Über Unterschichten
Mercedes Bunz
Eines Tages, so etwa gegen Ende der Neunziger, rutschte die Hose aus der Taille auf das Becken. Jungs trugen den Po ihrer Baggypants ja schon seit einiger Zeit in den Kniegelenken, jetzt konterten die Mädels im Spiel der eingeleiteten Absenkungstendenz. Zunächst wurden Jeans ohne Bündchen in, dann senkte sich schließlich die gesamte Jeans gefährlich dem Genitalbereich entgegen. Die Hüfthose trat ihren Siegeszug an. Herkömmliche Jeansschnitte waren mit einem Mal nicht mehr klassisch, sondern altmodisch und ließen einen aussehen, als ginge man zu Karneval als Cowboy. Der epistemische Bruch in der Hosenkultur war unübersehbar. Die klassische Trennung in Unterteil und Oberteil gab ihren Geist auf. Es halft wenig, den Gürtel enger zu schnallen, auch wenn einem das alle naselang als vermeintliche Rettung postuliert wurde.
Die Hosen rutschten runter, die Pullover blieben jedoch so kurz wie sie waren und zwischendrin fand sich entblößt eine undefinierte Mittelschicht, die bis heute frierend der kalten Realität harrt, in welche sie durch die Krise geworfen wurde. Kein Wunder: Das mehr an Freiheit für den mittleren Bereich ging prompt mit mehr “Eigenverantwortung” einher. Was man vormals in altem Bequemlichkeitsliberalismus schamhaft bedeckte, musste jetzt durchdiszipliniert werden. Als erstes begann man mit der Unterschicht: Bereiche, die bislang als Privatangelegenheit galten, sollten jetzt potentiell immer offen gelegt werden können. Was bisher unansehnlich sein durfte, quälte sich nun durch verschiedene Schulungen und trat einem dann durchgestylt entgegen: Anstelle des gezielten natur-belassenem Gewusel eines englischen Gartens ging ohne rasierte Bikinizone gar nichts mehr. Daneben machte die Angst vor der “Panty Line” die Runde.
Die Auswirkungen für die Unterschicht blieben nicht aus. Der Slip war mit einem Male absolut unsexy. Der Tanga war das angesagte Teil der Stunde. An dem kam keiner mehr vorbei. Frauen, die weiterhin den Slip trugen, weil sie sich davor scheuten, eine Schnur durch den Po zu ziehen, fühlten sich, als würden sie den Sexappeal von Omas Schlüpfer hochhalten. Noch dazu quellten die Dinger verräterisch und unangenehm unpassend aus dem niedergesunkenen Hüfthosenbund. Der Tanga, diese in den Alltag eingespeiste Aneignung der Subkultur “Stripperin”, signalisierte dagegen Ja-sage-Willen und sexuelle Aktivität. Der Hintern, der sich beim Sitzen zu niedriger Hüfthosen gerne halb entblößt, wurde quasi zum neuen Dekolleté, in das man ständig erschrocken Einblick erhielt.
Erschrocken? Diese Bedenken waren eben welche für Leute mit Omas Schlüpfer. Ab sofort blitzte der Tanga oberhalb unzähliger Hüfthosenbündchen hervor. Nicht nur die cooleren Popstars wie Gwen Stefani und Christina Aguilera trugen ihn. Meine Schwester, oft beckleckerte Mutter zweier Kinder, trug ihn auch. Schon nahe am Verzweifeln fragte man sich, ob noch etwas anderes übrig blieb, als der Unterschichtendisziplinierung zu folgen. Gut, sexy wollte man durchaus sein, aber wie war das überhaupt mit diesem Ja-sage-Willen? Ist Sex etwas, zu dessen Leistung man gleich mal per Tangatragen präventiv “Ja” sagen muss? Und wie war das noch mal mit der klassischen Idee des langsamen Entblätterns und der stückweisen Entblößung? Ausziehen ist offensichtlich von nun an nur noch etwas, was man macht, um sich anschließend schlafen zu legen – alleine. (Was manchmal zwar besser ist, aber solange Singles noch quer durch alle Schichten als Mangelkrankheit verhandelt werden und Heteropaare als normativer Soll-Zustand gelten, wird das aus der öffentlichen Perspektive ja verdrängt.) Wie lange konnte man da noch Widerstand leisten?
Eines Tages entdeckte ich sie. Die Lösung. Die Hüftunterhose. Eine der seltenen Fachverkäuferinnen, die im schwierigen Klima der Kaufhäuser noch überlebt hatten, wies mich darauf hin. In glänzendem Schwarz war das kleine Teil aus Lycra ein Slip im herkömmlichen Sinne, doch dabei knapp genug, um den Zeitgeist ein Schnippchen zu schlagen. Ganz im klassischen Sinne des Wortes “Unterwäsche” war es bereit, sich zu verbergen und hatte dabei den supercoolen Charme eines Bikiniunterteils aus den Siebzigern. Per Zufall war es mir gelungen, dem Zeitgeist ein Schnippchen zu schlagen. Umgehend habe ich beschlossen im nächsten Winter mich dann nicht mehr einschüchtern zu lassen und von nun an aktiv dagegen zu halten. Zur Rettung der Mittelschicht, auf deren Relevanz ich bestehe, wird im Sanitätshaus ein Nierenwärmer beschafft. Denn auch wenn Schichten selten ein für allemal an ihrem Platz bleiben, sondern von Zeit zu Zeit von einer eruptiven Bewegung erfasst werden, sollte dennoch – und zwar für jede Schicht – gelten, dass Menschen eben ein großes Wärmebedürfnis haben.
