Wie radikal ist ein Schnösel?
Mercedes Bunz
Christian Kracht ist ein arrogantes Arschloch. Er ist ein reicher Schweizer Schnösel, dessen Vater jahrelang Generalbevollmächtigter bei Springer gewesen ist. Ein Popliterat, der die Namen von Luxuswaren droppt und der mit seinen elitären Freunden einen auf Tristesse Royal macht. Und der hat jetzt ein neues Buch herausgebracht. Na und? So könnte man denken. Nur: Wer sich mit dieser Meinung bequem zurücklehnt, macht es sich im Leben wirklich zu einfach – und ist dem Autor bereits auf den Leim gegangen.
Tatsächlich ist Christian Kracht an diesem Ruf nicht unschuldig, gewissermaßen pflegt er ihn sorgfältig. Der Schriftsteller als Weltbürger ist seit Ernest Hemingway ein klassischer Entwurf der Figur „Autor“. Kracht folgt dieser Tradition. Öffentlich entspricht er dem Bild eines immer reisenden Autors, der in Bangkok oder Kathmandu lebt und in San Francisco produziert – dabei wohnt er mit seiner Frau meist in Berlin-Mitte in der Linienstraße. Auch in den Erzählungen seines neuen Buches, ein Kompendium aus den Texten der vergangenen Jahre, bedient er dieses Bild. In der Mongolei macht er sich auf die Suche nach dem verschollenen Nationalgericht, das sich am Ende als bloße Erfindung, als Traum und Projektionsfläche zeigt. Im Ramses Hilton in Ägypten erklärt er, wie man sich am geschicktesten unerlaubter Weise an Buffets bedient. Und in Berlin-Mitte macht er zwei Künstler, die mit aller Macht berühmt werden wollen, zu einem surrealen Theaterstück.
Christian Kracht beschreibt dies alles unverspielt, mit einer präzisen, klaren Sprache. Er ist ein sorgfältiger Beobachter, der den glatten Oberflächen des Reichtums ebenso fasziniert folgt, wie er Brutalität und Abgründe deutlich beschreibt. Mit Positionen, die bereits besetzt sind, gibt er sich jedoch nicht lange ab. Springer scheiße finden? Lieber dessen Maßanzug beschreiben. Zugleich das panislamische linke Kulturmagazin „Bidoun“ promoten? Kein Problem. Und das hat was. Tatsächlich muss man sich überlegen, ob in einer Welt, in der jeden Sonntag eine Sabine Christiansen die Kritik der Gesellschaft moralisch verwaltet, der Schnösel nicht die radikalere Position ist. Auf jeden Fall sollte man es sich von den eigenen Bedenken nicht nehmen lassen, einen guten Schriftsteller zu lesen.
Christian Kracht, New Wave. Ein Kompendium 1999-2006 kostet 19,90 EUR und ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.
