Für eine neue Poesie der Neugier
Das Web verändert den Journalismus – nicht nur online
Mercedes Bunz
Folgt man öffentlichen Äußerungen und Studien, dann sieht es für das journalistische Schreiben im Web nicht gut aus. Der Ruf des Online-Journalismus ist schlecht. Ein Desaster: Schlecht bezahlte und unerfahrene Jungjournalisten verwursten dort hauptsächlich Agenturmaterial und hängen wenig an ihrem Text, anstatt eigene Stücke zu recherchieren und zu schreiben. Eine Boulevardisierung des Journalismus verursacht durch „Klicks, Quoten und Reizwörter“ (Range und Schweins 2007) stehe bevor, des Weiteren sei der Qualitätsjournalismus durch die hungrige Logik des Mediums nach schnellen, immer neuen Nachrichten bedroht (Schirrmacher 2007) und Blogger mit ihrem „loser generated content“ [1] gäben dem Genre als „Idiotae“ im „Web 0.0“ (Graff 2007) den Rest. Nein, bei gestandenen Print-Journalisten hat das Web kein Renommee.
Auf eine skeptische Einschätzung trifft man vom ehemaligen Chefredakteur des Stern, Hans-Ulrich Joerges, über den Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, bis hin zum stellvertretenden Chefredakteur der Süddeutschen Online, Bernd Graff. Doch es lohnt sich genauer hinzuschauen. Denn tatsächlich muss man sich fragen, ob das Web wirklich eine Gefahr für den Journalismus darstellt oder ob man hier nicht dem Online-Journalismus Probleme in die digitalen Schuhe schiebt, die der Journalismus ganz allgemein hat.
Sagen wir es so: Auch im Print-Journalismus haben sich Leserbriefschreiber selten durch ausgewogene Beiträge ausgezeichnet, auch im Print steht man unter Druck, wenn kurz vor Redaktionsschluss eine Eilmeldung über den Newsticker kommt, und ganz allgemein ist die Bezahlung von Journalisten nach der Krise vor einigen Jahren bedeutend geschrumpft. Darüber hinaus sind – Stichwort Boulevardisierung des Journalismus – bunte Themen nicht nur Online, sondern auch bei der gedruckten Zeitung wichtiger geworden; „das Ghetto Boulevard ist längst aufgebrochen“ [2], wobei das Auftauchen dieser Themen in Print und Online nicht unbedingt etwas mit einer Verflachung des Niveaus zu tun haben muss. Dass man Boulevard und Skurriles mit Humor intelligent aufschreiben kann, zeigt die Süddeutsche Zeitung täglich auf zwei Panoramaseiten in ihrem ersten Buch. Die neuen Bedingungen des Journalismus treffen also nicht nur auf das Schreiben im Web zu, sondern auf den Journalismus im Allgemeinen.
Dennoch verändert sich etwas. Und nachdem die gängigen Vorurteile gegenüber dem Online-Journalismus erstmal vorübergehend an den Wegesrand geräumt sind – wenn sie den Journalismus im Allgemeinen betreffen, wird man sich auch im Online-Journalismus mit ihnen auseinandersetzen müssen – gilt es im Folgenden einen Blick auf die Geschichte des Online-Journalismus zu werfen, um feststellen zu können, wie das Web den Journalismus verändert. Und warum.
