Teenage Fanclub?
Wie Jugendlichkeit von einem Versprechen zu einer Bedrohung wurde
Mercedes Bunz
Immerzu und immer viel zu laut hat sie die Jugend begleitet – bis heute: die Musik. Nach wie vor ist sie eines der wichtigsten Medien, in denen junge Leute einen Platz finden und einen Platz haben. Mode, Videospiele, Sex oder Alcopops mögen für junge Menschen zwar auch eine nicht unwesentliche Rolle spielen, aber Musik ist das kulturelle Format, das sie am längsten und intensivsten durch die Jugend begleitet. Für diese spezielle Beziehung gibt es Gründe. Musik ist ein ganz besonderes Medium, weil es jungen Leuten ermöglicht, in einer Welt, die ihnen nicht gehört, mit nichts als einem Taschengeld in der Hand Räume zu erobern. Denn Musik ist laut, mit ihr kann eine eigene Ordnung innerhalb dieser Welt errichtet werden. Im Reihenhaus der Eltern, auf der Bühne, im Club entsteht durch das Aufdrehen der Lautstärke von Musik ein zweiter, ein eigener Raum, der zum eigentlichen wird. »Es lebe das sekundäre Leben. Es gibt kein anderes.«[1], beschreibt das der Musikkritiker Diedrich Diederichsen. Musik ist also immer mehr als nur Klang. Sie ist das Errichten einer eigenen Ordnung. Genau deshalb ist der Kampf der Generationen, der 1965 von The Who mit My Generation erstmalig auf den Punkt gebracht wurde, immer auch über Musik ausgefochten worden.
Bewegungslehre
Natürlich haben viele Menschen auch nach dem Ende ihrer Jugend und mit fortschreitendem Alter Musik gehört. Mit der Zeit haben sie aber davon abgelassen, sich zu dieser Musik zu bewegen. Auf einem Konzert abmoschen, pogen oder raven gehen, all das tut man im Allgemeinen nur, wenn man jung ist und die Welt erleben will. Später wird das Erlebte in Wissen verwandelt und man beginnt, lieber über Musik zu reden, als sich zu ihr zu bewegen. Dass im Musikdiskurs die Musik zum Zuhören bevorzugt wird, darauf hat auch die englische Kulturwissenschaftlerin Sarah Thornton verwiesen.[2] Musikkritiker sind deshalb selten taufrische Jugendliche und wenn sie sich die Nächte um die Ohren schlagen, stehen sie lieber redend an der Bar als auf der Tanzfläche.
Mit zunehmendem Alter wird schließlich ein Punkt erreicht, an dem der Spaß zu Ende ist. Zuerst lässt das Durchhaltevermögen nach, dann fühlt man sich von all den herum springenden Jungspunden unverschämt an sein Alter erinnert. Mit zunehmenden Jahren wird Bewegung Stück für Stück gegen besseres Wissen ausgetauscht. Eine Umorientierung der Lieblingsmusik erfolgt: In den 1980er Jahren wurde dann über Jazz gefachsimpelt, seit den 1990er Jahren wird bevorzugt Electronica gehört. Zumindest bis vor kurzem. Denn seit einigen Jahren entwickelt sich eine gegenläufige Tendenz: Menschen, welche die Vierzig überschritten haben, gehen immer noch auf Konzerte und hören sich die neuen The-Bands an, wenn auch etwas skeptisch. In den Clubs braucht man heute keine Angst zu haben, mit Vierzig aufzufallen wie eine Leuchtboje im dunklen Eiselmeer. In den letzten fünf Jahren hat die Kombination von Clubs und Restaurants dafür gesorgt, dass auch Menschen jenseits der Dreißig es schaffen, wach zu bleiben, bis gegen Mitternacht die Zeit gekommen ist, noch ein, zwei Stunden auf guten Anlagen laute Musik zu genießen und sich dabei zwischen anderen netten Menschen mit einem Bier in der Hand weiter durch die Nacht zu bewegen. Und bei teuren Großevents wie Robbie Williams-Tourneen etc. ist man ohnehin schon wegen der hohen Eintrittspreise neben ein paar vereinzelten, kreischenden Teenagern mehr oder weniger unter sich. All das heißt aber: Popmusik wird heute nicht mehr in einem bestimmten Alter abgelegt. Man bleibt ihr gewogen. Sie begleitet einen bis weit über die Vierzig, was darauf hindeutet, dass sich mit dem Umstand der Jugend etwas geändert haben muss.
