Von wegen befreit! Im flexibilisierten Kapitalismus ist Überforderung die neue Unterdrückung

Mercedes Bunz

It is time for action, there’s no option: Er ist wieder da, der Feminismus ist auf die diskursive Bühne zurückgekehrt. Bereits im letzten Jahr begannen sich die Rufe zu häufen: „Wir brauchen einen neuen Feminismus“ proklamierte etwa die deutsche Wochenzeitung Die Zeit [1] und sondierte ein diffuses „Unwohlsein“, verbunden mit dem Gefühl eines gesellschaftlichen Rückschritts. Kurz darauf setzte ein öffentlichkeitswirksamer Streit um die Rolle der Frau in der Gesellschaft ein, vorangetrieben von den deutschsprachigen Feuilletons und diversen Protagonistinnen [2].
Und auch in der zeitgenössischen Kunst kann man eine ganze Reihe an Ausstellungen beobachten, die sich des Themas wieder annehmen, von „WACK!“ in Los Angeles [3] über „Global Feminism“ im Brooklyn Museum von New York [4] bis hin zu „It’s Time for Action (There’s No Option)“ in Zürich. Es gibt, soviel ist klar, offensichtlich wieder ein Bedürfnis, die Rolle der Frau in der Gesellschaft neu auszuloten und sich dem Thema Feminismus zuzuwenden.

Jetzt könnte man vermuten, dass nach einer ruhigeren postfeministischen Zeit dieses Bedürfnis nichts Weiteres ist als das übliche Spiel im Auf und Ab der diskursiven Moden. Wäre ja normal. Ist aber falsch. Denn was man derzeit beobachten kann, ist kein Automatismus, es ist vielmehr ein grundlegendes Unbehagen an den aktuellen Verhältnissen. Dieses Unbehagen formuliert sich angesichts einer neuen Form des Kapitalismus, eines Kapitalismus, der im Zeitalter der Globalisierung und Flexibilisierung nicht mehr mit klassischer Repression operiert.

Man wird heute nicht mehr von der Macht unterworfen, man steht vielmehr vor einem neuen Typus von Macht, einer postbürgerlichen Macht, die zulässt und das Zugelassene für sich produktiv macht. [5] Was nicht heisst, dass die Unterdrückung der Frau ein Ende gefunden hat. Sie ereignet sich nur in einer neuen Form. Und diese neue Form fordert den Feminismus, gerade weil er tatsächlich etwas erreicht hat, wieder heraus. Im Folgenden gilt es deshalb erst einmal, einen kurzen Blick auf die Geschichte des Feminismus zu werfen und die Gewinne, aber auch die daraus resultierenden Probleme des feministischen Projektes zu sondieren. Denn tatsächlich muss der Feminismus, wenn er aktuell bleiben will, alte Ansätze und Forderungen aufgeben, um neue präziser und wirksamer formulieren zu können.




1. Die Verhältnisse

Der Feminismus ist im Grunde genommen eine alte Bewegung, er ist eine Bewegung, die seit dem 19. Jahrhundert den Kampf um die Rechte der Frauen betreibt. Ihm geht es darum, die vorherrschende Dominanz der Männer, das Patriarchat, aufzubrechen. Ganz oben auf dem Plan stehen lange die Durchsetzung weiblicher Werte und eine Aufwertung der weiblichen Lebenswelt, um die verdrängte, unterschätzte und verfälschte Rolle von Frauen im gesellschaftlichen Leben sichtbar zu machen. Im Zuge des gesellschaftlichen Aufbruchs 1968 erreicht der Feminismus in den 1970er Jahren eine neue Hochphase, in der Schweiz beispielsweise erlangen Frauen 1971 das aktive und passive Wahlrecht. In dieser Zeit spielt der Feminismus jedoch nicht nur real-politisch, sondern auch in der Diskussion der Linken eine grosse Rolle, denn er versteht sich als systemoppositionell: Es gilt, sich den bestehenden Machtstrukturen entgegenzustellen und sie zu verändern. Im Fokus stehen vor allem Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft, die so zu einer anderen transformiert werden soll. Feminismus, das ist damit immer auch gleichbedeutend mit einer Utopie, der Utopie einer besseren Gesellschaft. Und genau diese Utopie gelangt jetzt ins Wanken. Die Emanzipation ist auf einer neuen Stufe angekommen – nicht zuletzt daraus resultiert der aktuelle Bedarf an seiner Aktualisierung.

