CopyPasteProfile: Neue Technologien, Freelancing, Selbstvermarktung und Massenverwertung und Kreativität
Mercedes Bunz
Ich möchte in meinem Vortrag eine Diskursanalyse vornehmen, indem ich die Frage stelle, warum uns kreative Arbeit derzeit so sehr interessiert. Es liegen einige Studien vor die in Frage stellen, dass der Trend der Kreativwirtschaft aus ökonomischer Perspektive tatsächlich die Wachstumspotentiale hat, von denen zur Zeit so viel gesprochen wird. In Berlin ist zum Beispiel ein mächtiger Vertreter der Musikwirtschaft, das Major Label Universal Music Group, das vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen ist, wirtschaftlich stark angeschlagen. In unserer digitalisierten Zeit wissen wir nicht mehr, wie wir die Produkte, die wir produzieren, verwerten sollen. Es handelt sich also keinesfalls um eine rosige Wirtschaft. Trotzdem reden wir darüber, als ob sich darin das neue Heil fände und ich möchte die Frage danach stellen, wie es dazu kommt.
Es gibt verschiedene Antworten darauf, warum Kreativwirtschaft oder Creative Industries gerade so ein Thema ist.
Eine Antwort wäre, dass mit dem Einzug des Computers die Form des kreativen Arbeitens viel wichtiger geworden ist als früher. In der Industriegesellschaft stand eine ganz andere Form, nämlich körperliche Arbeit im Mittelpunkt der Gesellschaft. Heutzutage haben wir Kreativität als ein Modell, das uns alle jeden Tag betrifft, wenn wir am Computer sitzen, wenn wir Emails schreiben, wenn wir unsere Aufgaben bewältigen und organisieren. Formen kreativer Arbeit nehmen durch den Computer am Arbeitsplatz zu. Deswegen ist der Begriff der Kreativität nicht nur bezogen auf die Wirtschaft, sondern allgemein für die Arbeit in unserer heutigen digitalen Gesellschaft wichtig geworden.
Wie das kulturelle Kapital entwertet wurde
Ein anderer Punkt ist, dass kreative Arbeit uns allen verspricht, wir könnten uns jeden Tag selbst verwirklichen. Das ist ein sehr lockendes Versprechen, auf dessen Rückseite aber auch der Begriff des Prekariats mit einher segelt. Kreativwirtschaft, Creative Industries oder kreative Arbeit ist auch deshalb ein Thema, weil wir im Rahmen von kreativer Arbeit eine massive Verunsicherung der Mittelschicht erleben. Bei Künstlern ist es beispielsweise so: Es gibt ganz viele arme Künstler und es gibt einige, die sehr reich sind und sehr gut verdienen. Dieses Modell findet sich auch in der Weltgesellschaft wieder. Es sieht so aus, als ob die so genannten Gewinner im Moment jene Länder sind, die entweder für geringste Löhne Massenware produzieren (China, Bulgarien, Rumänien), oder diejenigen, die High-Class Produkte und innovative Ideen liefern und für viel Geld verkaufen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht also auseinander und in der Mitte herrscht große Verunsicherung.
Es lässt sich an meinem eigenen Beispiel gut zeigen, was das im normalen Leben bedeutet. Früher gab es das Versprechen, wenn man sich bildet, dann hat man die Chance auf einen besser bezahlten Job. In meinem persönlichen Fall habe ich mit Hilfe der Heinrich-Böll-Stiftung zunächst meine Doktorarbeit über die Geschichte des Internet schreiben können. Anschließend habe ich eineinhalb Jahre lang mein Geld als freie Journalistin verdient. Ich hatte pro Monat 1.000 Euro zur Verfügung. Zieht man davon die Krankenkasse ab und die Miete von 450,00 Euro, zusätzlich 60,00 Euro für Internet und Telefon (als Journalistin unverzichtbar) dann bleiben im Monat 300,00 Euro, also 10,00 Euro pro Tag, die man für Essen und Lebenshaltung ausgeben kann. Das für anderthalb oder zwei Jahre mitzumachen ist anstrengend. Man erfährt allerdings auch viel Solidarität von Leuten denen es ähnlich geht.