Eine kurze Geschichte des Online-Journalismus
Wie jede Beziehung besteht auch das Aufeinandertreffen von Internet und Journalismus aus verschiedenen Phasen: von der ersten zaghaften Beschnupperung hin zur pathetischen Erklärung der großen Liebe, gefolgt von der Ankunft ernsthafter Zweifel, die dann doch überwunden werden und in eine mehr oder weniger stabilen Beziehung münden, in der beide Partner sich aufeinander zu bewegen und sich dabei verändern. Es begann mit dem heutigen Marktführer: Als Der Spiegel am 25. Oktober 1994 als eines der ersten Magazine ein Onlineangebot launchte – und zwar paradoxerweise auf der Frankfurter Buchmesse –, bestückten zwei Print-Redakteure die Seite nebenberuflich (Patalong 2004). Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen; Spiegel-Verlagsleiter Fried von Bismarck ermutigte Uly Foerster und Gerd Meißner, die Website in Teilzeitarbeit mit Printstücken zu füllen. Der Online-Journalismus bog in seine erste Phase (vgl. Range und Schweins 2007: 31ff.), das alte Medium kam zaghaft im neuen an, d. h. Print wurde online in Auszügen abgebildet.
Die Logik der 24/7-Aktualität, die den Online-Journalismus heute beherrscht, war in dieser Phase noch kein Issue, wie Online-Redakteur Foerster 1996 in einem heute viel zitierten Memo festhielt: „Es muss immer aktuell sein. Ich bestehe auf wöchentlichen Updates. Mindestens!“ (Patalong 2004).
Im Netz tummeln sich zu dieser Zeit noch die Early Adopters; weil die New Economy jedoch in den kommenden Jahren viel versprechend die Aktienkurse beflügelt, müssen sich nach und nach die Verlage mit dem neuen Medium auseinandersetzen. Phase 2 des Internetjournalismus beginnt in diesem Hype ab 1998 und ist sowohl durch die Weiterentwicklung der Hardware (Computer und Verbindungsleitungen) als auch der Software (den Webbrowser) getrieben. Die Massen kommen im Internet an. Schnell folgt die Werbung diesen Massen, seit 1997 gemessen durch monatliche Reichweitenmeldungen der IVW, später ergänzt durch die Nutzungsdaten der AGOF und von Alexa. Die Logik des Offline-Journalismus, die Auflage, wird kurzerhand in die Online-Welt übertragen. Klicks, nicht Aufenthaltsdauer oder kontextuelles Umfeld zählen – die Erfindung der Bildergalerien und der so genannten Klickertools sind eindeutig ein Effekt dieser simplifizierenden Logik, der jedoch auch die Anzeigenkunden folgen. Klicks und Reichweite!
Wenn Print-Kollegen zur Stärkung der Marke mit dem Zusammenstellen von Line-Extensions wie der SZ-Bibliothek beauftragt werden (Meyer-Lucht 2006: 4), dann gehört zum Jobprofil von Online-Redakteuren das Ausführen Seitenaufruf-steigernder Maßnahmen. Der IVW-Logik gezwungenermaßen folgend bauen sie Bildergalerien, erfinden klickreiche Wissenstests oder erstellen Gewinnspiele (Range und Schweins 2007: 51ff.) – und ernten damit den Ruf, Pseudo-Journalisten zu sein. Die „Kostenloskultur“ des Internets trägt darüber hinaus auch nicht dazu bei, das Prestige des Online-Journalisten zu verbessern. Während der Leser bereit ist, für die gedruckte Zeitung zu bezahlen, gestaltet sich der Verkauf von Journalismus im Internet dem Sprichwort „Content is King“ zum Trotz als schwierig, wenn nicht gar als unmöglich. Anstelle die Kostenlosigkeit als Chance einer Verbreitung seiner Inhalte zu sehen, wird wieder und wieder versucht, die Regeln der Offline-Welt auf die Online-Welt zu übertragen. Ungern wird eingesehen, dass das Internet kein Kiosk ist.
Journalismus und Internet fremdeln folglich in dieser Phase deutlich miteinander; zugleich beginnt das Medium, seine ersten Qualitäten zu zeigen: Als die Anschläge des 11. Septembers 2001 ein großes Bedürfnis nach aktuellster Berichterstattung produzieren, erfüllt das Büromedium Internet dieses Bedürfnis bis zur Grenzbelastung der Server (Meyer-Lucht 2007).