Denn auch wenn das feministische Projekt noch lange nicht vollzogen ist: Frauen sind an die Macht gekommen. Nachdem Margaret Thatcher in den 1980ern noch die Rolle der „Ausnahmefrau“ [6] performte, ist jetzt eine zweite Generation von Politikerinnen oben angekommen. Auf internationaler Ebene zeigen Frauen wie Angela Merkel, Ségolène Royal oder Hillary Clinton, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, dass sich Frauen wichtige Führungspositionen erobert haben. Der neue Feminismus, beschrieb die Journalistin Tissy Bruns dies treffend, sei deshalb ein „Herrschaftsdiskurs, nicht der eines unterdrückten Geschlechts” [7].

Der Feminismus ein Herrschaftsdiskurs – genau damit steht der Feminismus an einem neuen Scheidepunkt. Beispielsweise hat der Gewinn der Emanzipation, Frauen an der Macht zu beteiligen, eine Kehrseite, der man sich stellen muss: Man muss offen legen, dass der Feminismus, wenn er Machtpositionen für Frauen einfordert, ihnen damit nicht unbedingt einen angenehmen Job verspricht – in den Zentren der Macht weht ein schärferer Wind. Ebenso war Feminismus immer auch ein politisches Versprechen, das heute ein zweites Dilemma in sich birgt: Frauen nach oben zu bringen, ihnen die gleichen Chancen zu ermöglichen, welche die Männer haben, das ist eine Frage von Gerechtigkeit. Doch wenn sie dort angekommen sind, handeln sie nicht unbedingt gerechter. Hier, an dieser Stelle, trifft der Feminismus auf ein prinzipielles Problem jeder politischen Forderung von „Gleichheit“: Weil Frauen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung stellen, ist eine Beteiligung an den essenziellen Schlüsselpositionen eine einfache Frage der Gerechtigkeit; doch dass Frauen diese Gleichheit eingeräumt wird, heisst nicht, dass sie deshalb auch eine gerechtere Politik machen. Eine Argumentation, mit der man sich auseinandersetzen muss, gerade weil sich das feministische Projekt davon nicht erledigen lassen darf.




2. Das Dilemma der Gleichheit

Als politische Bewegung stösst der Feminismus hier auf das philosophische Problem des Politischen, das nachzuvollziehen wichtig ist, um den Feminismus in seiner neuen Rolle besser in Stellung bringen zu können. Denn es ist auch darum mehr als notwendig, den Feminismus zu aktualisieren, weil Gleichheit dem Feminismus zwar ein Anliegen, ihm aber nicht per se inhärent ist. [8] Der französische Philosoph Jacques Rancière bringt das Problem der Gleichheit auf folgenden Punkt:

Die Politik hat keine Gegenstände oder Fragen, die ihr eigen wären. Ihr einziger Grundsatz, die Gleichheit, ist nicht ihr eigen und hat nichts an sich Politisches. Alles, was sie tut, ist, ihre Aktualität in Form eines Falls zu geben, in Form eines Streits die Bestätigung der Gleichheit ins Herz der polizeilichen Ordnung einzuschreiben.V=[9]

Solange dieser Streit, die Anerkennung der weiblichen Gleichheit, geführt werden musste, kämpfte man um mehr Gerechtigkeit. Und das war notwendig: Dass Frauen Teil der öffentlichen Gemeinschaft sind, war noch in den 1960ern umstritten. Wie auch Rancière bemerkt:

Der Haushalt hat ein politischer Ort werden können, nicht durch die einfache Tatsache, dass an ihm Machtverhältnisse ausgeübt werden, sondern weil er in einem Streit über die Befähigung der Frauen zur Gemeinschaft als Grund aufgeführt wurde. [10]

Heute dagegen ist das feministische Streben nach Gleichheit zumindest teilweise angekommen, es ist – siehe Angela Merkel oder Beatrice Weder di Mauro, eine der fünf deutschen Wirtschaftsweisen – Teil der Macht geworden. Aus diesem Grund ist es Zeit, das politische Projekt neu zu formieren. Der Feminismus muss sich aktualisieren, wenn er sich mit neuer aktueller Brisanz aufladen will, denn das Politische existiert nicht an und für sich, wie Rancière betont:

Nichts ist an sich politisch, denn die Politik existiert nur durch ein Prinzip, das nicht ihr eigen ist, die Gleichheit. (…) Die Gleichheit ist kein Gegebenes, das die Politik einer Anwendung zuführt, keine Wesenheit, die das Gesetz verkörpert, noch ein Ziel, das sie sich zu erreichen vornimmt. [11]

Tatsächlich scheint mit dem Erreichen des Ziels, mit dem Ankommen von Frauen wie Angela Merkel der politische Auftrag des Feminismus zu schwinden – er schwindet jedoch nur scheinbar. Frauen sind heute an der Macht, doch das heisst keineswegs, dass damit alle Probleme erledigt wären. Es gibt einen „neuen Fall“, wie Rancière das ausdrückt, doch um diesen „Fall“ in Stellung zu bringen, muss man die Unterdrückung der Frau neu sondieren.




3. Der strukturelle Sexismus

Es ist etwas erreicht worden, Frauen haben Zugang zur Macht – aber das Erreichte ist noch nicht genug, noch lange nicht. Einige wenige Beispiele schon zeigen das: 2007 ist die Schweiz mit einem Frauenanteil von 25 Prozent im Nationalrat nur auf Rang 27 der ‚Frauen im Parlament‘ – hinter Afghanistan und Vietnam. Zugleich liegt auch ökonomisch der Durchschnittslohn von Frauen immer noch 20 Prozent unter dem der Männer – und nicht nur in der Schweiz kann man diesen Missstand sehen, er ist keine Ausnahme, dieselben Verhältnisse finden sich auch in Deutschland.

Daran sind in beiden Ländern klarerweise die Verhältnisse schuld: 80 Prozent aller Teilzeitarbeitsplätze, also schlecht bezahlter Jobs mit geringen Aufstiegsmöglichkeiten, sind dort von Frauen besetzt, und das obwohl sie die besseren Schulabschlüsse vorweisen. Und: Teilzeit wird nicht nur schlechter bezahlt, sie wird auch als minderwertige Arbeit angesehen, während mangelnde Kinderbetreuung Frauen genau dorthin drängt. Zudem bekommen Frauen auch in Vollzeit-Arbeitsplätzen immer noch ein geringeres Gehalt, angeblich, weil sie nicht hart genug verhandeln würden, da ihnen der Sinn ihrer Arbeit wichtiger wäre als der finanzielle und berufliche Aufstieg – ein Vorwurf, auf den man eigentlich stolz sein muss.

Es gibt also genügend Gründe, das feministische Projekt weiter zu betreiben, nur steckt das Prinzip der Gleichberechtigung heute im karrieretechnischen Detail. Der offene Streit, ob Frauen das minderwertigere oder bessere Geschlecht sind, war gestern, nur noch wenige Stimmen haben Lust, sich mit direkter Frauenfeindlichkeit nach dem Schema „Frauen sind blond und können nicht einparken“ öffentlich zu blamieren. Doch genau das heisst nicht, dass Frauen heute keine Steine mehr in den Weg gelegt werden, nur wenn das passiert – und zwar von Männern wie auch von anderen Frauen –, dann geschieht das leiser und geschickter. Beispielsweise, indem man schlicht und einfach das Vorankommen von Männern intensiver fördert und sie bevorzugt.

Aus dem lauten Ausgrenzen und offenen Abwerten ist ein leiser „struktureller Sexismus“ geworden und dieser Sexismus operiert weitaus verschlagener als der alte, weil er sehr schlecht zu fassen ist.
Aber nicht nur die gesellschaftlichen Verhältnisse sind andere geworden. Mit ihnen – und durch sie – haben sich auch die theoretischen Voraussetzungen des feministischen Projektes verschoben. Ganz allgemein kann man sagen, dass sich das Dispositiv der Gesellschaft in den letzten Jahren deutlich geändert hat. Noch bis in die späten 1990er ist das gesellschaftliche Streben nach gleichberechtigter Anerkennung ein Kampf um Normen gewesen – ein alter Kampf.

