Adrenalin
Zur Patentierung von Wissen und Leben um 1900

Mercedes Bunz

Das Hormon Adrenalin ist 1911 Mittelpunkt einer Klage, mit der schon damals um die Patentierung von Wissen und Leben gestritten wird. Zwei Momente treten an dem Patent, das dem Wissenschaftler Jokichi Takamine zugesprochen wird, deutlich hervor: An der Anklage sowie an den Publikationen Takamines zeigt sich erstens, dass die Patentierung dem wissenschaftlichen Ansatz widerspricht, Wissen als Projekt und nicht als Produkt aufzufassen. Während in der Wissenschaft das Wissen einem gemeinsamen offenen Archiv zugeführt wird, tritt mit der Ökonomisierung eine feste Zuschreibung des Wissens auf eine Adresse in den Vordergrund, welche eine Verflachung seiner Entstehungsgeschichte mit sich zieht.

Neben der Patentierung von Wissen steht bei diesem Fall zweitens dann eines der ersten Male in der Wirtschaftsgeschichte die Patentierung von „Leben“ zur Debatte: Zentral verhandelt wird schon hier die Frage, ob Adrenalin eine Entdeckung oder Erfindung Takamines ist. Dieses systematische Problem zeigt sich auch am Fachbegriff der „Darstellung“, der im naturwissenschaftlichen Rahmen keine zeichenhafte Verdoppelung, sondern eine stoffliche Isolierung bezeichnet. Das heißt: Adrenalin entsteht erst durch seine chemische Entdeckung und Erforschung, obwohl es nur erfunden bzw. entdeckt werden kann, weil es vorhanden gewesen ist – dieser Umstand des Rückgriffs, den der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger neben anderen als Nachträglichkeit der Geschichte, als „Rekurrenz“ gefasst hat, wäre hier als ein systematisches Problem von Geschichte herauszuarbeiten.

Das vorliegende Projekt beleuchtet also ausgehend von der Patentierung von Adrenalin die differente Organisation eines Wissensbestandes in Wissenschafts- und Wirtschaftsgeschichte und verbindet dabei historische Aspekte mit systematischen Beobachtungen und Fragestellungen zur Geschichte.