Doch zu dieser Zeit hat die Krise bereits begonnen: Die dritte Phase des Online-Journalismus zwischen 2001 und 2005 ist von dunklen Wolken gezeichnet. Nicht nur die New Economy bricht zusammen; mit der allgemeinen Wirtschaftskrise, die einsetzt, werden die Zeitungsverlage von bitteren Anzeigenverlusten heimgesucht. Der Anzeigenumsatz des Medienträgers Zeitung sinkt um ein Drittel, von 6,6 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf 4,5 Milliarden im Jahr 2003 (Meyer-Lucht 2006: 3).
Online-Redaktionen werden abgebaut. Verzweifelt versuchen die Verlage, online Geld zu machen. Neben Werbung baut man auf den Verkauf von Artikeln und bezahlten Dossiers, das Abonnieren von E-Papers sowie auf Provisionsmodelle – der Verlag wird beteiligt, wenn der Leser auf der Website eine Versicherung abschließt oder ein Bankdepot eröffnet. Doch dieser „Abschied von der Kostenlos-Kultur“, wie sie im Hause Springer propagiert wird (vgl. Ranke und Schweins 2007: 31), geht gründlich schief. Im Internet sei für Verlage kein Geld zu machen, heißt es. Zugleich kann man am Netz jedoch nicht vorbei: Das Web wächst nicht nur, Blogs verändern die Rolle des Journalisten und bedrohen die Deutungshoheit der traditionellen Medien. Ihre Hegemonie gerät ins Wanken. War das Senden von Information bislang aufwändig und kostenintensiv und somit Medieninstitutionen vorbehalten, macht die Technologie des Internets jetzt das Veröffentlichen eines Artikels so einfach wie das Versenden einer E-Mail.
Vielleicht kann man auch deshalb seit 2006 eine neue Offensive, die vierte Phase des Online-Journalismus, beobachten. Stück für Stück beginnen die Verlage nun, die Print-Redaktion auf Umstrukturierungen vorzubereiten, die der Online-Logik folgen. Der Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, formuliert als erster für eine große Tageszeitung die Parole „Online First“: „Es bedeutet mehr unsere Nachrichten nach den Bedürfnissen des Web zu veröffentlichen und weniger im Rhythmus und der Erwartung einer gedruckten Zeitung.“ [3]
Ein halbes Jahr später forciert Axel Springer unter demselben Schlagwort die Online-Offensive seiner Zeitungsgruppe und gründet für Die Welt und Die Berliner Morgenpost einen integrierten Newsroom, in dem die Inhalte gebündelt für Print und Online produziert werden.
Das Netz beginnt den Redaktionsalltag zu verändern, was in den Printredaktionen nicht überall mit Freude aufgenommen wird. Definitiv jedoch wird in deutschen Verlagsspitzen in dieser Phase Online journalistisch ernst genommen, was man daran beobachten kann, dass viele Online-Chefredaktionen mit gestandenen Ressortleitern aus Print besetzt werden – 2007 sind das für Die Zeit Gero von Randow, für Die Welt Christoph Keese und für die Süddeutsche Zeitung Hans-Jürgen Jacobs. „Wir Online-Redakteure sind in wenigen Monaten von den Sorgenkindern zu Hoffnungsträgern geworden“, bemerkt Jochen Wegner dazu, der Chefredakteur von Focus Online (vgl. Range und Schweins 2007: 39).
Hoffnungsträger, die auf der anderen Seite jedoch mit Argus-Augen beobachtet werden, denn eine Online-Redaktion 7 Tage die Woche zwischen 6 und 23 Uhr zu unterhalten, ist kostenintensiv. Um die Kosten im Zaum zu halten, werden verschiedene Modelle erprobt. Während die Zeitungsgruppe von Springer auf den integrierten Newsroom baut, der Print und Online gleichermaßen bedient, setzt FAZ.de einen Teil ihrer Online-Redakteure in die Print-Ressorts, um die Zusammenarbeit zu intensivieren. Bei der Verlagsgruppe Holtzbrinck wählte man einen anderen Weg, um Synergien zu schaffen. Dort arbeiten seit Ende 2007 die Online-Journalisten von Tagesspiegel.de mit dem Newsportal für junge User, zoomer.de, zusammen und bespielen zwei Portale aus einer Redaktion. Das Web verändert also die Redaktionen. Aber verändert es auch den Journalismus?
