Voll die Bärte: Die interessantesten Jungs Berlins tragen plötzlich Bart. Wieso eigentlich?
Mercedes Bunz
Ich habe Männer mit Bart immer gemieden. Kratzt beim Küssen. Mittlerweile führt aber wohl kein Weg mehr daran vorbei. Denn Berlin trägt Bart. Im Grunde ist es sogar so: Dieser Tage kann man die Hipness der Orte an der Dichte der Bärte bestimmen. Die kreativen Alphamännchen, diese Typen also, mit denen man ganz gerne abhängt, weil sie nicht nur unterhaltsam, informiert und amüsant sind, sondern auch noch wissen, was sie anziehen sollen – sie tragen Bart. Vollbart sogar. Und das ist irgendwie schon erstaunlich, auch weil sich dieser Bart heute in Gesichtern befindet, in denen das fünf Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wäre. Eine Zeit lang konnte man den noch als individuelle Verwirrung oder als Phase abtun. Männer tragen in Phasen konzentrierter Produktion ja gerne mal einen Bart, das zeigt ihnen dann, wie engagiert sie bei der Sache sind. Mehr und mehr ist dann jedoch klar, dass hier die kontrollierte Lässigkeit der New Economy zunehmend durch eine gepflegte Verwahrlosung abgelöst wird.
Oftmals springen einem solche Dinge ja erst ins Auge, wenn man mal längere Zeit weg gewesen ist, mir dann am Wochenende nach meiner Rückkehr aus einem Monat USA auf einem Konzert in Kreuzberg um drei Uhr morgens. Im „West-Germany“, einer leerstehenden Arztpraxis am Kottbusser Tor, spielen zwei Gitarrenbands. Die Einrichtung ist minimal bis karg, das Bier ist günstig, zwischen den weiß gekachelten Wänden gibt es einige wenige Sitzgelegenheiten. Das Publikum ist jung, wenn man Jugend – wie einem von Feuilletonisten immer wieder gerne erklärt wird – nicht mehr am Alter, sondern am Styling festmacht und damit zwischen 19 und 46 ansetzt. Auffallend ansonsten zwei Dinge: In jeder Band sind eine Frau und ein Vollbart. Die Zeiten, in denen Gitarrenbands nur von Jungs bevölkert wurden, waren also gestern, beschließe ich, eine wirklich hippe Band kann sich das heute nicht mehr leisten. Aber Vollbart. Muss das auch sein? Zumindest das männliche Publikum scheint hier eindeutiger Meinung: Ja. Durchaus. Muss sein. Die Nacht entlässt mich also mit einem Kater und mit folgender Frage: Wieso tragen Männer jetzt wieder einen Vollbart? Wieso dieser Bart? Und wieso ausgerechnet an diesen Männern?
Dieser Bart, der mir auch in den folgenden Tagen in den Gesichtern von Redakteuren, Musikproduzenten, an Künstlern, Möbeldesignern, DJs, Grafikern oder Stylisten auffällt, also an jenem kreativen Potential, das einen nicht geringen Teil der Attraktivität Berlins dann doch irgendwie ausmacht, dieser Bart ist ja eigentlich erst mal schlimm. Es gibt ihn in zwei Varianten und beide Male bewuchert er das gesamte Gesicht. Dabei ist er entweder in bester Altherrenmanier gut gepflegt und streng entlang der Gesichtskontur geschnitten oder er kommt als ein fusseliger 1976er-Gymnasiallehrerbart daher, mit dem dieser damals dem System seine Unangepasstheit demonstrieren wollte. Weder die Altherrenmanier noch die Pseudo-Hippiehaftigkeit erscheinen einem jedoch auf den ersten Blick besonders attraktiv und genau darin liegt paradoxerweise seine Anziehungskraft, wie die Jugendkulturexpertin Birgit Richard erklärt: „Gegenüber der metrosexuellen Glattheit ist der Vollbart ein ästhetisches Unding. Dieser Bart wurde zuletzt in den Siebzigern getragen und ist deshalb ein verpöntes Hippierelikt. Genau damit ist er natürlich aber auch eine Freistelle. Zugleich steht der gepflegte Vollbart für Erwachsensein, für den älteren Herren. Beide Male ist er damit eine modische Nische, die bis jetzt noch nicht besetzt war. Man kann also sagen: Gerade weil es so ein mieses Hippieding gewesen ist, kann man den Bart benutzen.“
Was nicht heißt, dass sich jetzt alle Jungs mit Vollbärten freuen können. Nicht jeder Vollbart fällt unter die Hipness-Kategorie. Einige sind einfach nur ganz normale Gesichtsfrisuren. Die Vollbart-Ikonographie ist nämlich komplex. Der fusselige 76er-Vollbart, der momentan an den hippen Orten kultiviert wird, funktioniert beispielsweise nur mit einer gekonnten Kombination: Oben trägt man Bart, unten braucht man Mode. Wenn man unten nur relaxt-schlabbrige Klamotten anhat und der Bart ein Zeichen davon ist, dass man sich eben nicht um das Modediktat kümmert, vielleicht weil man Christ ist oder Pazifist, dann funktioniert das kein Stück, denn es ist natürlich eine Illusion, dass man der Mode entkommen könnte.