Teil I: Wissenschaft und Ökonomie

Die Entdeckung und Isolierung von Adrenalin erfolgt in mehreren Schritten. 1895 stellen George Oliver und Edward Albert Schäfer eine pressorische Aktivität des Nebennierenextraktes fest. Sie stößt in der Fachwelt umgehend auf Interesse, denn sie erscheint für die Arzneitherapie ökonomisch viel versprechend. Unter anderen versucht Otto von Fürth in Straßburg 1898 den blutdruckwirksamen Stoff zu isolieren – später wird er bei der synthetischen Herstellung in der Firma Hoechst eine Rolle spielen. Zur gleichen Zeit arbeitet auch John Jacob Abel in Baltimore an der Medical School der Johns Hopkins University an einem Verfahren zur Darstellung des Stoffes. Die erste Reindarstellung gelingt jedoch erst 1900 im Labor des in den USA lebenden Japaners Jokichi Takamine, der Abel im gleichen Jahr in Baltimore in seinem Labor besucht hatte. Sein Assistent Keizo Uenaka, ein Chemiker, vollzieht im Sommer des Jahres erstmalig eine reine Isolierung. Am 5. November 1900 meldet Takamine die Substanz als „Glandular Extractive Product“ am US-Patentamt und am 19. März 1901 den Namen „Adrenalin“ als Marke an – im gleichen Jahr, in dem er seine Forschungsergebnisse veröffentlicht.
Die Geschichte des Adrenalin zeigt an ihrem Beginn also einen verstreuten Ursprung (Foucault 1982). Er reicht von der Entdeckung des blutdruckerhöhenden Effektes bis zu den verschiedenen Darstellungsverfahren der Labore und führt über auftretende Probleme mit unterschiedlich reagierenden Versuchstieren zur Reindarstellung durch Takamines Assistenten Uenaka im New Yorker Labor. Dieser verstreute Ursprung der Reindarstellung soll im vorliegenden Projekt zu Formen des wissenschaftlichen Schreibens und damit zum Entwurf der Wissenschaft als ein offenes Archiv des Wissens ins Verhältnis gesetzt werden. Denn auffällig hier: Von Fürth, Abel, Takamine – sie alle beginnen ihre Veröffentlichungen mit ausgiebigen Auflistungen der Darstellungsverfahren ihrer Vorgänger (vgl. von Fürth 1898, Abel 1899, Takamine 1902). Markiert werden damit die Leistungen, die verschiedene Autoren zu einem Ergebnis beitragen. Als mit der Patentierung aus dem Forschungsprojekt zum Nebennierenextrakt dann ein ökonomisches Produkt, Adrenalin, wird, erfolgt auch eine radikale historischen Verflachung: die Zuschreibung der Leistung auf eine Adresse.
Der Einfluss der Patentierung auf wissenschaftliche Verfahren zeigt dabei schon damals jenen Effekt, der auch in der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Forschung problematisiert wird: Mit der Perspektive auf eine rechtliche und ökonomische Verwertung verändert sich die Publikationsstrategie der Wissenschaft. Denn im Rahmen der Wissenschaft erfolgt die Veröffentlichung als Beitrag zu einem gemeinsamen Archiv. Doch wenn Wissen schließlich durch Patentierung zu einem Kapital wird, findet seine Offenlegung und Verteilung erst nach seiner rechtlichen Sicherung statt. So kann man feststellen, dass Takamine im Gegensatz zu den anderen Wissenschaftlern nicht aus seiner laufenden Forschung berichtet, anders als Abel oder von Fürth veröffentlicht er keine Zwischenergebnisse (vgl. Abel/Crawford 1897, Abel 1898, Abel 1899, Abel 1901, von Fürth 1898a, von Fürth 1898b, von Fürth 1900). Die Offenlegung seines Wissens in Vorträgen und Aufsätzen erfolgt erst nach der Anmeldung zum Patent, als die Isolierung von Adrenalin ausreichend stabilisiert ist. Sie erfolgt in dem Moment, in dem eine Wiederholbarkeit vorliegt, mit der Adrenalin überhaupt erst als Ware in den ökonomischen Kreislauf eintreten kann (vgl. Derrida 1996, 254f). Mit dem Fokus auf die Verteilung und Zuschreibung von Wissen am Beispiel von Adrenalin kommen hier also die jeweilige Spezifizitäten von Wissenschaft und ökonomischer Ordnung, sowie die Unruhe an ihrer Nahtstelle in den Blick. Man findet sich vor jeweils verschiedenen Formen, die Geschichte von Adrenalin zu erzählen: Einer verteilte Entstehung der Wissenschaft steht die Zuschreibung auf eine Adresse in der Ökonomie gegenüber.
Dass Takamines Arbeit von von Fürth und Abel vorweggenommen wurde, war nicht von ungefähr einer der beiden Punkte, die im späteren Gerichtsstreit um das Patent verhandelt wurden. Die 1911 eingereichte Klage der Firma H. K. Mulford gegen die Firma Parke-Davis, welche mit der Lizenz Takamines das Produkt verkaufte, stellte darüber hinaus die Patentierung in Frage, weil das Hormon Adrenalin in der Natur vorkomme und damit keine Erfindung Takamines, sondern eine Entdeckung sei. Nachdem im ersten Teil des Projektes beobachtet werden soll, wie verschiedene Felder sehr unterschiedliche Formen des Wissensbestandes organisieren und damit zugleich verschiedene Geschichten entwerfen, fokussiert der zweite Teil auf ein systematisches Problem, das in der Wissenschaftsgeschichte immer wieder debattiert worden ist: Der Umstand der Rekurrenz und damit die Frage, ob Adrenalin eine Entdeckung oder Erfindung Takamines ist.