Im Rahmen theoretischer Auseinandersetzungen hat nicht zuletzt Simone de Beauvoir in den 1970er Jahren die historische Unterdrückung der Frauen in ihrem Standardwerk Das andere Geschlecht [12] dargestellt und dabei deutlich gezeigt, dass man nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird. Beauvoir hat darüber hinaus darauf hingewiesen, dass das männliche Geschlecht als universelle Norm gesetzt wird, von der aus das Weibliche immer wieder als minderwertige Abweichung definiert worden ist. Die französische Theoretikerin Luce Irigaray [13] hat in ihrer Arbeit diese Beobachtung noch einmal detaillierter gefasst und verschärft. Weibliche Sexualität ist, so Irigaray, immer vom männlichen Parameter aus gedacht. Einer Setzung, der Irigaray das Konzept einer weiblichen Vielheit entgegenstellt. Lange ist der feministische Diskurs von wichtigen Versuchen wie diesen geprägt gewesen, Versuche, das Weibliche neu und anders zu denken – selbstbestimmt. Mit Judith Butler kommt schliesslich, diese Versuche ergänzend, eine weitere Perspektive ins Spiel.




4. Geschlechterkampf und heterosexuelle Matrix

Im Fokus steht bei Judith Butler weniger das Weibliche, als vielmehr die Differenz der Geschlechter selbst. Der feministische Diskurs ist zwar nie homogen gewesen, das Ringen darum, wie Weiblichkeit zu bestimmen ist, immer divergent diskutiert worden, dennoch erfährt der Diskurs mit Butler in gewisser Weise einen fundamentalen Bruch. Sie stellt das Ringen um weibliche Identität entscheidend in Frage. In ihrem Buch Das Unbehagen der Geschlechter kommt sie zu dem Schluss: Sich aus der minderwertigen Rolle zu befreien, um eine neue Norm – auch eine der Vielheit – zu werden, ist keine Befreiung der Frau – im Gegenteil. Man müsse vielmehr, so Butler, die Frage in Betracht ziehen:

…ob die Weiblichkeit wirklich den kulturellen Normen, die sie unterdrücken, äußerlich ist. (…) Tatsächlich lässt sich die Repression dahingehend verstehen, daß sie das Objekt, das sie verneint, zugleich hervorbringt… (…) Damit wird die Problematik der ‚Befreiung‘ besonders akut. [14]

Butler wendet sich prinzipiell gegen den Versuch, das Weibliche zu definieren, denn dieses Vorgehen führt in ihren Augen nur zu einem neuen und weiteren Universalismus, der dem des Mannes strukturverwandt sei. Diesen lehnt sie ab – nicht zuletzt, da ihr zufolge das Männliche selbst weitaus weniger monolithisch ist, als es gesetzt wird. Sie kritisiert:

Der Versuch, den Feind in einer einzigen Gestalt zu identifizieren, ist nur ein Umkehr-Diskurs, der unkritisch die Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit bereitzustellen. [15]

Anstatt also den Diskurs umzukehren und das Patriarchat durch das Matriarchat abzulösen, geht es Butler darum, grundsätzlich dem Streit der Geschlechter zu entkommen. Das Festschreiben der Norm ist für sie ein Festschreiben der Geschlechterdifferenz, die so nicht akzeptiert werden sollte. Denn selbst wenn das Weibliche als positive Norm gesetzt wird, wird es in Abgrenzung zum Männlichen definiert – und damit die Unvereinbarkeit der Geschlechter behauptet. In dieser Unvereinbarkeit schreibt sich jedoch nichts anderes als die heterosexuelle Matrix fest, die Homosexualität als Abweichung, wie das etwa Beauvoir gemacht hat, skizziert. Denn im homosexuellen Begehren wird die Unvereinbarkeit der Geschlechter – und ihre Normierung gegeneinander – in Frage gestellt.

