Gute Besserung: Produktionsverhältnisse + Stereoanlagen 1996
Mercedes Bunz
1. Wie man dazu kommt einen Artikel zu schreiben
Rückblick. 1995 war kein gutes Jahr. Sowohl ein größeres privates, wie auch öffentliches Projekt ging ziemlich in die Hose und als ich aus meiner Kur aus Clubland auftauchte, heisst es also, nochmal von vorne anfangen. Da ich mich mittlerweile bei der Kunst langweilte, es hatte sich einfach seit einem Jahr nicht soviel bewegt, tauche ich wiederum nach Clubland ab, mit dem Ziel, einen Artikel zu zeugen. Schließlich weiß ich a) mittlerweile genug über Clubland, b) drängen mich zwei Kölner Freunde – Mark und Stefan – schon seit zwei Jahren zum schreiben, c) habe ich schon seit zwei Jahren Angst davor und d) habe ich genug Kontakte zu jungen weißen Männern, die am Hebel des kulturellen Mittelstandsdiskurses sitzen. Also los.
2. Wie man einen Artikel findet
Immer auf der Suche nach meinen Artikel hänge ich weiter in Clubland herum, als ich eines Abends im Toaster über ihn stolpere. Zwei JungleDJs aus London, Kemistry & Storm, liefern mir gerade eines der besten Drum & Bass Sets, die ich seit langem gehört habe. Und ich fahre morgen nach London für zwei Wochen und die Chance, daß meiner und unser aller Lieblingsmusikzeitung bis dahin ihre a) Unterrepräsentanz an weiblichen Schreiberinnen und b) an Artikeln mit weiblichen DJs getiltet hat, gehen gleich 0.01 %. Ich trinke also zehn Bier, zwecks Austausch von Telefonnummern.
In London verabreden wir uns zum Interview in ihrem Flat. Am Abend vorher bin natürlich überhaupt nicht aufgeregt, schließlich ist es mein erstes Interview und konsumiere mit meiner Freundin Monica vorsorglich eine Flasche Gin. Am nächsten Tag müssen wir erstmal, da ich als professionelle Journalistin keinen kleinen coolen Walkman zum Aufnehmen besitze, einen besorgen. Ein Freund von Monica meint, wir könnten son Ding von ihm leihen. Verkatert und unvorbereitet hole ich diesen Walkman eine Stunde vor dem Termin ab, und traue meinen Augen nicht, als ich anstatt dessen fröhlich einen gigantisch großen Ghettoblaster in die Hände gedrückt bekomme. Scheiße. Nach kurzen Überlegungen, ob ich jetzt besser tot umfalle, nehme ich all meinen Mut zusammen und erscheine eine dreiviertel Stunde zu spät mit Ghettoblaster auf der Schulter zu den nettesten Interviewpartnerinnen, die man sich wünschen kann. Sie drücken mir einen Tee und einen Stick in die Hand und schnattern munter das Band voll.
Nachdem ich sorgenvoll zu Hause überprüft habe, ob auf dem Band auch irgendetwas drauf ist, und auch was drauf war, kontaktiere ich die Lieblingsmusikzeitung, wo die jungen Männer am Hebel des kulturellen Diskurses sitzen. Oh ja, sie wollen das Interview.
3. Wie man einen Artikel schreibt
Zurück in Berlin mache ich mich ans Übersetzen, Umstellen und Artikelschreiben. Da ich total Schiß davor habe, daß ich Mist baue, dauert das Ganze zwei Wochen für 3500 Zeichen. Jeden Tag sitze ich vor dem kleinen Computer mit Angstkrämpfen und denke mir, wie man das bloß macht und wieso ich nicht doch lieber Hausfrau werde. Trotzdem stelle ich mutig fiese Theorien über Subkulturidentitäten auf, lasse das alles nochmal von DJ Bass-Dee überprüfen, zeige es meinen Freunden, die das prima finden, und schicke das ganze ab, pünktlich zum Einsendeschluß. Damit ich den einhalte, haben sie mich zehnmal angerufen. Drei Tage später haben sie dafür meinen Artikel immer noch nicht gelesen.