Teil II: Entdeckung oder Erfindung

Die Figur der Rekurrenz spielt in der Wissenschaftsgeschichte eine wichtige Rolle. Mit ihr wird ein systematisches Problem der Geschichte verhandelt: Der Umstand, dass der Moment des Neuen erst nachträglich erfasst werden kann. Wie Hans-Jörg Rheinberger ausführt:

„Der Wissenschaftshistoriker sieht sich, wie der Historiker jeder kulturellen Kontextur, einem unübersteigbaren Hindernis gegenüber. Womit hat er es zu tun? Blickt er auf eine Vergangenheit, die ihrerseits die Transformation einer anderen vorgängigen Vergangenheit ist, oder blickt er auf eine Vergangenheit, die das Produkt einer nachträglichen Vergangenheit ist, vielleicht auch einer Gegenwart?“ (Hans-Jörg Rheinberger 1992a, 47)

Und er spezifiziert weiter:

„Das Neue ist nichts weiter als eine Irritation an der Stelle, an der es seinen Ausgang genommen haben wird – man kann es nur im Modus der vergangenen Zukunft ansprechen. Wir können natürlich versuchen, die Bedingungen seiner Möglichkeiten anzugeben. Aber sie erscheinen wie das Neue selbst nur zugänglich durch eine Art der Rekurrenz, die das Produkt benötigt, um der Bedingung seiner Produktion habhaft zu werden.“ (Hans-Jörg Rheinberger 1992a, 48)

Die Bindungen des Neuen erscheinen also nur greifbar durch eine Konstruktion der Nachträglichkeit: Erst wenn das Neue erschienen ist, werden auch die Bedingungen seiner Möglichkeiten sichtbar. Dieser Umstand der Rekurrenz steht auch im Mittelpunkt der Frage, ob das Adrenalin eine Entdeckung oder Erfindung ist. Ist Adrenalin unabhängig vom Darstellungsverfahren Takamines in der Natur gegeben? Oder erscheint das Hormon erst durch die Sichtbarmachung, erscheint es nur auf Grund eines chemischen Prozesses? Damit steht die Figur der Rekurrenz auch mitten im Dilemma der Debatte einer Patentierung von Leben. Wenn Adrenalin als Teil der Natur, als Teil von Leben begriffen wird, muss man es als eine Entdeckung und nicht als eine Erfindung gelten lassen. Doch die Grenze zwischen ‚natürlichem’ Hormon und chemischem ‚Produkt’ ist uneindeutig.

Das ‚natürliche’ Adrenalin ist, wie andere Hormone auch, zwar seiner Darstellung vorgängig, zugleich wird es aber erst mit seiner Erforschung sichtbar und ist damit Effekt einer Rekurrenz (vgl. auch Canguilhem 1979). Das heißt: Adrenalin entsteht erst durch seine chemische Entdeckung und Erforschung, obwohl es nur entdeckt werden kann, weil es vorhanden gewesen ist – diese komplexe Figur der Nachträglichkeit und ihre Problematik soll hier in Anschluss an eine Reihe von Autoren ausgeführt werden (vgl. Derrida 1983, 49 und 1987,51 und 66; Koselleck 1989, Koselleck 2000a, 99 und Koselleck 2000b, 300; Latour 2000, 175-210; Rheinberger 1992b, 47-48).
Neben dem Faktor der Zeitlichkeit gilt es, dabei die Vorgänge um Adrenalin auch auf der materiellen Ebene zu analysieren. Denn das chemische Verfahren isoliert ein natürlich vorkommendes Produkt wie Adrenalin. Überführt die chemische Isolierung aber das natürliche Produkt damit in eine andere Form? Hier gilt es, der fachspezifischen Begrifflichkeit der „Darstellung“ einige Aufmerksamkeit zu widmen, weil sie im naturwissenschaftlichen Rahmen keine zeichenhafte Verdoppelung, sondern die Isolierung eines Stoffes im Labor meint. Der in der historischen Rechtsgeschichte der USA viel beachtete New Yorker Richter Learned Hand urteilte im Fall von Adrenalin schließlich zu Gunsten von Takamine auf Grund der Künstlichkeit des Produktes (Archivmaterial in Harvard). Takamine habe mit dem Adrenalin etwas erfunden, denn es handele sich um eine Sache, die kommerziell und therapeutisch neu eingesetzt werden könne und die durch das Verfahren der Isolierung über eine Entdeckung hinausgehe (vgl. Parke-Davis & Co. v. H.K. Mulford & Co, Federal Reporter 189:115).