Diese Situation ist meiner Meinung nach beispielhaft für den Grund, warum junge Leute heute radikal verunsichert sind. Sie haben studiert und am Ende ihres Studiums trotzdem keine Perspektive, wie sie Geld, mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen können. Und das Internet spielt bei dieser Entwicklung eine massive Rolle, weil es fast jeden Arbeitsplatz und unseren gesamten Alltag erfasst hat.
Vom Speichern zum Verteilen oder das neue am Neuen Medium
Ich möchte die Perspektive nun darauf lenken, wie Technologien unser Leben verändern. Dazu muss man verstehen, warum ausgerechnet eine Technologie wie das Internet und kein anderes Medium unser Leben so verändert. Worin besteht der Unterschied zu den Medien, die wir vorher nutzten?
Historisch betrachtet sind alle Medien, mit denen wir bisher umgegangen sind, Speichermedien, bis hin zu Videokamera und Videorecorder. Mit dem Internet haben wir zum ersten Mal ein Medium, mit dem wir auch verteilen können. Dieses Verteilen war vorher allein Institutionen vorbehalten. Um zum Beispiel eine Meinung hinaus in die Welt zu bringen, brauchte es früher einen großen Apparat, bestehend aus Menschen und Material, mit dessen Hilfe sich Millionen oder auch nur ein paar tausend Menschen erreichen ließen – dieser Umstand ist für für so verschiedene Medien wie Theater, Zeitung oder Fernsehen gleich. Es sind riesige Apparate, die viel Kapital, Material und menschlichen Einsatz benötigten. Heutzutage kann eine Einzelperson etwas ins Netz stellen dasfür Millionen erreichbar ist und von Millionen gesehen werden kann. Es ist kein materieller Aufwand, kein großer kapitaler Aufwand und auch kein großer Aufwand an Arbeitskraft. Dieser Unterschied schafft neue Möglichkeiten und verändert unser Leben massiv. Ein Aspekt, der im Moment immer wieder diskutiert wird, ist deshalb, dass Privatheit und Öffentlichkeit komplett durcheinander geraten. Leute stellen Bilder ins Internet, die für ihre Freunde bestimmt sind und sind dann verdutzt, dass sie von allen gesehen werden können. Alles was im Internet steht, ist öffentlich, auch wenn es sich privat anfühlt.
Gleichzeitig ist es natürlich so, dass dieser Zugang zur Öffentlichkeit, dass für Millionen etwas im Internet sichtbar wird, nur ein Potential ist. Allein die Technologie beinhaltet zwar nicht automatisch, dass die Leute durch das Internet eine bessere Chance haben bekannt zu werden. Es eröffnet aber die Möglichkeit dazu. Erfolgreich erfahren haben das einige Bands, zum Beispiel die englischen Arctic Monkeys, die keine Plattenfirmen haben oder sie außen vor lassen, und lieber über MySpace oder andere Musikseiten bekannt werden. Auch Radiohead haben ihr Album „In Rainbows“im Internet veröffentlicht. Man konnte sich die Musik umsonst herunterladen und dann so viel dafür bezahlen, wie man wollte. Die CD-Box im Laden war dagegen sehr teuer und aufwendig gestaltet. Mit diesen neuen Möglichkeiten sind nicht all die Probleme, die wir vorher hatten, automatisch gelöst. Es ist aber definitiv so, dass wir alle mit viel weniger Aufwand schreiben, filmen, fotografieren, schneiden und vertreiben können – und das ist eine Chance.