Ja. Tatsächlich hat sich die Rolle des Journalisten und damit auch die des Journalismus durch das Internet immens gewandelt. Wenn die Beschaffung von Information eine der wichtigsten Aufgaben des Journalisten ist, dann ist heute im Web Information zu jeglichen Themen im Überfluss vorhanden: Die Verfügbarkeit von Expertenwissen hat sich vergrößert. Die Möglichkeit, sich international zu informieren, ist gestiegen. Und ein gewaltiges Rauschen aus subjektiven Stimmen – in Blogs, Videoportalen wie YouTube oder Bilderdiensten wie Flickr – hat das Spektrum außerdem erweitert. Was für den Journalisten zunächst einmal heißt, dass sein Wissensvorsprung gegenüber dem Leser durch das Internet geschmolzen ist.
Der Journalist ist immer weniger der Experte, der lehrend vor den Leser tritt; seine Rolle als Gatekeeper der Information bröckelt. Heutzutage spricht er mit dem Leser auf Augenhöhe. Dennoch ist der Journalist weder austauschbar noch überflüssig – eine etwas seltsame Argumentation, mit der gerne im Netz von Leuten herumgefuchtelt wird, denen ihre neue Öffentlichkeit dann doch etwas zu sehr zu Kopf gestiegen ist. Im Gegenteil: Gerade weil der Zugang zu Information bedeutend einfacher geworden ist, ist die Überprüfung ihrer Korrektheit umso wichtiger. „Double, triple, quadruple check“: Im plappernden Gewirr der medialen Quellen aus aller Welt gilt es mehr denn je, sich nie auf nur eine Quelle zu verlassen. Das Internet vernichtet also nicht, sondern es verändert den Journalismus. Seine wichtigste Aufgabe lautet nun: Die Überprüfung und Einschätzung von Information ist wichtiger als ihre Beschaffung.
Und noch eine weitere Entwicklung ist für den Journalismus zu beobachten: Die Verpackung von Information wird so wichtig wie die Nachricht selbst. Denn wenn Information überall im Überfluss vorhanden ist, wendet man sich als Leser dorthin, wo sie einem verständlich aufbereitet wird. Wachgerüttelt von einem anhaltenden Auflagenverlust hat sich der Journalismus offline und online neu orientiert. Er sendet nicht mehr diffus in Richtung einer abstrakten Öffentlichkeit, er wendet sich konkret an seine Leserschaft und stellt sich auf sie ein. Für guten Journalismus sind im Zeitalter eines informativen Überangebots die Einordnung der Nachricht, das Erklären eines komplexen Sachverhaltes oder das Nahebringen eines Konfliktes ebenso wichtig wie die Nachricht selbst. Nicht nur die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit ist damit heute journalistische Aufgabe, sondern auch ihr Erreichen.
Hoppla: Autor trifft auf Leser
Während man den Leser als konkreten Empfänger entdeckt hat und nicht mehr in einen diffus abstrakten Raum namens „Öffentlichkeit“ sendet, tut man sich mit den Antworten dieses Empfängers allerdings noch schwer. Die meisten Journalisten bevorzugen den Leser besser wissend zu informieren und sind wenig erfreut darüber, wenn dieser Leser auf die Idee kommt, das ihm Zugesendete zu berichtigen, zu verbessern, den Journalisten auf einen Fehler hinzuweisen und ihn somit schlichtweg ebenso: zu informieren. Obwohl es diesen Rückkanal in Form von Leserbriefen oder Gegendarstellungen offline schon seit langem gibt, hat sich mit der Möglichkeit des Kommentierens von Artikeln im Internet eine unmittelbarere Nähe zwischen Sender und Empfänger ergeben – eine Nähe, die auffällig gerne ignoriert wird.
