Frauen + Männer = Clubkultur. Versuch einer Antwort auf die anstregende Frage: Sag mal, warum gibt es so wenig Frauen in der Clubszene?
Mercedes Bunz
Eine meiner Lieblingsnichtrealisiertideen ist, eine Diskussionsrunde zu Männern in der Clubkultur zu machen. So viele Fragen: Welche Typen werden bevorzugt, aus welchen sozialen Background kommen die meisten und in wie weit hat sich der Jungstypus gegenüber Rock verändert (gigantisch war’s). Welche Tools muss man 1998 als Junge beherrschen und welche Frisur wird dazu getragen (der Macintosh Benutzer trägt Kurzhaar). Kurz: Was ist schick für Jungs? Welche musikalische Kategorie steht für welchen Jungstyp? Welche Typen werden ausgegrenzt? Welches Verhältnis haben Jungs zum Arbeiten? Sex? Drogen? Klamotten? Beziehungen? Gibt es für Jungs ein Leben außerhalb von Karriere? Wenn ja, dann wie? Welche Rolle spielt dabei die Clubkultur? Und so.
Anstelle dessen bloß nicht die verschiedenen Rollen der Mädchen zum tausendesten Male auf den Tisch reden: Wie kommen sie dahin? Wie verhalten sich die Männer? Gähn. Klingt wie: wenn du nicht so zickig bist, kommst du schon hinter die Desks. Tips von solchen, die es geschafft haben. Nur, so einfach ist das mit dem sozialen Gefummel nicht.
Feminismus ist für mich eine Angelegenheit, in der man sich als Mädchen nur die Finger verbrennt, auch wenn sie vielleicht eine Notwendigkeit beim Leben der eigenen Wirklichkeit darstellt. Leider. Ein Problem, weil man die Paradoxie der Realität nur zu oft rückwärts vor die Nase gerieben bekommt: Geht man nicht davon aus, daß man als “Frau” verpflichtend irgendeine Gemeinsamkeit teilt (was habe ich mit Hannelore Kohl gemeinsam, nee, wirklich), muss man gleichzeitig dafür kämpfen, daß eine Gemeinsamkeit Frau real gelebt wird, die als unsichtbarer Ausgrenzungsmechanismus mich aus der Produktionsgrundlage z.B. Plattenladen raus hält. Und Hannelore auch.
Warum also gibt es so wenig Frauen in der Clubszene? Definitiv gibt es ja nicht wenig Frauen in der Szene. Die Produzenten jedes Clubs, jeder Veranstaltung bestehen zu mindestens 50 Prozent aus Frauen und zwar an ihren traditionellen Arbeitsfeldern: der Infrastruktur. An der Bar, nicht hinter den Plattenspielern. Warum aber fallen diese Arbeitsbereiche unter den Tisch? Warum werden sie nicht als Teil der Szene betrachtet, nicht als “Aktivität”, sondern als schmückendes Beiwerk rezipiert? Was sagt uns das über unsere eigenen Bewertungsmodelle? Wen stellt unser Gesellschaftsmodell hier in den Mittelpunkt? So viele Fragen.
Andersrum, da, wo dann angeblich oben ist. Schwierigkeiten beginnen. Definitiv ist DJsein, Platten einkaufen, keine “normale” Tätigkeit für Mädchen. Wenige tun es. Es ist die Ausnahme und jedes Mädchen lebt damit, daß es die Ausnahme ist, auf der Karriereleiter oder wo auch immer ein bißchen Autor ist und sein Name für eine Produktion ein bißchen Ruhm abbekommt, etwas zu wollen. Eine Schranke, die allzuoft heruntergeredet wird. Auch Jungs hätten Angst vorm neuen Stück, vor neuen Text, vor der neuen Produktion. Sicher, bestimmt. “Das Arbeiten” und “das Karrieremachen” gestaltet sich trotzdem aufgrund erlebter Realitäten bei Jungs und Mädchen vollkommen verschieden. Immernoch gibt es für Jungs im Grunde genommen keine andere Möglichkeit als “sich zu behaupten”, weshalb zuviele Jungs sich oft genug nicht dafür schämen, einem auch noch die dümmsten Binsenweisheiten als heißesten Scheiß verkaufen zu wollen. Lara Croft und Tekken können nicht darüber hinwegtäuschen, daß ein weiblicher Kämpfer im Durchschnitt aller Videogames etwa 1% ausmacht. Dem könnte der Anteil an kaufenden Mädchen im Plattenladen durchaus entsprechen.
Und warum das so sein könnte. Mädchen werden vollkommen anders sozialisiert. Mit behender Leichtigkeit kann man Sätze wie “Was hast du denn da schönes gebaut?” und “Habt ihr schön gespielt” den Geschlechtern zuordnen, weil sie die Geschlechter konstruieren: der gestaltende Junge, für den Werkzeuge zur “natürlichen” Verlängerung seines Körpers herbeigeredet werden: Welcome Technics: der technisch-kreative Bereich! Das hilfsbereite Mädchen, für das das soziale Leben und die Beziehungen zu und zwischen anderen die Welt bedeutet: Welcome Bar: der soziale Bereich.
Man kann ein paar Sachen aufzählen, die auf einen zukommen, wenn man als Mädchen im technisch-kreativen Bereich zu produziert: Die wenigen Mädchen, die auf der Produzenten Seite auftauchen und das Wissen, eine Ausnahme zu sein, wenn man es tut, den Bammel, der sich daraus ergibt. Die Annahme, es “doppelt so gut” machen zu müssen, weniger eine Vorgabe von Männern, die einen nicht akzeptieren, sondern eine Anforderung, die man an sich selbst stellt. Das Wissen, das aufgrund der Rollenverhalten nicht in Mädchengruppen kursiert und erst müsam erlernt werden muss, anstatt beim Leben aufgeschnappt zu werden. Die Produzenten, die nicht gewohnt sind, Mädchen als fachsimpelnde Beurteilerinnen zu kennen: das berühmte Mädchen unbewußt nicht ins Fach-Gespräche einbeziehen oder im Plattenladen komisch angucken. Und wenn man dann schließlich all diese Hürden gemeistert hat, bekommt man von früh bis spät nichts anderes unter die Nase gerieben, als: Na, was machst du denn hier in der Männerdomäne? Und man hat absolut keine Lust, sich anders als alle anderen zu fühlen, das soll man dann ja auch noch. Mikrokosmos rules. Es sind nicht die Männer oder die Mütter, bei denen man die Schuld dafür suchen kann. Einfacher wär’s vielleicht.