Butler zeigt damit eine weitere repressive gesellschaftliche Kraft auf, die im Geschlechterdiskurs im Spiel ist: die heterosexuelle Matrix. Das Festhalten an der Heterosexualität als Norm, das sie auch in feministischen Theorien ausmacht, begründet sie als repressiven Diskurs der Gesellschaft, die gewillt ist, die Fortpflanzung sicherzustellen und daher auf „eindeutige, unmissverständliche Identitäten und Positionen der sexuell bestimmten Körper“ zielt. [16] Durch das Mitdenken von Homosexualität gelingt es Butler, den naturalisierten Kampf der Geschlechter aufzubrechen. Eine De-Naturalisierung mit Gewinn für den feministischen Diskurs: Weil sie Homosexualität nicht als Abweichung, sondern als Normalität von Geschlechterbeziehungen setzt, verschiebt und erweitert sie den feministischen Kampf und eröffnet Möglichkeiten, tradierten Zuschreibungen von Weiblichkeit entkommen zu können. Die feministische Frage lautet damit nicht mehr, ob wir bestimmte Aspekte unseres Geschlechts wiederholen müssen und welche das sind, sondern wie wir bestimmte Aspekte dieses Geschlechts wiederholen – und wie wir sie variieren.




5. Der Mann als Autist und andere Erfolge des Feminismus

Judith Butlers Thesen sind viel debattiert worden, was zeigt, dass sie in der Gesellschaft angekommen sind. Man kann sehen, dass sich im Bereich des Feminismus sehr viel getan hat, doch genau das führt dazu, dass man die alten politischen Diskurse des Feminismus neu justieren muss, wenn sie effektiv bleiben sollen. Heute geht es, zumindest in der westlichen Gesellschaft, weniger darum, die Frau aus einer aktuellen Unterdrückung zu befreien. Der Mann stellt keine universelle Norm mehr da, von der die Frau und das Weibliche abgeleitet werden, im Gegenteil. Wenn die Frau noch im 19. Jahrhundert über eine Krankheit, die Hysterie, definiert wurde, dann wird die Essenz der Männlichkeit heute ebenso als Krankheit definiert, nämlich als Autismus.

Diese Theorie wird nicht nur vom Direktor für Autismusforschung der Cambridge Universität, Simon Baron-Cohen, aufgestellt, sie wurde vor allem viel beachtet und weit über die Wissenschaft hinaus rezipiert. [17] Seine These: Autismus und das Asperger-Syndrom seien Extremformen eines typisch männlichen Gehirns. Denn es gibt, so Baron-Cohen, einen emphatischen und einen systemischen Typus von Gehirn. Zwar entscheidet nicht das biologische Geschlecht darüber, welchen Typus von Gehirn man hat, dennoch könne man das systemische Gehirn tendenziell häufiger bei Männern diagnostizieren, auch wenn man davon ausgehen müsse, dass biologisches Geschlecht nicht diktiert, wer man sei. Eine Extremform dieses Gehirns seien das Asperger-Syndrom und Autismus und damit radikale Selbst-Bezogenheit und Faszination an Systematik sowie eine Unfähigkeit zur sozialen Kommunikation. Damit ist nun – Gleichstand – auch das Männliche als Krankheit definiert.

Der Mann hat als Norm ausgedient – was nicht zuletzt auch befreiend für den Mann ist. Ebenso ist der Kampf um die Normalisierung homosexuellen Lebens in den letzten fünfzehn Jahren ein gutes Stück weiter gekommen, in vielen Ländern der westlichen Welt sind homosexuelle Ehen legalisiert, selbst wenn die absolute Gleichstellung noch aussteht. Beide Beispiele zeigen: Der Diskurs um den Kampf der Geschlechter und jener um die Anerkennung der Homosexualität haben sich verschoben. In gewisser Weise ist man weiter, dennoch ist man nicht am Ziel. Denn wenn sich die Geschlechterdifferenz in Bewegung gesetzt hat, wenn sie offener geworden ist, ist das ein Erfolg – doch das Problem folgt auf dem Fusse.




6. Feminismus im flexibilisierten Kapitalismus

Heute findet man sich in einer flexibilisierten Welt, einer Welt, die sich in den letzten zehn Jahren radikaler erneuert hat, als wir das oft zugeben wollen. Und wenn Frauen heute an der Macht angekommen sind, dann steht das auch für einen neuen flexibilisierten Kapitalismus, der anders als der alte nicht mehr durch Normen agiert – der französische Soziologe Alain Ehrenberg [18] hat beispielsweise auf die Effekte der Ich-Emanzipation für den Kapitalismus aufmerksam gemacht: Der neue flexibilisierte Kapitalismus hofiert die Produktivmacht. [19]
Er ist nicht mehr daran interessiert, die Menschen zu normieren, sondern hat damit begonnen, das vormals Ausgeschlossene und Verdrängte produktiv zu verwerten. Klassische Vorurteile werden damit nicht mehr zur Unterdrückung eingesetzt, sondern als produktive Möglichkeit in Stellung gebracht: Warum Frauen oder Homosexuelle ausschliessen, wenn Schwule die besseren Designer sind und die soziale Führungskompetenz von Frauen gebraucht werden kann?

