Diskurse, die uns begleitet haben
Popdiskurs, Theorie und die Mutation dieses Werkzeugkastens

Cultural Studies, Poststrukturalismus, Medientheorie, Gender-Diskurs und Dosenbier waren jahrelang die wichtigsten Motoren im Nachtleben und dessen Medien. Auf Dosenbier liegt Pfand und die Poptheorie brach. Mercedes Bunz fasst zusammen.

Mercedes Bunz

Es ist vielleicht kompliziert, aber es lohnt sich, und genau deshalb hat Theorie in diesem Heft immer einen Platz gehabt. Tatsächlich startete Debug 1997 die erste Ausgabe mit einem Interview des englischen Subkulturtheoretikers Dick Hebdige, das unter einem Drum-and-Bass-Artikel (Fabio) platziert war. Seitdem hat theoretisches Denken das Heft begleitet, unterwandert und angetrieben, von Cultural Studies über Medienwissenschaft bis hin zu französisch informierter politischer Theorie. Was Grund genug ist, um über unsere linke Schulter zurück nach vorne zu blicken. Nur: Ein bisschen erstaunlich ist dann schon, was man sieht. Denn auch wenn man sich schon vorher denkt, dass sich der theoretische Diskurs in einem anderen, langsameren Tempo bewegt als zum Beispiel Lifestylejournalismus, ist es überraschend, dass die Namen mehr oder weniger über die Jahre dieselben geblieben sind. Zugleich waren allerdings die unterschwelligen tektonischen Verschiebungen auf dem Feld gewaltig. Darum fangen wir an, laufen wir los, begutachten wir diese Verschiebungen.





Cultural Studies


Beginnen wir mit Cultural Studies, weil damals für Musik Cultural Studies einer der wichtigsten Theorie-Ansätze war, gleich ob man es gut fand oder sich wie der englische Tanzmusiktheoretiker Kodwo Eshun daran abarbeitete. Denn Mitte/Ende der Neunziger war alles anders: Der Krieg zwischen E und U war in vollem Gange, die Feuilletons konzentrierten sich noch nicht auf Infotainment und ein schwer verständlicher Text war eine Herausforderung und noch keine Zumutung. Gegen einen dominanten theoretischen Diskurs, der seit den Sechzigern linkes Denken auf politische Ökonomie konzentriert hatte, zeigte man damals in Cultural Studies, dass Popkultur auch eine Geschichte hatte und damit ein Spiel von Bedeutung war, mit dem man hervorragend die Machtfrage adressieren konnte. Man machte sich daran, den von der Frankfurter Schule verschmähten Mainstream aufzuwerten und neben der Produktion auch die Rezeption als aktiven Beitrag zu verhandeln. Was Sinn machte, auch wenn all das heute natürlich an kritischem Potential verloren hat. Das Hochjubeln des aktiven Rezipienten stabilisiert mitunter die ökonomischen Verhältnisse, anstelle sie zu verändern. Überhaupt: Film, Serien, Popmusik oder ganz allgemein populäre Kultur ist heutzutage ein anerkanntes kulturelles Genre. Der Mainstream ist im Denken angekommen, es hagelt geradezu Dissertationen über Madonna. Folglich hängt Cultural Studies etwas hämisch der Ruf nach, dem Kapitalismus als Kaufempfehlung et.al. zur Hand zu gehen. Über Mainstream schreiben, das hat heute eben per se nichts Revolutionäres mehr.





