Die Welt in einer Plastikschale

10 Thesen warum dank des Mobiltelefons die Gegenwart in Zukunft nie mehr das sein wird, was sie mal war

von Mercedes Bunz

Wo ist das Telefon? Hecktisches Durchsuchen der Taschen. Der Endorphinstoß setzt ein und lässt aus der Hektik eine Panik werden. Wo hatte man das Teil das letzte Mal? Das von der Begleitung Ausgeliehene klingelt ins Leere. Vergebliches Suchen an den Orten, an denen man zuletzt gewesen ist. Eine Stunde später ist das Telefon ganz abgeschaltet. War die Batterie leer oder hat es jemand genommen? Ups, hat man die peinliche SMS von X eigentlich gelöscht? Ein Teil von einem selbst ist mit dem Mobiltelefon verschwunden. Und nicht nur das: Man ist nicht mehr erreichbar, man ist von der Welt, den Arbeitskontakten, von Familie und Freunden abgeschnitten. Isoliert. Scheußliches Gefühl.
Jetzt die gute Nachricht: Das ist noch gar nichts. Dieses Verlustgefühl wird sich in Zukunft immens potenzieren. In nur wenigen Jahren wird das Mobiltelefon nicht nur ein unverzichtbarer Begleiter im Leben sein. Als kleiner vernetzter Computer wird es die Welt, in der wir leben, vollkommen verändern. Es wird jede Menge vertrauter Begriffe durchschütteln und auf den Kopf stellen. Es wird sie mit Konnotationen versehen, die wir bei ihnen nie vermutet hätten. Aber immer schön der Reihe nach.

1. Medialer Widerstand lässt sich nicht mehr bändigen

Als im Juni 2009 nach der Wiederwahl von Ahmadinedschad Teheran von heftigen Unruhen erschüttert wurde, spielten Mobiltelefone eine wichtige Rolle. Angefangen von der Mund zu Mund Propaganda, für die ja Telefone auch nicht unwichtig sind, twitterte, filmte oder fotografierte man die brutalen Übergriffe – und lud das Dokumentierte ins Netz. Verschlafen titelten europäische Zeitungen zwar noch “Der Iran sperrt die Welt aus”, tatsächlich war aber genau das nicht mehr zu machen.
Zwar wurde die ausländischen Presse unter Hausarrest gesetzt, aber die Mobiltelefone der jungen Iraner dokumentierten per Twitter, Flickr oder Youtube die Geschehnisse – und von da aus fanden sie ihren Weg in die herkömmlichen Medien. In Teheran war die Welt dabei – live und direkt. Jetzt sind diese Tools selbstverständlich keine Garantie dafür, dass man eine Auseinandersetzung gewinnt, aber sie haben nachhaltig gezeigt, dass Politik und Kommunikation heute weniger denn je voneinander zu trennen sind. Und wenn sich die Kommunikationswege von One-to-Many auf Many-to-Many umgestellt haben, wie es im Fachjargon heißt, lässt sich politischer Widerstand medial vielleicht eindämmen, aber nicht mehr bändigen.

2. Die Gegenwart hat ein Archiv

Zugleich war bei den Unruhen rund um die Wahl im Iran noch ein anderes Moment zu beobachten: Zum ersten Mal verfügte die Gegenwart über ein eigenes Archiv. Bislang beschränkte sich das gegenwärtige Wissen auf die persönliche Lebenswelt kombiniert mit einem handlich zusammengefassten Weltgeschehen in den abendlichen Nachrichten oder der morgendlichen Tageszeitung. Über den aktuellen Moment selbst wusste man nie viel, eben einfach nur das, was man gerade selbst erlebte. Tiefe, Feinheiten, Details, all so etwas war erst im Nachhinein zu erfahren, denn nur für einen vergangenen Moment konnten unzählige Daten abgerufen werden. Bis vor kurzem.
Man muss sich das deutlich klar machen, was für eine Revolution diese Neuerung bedeutet, denn bislang wusste man über einen vergangenen Moment viel, viel mehr als über einen gegenwärtigen. Ein Beispiel: Wie es zu Beginn des Weltkrieges II. um die Autoindustrie, den Fußball, die Kinderernährung oder die Kommunikationstechnologie stand, welche Krankheiten die europäische Bevölkerung heimsuchte oder wie die politische Situation damals in Afrika gewesen ist – all dieses Wissen finden wir recherchiert und aufgearbeitet in Bibliotheken, all dieses Wissen ist erforscht und dokumentiert worden. Ein äquivalent dichtes Wissen über die Gegenwart stand bislang höchstens dem amerikanischen Präsidenten mit seiner Heerschar von Experten und Beratern zur Verfügung und nicht dem Ottonormalverbraucher. Bis jetzt. Denn heimlich und mehr oder weniger unbemerkt hat sich in den letzten Jahren im Internet ein Archiv der Gegenwart entwickelt und während dies in den ersten Jahren aktuelle Information noch mit mehrwöchiger Verzögerung lieferte, wird heute jeder einzelne Moment live von diesem Archiv begleitet.