Doch eine Woch später ist Mitte November und ich fahre sowieso nach Köln, sehe meinen zuständigen Redakteur bei Lothar Hempels Ambientklamauck herumstehen, nehme all meinen Mut zusammen und hauche: “Hallo. Ich bin Mercedes Bunz. Ich dachte, ich sollte mich mal vorstellen.” Ah, so. Wir unterhalten uns eigentlich ganz prima und ich gehe mit dem Redakteur und dem Rest des popkulturellen Mittelstandsdiskurses Essen, während wir uns noch besser verstehen. Am Ende des Abends verbleiben wir dann dabei, daß das Ding in der Übernächsten erscheint und ich noch was über die Clubsituation in Berlin schreibe. Glücklich fahre ich nach Hause, weil ich auch Teil des kulturellen Diskurses sein darf.
4. Wie dann doch alles anders kommt
Zweieinhalb Wochen später bekomme ich Besuch aus Köln von Sascha aus dem Lieblingsmusikzeitungsumfeld. Während ich gerade immernoch glücklich in Clubland herumhänge, schafft er es innerhalb von sieben Sekunden, daß ich mich wie das Mururoaatoll fühle. “Übrigens,” meint er, “hat jetzt O. von F. einen Arikel für die Zeitung über Kemistry + Storm geschrieben und deiner ist draußen. Und das über die Clublandschaft schreibt R.” Das Atoll fällt in sich zusammen, flieht ziemlich verwirrt in die dunkle Clubnacht und verschwindet.
5. Wie ich über meine Produktionsverhältnisse nachdenke
Aus dem kulturellen Diskurs rausgeschmissen, kehre ich in den alltäglichen Alltag zurück, der da heißt: einmal pro Woche einen Diskussionsbeitrag im Seminar liefern nach dem Motto: “Ließe sich Adornos Satz S.160 nicht vielmehr auch sooo deuten…?” und abends die Leute fragen, ob sie Becks oder Bud wollen. Ich mutiere langsam zu einem frustrierten Kierkegaard. Entweder sie trinken Becks oder sie trinken Bud. Aber sie werden es bereuen. Um dem Ganzen zu entkommen finde ich mich eines Tages Sekt trinkend mit Martin vor der Bar und versuche zu verstehen, was in meinem Leben so abläuft.
Nach einigen Überlegungen komme ich zu dem Schluß, daß ich in die typische Falle gegangen bin. Sämtliche Koordinaten, in denen ich mich befinde, entsprechen dem dynamischen Prinzip, wie zum Beispiel dem des hinter der Bar arbeitens oder dem des auch einmal etwas halböffentlich sagens, und nix aber auch wirklich gar nix was ich produziere, gelangt mehr als drei Meter von meinem Körper weg. Ab und zu nimmt vielleicht mal jemand ein Bud mit nach Hause. Folglich, so schließe ich, entsprechen meine Handlungsweisen einer vollen Unterstützung der klassischen weiblichen Identität. Immer schön dynamisch und reagierend und immer schön nah am Körper.
Nachdem ich das jetzt weiß, muß ich ja auch was daraus schließen und sage zu Martin, das es nun gelten müßte, Produkte zu produzieren und in die Welt hinauszuschießen. Im gleichen Moment kriege ich nix anderes als eine Heidenangst. Also sage ich, vielleicht sollte man dann die Produkte dann nicht so ernst nehmen und ein bischen experimenteller arbeiten. Das nützt aber auch nichts, die Heidenangst bleibt. Zum Glück wird es gerade halb eins und meine dynamische Schicht hinter der Bar beginnt.
5. Wie es dann weitergeht
Die Produkte, die Heidenangst und das alles wabern erstmal in meinem Unterbewußtsein herum, bis ich auf eine Kunstparty im Bethanien gehe. Es ist wie immer mit Kunstparties: Entweder die Musik ist gut, und die Stimmung schlecht. Oder die Musik ist schlecht, aber die Stimmung gut. Was es ist, ist aber auch ganz egal, weil die Kunstmenschen den Unterschied eh nicht merken. Diesmal ist die Stimmung gut und die Musik schlecht. Vielleicht bin ich auch einfach nur intolerant.