Wie das neue Medium die Situation des Künstlers verändert
Ich habe auf der Konferenz Digital Life Style Day eine schöne Geschichte gehört. Der Schriftsteller Paulo Coelho war dort, und hat erzählt, dass es mittlerweile 100 Millionen Downloads von seinen Büchern gibt. Außerdem hat er festgestellt, dass eine Übersetzung, die illegal im Internet kursiert den Verkauf seiner Bücher ankurbelt. Seitdem beschafft er sich diese Übersetzungen selbst. Ich lese mal kurz vor:
Das ist ein sehr schönes Beispiel. Paolo Coelho hat auch einen Blog im Internet und dort gibt es in der rechten Navigationsleiste ein Bild, auf dem man ihn als Piraten sieht. Wenn man auf dieses Bild klickt, kommt man auf eine Seite, die heißt piratecoelho.wordpress.com. Dort speichert er selber alle piratisierten Übersetzungen, Hörbücher, mehr oder weniger alles was es von ihm gibt. Das funktioniert natürlich nur, wenn man sehr bekannt ist. Aber es ist exemplarisch für das, was wir im Moment im kreativen Bereich erleben: Das Produkt steht nicht mehr im Mittelpunkt der Kreativität.
Es geht nicht mehr darum, ein Produkt herzustellen und es dann zu verkaufen. Das Produkt ist oft nur noch ein Anlass für Dinge, die sich drum herum organisieren lassen. Beispielsweise mache ich als Musiker heute eine CD, lebe aber von den Konzerten oder davon, dass ich von einer Modenschau gebucht werde, um dort Musik zu machen. Wir haben also nicht mehr einen Inhalt, der nur einmal produziert wird und der an einer Stelle etwas erwirtschaftet, sondern es wird ein Inhalt produziert und um diesen gruppieren sich wie ein Netzwerk verschiedene Möglichkeiten, mit denen sich Geld verdienen lässt, wenn man Glück hat. Seltsamweise hat der realmenschliche Kontakt – das soziale Kapital – dabei zentrale Bedeutung.
Wieviel haben Urheberrechte mit Kreativität zu tun?
Mit dieser Entwicklung hat unsere Kreativ-Wirtschaft noch nicht umzugehen gelernt. Traditionell ist das ganze Thema der Urheberrechte eine wirtschaftliche Frage, ein wirtschaftlicher Diskurs. Ein Künstler oder Kreativer entwirft sich nicht in erster Linie als Besitzer von Urheberrechten. Man redet als kreativ schaffender Mensch nicht von sich als jemand, der stolz ist, heute wieder so und so viele Urheberrechte produziert zu haben.
Es gibt einige interessante Ansätze, das Urheberrecht in die heutige Zeit zu übersetzen, Modelle, die auch in der Heinrich-Böll-Stiftung schon diskutiert worden sind, die Creative Commons Licence zum Beispiel. Es gibt allerdings noch keine finale Lösung für das Urheberrechtsproblem. Digitalisierte Inhalte und deren Weitergabe werden unseren Umgang mit diesen Inhalten massiv verändern. Wir können noch so viel Digital Rights Management erfinden oder Probleme damit haben, aber die Schraube wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen. Es wird weiterhin Kopien von Inhalten geben. Die Kreativität ist dadurch jedoch nicht bedroht. Künstler haben schon immer produziert, auch wenn sie nicht für jedes ihrer Produkte Geld bekommen haben, der Maler van Gogh, der in großer Armut lebte, weil er seine Bilder nicht verkaufen konnte, ist dafür ein gutes Beispiel. Wenn jemand vom Niedergang der Kreativität redet, weil man heutzutage digitalisierte Inhalte umsonst kopieren kann, braucht man sich – siehe van Gogh – keine Sorgen zu machen. Das Urheberrecht, wie wir es in der Vergangenheit hatten, wird sich nicht einfach auf das Internet übertragen lassen. Das zu denken wäre sehr blauäugig.