New Cultural Economy


Gott sei Dank bleibt Cultural Studies aber nicht einfach stehen, es sind neue Ansätze zu erkennen. Im Umfeld von Cultural Studies und beeinflusst durch das wichtige Update des Feminismus via Judith Butler und Gender hat man sich sowieso schon immer um Identität und Anerkennung, um Migration und Post-Colonial-Studies bemüht – und von da ist der Weg zur Globalisierung und den neuen Arbeitsverhältnissen nicht weit. Rund um den Begriff der Arbeit ist das Denken in Zukunft aktueller denn je. Heute schon wandern Berliner nach München aus, um welche zu finden, morgen ziehen die Ärzte weg und übermorgen, das ist abzusehen, fliegen wir alle dann nach Hongkong, New Delhi oder Peking, um dort zu arbeiten. Im Zuge dieser Umkehrung der Migrationsverhältnisse nähert sich das Denken wieder seinen politisch-ökonomischen Wurzeln an: Man blickt wieder auf die Arbeit, denn in Zeiten, in denen geistiges Eigentum und nicht die industriellen Produktionsmittel immer mehr das eigentliche Kapitel darstellen, wird auch Kreativität noch einmal von einer anderen Perspektive her relevant. In England hat sich vor allem Angela McRobbie um das Skizzieren einer New Cultural Economoy verdient gemacht, im deutschsprachigen Raum ist das Thema ebenfalls bereits im Reader “Norm der Abweichung“ von Marion von Osten diskutiert worden. An dieser Stelle finden sich dann auch Schnittstellen zur politischen Theorie, nicht zuletzt natürlich zu Toni Negris und Michael Hardts “Empire” und deren Fokus auf immaterielle Arbeit (gegen die der italienische Post-Operaist Franco “Bifo” Berardi allerdings zurecht eingebracht hat, dass Arbeit per se nie immateriell sein kann – gut, wir wissen trotzdem alle, was gemeint ist). Auch wenn man im Bestseller Empire vergeblich nach präzisen Thesen stöbert, hat dieses Buch trotzdem – das muss man ihm lassen – das politische Denken kräftig angeschoben. Über die Frage der Souveränität – nach 9-11 auch aus politischer Perspektive wieder ein brennendes Thema – denkt man lieber mit anderen Büchern vor der Nase nach, Carl Schmitt, immer wieder, dann Foucaults Gouvernementalität oder auch die Studien von Giorgio Agamben. Und damit ist man schon bei französischer Theorie.




Politik und Französische Theorie


Mitte/Ende der Neunziger war Poststrukturalismus und das Dreigestirn Foucault-Deleuze-Derrida erst an den Rändern der Universität angekommen. Man kämpfte daher anders als heute nicht gegen eine Hegemonie der angekommenen und dann leider eingeschlafenen ‘68er, sondern war noch damit beschäftigt, den Geist aus den Geisteswissenschaften zu vertreiben. Französische Theorie wurde folglich mit den kleinen Bändchen des Merve Verlages unterm Arm eher im Kunst- oder Popdiskurs rezipiert, Force-Inc.’s Achim Szepanski etwa hielt Deleuze hoch (sehr hoch) und begleitet wurde das Ganze gerne von etwas Niklas Luhmann, der beispielsweise auch das halbe Oval-Programm von Markus Popp ausmachte. Heutzutage taucht Theorie, auch die französische, immer weniger im Popdiskurs auf und befindet sich damit fest in der Hand der Gelehrten. Schade eigentlich.
In den letzten Jahren hat man dann begonnen, das Umfeld des Dreigestirns wahrzunehmen und sich zu fragen, was da eigentlich so nach und neben Foucault und Konsorten kommen könnte. Heraus kamen Alain Badiou, Claude Lefort, Jean-Luc Nancy oder Jacques Rancière, die allerdings auch alles andere als neu sind. Seit dem Mauerfall und dem Zusammenbruch des stalinistischen Sozialismus konzentriert sich die theoretische Linke dabei auf einen für sie neuen Begriff: Demokratie. Bis dahin begriff man Demokratie vor allem als Blendwerk des Kapitalismus, jetzt begannen postmarxistische Linke sich den Begriff anzueignen – Chantal Mouffe und Ernesto Laclaus Buch “Hegemonie und radikale Demokratie“ war dafür sehr wichtig. Anstelle des üblichen Fokus auf Konsensus und Mehrheit entwerfen sie darin eine radikale, weil plurale Demokratie. Auf diese Weise rettet man die Demokratie für die Theorie – viel zu lange hatte man die ja pragmatisch unter Zuhilfenahme der kommunikativen Vernunft als “Opa Huckes lustiges Mitmachkabinett” entworfen. Radikale Demokratie ist also nicht mehr das Aushandeln eines lahmen Konsensus, sondern das Ringen mit ihren Problemen – auch um die Demokratie in Bewegung zu halten.