Auf der Party treffe ich Judith. Nachdem wir ein bischen herumgeschnattert haben über dies und das, wie man es halt so am Anfang zu tun pflegt, fangen wir an, uns über Jungs zu unterhalten. Und Produkte. Ich erzähle ein bißchen das, mit meiner Angst vor dem Produzieren und das ich festgestellt habe, das den Jungs das ein bischen leichter fällt. Die haben da so komische Mechanismen. Das geht schon beim Kulturkauf los, habe ich beobachtet.
Da geht es immer um die neusten Bücher und die neusten Platten, auch wenn sie die alte Robert Hood Platte noch gar nicht verstanden und den letzten Deleuze noch gar nicht gelesen haben, geht es schon wieder um das neuste. Das nervt mich. Auf diese Weise sitzen sie aber eben am Hebel des kulturellen Diskurses, denn in den Zeitungen und sonstigen Medien muß es natürlich immer um das Neuste gehen. Die hauen da dann so ihre Produkte darüber raus und stellen sie weit weg von ihrem Körper in die Welt. Ob das ganze dann so gut ist, scheint hierbei weniger die Frage zu sein. Auf diese Weise jedoch hat man aber den Eindruck, sie wissen immer, was so los ist. Hauptsache man erhebt die Stimme und das will ich ja eigentlich auch gerne. Ich frage mich, wieso ich das nicht genauso mache, merke aber, wie ich schon wieder eine Heidenangst kriege.
Uns fällt außerdem noch auf, daß die viel leichter Bekanntschaften in Arbeitszusammenhänge umwandeln können. Mir gelingt das einfach überhaupt nicht, wie man daran gesehen hat, das die jungen Männer meiner Lieblingsmusikzeitung zwar mit mir gerne bekannt sind und einen trinken gehen, aber auf der Ebene des Arbeitszusammenhangs nicht mal zum Telefonhörer greifen können, um mir Bescheid zu sagen, daß sie zwar meine Fotos verwenden, aber meinen Artikel nicht wollen.
Judith meint dann, sie hat darauf keinen Bock mehr, denen ihr Spiel zu spielen, weil sie sowieso schon immer vorher da sind. Wir machen uns noch ein wenig Gedanken, wo jetzt unser Aufenthaltsraum sein könnte, kommen aber erstmal zu keinem grünen Fleck.
6. Produktionsverhältnisse + Stereoanlagen
Zuhause denke ich noch ein wenig nach, womit das alles anfängt. Ich komme zu dem Schluß, daß die Wurzel alles Übel die Stereoanlage ist. Denn wenn die jungen Menschen so um die 15 sind, tritt die Stereoanlage in ihr Leben. Der junge Mann geht dann zum erstenmal in die Fabrik jobben oder haut die weißen Mittelstandseltern an, und bekommt eine Stereoanlage. Dazu kauft er sich ein paar Platten, und hops, fängt er an, den kulturellen und technologischen Diskurs aktiv mitzubestimmen, hat die volle Ahnung und nimmt den Mädchen Cassetten auf, während sie auf ihren Pferdchen sitzen und in der Natur herumreiten oder klassischen Klavierunterricht verpaßt bekommen.
Wenn man dann mal allen Mut zusammennimmt, und auch versucht in den kulturellen Diskurs einzugreifen, wird man gleich als Idiotin dargestellt, wie man bei meinem ersten Plattenkauf vorvorgestern sehen konnte. Ich gehe in Köln ins Groove Attack meine ersten Jungleplatten für meinen erstes DJ Set an Silvester zu kaufen, denn ich habe beschlossen, mir den kulturellen und technologischen Diskurs zurückzuerobern, ohne denen ihr Spiel zu spielen. Ich höre zwei Stunden in den Platten herum und kaufe dann fünf. Der junge Mittelstandsverkäufer packt die Platten ein, und da die eine am Cover etwas angekratzt ist, frage ich ihn, ob er die nochmal neu hat. Er guckt kurz nach, hat sie nicht und meint dann: “Naja, Du kaufst eben lauter alte Platten.” “Ich bin ja auch ein Mädchen” hätte ich sagen sollen, aber anstattdessen werde ich rot, nehme mein Platten und haue ab. Gute Besserung.
Februar 1996
