Monthly Archive for July, 2008

Zugehört, weit vorne

But the task is never easy. True partnership and true progress requires constant work and sustained sacrifice. They require sharing the burdens of development and diplomacy; of progress and peace. They require allies who will listen to each other, learn from each other and, most of all, trust each other.
[Barack Obama, A World that stands as One]

Hm, hört sich irgendwie an wie ein Beziehungsratgeber. Egal. Trotzdem gefunden: Irgendwie sind Pathos, Utopie und Visionen manchmal auch ganz gut. Fehlt hier. Und vor Ort war es weit weniger ein Popstar-Event, als es in den Medien herüberkam.

Warum Kreativität heute verdächtigt werden muss

Neulich mal verschiedene Stränge locker zusammen geknotet, die den Begriff der Kreativität heute so stechend durchziehen wie die Spiegelkanten den Raum in der Arbeit von Olafur Eliasson. Jetzt ist aus dem Vortrag dank der Arbeit von Nina Meinhold so etwas wie ein Text geworden. CopyPasteProfile: Neue Technologien, Freelancing, Selbstvermarktung, Massenverwertung und Kreativität.

Weil – jetzt konzentrieren!

In dem Maße wie die Schrift niemals ein einfaches ‘Supplement’ war, wird es erforderlich, eine neue Logik des ‘Supplements’ zu entwerfen.
Jacques Derrida, Grammatologie, 18

Das Supplement fügt sich hinzu, es ist ein Surplus; Fülle, die eine andere Fülle bereichert, die Überfülle der Präsenz. Es kumuliert und akkumuliert die Präsenz. Ebenso treten die Kunst, die techne, das Bild, die Repräsentation, die Konvention usw. als Supplement der Natur auf und werden durch jede dieser kumulierenden Funktionen bereichert. Diese Art der Supplementarität determiniert in bestimmter Weise alle begrifflichen Gegensätze, in die Rousseau den Begriff der Natur einschreibt, insofern dieser sich selbst genügen sollte.

Aber das Supplement supplementiert. Es gesellt sich nur bei, um zu ersetzen. Es kommt hinzu oder setzt sich unmerklich an-(die)-Stelle-von; wenn es ausfüllt, dann so, wie wenn man eine Leere füllt. Wenn es repräsentiert und Bild wird, dann wird es Bild durch das vorangegangene Fehlen einer Präsenz. Hinzufügend und stellvertretend ist das Supplement ein Adjunkt, eine untergeordnetel, stellvertretende Instanz.

Insofern es ein Substitut ist, fügt es sich nicht einer der Positivität einer Präsenz an, bildet kein Relief, denn sein Ort in der Struktur ist durch eine Leerstelle gekennzeichnet. Irgendwo kann etwas nicht von selbst voll werden, sondern kann sich nur vervollständigen, wenn es durch Zeichen und Vollmacht erfüllt wird. Das Zeichen ist immer das Supplement der Sache selbst.
Diese zweite Bedeutung des Supplements ist von der ersten nicht zu trennen.
Jacques Derrida, Grammatologie, 250

AI

Nicolas Carr hat im Atlantic einen ganz interessanten Artikel darüber geschrieben: Is Google making us stupid? These: Wir skippen und scannen nur noch die Information, aber lesen nicht mehr konzentriert. Nun ja. Es gibt sicher einen Grund dafür, dass man sich abgeschlossen in Bibliotheken setzt, die einem nichts anders, psst, erlauben als sich zu konzentrieren. Die Bibliothek, eine Konzentrationsmaschine. Gleichwohl ist da etwas dran. Trotzdem: Das Interessantere finde ich die Beobachtung, dass Google in den Augen der Google-Macher Larry Page, Sergey Brin und Eric Schmidt so etwas wie Artifical Intelligence sein soll – kommt am Ende des Artikels inklusive der Frage: Are our brains finally supplemented? Hm, hm. Gut, Schrift war schon immer genau das: ein Supplement. Dennoch kann man mal überlegen, in wie fern das Supplement jetzt anders funktioniert. Bin unentschlossen.