Man kann also beobachten, dass der gesellschaftliche Diskurs sich neu justiert hat: Er hat eine Experimentalisierung des Lebens eingeleitet. Dieser Problematik gilt es sich zu stellen – stattdessen wird jedoch zu oft an alten, lieb gewonnenen Diskursen und Gewohnheiten festgehalten. Auch der aktuelle Pseudo-Diskurs um die arbeitende vs. die zu Hause bleibende Mutter ist so ein Fall. Denn im Grunde lässt sich auf die Frage, ob Mütter arbeiten dürfen oder das Mutter-Sein selbst Arbeit ist, nur antworten: Beides sollte möglich sein – und damit zeigt sich vielmehr, dass dies nicht der eigentliche Punkt sein kann. Dass im gesellschaftlichen Diskurs dieser Streit nicht schon lange beigelegt wurde, zeigt, dass hier nicht einfach zwei divergente Meinungen aneinanderprallen und kurz für Aufruhr sorgen. Der Streit geht, obwohl keine neuen Argumente auftauchen, weiter, er bleibt.

Genau daran kann man sehen, dass es dem gesellschaftlichen Diskurs nicht um die Argumentation, sondern vielmehr um den Effekt dieses Streites selbst gehen muss: Diesen Streit gibt es nur, damit keine von beiden, weder die extern, noch die intern arbeitende Mutter, sich in ihrer Rolle wohl fühlt. Für maximale Produktivität gilt es, Schuldgefühle zu produzieren. Entscheidet man sich für eine Rolle, bleibt man die andere schuldig.
Hier wird sichtbar, dass sich das gesellschaftliche Paradigma massgeblich verändert hat. Wenn das gesellschaftliche Formen der Frau bislang im Paradigma der Unterdrückung erfolgte, geschieht es nun im Paradigma ihrer Überforderung.

Die Frau von heute, sie wird nicht mehr unterdrückt, sie wird überfordert. Es wird ihr unmöglich gemacht, in einer Rolle ihren Frieden zu finden, sie kann zugleich aber auch nicht allen Rollen entsprechen: Terror der Produktivmacht. In der Tat hat zwar erst die Emanzipation es den Frauen ermöglicht, eine Familie zu haben und Karriere zu machen – nur sollen sie heute eben all dies zugleich. Sie sollen eine gute Mutter sein, erfolgreich im Beruf sowie darüber hinaus – natürlich – eine gute Ehefrau und Geliebte. Im Gegenzug hat man paradoxerweise die Last der Verantwortung vom Mann genommen, der Alleinernährer der Familie sein zu müssen, weshalb man zynisch sagen könnte: Die Emanzipation der Frau bedeutet in gewisser Weise die Befreiung des Mannes. [20]

Was nicht heisst, dass das Projekt der Emanzipation falsch gewesen ist; aber das Ausbrechen aus der tradierten häuslichen Rolle als Ehefrau und Mutter und das Einfordern der gleichen beruflichen Optionen können nicht bedeuten, dass alles gleichermassen zu einer Aufgabe, mehr noch, einem Must-do der Frau wird, während sich der Lebensweg des Mannes kaum geändert hat.

Denn, nein, es ist nicht toll, wenn Männer Kleinkinder wickeln oder ihnen die Flasche geben, es ist Normalität. Und, nein, es darf kein Problem sein, wenn arbeitende Frauen Kinder bekommen, es darf kein Wahlzwang zwischen dem Zuhausebleiben und dem Arbeiten aufkommen. Es muss Normalität sein, dass Unternehmen Mütter als gute Arbeitskraft halten wollen und darauf achten, dass Mütter ihr Kind hervorragend versorgt wissen, um beruhigt arbeiten zu können. Und wenn diese Normalitäten nicht in der Gesellschaft praktiziert werden, wenn der Staat diesen Umbau nicht in die Wege leitet, dann begegnet man hier wiederum nichts anderem als strukturellem Sexismus.