Redakteure und Autoren sind zwar interessiert daran, wie häufig ihr Artikel gelesen wird; mit den Kommentaren unter ihren Artikeln setzen sie sich jedoch ungern auseinander. Fast könnte man meinen, die Trennung von Leserbeiträgen und redaktionellen Inhalten sei im Journalismus genauso wichtig wie die Trennung von redaktionellen Inhalten und Anzeigen, so schlecht ist der Ruf des partizipatorischen Journalismus bzw. des User-Generated-Content. An ihm können sich die Ängste des Faches vor einem Journalismus ohne Journalisten hervorragend aufbauschen, auch wenn man ehrlich sagen muss: Nicht einmal mehr die Verleger träumen den Traum von unbezahlten Inhalten ihrer User. Mittlerweile hat man begriffen, dass eine gut funktionierende Community jemanden braucht, der diese Community pflegt (Niles 2008). Inhalte, die vom Leser kommen und veröffentlicht werden sollen, schaffen also Arbeit und damit Arbeitsplätze (Rusbridger 2007). Sie müssen gegengelesen, beantwortet und betreut werden.
Der Journalismus transformiert sich damit vom Produkt zum Prozess: Der Journalist initiiert im Netz eine Debatte, die er auch weiterhin beeinflusst, er produziert nicht mehr einfach nur ein Stück, das er abliefert. Das schafft ein neues Problem: Woher soll ein Autor oder Redakteur die Zeit für diese Betreuung nehmen (Niles 2008)? Eine Lösung wäre eventuell, Community-Manager journalistisch ernster zu nehmen, sie im Namen des Organs Beiträge und Antworten verfassen zu lassen und Artikel, die größere Debatten auslösen, in Zusammenarbeit mit dem Autor zu betreuen. An einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem im Kommentarfeld einsam zurück gelassenen Leser wird man jedenfalls nicht vorbeikommen, auch wenn diese Zusammenarbeit zurzeit noch selten der Fall ist. Online, kritisiert der amerikanische Online-Journalismus-Experte Robert Niles sorgenvoll, ist eine „führungslose Debatte“ zu beobachten (Niles 2008). Er befürchtet, dass der Leser diesen Eindruck auf das Nachrichtenportal überträgt und sich vom Journalismus abwendet. Und er mahnt an, den alleinigen Fokus der Journalisten auf die Zeitung zu überdenken: „Es ist Zeit, dass die Nachrichtenzeitung stirbt, damit die Nachrichtenindustrie überleben kann.“ (Niles 2008)
Crossmedial – ein Zauberwort?
Doch nicht nur die Rolle des Journalisten und sein Verhältnis zum Leser ändern sich durch das Web, sondern auch der journalistische Inhalt selbst. Während eine publizistische Marke bislang vor allem mit einem Medium verbunden wurde, wird in Zukunft gelten, dass eine Marke für einen bestimmten Inhalt steht, der über verschiedene Plattformen wie Zeitung, Internet, Mobiltelefon oder Internet-TV verteilt wird – „Crossmedialität“ von Inhalten lautet derzeit das neue verlegerische Zauberwort, dessen Umsetzung gar nicht so einfach ist: Um den Leser im jeweiligen Medium anzusprechen, müssen die Inhalte der Logik des jeweiligen Mediums angepasst werden, denn man kann diese Inhalte nicht medienblind produzieren und verteilen. Ein Beispiel: Online-Beiträge funktionieren selten mit Überschriften, die für die gedruckte Zeitung getextet werden, denn das Zusammenspiel aus Überschrift und Bebilderung fällt weg, ebenso wie sichtbare Zwischenüberschriften oder Zitate, die Orientierung bieten. Im Netz muss Inhalt eigen und anders zugeschnitten werden.
