir nicht schon genug täglich mit Klimawandel-Öko-Faschismus bombardiert, um uns als Konsumenten weiterhin gut fühlen zu können? Dann habe ich angefangen zu blättern und bin prompt entschuldigend zurückgerudert. Weil das ist wirklich gut geworden. DEBUG, übrigens auch mit neuem schicken Webauftritt, wirft einen Blick darauf, wieviel Energie Google verbraucht, besucht in Berlin einen Provider samt seinen Stromausfall-BackUp-Schiffsmotoren, fliegt virtuell auf der Green Gadget Messe in New York vorbei, um dort mit den Lohas zu stricken und Ji-Hun Kim liefert neben punktgenau treffenden eigenen Überlegungen noch ein wirklich lesenswertes Interview mit Dietmar Dath zu seinem neuen Buch “Maschinenwinter” dazu, in dem der neben anderen schönen Sätzen folgenden sagt:
Ein paar falsche Ansichten sollten (…) doch mal wieder angegriffen werden. Zum Beispiel das allgegenwärtige, unpolitische und reaktionäre Gefasel, das davon ausgeht, Hiroshima und Nagasaki kämen von der Physik statt vom Zweiten Weltkrieg, die Verweigerung und Zerstörung reproduktiver Rechte käme von den Biowissenschaften statt vom Patriarchat, die Überwachung käme von der Computertechnik statt vom Imperialismus und so weiter. Also die ganze gängige Technikkritik, die systematisch verschweigt, dass der Folterer foltert, nicht das Folterinstrument. Unterdrückung, Ausbeutung und so weiter sind Verhältnisse zwischen Menschen, nicht schuldhafte Folgen der Aufklärung.
Jo.

zu der vulgärmarxistischen dath-soße
aktuell fr heute
Gestern las ich dies Posting, in der Nacht träumte ich dann, ich ginge mit Dath in eine Biologie-Vorlesung. Das war so als Traum eigentlich ganz interessant.
Der Vulgärmarxismus kippt um in Geschichtsrelatvismus, in seinem neuen Buch “Maschinenwinter” findet Dath Essensgutscheine für Asylbewerber “auf dem Stand der großen Industrie und jedem erweiterten Stand, der nach ihm kommen mag, so obszön wie Judensterne, Kastentrennung und Brandzeichen auf Sklavenstirnen.”
“So obszön wie Judensterne”??? Dath ist von seinem neuen Lafontaintauglichen Populismus offenbar derart betört, dass er das vergisst, was man vielleicht noch für linke Essentials hätte halten können…
FR? hihi, haha, huhu.
(“zu der vulgärmarxistischen dath-soße” – da erstickt das Lachen dann doch wieder und ich wende mich leuber interessanteren Dingen zu)
Danke für den de:bug-Hinweis. Erfreulicherweise bin ich nach Jahren der Vor(nicht)auswahl durch Rezensionen inzw. so weit, daß ich Bücher einfach so lese. Und mich genervte “Säue-durchs-Dorf-Treiber” des Feuilletons nicht mehr interessieren. Und das Lesen dieser meist doch eher uninteressanten Schreibereien kostet dann auch noch Zeit, die für das Lesen der Primärtexte fehlt.
Seit gestern liegt also der neue Dath im Haus, Anfang ist schon gut. Schaumama.
ja ein wiklich interessantes interview: mir gefaellt die direkte art wie herr dath die dinge anspricht und bin mit ihm in vielen dingen dacor! andere nennen das vielleicht vulgaermarxistisch na aber wenn die dreckssosse die sonst so gekocht wird dagegen nicht vulgaer im quadrat ist weiss ich ja auch nicht…
aber zur aufklaerung und deren schuldlosigkeit da kann ich so nicht einfach zustimmen: ich finde die aufklaerung ist nun doch schon ziemlich alt und riecht schon recht seltsam! meiner meinung nach kann und darf man bei ihr nicht stehen bleiben: alles ist im fluss und die aufklaerung ist garantiert nicht der weisheit letzter schluss und sie ist schon garnicht schuldlos! da kein menschensystem die ganze wirklichkeit umfasst geschehen auch durch sie durchaus schreckliche dinge! mag sein ich bin da etwas un-vernuenftig: aber ich denke schon dass die maschine unglaublich viele opfer verlangt und obwohl ich die aufgeklaerte wissenschaft nicht als religion bezeichnen moechte spielen doch -wie soll ich sagen- jede menge irrationale aspekte eine nichtbewusste aber recht starke rolle… (auch religioese systeme und praktiken koennen z.b. durchaus wiederholt und nachvollzogen werden – kurzum: ich denke da gibt es einfach noch mehr da gibt es auch noch anderes innen wie aussen)
“symptomatisch vor allem ist das ununterbrochene wachsen der montonie, ihr haemmern und trommeln, ihr pausenloser gang. die welt wird von uhren erfuellt, wird selbst zum uhrwerk; die zeit wird kostbarer und unertraeglicher. all diese uhren zaehlen und messen, aber sie sind auch, wir die furcht vermutet, auf eine stunde gestellt. die technik ist in diesem sinne umstand, kulisse, ist, nach dem ausdruck von martin heidegger, gestell. ihre oekonomische, lokomotorische und ihre machtseite ist ohne innere bedeutung fuer den menschen; ihre eigentliche aufgabe ist einweisend und hinleitend. dazu rechnet auch die zerstoerung, die man ihr vorwirft, die verflachung, das entleerende. es haengt eng mit der monotonie zusammen, jedoch im sinne einer umgruppierung, eines schwundes, dem nachzuforschen ist. der raum wird ohne zweifel leerer, unfreundlicher – zugleich verstaerkt sich das pochen an der tuer.”
“der forschung wird heute ein groesserer anteil des volkseinkommens zugebilligt als je zuvor. das liegt nicht allein daran, dass sich in diesem anteil ruestungsaufwendungen verbergern, bei denen die wirtschaftlichen bedenken zuruecktreten; es liegt auch daran, dass der stand der forschung und der von ihm abhaengige technische standard die potenz legitimiert, und zwar weit ueber den oekonomischen und militaerischen rahmen hinaus. im gelungenen experiment sublimiert sich die macht eines dynamischen zeitalters.”
“die staatsraeson gilt heute als verrucht, und zwar auch dort, wo sie praktiziert wird, waerend es der raeson gegenueber, die sich auf das experiment gruendet, keinen wiederstand gibt. … ohne zweifel nehmen die unangenehmen, bedenklichen und vor allem entwuerdigenden eingriffe zu. sie werden durch die statistik unterstuetzt, die man als die moral der ziffer bezeichnen kann. oft wird das entwuerdigende freilich kaum noch empfunden, ja nicht einmal bemerkt.”
ernst juenger “an der zeitmauer”
(…nun gut: so mancher findet herr juenger vielleicht als reaktionaer ich empfinde seine gedanken als sehr interessant…)
in der edition unseld wurde zeitgleich das buch von bernard stiegler veröffentlicht, in dem ein satz zu lesen ist, der den technikbegriff des herrn dath und anscheinend auch von frau bunz treffend umschreibt: ” und hier gilt es zunächst die metaphysische dummheit zu überwinden, die darin besteht, zu glauben, die technik sei ein mittel im dienst eines außerhalb der technik liegenden zwecks.” wer sich über die die soziale diskursivität des technischen
informieren will, sollte lieber zu dem leider längst vergriffenen buch von hans dieter bahr ” über den umgang mit maschinen” (Konkursbuchverlag 1983) greifen und den darauf basierenden medienphilosophien…