Rebellion war gestern
Lange ist Jugend ein Versprechen gewesen. Ein Versprechen von Neuem, ein Versprechen von Freiheit, vielleicht auch von Wut. Jugend, das war eine bestimmte Phase, in der Besonderes möglich war. Es war möglich, die Dinge neu und anders zu machen. Es galt, einen eigenen Weg zu finden, einen eigenen Ausdruck, einen eigenen Stil zu kreieren. Gegen die bestehenden Regeln. Nicht von ungefähr hat der englische Kulturwissenschaftler Dick Hebdige geschrieben, dass Jugend nur dann anwesend ist, wenn ihre Präsenz ein Problem ist oder sie als Problem gesehen wird.[3] Jugend war der Anfang des Eigenen. Der Beginn des eigenen Lebens. Und den begann man mit einem Tusch. Dann jedoch wurde es still. Ohne dass es groß aufgefallen wäre, blieb der Generationskonflikt aus, im Grunde schon seit den späten 1980er Jahren. In der letzten Zeit begann man dann, Artikel zu diesem Umstand zu veröffentlichen und sich Gedanken zu machen.[4] Man entdeckte: Jugend ist keine Phase mehr zwischen Kindheit und Adoleszenz. Man wird nicht mehr erwachsen. Man bleibt jung.
Erste Spuren dieser Verschiebung werden Anfang der 1990er Jahre von dem amerikanischen Autor Douglas Coupland in seinem Roman Generation X[5] beschrieben, in dem drei junge Leute in den späten Zwanzigern mehr oder weniger nicht in der Welt ankommen. Geprägt vom Schreckgespenst einer postmodernen Beliebigkeit, vor der man in kritischen Kulturkreisen damals ganz gerne Panik pflegte, schiebt der Roman diesen Umstand dabei noch der historischen Situation unter. Tatsächlich hat sich mittlerweile gezeigt, dass Douglas Coupland damals weniger die Erfahrung einer Generation festhielt, die aus Versehen zwischen die Ritzen der Geschichte gefallen ist, sondern vielmehr eine gesellschaftliche Veränderung beschreibt, die sich entwickelt hat, um zu bleiben. Das Erreichen des dreißigsten Lebensjahrs führt nicht mehr zu einer unsichtbaren Durchtrennung der Nabelschnur unserer Jugend. Man wird nicht mehr erwachsen – eine Tatsache, deren deutlichstes Zeichen das Ausbleiben des Generationskonflikts ist. Die Jugend rebelliert heute nicht mehr gegen die Errungenschaften der älteren Generation. Zu werden wie seine Eltern, das ist heute kein bedrohlicher Alptraum mehr. Es ist im Gegenteil eher eine Unmöglichkeit. Ein Konflikt findet folglich nicht statt.
Jugend heute
In den letzten Jahrzehnten hat sich das Jungsein langsam und kontinuierlich seinen Weg von der Welt der Jugend in die Welt der Erwachsenen gebahnt, bis es sich heute weigert, zur rechten Zeit zu gehen. Zunächst war Jugendlichkeit für Erwachsene etwas Erstrebenswertes. In den 1980er Jahren, als Männer noch maßgeblich durch die Frau an ihrer Seite charakterisiert wurden, war Jugendlichkeit ein Zeichen ihrer Dynamik und suggerierte Potenz und Erfolg. Und für die Frauen, die sich zur selben Zeit mit eckigen Schulterpolstern den Weg in die Chefetagen bahnten, hing Attraktivität sowieso von ihrer jugendlichen Erscheinung ab. Alle wollten jung sein. Dann jedoch änderten sich die Verhältnisse. Denn spätestens seit Mitte der 1990er Jahre musste man sich immer weniger bemühen, jung zu wirken. Seitdem begannen sich die Verhältnisse zu ändern und man musste sich immer weniger bemühen, jung zu wirken. Man blieb einfach jung. Der Filmkritiker Claudius Seidl beschreibt diese Verschiebung in seinem Buch Schöne junge Welt am Beispiel Hollywoods. Dort ist es seit Ende der 1990er Jahre ganz normal, dass in Filmremakes eine Fünfundvierzigjährige die Rollen einer Zwanzigjährigen spielt. »Jungsein«, schließt er aus diesen Beobachtungen, »das ist heute eine Möglichkeit, die anscheinend jedem offen steht, ganz egal, wie alt er ist.«[6] Das stimmt, das ist so. Aber haben sich damit die Probleme wirklich aufgelöst? Sicher ist man auf diese Weise den Generationskonflikt losgeworden. Nicht jedoch die Probleme. Es gibt neue. Denn Jugend ist heute nicht mehr nur ein Versprechen. Sie ist auch eine Bedrohung.