Standortvorteil: Kreativ ist sexy
Ein weiterer Grund, warum Kreativität heute in der Gesellschaft wichtig ist, ist der Wettkampf zwischen Orten, Städten und Regionen um Attraktivität. Besonders gilt dies beispielsweise für Berlin – das, wie wir wissen, „arm, aber sexy“ ist – und seine Attraktivität für Touristen. In Berlin spielt die touristische Wirtschaft eine große Rolle und damit auch, dass Kreativität großgeschrieben wird. Die Aussicht auf eine lebendige Stadt voller kreativer, wild lebender Menschen ist natürlich viel versprechender, als eine Stadt voller Stahlarbeiter, die jeden Morgen zur Arbeit gehen und um 18:00 Uhr nach Hause und in Reihenhäusern leben. Das wollen Touristen nicht sehen. Auch deswegen ist Kreativität eine Form von Versprechen und als Standortfaktor so wichtig geworden. Gleichzeitig ist ein kreatives Umfeld für eine bestimmte Form von Industrie interessant. Nokia beispielsweise ist gerade mit seinem Intelligenzzentrum ins teuerste London gezogen. Hier wurde eine Entscheidung nicht nach den Gesichtspunkten der vordergründigen Kosten getroffen. Nokia ist nach London gezogen, weil London im Moment als einer der kreativsten Orte gilt. Da ist es ganz egal, wie teuer die Mieten oder die Lebenshaltungskosten sind. Die Abteilung für zukünftige Entwicklung, die Brainstorming betreibt und vorgibt, in welche Richtung es weitergehen sollte, das kreative Zentrum von Nokia geht an den teuersten Ort. Daran sieht man, dass Kreativität den Firmen eine gewisse wirtschaftliche Attraktivität vermittelt. Wie gut das für die kreativ Arbeitenden selber ist, ob die etwas davon haben, ist eine andere Frage.Übrigens eine Frage, die in meinem Umfeld viel diskutiert wurde. Hat man wirklich selbst etwas davon? In Berlin gibt es zum Beispiel nur durch die ganzen jungen Freelancer eine unglaubliche Café-Kultur. Wenn man in andere Innenstädte geht, beispielsweise um die jetzige Uhrzeit, dann sitzen dort nur Frauen und alte Männer. In Berlin ist das Bild den ganzen Tag über gemischt. Aber hat man etwas davon, dass sich Touristen in der mühsam von den geringen Löhnen bezahlten, eigenen Infrastruktur aufhalten und sich wohl fühlen? Haben die Leute, die so wenig Geld verdienen, wie mein Vorredner Marco Mundelius uns soeben zeigte, auch einen Effekt davon? Das ist zu bezweifeln.
Die Rückseite der Kreativität
Kreativität ist natürlich auch ein Begriff, hinter dem man relativ viel verstecken kann, denn er ist absolut positiv konnotiert. Damit meine ich auch den bereits beschriebenen gesellschaftlichen Wandel und die aufkommende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, denn Kreativität ist was, was wir alle nicht verdächtigen. Jahrzehntelang haben wir gesagt, dass die Leute lernen sollen sich selbst auszudrücken, sich weiterbilden sollen und Kinder eben nicht diszipliniert werden sollen. Kreativität war seit den 1960er, 1970er Jahren ein Begriff, der ganz essentiell für die Selbstfindung des Menschen verantwortlich war. Zur Zeit erleben wir, dass sich unsere Jobs zwar mehr und mehr so entwickelt haben, dass wir uns nicht mehr entfremdet fühlen, sondern eigentlich in Institutionen oder an Arbeitsplätzen arbeiten, an denen wir uns selbst verwirklichen können. Dafür bezahlen wir aber auch etwas, und das ist die Rückseite dieses positiv konnotierten Begriffs.
