Gut, das Soziale wollte schon immer gepflegt sein, aber an dieser Stelle ist das Leben wirklich mehr Arbeit: Der Bekanntenkreis. Früher lief man sich so über den Weg, dachte nervös darüber nach, warum man wieder nicht gegrüßt wurde, und was an einem eigentlich so unsympathisch war. Oder man plauderte, auch nicht besser, gut gelaunt jemandem vor die Füße, um sich anschließend Sorgen darüber zu machen, was man schon wieder für einen Unsinn geredet hat. Und sicher zu laut. Zu Hause raunzte man anschließend das Haustier an, weil der Anrufbeantworter nicht blinkte, und man wie immer von niemandem kontaktiert worden war. Und heute? Heute hat man all das – und dann geht die Arbeit erst los.
All die Menschen um sich herum muss man kategorisieren, man muss jedem zuteilen, was sie von einem mitbekommen sollen, ob sie von einem was auf diesem sozialen Netzwerk mitbekommen dürfen, auf dem anderen aber lieber nicht, also ja, ist ein Freund, hier aber neee, weiss noch nicht. Vielleicht später. Ehrlich gesagt habe ich das ganze Schlamassel nicht mehr unter Kontrolle, ich verliere den Überblick. Also du, du bist ein Kontakt, du ein Freund, das da drüben darf alle Bilder sehen, bei Monsieur dagegen habe ich mich wirklich schrecklich geirrt. Naja, kommt vor. Stupse ich hurtig aus dem Kreis meiner Top-Freunde oder hatte der einen ganz anderen Spitznamen? Bei welchem Netzwerk lasse ich jetzt auch Unbekannte al Freunde zu, Hilfe, wie geht das alles? Oder macht man das nie, weil wie meine Mutter mir mal eingeschärft hat, ich solle nicht mit Fremden reden. Eh, keine Ahnung.
Ab und an überlege ich, ob man seine Privatsphäre vielleicht einfach am besten völlig ad acta legen sollte. Was soll der Unsinn, es wäre einfach weniger Arbeit. Aber dann hebt das Umfeld den Finger und beginnt auf mich einzureden, das wäre unsympathisch, schon jetzt würden einige Leute zu ihnen sagen, das Blog würde zu viel Privates zeigen, beispielsweise einen Urlaub, oh je, stimmt, den Skiurlaub, und den zerschnittenen Daumen. Und dann schüttele ich wütend den Dutt, worüber reden die eigentlich da draußen, das kann doch nicht sein. Schleppen wir immer noch Spuren dieser fiesen Fünfziger mit uns herum?
Deshalb eben die ganze Arbeit, denn es ist immer noch so: Kaum zeigt sich etwas an einer Stelle, an der es nicht ganz hingehört, das Private am Rande der Öffentlichkeit also, haut man drauf und normativiert es. Nur ist das heute, in Zeiten von flexiblen multiplen Identitäten, die an Stellen den Kopf zum Fenster reinstecken, an denen man sie nicht erwartet, weil sie nicht die Hauptrolle spielen, doch eigentlich überflüssig. Denn die sind da. Das muss die Gesellschaft schnurstracks lernen. Dann hätte man auch mit der Verwaltung des Bekanntenkreises weniger Arbeit. Aber keine Sorge: Wir bleiben dran. Nur wie wir das ATP-Festival in Südengland gerockt haben, das behalte ich mal lieber für mich bis zur Revolution.


Erst war, sagt sie, American Apparell das neue Carharrt. Und jetzt, frage ich. Hm, sagt sie, vielleicht Fred Perry?