Dass post-adoleszente Dreißiger die gleichen Codes wie Twens benutzen, dass die Unterschiede nicht mehr so groß sind, wie sie mal waren (auch wenn einige bestehen bleiben), das ist sicher erst einmal gut. Wenn jugendkulturelle Erfahrungen jedoch bis hinein ins Familien- und Berufsleben wirksam sind, dann heißt das nicht nur, dass man jung bleibt. Es heißt auch, dass man nicht in der Welt ankommen kann. Tatsächlich hat die Verunsicherung der Lebensverhältnisse nicht nur die »Generation Praktikum« erwischt, sondern alle Altersgruppen. Mit der Lehre tritt man nicht mehr in einen Betrieb ein, in dem man im Verlauf der Jahre aufsteigt, bis man ins Rentenalter kommt. Unsere Leben haben sich verändert. »Lebenslauf«, »berufliche Laufbahn«, »Ruhestand«, Metaphern, mit denen wir unsere Biografie zu beschreiben pflegten, suggerierten bisher: The only way is up. Diese Gradlinigkeit hat auch immer als gesellschaftliche Disziplinierung auf unsere Lebensläufe eingewirkt.
Lange war ein alternativer, gebrochener Lebenslauf deshalb auch ein Wagnis und wurde als »Ausstieg« markiert. Genau das ist jetzt vorbei. Heute ist der alternativ gebrochene Lebensentwurf zum Normalfall geworden.[7] Man schult um. Man geht Pleite. Man fängt neu an. Sicher ist nur eines: Man wird nie mehr endgültig ankommen. Auch wenn sich heute noch in unserer Beamtenbesoldung Spuren des alten Modells finden, nach dem man allein auf Grund des Älterwerdens befördert wurde, hat die Flexibilisierung in allen Bereichen begonnen. Und diese bedrohliche Situation ist es, die man mit den Jugendlichen teilt.
Doch natürlich hat das auch etwas Gutes. Im Berufsleben stößt man weniger auf verkrustete Hierarchien, wenn es pragmatisch um Inhalte und Können geht. Außerdem stirbt die Midlife-Crisis aus, neben der Angst vor Flexiblisierung darf man auch mehr und länger Spaß haben, obwohl man eine Firma hat. Oder Kinder. Dennoch – und wir sollten uns nicht täuschen – bleiben wir nicht einfach jung. Nur auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte sich unsere Jugend auch im späteren Leben breit gemacht.
Leben, Wissen und die eigene Geschichte
Tatsächlich teilen post-adoleszente Dreißiger sich zwar popkulturelle Zeichen mit den Twens, trotzdem haben diese Zeichen, auch wenn sie auf den ersten Blick dieselben scheinen, andere Bedeutungen. Das hat mit Geschichte zu tun. Denn die Bedeutung des Zeichens hängt immer vom jeweiligen Kontext ab und dieser Kontext verschiebt sich auch mit der Zeit. Das Spiel der Zeichen ist ein anderes, wenn man zu einem anderen Zeitpunkt in dieses Spiel eintritt und damit vor einem anderen historischen Ausschnitt steht. Das ist auch der Grund dafür, dass der musikalische Nachwuchs von den meisten Musikjournalisten, die in den 1990er Jahren oder früher sozialisiert wurden, mit Skepsis beobachtet wird. Wenn kolportiert wird, Grime sei ein neuer Hype oder beim Rockausflug der The-Bands handele es sich nur um die schlechte Wiederholung von Elementen, die Gun Club oder die Talking Heads schon besser präsentiert hätten, dann wird damit immer auch ein Hegemonieanspruch des eigenen Blickwinkels markiert. Tatsächlich ist die Wiederholung von Bestehendem aber weniger das Manko, sondern vielmehr der eigentliche Punkt: »Jeder Anfang ist immer schon eine Wiederholung; und Verstehen ist nur dadurch möglich, daß man sich vereinnahmen läßt«[8], hat der Berliner Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger einmal geschrieben. Und genau deshalb hat die Jugend auch ein Recht auf Wiederholung, ein Recht darauf, ihre eigene Geschichte zu entwerfen.