Wir bezahlen damit, dass unsere wirtschaftliche Sicherheit verschwindet. Wir haben im vorherigen Vortrag gehört, dass Künstler unter einer massiven wirtschaftlichen Unsicherheit, unter einer Existenzangst leben und arbeiten. Diese Existenzangst wird bis in die Mittelschicht hineingetragen. Die radikalste Änderung an Hartz IV war, dass man nach einem Jahr Arbeitslosenhilfe in die Sozialhilfe abfällt. Wir leben in einer Zeit der radikalen Flexibilisierung von Arbeitsplätzen, der steten Abnahme von unbefristeten und sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen. Das Stichwort dazu ist das skandinavische Modell der Flexycurity. Die Leute wechseln sehr häufig den Arbeitsplatz und werden dafür aber auch in der Zwischenzeit vom Staat aufgefangen. Sie bekommen auch so viel Lohn, dass sie keine Angst haben müssen. Ob man das gut findet oder nicht ist natürlich eine Frage. Fest steht, wir haben diese Verunsicherung der Mittelschicht, die nicht mehr so leicht Jobs findet wie früher und auch nicht mehr so fest in den Jobs ist. Das ist ein weiterer Grund, warum uns die Selbständigen oder das kreative Arbeiten so interessieren, weil die Festanstellung immer mehr so konnotiert wird oder immer mehr so ist, wie früher nur das Selbstständigsein war, als Ausnahme. Heutzutage ist es nicht mehr so, dass junge Leute in einem Betrieb anfangen und mit dem Betrieb über die Jahre wachsen und aufsteigen und dann irgendwann Abeitlungsleiter sind. Es ist vielmehr so, dass Leute zwischen verschiedenen Firmen wechseln und das gab es früher nicht.
Warum heute auch Festangestellte wie Selbstständige leben
Wenn man nun sagt, dass die armen Selbständigen immer nur von Projekt zu Projekt leben, kann man das für die Festangestellten heutzutage im Grunde genommen auch sagen, denn die sollten sich auch alle drei bis vier Jahre mal nach einem neuen Job umschauen. Leute, die zu lange in einer Festanstellung sind, sind vielleicht nicht fit genug oder trauen sich nicht, sich woanders zu bewerben. Sie verdienen auch weniger Lohn, weil sie ja ihren Lohn nicht gut neu verhandeln können. Parallel dazu erleben wir immer mal wieder massive Kündigungswellen und die führen automatisch dazu, dass man in so eine Situation kommt. Festanstellung ist eben auch nicht mehr das, was es war und das ist auch ein Grund, warum uns der Selbstständige als Figur heute alle interessiert, während er früher eben nur eine Randerscheinung war.
Ich möchte nun zum Schluss noch etwas aus einem Artikel vorlesen, den ich über soziale Netzwerke geschrieben habe. Ein Teil davon passt ganz gut zum heutigen Thema. Es geht darum, dass Freizeit jetzt Arbeit ist und wie man zum Beispiel an sozialen Netzwerken sehen kann, was sich da verändert hat.
Freizeit ist jetzt Arbeit
Arbeit und Freizeit benehmen sich schon seit einiger Zeit weit wilder als die Begriffe privat und öffentlich. Auch außerhalb des Netzes. Beziehungen haben heute nicht mehr nur Leute, die etwas darstellen. Im Gegenteil: Das eigene Netzwerk an Freunden ist für alle zu einem wichtigen Arbeitgeber geworden.