7. Entscheidung und Schuld bei Hannah Arendt

Die neue Überforderung hat also die alte Form der Unterdrückung abgelöst, eine Überforderung, die eine neue Freiheit nur simuliert. Denn wie Hannah Arendt gezeigt hat, ist

… Freiheit keineswegs das automatische Resultat des Schwindens der Notwendigkeit; wo der Drang des Notwendigen schwächer wird, verwischt sich erst einmal nur der Unterschied zwischen Freiheit und Notwendigkeit. [21]

Genau das kann man aktuell beobachten: Dass Frauen nicht mehr notwendigerweise auf ihr häusliches Dasein festgelegt werden, sondern auch arbeiten können, hat nicht zu mehr Freiheit geführt. Frauen können aktuell immer noch nicht zwischen zwei Möglichkeiten wählen, sondern sind dem Anspruch ausgesetzt, sich in beiden Bereichen beweisen zu müssen, ohne einem von beiden gerecht werden zu können. Was bedeutet: Frauen haben nach wie vor keine Wahl, sie haben nur eine scheinbare Wahl. Gegen dieses neue Paradigma der Überforderung gilt es anzugehen, ein Paradigma, das im Übrigen weit über den Feminismus hinaus wirkt. Denn das Paradigma der Überforderung ist der Modus jener Produktivmacht, die den flexibilisierten Kapitalismus auszeichnet. [22]

Heute bestehen mehrere Möglichkeiten, die gewählt werden können. Doch es ist das Wirken der Produktivmacht, dass sie die Wahl dieser Möglichkeiten anbietet, nur um dann den Handelnden vorzuwerfen, dass, wenn eine Wahl getroffen wird, andere Möglichkeiten ausgeschlossen werden. Welche Optionen hat man, aus diesem Dilemma zu entkommen?
Gerade heraus gesagt: Es gibt keine einfache Lösung. Handeln bedeutet, wie Hannah Arendt aufgezeigt hat, immer das Eingehen einer Schuld. Wenn die Entscheidung für eine bestimmte Option andere Optionen ausschliesst, ist das folglich eine Last, die der Entscheidung inhärent ist. Denn es ist so, dass:

… kein Mensch, wenn er handelt, wirklich weiß, was er tut; daß der Handelnde immer schuldig wird; daß er eine Schuld an Folgen auf sich nimmt, die er niemals beabsichtigte oder auch nur absehen konnte … [23]

Der Handelnde, so Arendt, wird immer schuldig, nur haftet diese Schuld laut Arendts Beschreibung der Entscheidung selbst an und nicht der Person, die sie trifft. Diese Situierung von Schuld steht jedoch im Gegensatz zum flexibilisierten Kapitalismus, der versucht, die Schuld den Personen, die Entscheidungen treffen, unterzuschieben. Ein Ausweg könnte also darin liegen, diese Schuld nicht mehr zu personalisieren. Anstelle sich das Problem zum Selbst-Vorwurf zu machen, sollte man mit Arendt dafür plädieren, die Schuld als eine Gegebenheit anzunehmen:

Diese ungeheuere Zähigkeit des Getanen (…) könnte eine Quelle menschlichen Stolzes sein, wenn Menschen imstande wären, diese Last von Unwiderruflichkeit und Unvorhersehbarkeit, die gerade die eigentliche Kraft des Handelns ausmacht, auf sich zu nehmen. [24]

Die Schuld bleibt also bestehen, sie wird allerdings anders verortet – das könnte ein Ausweg aus dem aktuellen Mutter-vs.-Arbeit-Dilemma sein. Denn erst wenn die Entscheidung nicht bedeutet, sich für alle weiteren Optionen verantworten zu müssen, besteht eine Freiheit des Handelns, das sich wirklich von Notwendigkeit befreit hat. Diese Freiheit einzufordern kann eine neue politische Aufgabe des Feminismus sein. Der Feminismus kann verdeutlichen: Es muss möglich sein, eine Wahl zu treffen – statt dass die Ansprüche zweier Optionen gegeneinander ausgespielt werden. Was konkret heisst: Eine Frau, die eine glänzende berufliche Karriere macht, kann zugleich eine gute Mutter sein. Und eine Frau, die ihr Kind ganztägig betreut, kann dabei glänzende Arbeit leisten.