Was der Bart der kreativen Alphamännchen dann allerdings wiederum mit denen der meisten normalen Vollbartträger gemein hat: Er signalisiert eine gesellschaftliche Verweigerungshaltung. Er verweist zumindest lose auf Spuren dieser Haltung, denn mit einer handfesten gesellschaftlichen Verweigerung macht man sich heute ja nur noch lächerlich. In der Tat steht aber der Bart nicht nur wegen prominenten Vor-Bartträgern wie Marx, sondern auch deshalb in einer linken Tradition, weil er im Zentrum der staatlichen Gewalt, also dem Militär, verboten ist. Seit dem zweiten Weltkrieg ist das Tragen eines Vollbarts in den westlichen Armeen untersagt, da die Gasmaske über dem Bart nicht richtig schließen kann. Dass der Bart nach seiner Hochzeit in den Siebzigern nicht nur in den Gesichtern der marxistischen Gewerkschafter, sondern auch in denen der pazifistischen Christen sowie der tendenziell linken Computernerds überwintern konnte, das kommt nicht von ungefähr. Birgit Richard, die den neuen Vollbart als Zusammenspiel mehrer Komponenten deutet, ergänzt die gesellschaftliche Irritation noch um ein weiteres Merkmal: „Unbewusst eignet man sich mit dem Bart auch die Medienbilder des islamischen Fundamentalisten an. Die Intention ist zwar nicht zu sagen: Ich möchte jetzt aussehen wie der Bomber. Aber man stellt sich in Zusammenhang mit dem, was bedrohlich ist. Das wird hier assimiliert.“ Was logisch klingt: In den 80ern hatte man ja auch die Baggie-Pants den eingebuchteten amerikanischen Kriminellen abgeguckt. Offen bleiben damit aber diese Fragen: Wozu braucht es diese Irritation? Warum wird hier die gepflegte Verwahrlosung so deutlich ausgestellt? Warum wuchern ausgerechnet unsere Männer zu?
Berlin 2005. Die Stadt wird von Leuten bevölkert, die kreative Dinge tun. Tatsächlich hat Berlin zwar schon seit längerem keinen wirklich eigenen kulturellen Exportschlager anzubieten, der international irgendwie funktionieren könnte. Im Gegenteil. Barcelona hat sich Streetart geschnappt, mit Pariser Design sollte man erst gar nicht versuchen mitzuhalten und London ist immer noch die Hauptstadt der Popkultur. Dafür klappt das bei uns mit dem Import von kreativem Humankapital ausgezeichnet. Denn: Wir sind zwar keine schöne Stadt, aber wir sind groß, wir haben Platz und wir haben vor allem billige Mieten. Deshalb kommen alle jungen Kreativen zu uns. Und die sind aktiv. Flexibel. Selbstbestimmt. Und unangepasst.
Das Problem: Genau dieser Typus des selbstbestimmten, unangepassten, flexiblen Kreativen, dieser Typus ist in den letzten Jahren zum staatlich geprüften Vorreitermodell geworden. Die Kulturwissenschaftlerin Marion von Osten, die mit Der kreative Imperativ eine Ausstellung zum Thema kuratierte, erklärt das folgendermaßen: „Kreativität und Selbstmanagement gelten heute nicht mehr nur als Fähigkeit von Gestalterinnen, sondern als unabdingbare Voraussetzungen für das Bestehen in den Arbeitsmärkten überhaupt. Selbstorganisation, Kreativität und Eigenmotivation, ehemals Fähigkeiten unangepasster Künstler, werden heute als Norm der postindustriellen Gesellschaft gefordert.“ Als junger kreativer Querdenker findet man sich also unverhofft als Prototyp der Neoliberalisierung wieder. Als Ich-AG. Und mit der will man natürlich eigentlich nichts zu tun haben. Was macht man also, wenn das eigene Lebensmodell plötzlich auf der anderen Seite auftaucht? Man versucht, das Bild zu torpedieren. Man importiert Hippierelikte. Man setzt auf die gepflegte Verwahrlosung. Deshalb also der Bart und deshalb diese hohe Bartdichte in Berlin. Tatsächlich ist da aber noch mehr. Zugleich ist nämlich der Bart auch ein Zeichen dafür, dass die Jungs heute mit ihrer Männlichkeit viel entspannter umgehen und umgehen können. Was daran liegt, dass wir eine Kanzlerin haben. Was daran liegt, dass auch der nächste amerikanische Präsident eine Frau wird. Und genau das heißt nämlich, dass man als Mann nicht mehr automatisch auf der falschen Seite steht. Männlichkeit ist nicht mehr automatisch Macht. Und nachdem die Frauen in den letzten Jahren ihre klassisch weiblich kodierten Körperausbuchtungen wieder betonen konnten, ohne hinter den Feminismus zurückzufallen, folgen jetzt die Männer. In gewisser Weise hat so ein Bart also was. Er stellt eine neue Form relaxter Männlichkeit aus. Er zeugt von einem souveränen Umgang mit Sensibilität. Und er ist schick. Ich werde mich an das Kratzen gewöhnen.
Mercedes Bunz ist jung, weil zwischen 19 und 46, promovierte Kulturwissenschaftlerin und Herausgeberin der Zeitschrift „De:Bug“.