Die Substanz ist natürlich, doch der Isolierungsprozess hat das Hormon dem Leben „entfremdet“. Es ist etwas anderes als das Leben, weil es durch die wissenschaftliche Isolierung in den Zyklus seiner stabilen Wiederholbarkeit eingetreten ist; dennoch ist es eine Substanz, die in der Natur vorkommt. Das Verfahren des wissenschaftlichen Darstellens, das zugleich immer ein Herstellen ist und nicht auf historische Vor-Bilder rekurriert, gerät hier an eine spezifische Grenze, die im Projekt erkundet werden soll. Man findet sich vor dem interessanten Moment einer Unentscheidbarkeit, deren komplexe Problematik angesichts der aufgeladenen zeitgenössischen Debatte um die „Patentierung von Leben“ am Fall von Adrenalin und dem damaligen Gerichtsverfahren mit dem beruhigenden Abstand der historischen Distanz dargestellt werden kann. Nicht zuletzt weil in der Debatte um die Patentierung von Leben der Körper jedoch auch als ein „Archiv der Biotechnologie“ diskutiert wird, steht diese Debatte auch mit einem systematischen Entwurf des Archiv-Begriffs in Zusammenhang.

Damit lässt sich das Projekt wie folgt zusammenfassen: Ausgehend von der Patentierung ergibt sich für die Geschichte des Adrenalin eine Verschiebung des Blickwinkels. Die historische Forschung zum Adrenalin konzentriert sich weniger auf den verstreuten Ursprung des Wissens, sondern fokussiert auf eine Konkurrenz der Biographien (vgl. Bennett 1988, Davenport 1982, Yamashita 2002, Yamashima 2003 – eine Ausnahme ist Weisser 1984 mit Fokus auf die synthetische Herstellung von Adrenalin bei Hoechst). Anstelle dieses Fokus auf die Konkurrenz, der einen biographischen Ansatz in den Vordergrund stellt, soll hier die Verstreuung des Ursprungs herausgearbeitet werden. Eine Skizzierung der verstreuten Stationen für die frühe Adrenalinforschung ist machbar, entwickelt sich doch die Forschung entlang eines engen Austausches von vor allem deutschen und amerikanischen Forschern und ist somit überschaubar. Ergänzend kommt zu einer wissenschaftshistorischen Aufarbeitung der Umstand der Patentierung dazu, denn auch in der Rechtsgeschichte hat der Gerichtsstreit um Adrenalin wenig Aufmerksamkeit erhalten. Richter Hand sind mehrere Biographien gewidmet worden (Shanks 1968, Griffith 1973, Gunther 1994), der durchaus spannende Fall wird in der Literatur jedoch nur am Rande erwähnt. Die Erarbeitung dieser historischen Aspekte will das vorliegende Projekt dann zum Ausgangspunkt von systematischen Fragestellungen machen.

Zu diskutieren ist dabei erstens die differente Form, mit welcher Wissensbestand in Wissenschaft und Ökonomie organisiert wird – welche Modelle von Archiv und Geschichte werden hier jeweils entworfen? Zweitens soll anhand von Adrenalin als Patentierung von Leben das komplexe Moment der Nachträglichkeit, das Moment der Rekurrenz für die historische Wissenskonstruktion unter Rückgriff auf aktuelle Theorien der Geschichte (Derrida, Foucault, Koselleck, Rheinberger) herausgearbeitet werden.







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