Zugleich erwarten User online auch variierende mediale Formate. Das Mit-Bloggen eines Ereignisses, Bilderstrecken, Audio-Slide-Shows oder kurze Videobeiträge behandeln ein Thema mitunter angemessener als ein Artikel. Diese Logik setzt sich im Online-Journalismus erst langsam durch, denn das „Muttermedium“ – und die meisten Nachrichtenportale sind Töchter von gedruckten Marken – prägt bislang noch stark die Online-Berichterstattung, auch wenn welt.de und spiegel.de ihre Textlastigkeit im ersten Quartal 2008 deutlich verringert haben und das Unternehmen Holtzbrinck mit zoomer.de den expliziten Versuch startet, ein Nachrichtenportal mit einem multimedialen Angebot aufzubauen, weil ein jüngeres Publikum in einem spielerisch medienkonvergenten Umfeld aufgewachsen ist und eine solche Aufarbeitung auch von ihrem Portal erwartet.
Multimedialität im Internet wird damit erwachsen. Waren online-spezifische Formate wie Live-Bloggen oder Live-Tickern, Bildergalerien oder Umfragen zunächst vor allem der Jagd nach Seitenaufrufen verdächtigt worden (Range und Schweins 2007: 51ff.), hat sich mittlerweile die Einsicht verbreitet, dass diese Formate auch mit Qualität gefüllt werden können. Zudem ist klar, dass die Reichweitenstärke online nicht nur durch Beiträge zu holen ist, die kurzfristig hohe Zugriffe haben, wie spektakuläre Boulevardmeldungen. Gerade im Netz ist das Prinzip wichtig, mit einer großen Anzahl an Nischenprodukten zu arbeiten, dem Long Tail, wie ihn Wired-Chefredakteur Chris Anderson beschrieb (Anderson 2007). Nicht umsonst haben publizistische Angebote ihre Archive mittlerweile für Suchmaschinen geöffnet und Search-Engine-Optimizer engagiert, um bei Google News zu landen. Das Aufrufen der Homepage ist heutzutage nur noch ein Zugang zu angebotenen Inhalten unter vielen. Newsaggregatoren, welche unter bestimmten Topoi verschiedene Medien scannen – turi-2.blog.de etwa für die Medienbranche – sorgen für weitere Zugriffe.
Das führt dazu, dass journalistische Angebote ein Interesse haben, sich breit aufzustellen, indem sie Inhalte, die andere produziert haben, in ihr Angebot integrieren: Kuratieren, nicht selbst produzieren. Dieses Einpflegen qualitativ hochwertiger fremder Inhalte verbreitert das eigene Angebot und wertet es auf, da gute, interessante Information im Internet schnell im Überangebot untergeht. „Do what you can do best and link to the rest“: Das Auffinden und Präsentieren interessanten Materials ist ein Mehrwert, mit dem man mitunter erstaunliche Ergebnisse erzielen kann – der amerikanische Unternehmer Samir Arora hat das für die Frauenplattform glam.com in den Staaten erfolgreich etabliert (vgl. Jarvis 2007). In Deutschland folgt man dieser Strategie eher zaghaft: Spiegel Online präsentiert beispielsweise Inhalte von 11 Freunde, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Wikipedia, dem manager magazin, Last.fm etc.
Fasst man diese Entwicklungen zusammen, dem dynamischen Medium entsprechend zwangsläufig nur in einem Zwischenstand, kann man sagen: Ja, das Web hat den Journalismus verändert. Folgende Verschiebungen stechen dabei vor allem ins Auge:
1. Marke statt Medium: Publizistische Marken sind in Zukunft weniger als bisher von einer spezifischen medialen Logik geprägt, sondern verteilen ihre spezifische inhaltliche Ausrichtung, ihr Markenprofil, auf verschiedene Medien.