Medientheorie


Kommen wir zuletzt zur Medientheorie, ein Genre, das für eine Zeitung für elektronische Lebensaspekte ja auch nicht ganz unwichtig gewesen ist, weil es aufgezeigt hat, dass Technik Kultur ist und nicht ihr Gegenteil. Mitte der Achtziger ist die Medientheorie in der Literaturwissenschaft – federführend war Friedrich Kittler – überhaupt als quasi-revolutionäres Projekt aufgebrochen, um aufzuzeigen, wie und auf welche Weise Medien in allem, was wir tun, immer mitdenken, mitrechnen und mitschreiben. Wir sind nicht allein. Dieser Aspekt war auch für Debug immer ein wichtiger Ansatz. Man hat das Weiterdenken ausgehend von den Produktionsmitteln gepflegt – was das betrifft, sind wir durchaus Marxisten, wenn auch (oder vielmehr genau deswegen) überzeugt konsumfreudig. In der Medientheorie hat man hier jedoch zwei strategische Fehler begangen, unter denen das Genre heute immer noch leidet. Der erste: Mit der Rolle des Agent Provocateur flirtend hat sie sich in die technikdeterministische Ecke begeben, was zwar Pop gewesen ist, aber dem Ansehen und der Anschließbarkeit der Medientheorie letzten Endes nicht gut getan hat. Der zweite: Während sie anfangs eine intensive Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Theorie gepflegt hat, wurde sie im Laufe der Jahre mehr und mehr historisch und wendete sich schließlich der reinen Technikgeschichte zu. Erst vor kurzem hat man bei Medientheorie (tatsächlich mittlerweile ein ur-deutscher Exportschlager) damit begonnen, sich einerseits weg vom Technikdeterminismus hin zu einer “Kulturtechnik“ zu begeben (Uni Weimar). In Berlin hat man sich sogar auf Musik spezialisiert (HU-Berlin). Daneben wurden mehr und mehr das Denken von Geschichte und Medien miteinander verbunden (Uni Konstanz, Gießen und Weimar). Zugleich fordern Neue Medien wie Internet und Mobile Devices ein Theorie-Update ein, auf das man in jedem Fall gespannt sein darf.

Insgesamt also sind sämtliche Strömungen, die Mitte der Neunziger eher an den Rändern des universitären Diskurses stattgefunden haben, in der Institution angekommen. Auch deshalb ist Theorie heute nicht mehr Pop (schade eigentlich). Umgehend hat dabei natürlich die Tendenz eingesetzt, das Erreichte zum alten Eisen zu erklären. Doch ob solch eine simple Dialektik einen wirklich nach vorne bringt und nicht einfach nur zurück auf die gegenüberliegende Seite, das bleibt zu bezweifeln. Die eigentliche Aufgabe der Theorie ist es also vielmehr, ausgehend von und mit dem Erreichten weiterzudenken. Damit statt dagegen. Man steht eigentlich vor einem neuen Aufbruch. Wir werden das verfolgen.

Unsere Leseempfehlungen:

Der Popkultur-Klassiker:
Dick Hebdige: Hiding in the Light. On Images and Things. London, Routledge 1988, 27,90 EUR

Die treffendste Studie zur flexibilierten Arbeit und Projekt-Kapitalismus:
Luc Boltanski, Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz, UVK 2003, 29 EUR

Das politische Lieblingsbuch:
Jacques Rancière, Das Unvernehmen, Politik und Philosophie, Frankfurt am Main, Suhrkamp 2002, 10 EUR

Der Reader zur Demokratietheorie:
Demopunk, Kritik & Praxis, Indeterminate Kommunismus! Texte zur Ökonomie, Politik und Kultur, Münster, Unrast Verlag 2005. Mit u.a. Slavoj Zizek, Jacques Rancière, Simon Crichtley, Isabelle Graw, Thomas Lemke, einem sehr guten Text von Demopunk selbst u.a., 18 EUR

Medientheorie mal anderes:
Matthew Fuller, Media Ecologies, Materialist Energies in Art and Technoculture, Cambridge MIT Press 2005, 32,50 EUR