8. Im Dickicht der Pluralität

Der Feminismus ist also mit dem Projekt der Befreiung noch nicht am Ende, gleichzeitig hat er auch weiterhin mit alten Problemen zu kämpfen, die in neuen Kleidern daherkommen. Denn ein flexibilisierter Kapitalismus ist daran interessiert, auch die alten unterdrückerischen Optionen im Spiel zu halten, Wahnsinn der Produktivmacht. Und so stehen Frauen heute vor dem Kampf, sich keine Karriere im Kapitalismus aufzwingen lassen zu müssen, während sie andererseits immer noch strukturell davon abgehalten werden, eine zu machen.

Damit findet sich der Feminismus heute in einer schwierigen Situation. Der flexibilisierte Kapitalismus agiert nicht mehr durch eine simple Normativierung. Er agiert durch das Gegeneinander-Ausspielen von Optionen und Möglichkeiten, er wirkt durch Überforderung – auch durch Überforderung des Feminismus selbst. Denn für den Feminismus heisst das: Er muss das neue Paradigma der Überforderung in ihren Bann schlagen und zugleich die Verantwortung dafür tragen, dass das erreichte Terrain verteidigt wird, indem er sich mit einem neuen Sexismus, dem strukturellen Sexismus, auseinandersetzt. Die Schlacht wird heute auf zwei Feldern zugleich geschlagen, die Situation ist komplexer geworden. Und genau deshalb ist nur richtig: It’s Time for Action.








[1]Die Zeit, 24. August 2006.
[2] Thea Dorn, Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird, Piper, München 2006; Eva Hermann, Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit, Pendo, München 2006.
[3] „WACK!“, Museum of Contemporary Art Los Angeles, 4. 3.–16. 7. 2007.
[4] „Global Feminism“, Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art, Brooklyn Museum, New York, 23. 3.–1. 7. 2007.
[5]Vgl. Diedrich Diederichsen, „Die Politik der Aufmerksamkeit. Visual Culture, Netzkunst und die Unterscheidung von Kunst und Nichtkunst“, in: Tom Holert (Hg.), Imagineering. Visuelle Kultur und Politik der Sichtbarkeit, Oktagon, Köln 2000, S. 70ff.
[6] Vgl. Isabelle Graw, „Ausnahmefrauen“, in: Die bessere Hälfte, Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts, DuMont , Köln 2003, 169ff.
[7] Tissy Bruns, „Frauenbefreiung war gestern. Dem ‚neuen Feminismus‘ geht es vor allem um Macht, Geltung und Geld“, in: Der Tagesspiegel, 3. 2. 2007, S. 10.
[8] Siehe dazu auch Robert Ausch, Randal Doane und Laura Perez, „Interview with Elizabeth Grosz“, http://web.gc.cuny.edu/csctw/found_object/text/grosz.htm, Stand 20, März 2007, S. 4–6.
[9] Jacques Rancière, Das Unvernehmen. Politik und Philosophie, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, S. 43.
[10] Ebd., S. 44.
[11] Ebd., S. 44–45.
[12] Simon de Beauvoir, Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Rowohlt, Hamburg 2000 (1949).
[13] Luce Irigaray, Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980 (1974).
[14] Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991 (1990), S. 41.
[15] Ebd., S. 33.
[16] Ebd., S. 164.
[17] Vgl. Simon Baron-Cohen, The Essential Differene: Men, Women and the Extreme Male Brain, Penguin Press Science, 2004.
[18] Vgl. Alain Ehrenberg, „Depression: Unbehagen in der Kultur oder neue Formen der Sozialität“, in: Texte zur Kunst, Heft 65, März 2007, S. 57–65.
[19] Vgl. Jan Masschelein, Maarten Simons, Globale Immunität oder eine kleine Kartographie des Europäischen Bildungsraums, Diaphanes, Berlin 2004; „Be creative! Der kreative Imperativ“, in: Marion von Osten (Hg.), Norm der Abweichung, Springer, Wien 2003.
[20] Vgl. Nils Minkmar, „Was ist nur mit den Männern los?“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2. April 2006.
[21] Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, Piper, München 2002, S. 86.
[22] Vgl. Ehrenberg (wie Anm. 19).
[23] Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 297.
Ebd.