Also, soziale Netzwerke, das muss ich eben kurz erklären, ist so etwas wie StudiVZ oder Facebook oder für Musikliebhaber MySpace oder Last.fm. Das sind Netzwerke, die funktionieren, indem man ein Profil einstellt. Bei StudiVZ oder Facebook ist es das Arbeitsprofil. Das heißt, ich schreibe an welcher Uni ich studiert habe, welche Praktika ich gemacht habe, welches meine ersten Berufsstationen waren und ich stelle ein Bild von mir auf die Seite und gebe mein Alter an. Man stellt dort seinen wirklichen Namen rein. Auf Facebook laufen alle unter dem Realnamen, bei StudiVZ glaube ich auch. Man kann seine Freunde in diesem Netzwerk suchen und hinzufügen, was den Vorteil hat, dass man automatisch mit allen reden kann. Man bekommt auch kleine Nachrichten und man kann einen Status eingeben, wie man sich gerade fühlt. Diesen kann man jeden Tag updaten und so weiß man immer wie es seinen Freunden geht oder man hat zumindest einen groben Eindruck davon. Man kann außerdem automatisch Nachrichten an alle verschicken und das entspricht dieser bereits angesprochenen Form von Semi-Öffentlichkeit. Man kommuniziert mit Leuten, die einem irgendwie bekannt sind, als ob man zu einer Geburtstagsfeier in einer Kneipe einladen würde, aber gleichzeitig können eben alle draufgucken. Es ist bestimmt auch so, dass Personalabteiler – also wenn ich einer wäre würde ich es wahrscheinlich tun – da mal draufgucken und mal schauen wie sich die Leute selbst darstellen und das führt zu dieser seltsamen Vermischung von privat und öffentlich. In Amerika hat diese Vermischung auch schon zu Kündigungen geführt. Dort ist der Konsum von Alkohol ja sehr verpönt. Konservative Schulen haben Lehrern gekündigt, die sich mit einem Glas, das aussah wie ein Longdrink, in Netz abgebildet und damit gegen ihre Vorbildfunktion verstoßen haben.
Cafés sind in Folge dessen zu Laptop gepflasterten, rauchfreien Büros mutiert, in denen man Meetings abhält. Und Menschen, die Festanstellungen mit eigenen Büros besitzen, sind auch nach der Arbeit, in der man sich natürlich selbst verwirklicht, auf ihrem Smartphone überall erreichbar- abgesehen davon, dass man sich in Festanstellungen heute auch nur vorübergehend parkt. Weshalb soziale Netzwerke auch mehr sind als einfach nur neue Entwicklungen im Netz. Man kann sie als ein neues Paradigma für unsere Gesellschaft lesen, was heißt: An ihnen kann man die Verschiebungen feststellen, die man uns Subjekten in den letzten Jahren aufgedrückt hat.
Zentral auffällig ist da vor allem eins: Die Technik der Selbstdarstellung ist heute nicht mehr nur eine Angelegenheit des Künstlers, der damit früher einmal die eigenen Fähigkeiten ausstellte. Jeder mündige Bürger, nun gut, zumindest die jüngeren unter ihnen, sind heute zur Selbstdarstellung verpflichtet, einfach weil man gar nicht mehr daran vorbei kommt. Es ist ja so: Man bewirbt sich nicht mehr nur beim Arbeitgeber mit einem Lebenslauf, sondern auch bei seinen Freunden. Eine Ökonomisierung des Selbst, die man auch positiv auslesen kann: Man überlässt das Führen von personenbezogenen Daten nicht mehr der Personalabteilung, dem Einwohnermeldeamt oder Polizei alleine, sondern exponiert sich lieber im eigenen Licht. Aneignung der Statistik, verwalte dich doch lieber selbst.