2. Veröffentlichung heute heißt Kommunikation: Journalisten produzieren für Medien keine Beiträge, sie kommunizieren mit ihren Lesern – mitunter auch im direkten Dialog.
3. Plattform statt Sender: Eine Marke besticht in Zeiten des Überangebots an Information nicht nur durch selbst hergestellte Inhalte, sondern versteht sich als Plattform und wählt gemäß der ihr eigenen Logik die relevanten Beiträge für ihre Leser aus.
All dies wird den Journalismus herausfordern – und es kann ihn spannender, interessanter, unterhaltsamer und informativer machen. Eventuell. Denn man steht vor einem Problem:
Wer soll das bezahlen?
In der Tat steht man aktuell in Bezug auf Online-Journalismus vor einem Desaster, allerdings findet sich dieses Desaster nicht dort, wo es vermutet wird. Denn nicht die Qualität des Journalismus steht auf dem Prüfstand, sondern seine Finanzierung. Kurz gesagt: Zeitungen haben über die Jahre bedenklich an Auflagenstärke und Anzeigenumsatz verloren (Meyer-Lucht 2006: 4), der Journalismus im Web spielt jedoch bislang nur einen Bruchteil des Umsatzes ein. Der Spiegel Verlag erwirtschaftete 2006 einen Umsatz von 332 Millionen Euro, Spiegel Online 15 Millionen Euro. Durchschnittlich erreichen die Online-Werbeeinnahmen nur 10 Prozent des Anzeigenumsatzes von Print – viel zu wenig, um die aufwendige Maschine Journalismus zu erhalten. Zwar kann der Online-Werbemarkt rasante Zuwächse vermelden – laut Nielsen legte er im ersten Quartal 2008 um 41 Prozent zu – aber der Abstand bleibt gewaltig. Auch wenn Printmarken sich in Zukunft crossmedial entwerfen müssen, sie sind auf den Umsatz des Printmediums angewiesen. Und das ist angeschlagen.
Die Nutzung einer Zeitung als aktuelles Informationsmedium steht auf dem Prüfstand (Kolo und Meyer-Lucht 2007). Die Auflagen von Tageszeitungen sinken kontinuierlich und beängstigend. Junge Leser wachsen nicht nach, sie holen sich ihre Nachrichten im Internet. Technische Entwicklungen werden außerdem dazu führen, die Funktion der Zeitung zu ersetzen: Während zunächst das Büromedium Web das Bedürfnis nach aktueller Information mehr als einmal am Tag erfüllte, bedroht als nächstes auch das Mobiltelefon die Zeitung. Die neue Generation an Smartphones wird das Lesen von aktuellen Nachrichten unterwegs und überall möglich machen und die mobile Informationsquelle Zeitung, die man auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause konsumierte, ablösen – eines Tages wird man sagen, die Zeitung war mal der Vorläufer des Mobiltelefons.
Es steht nicht gut um das Medium und all das heißt: Die Zeitung muss sich entweder neu erfinden oder der Online-Journalismus muss finanziell erwachsen werden – was bedeutet, seine Anzeigenpreise müssen steigen. Tatsächlich deutet sich an, dass ein Teil des Werbegeldes ins Netz wandert. So wird BMW – und die Autoindustrie gehört zu den werbestärksten Branchen – für die Einführung seiner neuen Serie 1 erstmalig die Hälfte des auf 15-25 Millionen Dollar geschätzten Budgets zielgruppengerecht in Onlinemedien investieren (Elliott 2008). Diese Investition fließt jedoch nicht nur in klassische Medien, sondern auch in soziale Netzwerke. Der Kuchen wird also nicht einfach von gedruckten Zeitungen zu ihren Online-Angeboten wandern.