Weil sie zu einem anderen Zeitpunkt auf die Popkultur trifft als ältere Generationen, sind Dinge neu, die den älteren Semestern schon „abgefrühstückt“ scheinen. Und neben deren Wissensvorsprung bleibt nach wie vor nur, das eigene Leben zu setzen, ein Leben, das später ebenfalls in Wissen verwandelt werden wird. Wir bleiben also alle länger jung, dennoch pflegen wir interne Hierarchien. Qua Wissen. Und der Wissensvorsprung ist weniger denn je unschuldig in einer Welt, in der die Sicherung von geistigem Eigentum teilweise wichtiger geworden ist, als der Besitz von Produktionsmitteln. Wissen ist im Rahmen einer verschärften Patentierungspraxis zur neuen Währung erklärt worden, nicht nur ökonomisch, auch kulturell. Im popkulturellen Wissen kann gegen den Vorsprung, aber auch den Ballast der Dreißigjährigen, nur eine gewisse Ignoranz helfen: eben nichts zu wissen, sondern erstmal zu machen. Ob man der Wiederholung entkommt, stellt sich so oder so erst später heraus. Denn in der Auseinandersetzung um Kulturproduktion hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass der Moment der Originalität nicht beim ersten Mal einsetzt, sondern erst durch die Wiederholung sichtbar wird.[9]
Die Wiederholung hat also einen elementaren Anteil an der Schaffung von Neuem. Dennoch ist die Entstehung von neuem nicht planbar. Sie verbleibt nach Hans-Jörg Rheinberger »im Bereich einer unaufgeräumten Konfusion«[10]. Was wirklich neu gewesen sein wird, kann prinzipiell nicht im Moment seiner Entstehung, sondern erst nachträglich bestimmt werden. Und auch wenn man sich die Zeichen teilt, wird um das, was neu sein wird, weiter gerungen werden. Der Generationskonflikt ist also leiser geworden, aber besteht weiterhin. Gott sei Dank. Denn genau deshalb bleibt Jugend am Ende dann doch vielleicht immer noch das, was es mal gewesen ist: Ein utopisches Potential, das Versprechen auf eine andere, neue, eigene Zukunft.
[1] Diedrich Diederichsen, Musikzimmer, Köln, 2005, S. 15.
[2] Vgl. Sarah Thornton, Club Cultures. Music, Media and Subcultural Capital, Oxford, 1997, S. 1-2.
[3] Vgl. Dick Hebdige, Hiding in the Light, London, 1988, S. 17.
[4] Vgl. Claudius Seidl, Schöne junge Welt. Warum wir nicht mehr älter werden, München, 2005; ebenso: Sascha Lehnartz, Global Players. Warum wir nicht mehr erwachsen werden, Frankfurt am Main, 2005.
[5] Douglas Coupland, Generation X. Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur, Berlin, 1994.
[6] Claudius Seidl, Schöne junge Welt. Warum wir nicht mehr älter werden, S. 19-20.
[7] Vgl. Jan Masschelein, Maarten Simons, Globale Immunität oder eine kleine Kartographie des europäischen Bildungsraums, Zürich-Berlin, 2005.
[8] Hans-Jörg Rheinberger, Iterationen, Berlin, 2005, S. 105.
[9] Vgl. Gisela Fehrmann, Erika Linz, Eckhard Schumacher, Brigitte Weingart (Hrsg.), Originalkopie. Praktiken des Sekundären, Köln, 2004.
[10] Hans-Jörg Rheinberger, Iterationen, S. 118.