Knechte waren gestern
Wie jede Gentrifizierung ist auch die gentrification of our souls,
– also man kann dieses wichtig werden des eigenen Profils, das Ausstellen des eigenen Selbst ja auch als eine Gentrifizierung des Subjekts lesen –
Wie jede Gentrifizierung ist auch die gentrification of our souls damit alles andere als eindeutig schlecht oder gut. Die Ökonomisierung des eigenen Lebens im postbürgerlichen Kapitalismus, wie sie sich in sozialen Netzwerken zeigt, ist ambivalent. Sie entspricht einer Aneignung ebenso wie einer Auslieferung. Und es hat wenig Sinn, gegen sie frontal anzugehen. Bleibt man aus den sozialen Netzwerken weg, ist man eben nicht dabei. Es merkt ganz einfach keiner. Tja, Mist aber auch, Widerstand sieht anders aus. Was nicht heißt, dass es ihn nicht gibt. Er findet nur innerhalb dieser Netzwerke statt: Man organisiert sich dort zu Gruppen gegen das Sammeln von Daten oder sprengt absichtlich das starre, vorgefertigte Layout bis zum Biegen und Brechen der Netzwerk-Seite. Und das heißt soziale Netzwerke sind alles andere als dumm. Während im Feuilleton die angekommenen 35jährigen Redakteure darüber herumjammern, dass ihre Jugend nie aufhört, diskutiert man dort die Veränderungen, die auf die nachwachsenden Kids einprasseln, und bemerkt vehemente qualitative Verschiebungen in dem, was es heute heißt jung zu sein. Beispielsweise Folgendes: Früher galten Teenager als faul, widerspenstig, unbeholfen und schüchtern. Heute dagegen sind sie umtriebig, bauen sie ihr soziales Netzwerk aus und planen außerdem ihr nächstes Praktikum. Der Lieblingssatz ist: Call my agent! Childulthood nennt der MySpace-Künstler Leandro Quintero auf seiner Seite diese Phase von 13-23, in denen der zukünftige Weltbürger für die zeitgenössische Globalisierung trainiert wird.
Was heißt: In und an sozialen Netzwerken lässt sich eine umfassende Transformation dieser Gesellschaft ablesen. Knechte braucht heute kein Mensch mehr. Selbstverwirklichung ist eine effektivere Kapitalisierung der Subjekte. Hegels alte Herr-Knecht-Dichotomie hat ausgedient, was man auch daran merkt, dass Werte wie Demut, Opfer oder Selbstaufgabe sich klammheimlich vom Acker des Subjektes gemacht haben. Sie sind aus den zeitgenössischen Erzählungen verschwunden. Die klassische Unterwerfung, sie wird nur noch wenig verlangt, geübt oder trainiert. Sie spielt keine große Rolle mehr. Die permanente Aufforderung zur Selbstverwirklichung rückt an ihre Stelle und folglich muss Ideologie heute umdefiniert werden. Sie besteht nicht mehr in Unterwerfung. Fast klingt es, als hätte der französische Marxist Louis Althusser sich auf sozialen Netzwerken herumgetrieben als er in seinem Aufsatz Ideologie und ideologische Staatsapparate schrieb: „Die Ideologie stellt das imaginäre Verhältnis der Individuen zu ihren wirklichen Lebensbedingungen dar.“ Und außerdem festlegte: „Eine Ideologie existiert immer in einem Apparat und dessen Praxis oder Praktiken. Diese Existenz ist materiell.“ Denn all das – das imaginäre Verhältnis zu den eigenen Lebensbedingungen, manifestiert im Profil, ausgestellt in einem Apparat namens soziales Netzwerk, der ja in Form von Servern durchaus materiell ist – findet man heute genau so auf sozialen Plattformen.
Meiner Ansicht nach lässt sich an diesem Moment des Profils ganz viel ablesen: Wie sich Arbeit bis in unseren Alltag, in unseren Umgang mit Freunden hineinzieht, wie eine bestimmte Ökonomisierung des eigenen Selbst einsetzt. Ich empfinde diese Entwicklungen sehr ambivalent. Es ist nicht so, dass ich alles schlecht heiße, was da passiert. Zwar versteckt sich auf dem Rücken der Selbstverwirklichung eine Verunsicherung und auch ein schlechter Moment, der kritisch hinterfragt werden und sichtbar gemacht werden muss, aber gleichzeitig würde ich trotzdem Selbstverwirklichung nicht als negativen Begriff verzichten wollen. Fassen wir es so zusammen: Kreativität ist heute durchaus zu verdächtigen, aber nicht zu verabschieden.
Vortrag in der Reihe “Kompetenzfeld Kulturwirtschaft” der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, 8.2.2008. Dank an Nina Meinhold