Nur eventuell kann der Journalismus also bleiben, was er ist, denn mehr noch als das Web wird seine ökonomische Situation ihn verändern. Und er wird nur Journalismus bleiben können, wenn er die ihm eigenen Prinzipien ernst nehmen kann. Gleich ob er kuratiert oder selbst herstellt, gleich ob er online, offline oder auf dem Mobiltelefon landet. Journalismus ist nur Journalismus, wenn er verliebt in seine Ideale bleiben darf: Unabhängig, in kritischer Distanz zu seinem Gegenstand, in Konflikten beide Seiten schildernd und einer akkuraten Berichterstattung verpflichtet. Ja, tatsächlich, das Gejammere über einen möglichen Qualitätsverlust im Journalismus wird man ernst nehmen müssen. Und nein, es ist kein Problem, das auf den Online-Journalismus begrenzt ist.
Deshalb: Das ängstliche Klammern an lieb gewonnene Strukturen, das den Journalismus derzeit prägt, kann angesichts der ernsten Probleme keine Antwort sein. Es braucht eine neue „Poesie der Neugier“ (Kisch 1980); Offenheit, Kreativität und Dynamik sind schleunigst gefragt. Das könnte klappen: Neugier hat den Journalismus schon immer ausgezeichnet.
Literatur
Anderson, Chris 2007: The Long Tail – Der lange Schwanz: Nischenprodukte statt Massenmarkt – Das Geschäft der Zukunft. München: Hanser.
Brauck, Markus/Hülsen, Isabell 2008: „Noch einmal mit Gefühl.“ In: Der Spiegel 2008, 6, S. 72.
Elliott, Stuart 2008: „BMW Turns to the Web for Its 1-Series.“ In: NYTimes.com. (Stand: 07.04.2008)
Giner, Guan Antonio 2007: „24/7 Newsroom Management Principles for the Guardian and the Observer.“ (Stand 07.03.2007)
Graff, Bernd 2007: „Web 0.0. Die neuen Idiotae.“ Auf: sueddeutsche.de. (Stand: 07.12.2007)
Jarvis, Jeff 2007: „Glam: The success of the network.“ Auf: BuzzMachine. (Stand 12.11.2007)
Kiesselbach, Matthias 2007: „Alphajournalisten unter sich – ein kleiner Bericht von der Buchvorstellung ‚Die Alpha-Journalisten’, mit einigen Alpha-Journalisten auf der Bühne und anderen im Publikum.“ Auf: Sprechblasenblog. (Stand 28.04.2008)
Kisch, Egon Erwin 1980: „Poesie der Neugier.“ In: Text+Kritik 1980, 67.
Kolo, Castulus/Meyer-Lucht, Robin 2007: „Erosion der Intensivleserschaft. Eine Zeitreihenanalyse zum Konkurrenzverhältnis von Tageszeitungen und Nachrichtensites.“ In: Medien & Kommunikationswissenschaft 2007, 4, S. 513-533.
Meyer-Lucht, Robin 2007: „Spiegel Verkehrt.“ In: Süddeutsche Zeitung Magazin 2007, 35, S. 8-10.
Meyer-Lucht, Robin 2006: Vom Zeitungshaus zum crossmedialen Informationsdienstleister. (= Zukunft der Zeitung 6). Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.
Niles, Robert 2008: „It’s time for the newspaper industry to die.“ Auf: Online Journalism Review. (Stand: 04.04.2008)
Patalong, Frank 2004: „Ich bestehe auf wöchentlichen Updates. Mindestens!“ Auf: Spiegel Online. (Stand 05.07.2004)
Range, Steffen/Schweins, Roland 2007: Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet. Wie das Web den Journalismus verändert. Berlin: Friedrich Ebert Stiftung.
Rusbridger, Alan 2007: „Ombudsmen in the digital future.“ Vortrag auf der Konferenz der Organization of News Ombudsmen, Cambridge, MA (Stand: 21.05.2007)
Schirrmacher, Frank 2007: „Zeitung und Internet – Wir brauchen eine Debatte“ auf Südeutsche.de (Stand 29.10.2007)