Uff

Von AB, mit dem ich Seite an Seite durch das Schreiben unserer Dissertationen gestolpert bin, morgens aus München eine SMS bekommen: “heute, sz; dein buch”. Geguckt, die Randartikel der Seite durchgeguckt, nichts gefunden. Wovon redet er? Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen: Hey, das ist ja der große Artikel in der Mitte, den er meint.

Und das steht da: Bernd Graff hat eine Besprechung von dem Buch über die Geschichte des Internet geschrieben. Das ist ja immer gefährlich, in diesem Falle habe ich das aber überlebt: Ich finde die Besprechung okay. Ich mag den Stil, auch wenn Graff die Theorieschnörkel intensiv und viel zu viele Absätze lang nicht mag, weil die ihm zu französisch sind – dabei sind kaum Schnörkel drinnen, ich schwöre, alle rausgekürzt. Dagegen hauptsächlich angewendet: Luhmann. Schieben wir das mal in den Hintergrund, ist es gegen Ende dann doch angenehm feststellen zu können, dass jemand durch die Technikgeschichte mitkommt, bei ihr verstanden hat, was man damit wollte und was für eine beeindruckende Maschine dieses Internet doch ist. Bis heute.

Vormittags also zufrieden, das breitete sich eine Zeitlang über die jetzige Arbeit aus und mündete dann auf dem Nachhauseweg in Erschöpfung. Mich plötzlich wieder daran erinnert – und hiermit ein Shout-Out-Loud zu allen armen Gestalten, die aktuell darum kämpfen: Ein Buch oder eine Dissertation zu schreiben, das ist erschreckend mühsam.

Man läuft einmal mit Vollkaracho gegen sich selbst, ist gezwungen, die eigenen Ansprüche und damit die Sichtweise des eigenen Egos herunter zu korrigieren, was sich oft genug nicht besonders gut anfühlt, aber es hilft ja nichts, man muss trotzdem weiter machen. Denn never surrender, never retreat. To hell I delve. Davon muss man sich dann lange erholen. Manchmal immer noch.

Und dann kam Claire…

Gerade habe ich noch gejammert, dass die Konzept-Kunst-Marcel-Duchamps-Richtung ausgeleiert ist. Aus und vorbei. Also Jugendliebe tot, Mädchen alleine und traurig, weil von aller guter Ästhetik verlassen. Und dann läuft man raus, macht eine Gallerietür auf und fällt über Claire Fontaine. Und denkt sich nur super. Super, super, super.


Untitled, 2004


Change, 2006, In God They Trust, 2005


Foreigners Everywhere, 2005


Opening Night, Mots D’ordre, Mots de Passe, 2005
























Durch die Räume des Metropolitan geschlendert. Neben dem Vermeer all den Fotografien begegnet, die so vieles begleitet haben. Dann auf einen Raum voll zeitgenössischer Arbeiten gestoßen, Kunst, und mit einem Mal das unangenehme Gefühl gehabt: Meine Jugendliebe ist in der Zwischenzeit alt geworden.

Zeitalter der Netzwerke

Was ist, überlegen wir, im Biergarten, heute eigentlich Widerstand? Und kommen zu dem Schluss, es wäre folgendes: “Revolte gegen das soziale Kapital!”

Das Private


Beim Vorbeisurfen von Kenneth & Monique da oben gedacht: Wenn es jetzt draußen überall in den Sozialen Netzwerken offen verstreut herumliegt, das Private, dann ist das vielleicht nur wieder das Übliche: das alte Medium im neuen. Mit Sicherheit werden sich die Leute daran gewöhnen, dass die Zweit-Identität ab und an den Kopf in das Fenster der Erst-Identität reinsteckt. Trotzdem meine neue Lieblingsthese: In drei Jahren wird das Private privater sein denn je. Gut, dass hier da oben ist Fiktion. Aber um die Ecke auf Webseiten von Bekannten ihre Beziehungsverwerfungen verfolgen können und selbst auch neulich glatt – musste ich ja kichern – von jemandes Freundesliste verstoßen worden. Mannmann.

Ab morgen kurz im Kino

Tiere, die in Logos wohnen, wie Puma in PUMA. Klingt gut. Zu sehen in: “After Effect”, ein Film von Stephan Geene.