Monthly Archive for May, 2008

Der neue Sozialstress

Gut, das Soziale wollte schon immer gepflegt sein, aber an dieser Stelle ist das Leben wirklich mehr Arbeit: Der Bekanntenkreis. Früher lief man sich so über den Weg, dachte nervös darüber nach, warum man wieder nicht gegrüßt wurde, und was an einem eigentlich so unsympathisch war. Oder man plauderte, auch nicht besser, gut gelaunt jemandem vor die Füße, um sich anschließend Sorgen darüber zu machen, was man schon wieder für einen Unsinn geredet hat. Und sicher zu laut. Zu Hause raunzte man anschließend das Haustier an, weil der Anrufbeantworter nicht blinkte, und man wie immer von niemandem kontaktiert worden war. Und heute? Heute hat man all das – und dann geht die Arbeit erst los.

All die Menschen um sich herum muss man kategorisieren, man muss jedem zuteilen, was sie von einem mitbekommen sollen, ob sie von einem was auf diesem sozialen Netzwerk mitbekommen dürfen, auf dem anderen aber lieber nicht, also ja, ist ein Freund, hier aber neee, weiss noch nicht. Vielleicht später. Ehrlich gesagt habe ich das ganze Schlamassel nicht mehr unter Kontrolle, ich verliere den Überblick. Also du, du bist ein Kontakt, du ein Freund, das da drüben darf alle Bilder sehen, bei Monsieur dagegen habe ich mich wirklich schrecklich geirrt. Naja, kommt vor. Stupse ich hurtig aus dem Kreis meiner Top-Freunde oder hatte der einen ganz anderen Spitznamen? Bei welchem Netzwerk lasse ich jetzt auch Unbekannte al Freunde zu, Hilfe, wie geht das alles? Oder macht man das nie, weil wie meine Mutter mir mal eingeschärft hat, ich solle nicht mit Fremden reden. Eh, keine Ahnung.

Ab und an überlege ich, ob man seine Privatsphäre vielleicht einfach am besten völlig ad acta legen sollte. Was soll der Unsinn, es wäre einfach weniger Arbeit. Aber dann hebt das Umfeld den Finger und beginnt auf mich einzureden, das wäre unsympathisch, schon jetzt würden einige Leute zu ihnen sagen, das Blog würde zu viel Privates zeigen, beispielsweise einen Urlaub, oh je, stimmt, den Skiurlaub, und den zerschnittenen Daumen. Und dann schüttele ich wütend den Dutt, worüber reden die eigentlich da draußen, das kann doch nicht sein. Schleppen wir immer noch Spuren dieser fiesen Fünfziger mit uns herum?

Deshalb eben die ganze Arbeit, denn es ist immer noch so: Kaum zeigt sich etwas an einer Stelle, an der es nicht ganz hingehört, das Private am Rande der Öffentlichkeit also, haut man drauf und normativiert es. Nur ist das heute, in Zeiten von flexiblen multiplen Identitäten, die an Stellen den Kopf zum Fenster reinstecken, an denen man sie nicht erwartet, weil sie nicht die Hauptrolle spielen, doch eigentlich überflüssig. Denn die sind da. Das muss die Gesellschaft schnurstracks lernen. Dann hätte man auch mit der Verwaltung des Bekanntenkreises weniger Arbeit. Aber keine Sorge: Wir bleiben dran. Nur wie wir das ATP-Festival in Südengland gerockt haben, das behalte ich mal lieber für mich bis zur Revolution.

Gestern Abend sprang es mich an, heute stellte ich es unter den Tisch. Da wird es eine Weile warten.

Gestern auf einen Text getroffen, von dem einige Zipfel einfach fest gepackt werden mussten:

Die Theorie im Moment ihres Absprungs – in der Präzision der Besonderheit von Details entsteht der Umsprungsort in die allgemeine Erfahrung – wie geht es weiter? Keine Ahnung. – Man erschrickt –

erschrickte ich, erschrug
ich war erschrucken, Schreck
erschreckte und erschrak
erschrakte, ragte, schrukte mich –

weicht also aus – Lauter Verrisse: stressig, aber schön.

Was ein Text, hier in ganzer Schönheit, den nimmt man doch gerne am Arm und denkt mit ihm nach, folgt ihm, wie er von der Theorie über die Literatur ins Formale kippt und wieder zurück in eine Haltung. Okay, vielleicht kann man sagen, dass die einzelnen Momente, die Rainald Goetz hier geknipst hat, für sich gesehen keine neuen Beobachtungen sind. Ja nein, ich bin kein blinder Rainald Goetz Fan, nie gewesen. In dieser Art, wie sie aufeinander treffen, wie sie zusammen gesetzt worden sind, sind sie einfach schön.

Und so etwas, das ist da draußen auch nicht mehr so häufig, weil warum soll es das geben, ist mir auch nicht mehr so klar, also gefährdete Art quasi: Kultur. So kommt mir das zumindest vor. Das Bildungsbürgertum, sage ich zu AK über einem schwarzen Kaffee, das ist tot. Das ist jawohl okay, sagt er, schiebt Nachdruck dazu und ich nicke. Aber dann muss man mit dem Denken fort fahren, spinne ich weiter, denn ein Effekt ist: Die Avantgarde hat damit keine Funktion mehr. Die offene Frage lautet also gerade, wozu eigentlich Kultur?

Eine Frage, die wir dann schnell mit der Bemerkung vom Tisch hinunter auf den Boden stellen, dass heute die Dinge auch ohne Lösung funktionieren. Nôze zum Beispiel. Was nichts daran ändert, dass die Frage dort stehen bleibt und zu Nôze im Takt wippend wartet, unter dem Tisch.


Und, was hast du gelernt?, fragen die besorgten Eltern durch das Telefon. Nun, sage ich, denke nach und komme zu folgendem Schluss: In dieser Welt kann man fantastisch klüger werden, aber genauso verwirrt bleiben.

Ein Steinhaufen, sagt Herr Widmann zu mir und wir blicken gut bespielt von der Studienreise ueber das karge Land, fuer das man sich die Koerper zerschlaegt. Koennte man nicht jedem 1 Millionen bieten, um das Land zu verlassen?, ueberlegt er. Die sind nicht kaeuflich, entgegne ich. Und diesen Gedanken konsequent bis an sein Ende folgend beschließen wir: Die Welt waere besser, wenn mehr Menschen Kapitalisten waeren. Leicht erschreckt frage ich das Ideal in meinem Beutel. Und das muckt kurz auf und zieht dann still beleidigt einen Flunsch. Ratlos traben wir zum Bus zurueck, wahrscheinlich der Sinn von Studienreisen.

Was anziehen? Auch wichtig

Erst war, sagt sie, American Apparell das neue Carharrt. Und jetzt, frage ich. Hm, sagt sie, vielleicht Fred Perry?
Was stimmen kann, weil mir heute morgen am Cafefrühstückstisch drei Tennislorbeerkränze über den Capuccino gewunken haben. Sonst jemand was gesehen?