3. Überhaupt: Das Internet wird live

Aus technischen Gründen flachste man über das Internet noch in den Neunzigern, WWW stünde für weltweites Warten. Tatsächlich trifft diese Beschreibung die damalige Zeit außerordentlich gut und Suchmaschinen waren von diesem Problem nicht ausgeschlossen. Das WWW brauchte mehrere Tage oder sogar Wochen, bis ein neuer Link erfasst war, da die Wichtigkeit von Internetadressen seit Googles Page Rank danach beurteilt wurden, wie man verlinkt war. Damals konnte man nicht zu Google sagen: Hallo, ping, hier bin ich. Bis man sich im Suchmaschinen-Ranking durch wohlverdiente Links nach vorne durchgebissen hatte, das dauerte.
Erst die chronologisch geordneten Blogs, Bilder- und Videoplattformen wie Youtube gaben deshalb dem Kontext der Gegenwart einen Ort – und eine eigene Suchmaschinen. Mit einem Mal wurden Ereignisse live dokumentiert und kommentiert und konnten sogar umgehend gefunden werden. Als diese Plattformen sich dann in den letzten Jahren mit sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter kurzschlossen, erhielt die aktuelle Präsenz im Netz dazu noch eine eigene Öffentlichkeit.
Finally form followed function, den tatsächlich ist das Internet Protokoll mit seinem Mechanismus des Paket Switching ja auf blitzschnelle Übertragung ausgelegt und programmiert worden. Doch es dauerte eine ganze Weile, bis dem technischen Übertragungsmodus ein entsprechendes Interface vorgeschaltet wurde. Erst durch die Kombination aus Blogs, Bilder- und Video-Plattformen ist das Internet in der Gegenwart angekommen, live und direkt – und Präsenz, also die zeitliche und örtliche Anwesenheit bei einem Ereignis, ist seitdem nicht mehr das, was sie mal gewesen ist.

4. Vor Ort ist nicht mehr dabei

Unmittelbarkeit ist nicht mehr die intensivste Form der Erkenntnis. Ja tatsächlich, heute weiß man oft mehr über ein Ereignis, wenn man nicht dabei gewesen ist. Ein Effekt, den man von Fußballspielen im Stadion kennt: Zwar ist die Atmosphäre dort ein unvergleichliches Erlebnis, aber ohne Kommentator verpasst man nicht selten, was konkret auf dem Spielfeld vor sich geht. Einfach nicht gesehen. Vor Ort ist also nicht immer unbedingt auch dabei. Wer während der Iranwahl 2009 Twitter, einschlägige Blogs, Youtube, Flickr oder Facebook-Seiten verfolgte, hatte mitunter genauere Kenntnis davon, was augenblicklich auf dem zentralen Platz der Demonstrationen, dem Enquelab Platz abging, als jeder Automechaniker im Außenbezirk von Teheran. Keine Frage: Immer noch kann man eine Situation weitaus besser einschätzen, wenn man in der Fremde vor Ort gewesen ist und erfahren hat, auf welche besondere Weise Menschen, Häuser und Umgangsformen organisiert sind. Doch da die Gegenwart mit einer dicken Schicht Information überzogen war, kommt man nun auch von außen in den Besitz zahlreicher Details. Details von Leuten, die ja nämlich genau das sind: Vor Ort.

5. Wie subjektives Wissen verlässlich wurde

Aber sind sie vor Ort? Früher war es die Aufgabe von Journalisten, ihren Stift unterzuhaken, an den Ort des Geschehens zu eilen und aufzuschreiben, was als Augenzeuge zu sehen war. War das Ereignis schon vorbei, galt es zwei oder besser noch drei voneinander unabhängige Quellen zu finden, die es bezeugen konnten. Gab es mehrere Quellen mit verschiedenen Meinungen, berichtete man gut erzogen dialektisch beide Seiten. Objektivität ist ein journalistisches Ideal und das machte bislang anonyme Aussagen für Journalisten schlicht wertlos. Einer unbekannten subjektive Stimme, die von gewalttätigen Übergriffen berichtet, kann man keinen Glauben schenken, da könnte ja jeder kommen. Und dann kam jeder – und verlieh der subjektiven Aussage eine statistische Qualität.
Seitdem fast jedes Ereignis von einem Archiv der Gegenwart begleitet wird, hat die anonyme Aussage ein anderes Gewicht. Über 300 Nachrichten, die zeitgleich dieselbe Auseinandersetzung auf Twitter berichten, haben einfach Relevanz. Sie sind nicht mehr wegzureden. Auch hier hat das Archiv der Gegenwart dank des Mobiltelefons zugeschlagen und die subjektive Aussage transformiert.

6. Warum Journalismus zweiter Ordnung fälschlicher Weise unterschätzt wird

Damit erwachsen zahlreiche neue Aufgaben, für den Leser ebenso wie für den Journalisten. Beispielsweise diese: Gerücht ist die neue Falschmeldung. Jahrelang haben Leser den Wahrheitsgehalt einer Nachricht vor dem Hintergrund einer politischen Ausrichtung ihrer Zeitung eingeschätzt, jetzt müssen sie eher die Wahrhaftigkeit des Gelesenen im Verhältnis zur medialen Ursprungsort setzen. Twitter erstmal vorsichtig, Flickr und Youtube interessant, Facebook fast schon richtig spannend.
Für den Journalisten dagegen gilt es in einem medial angereicherten Zeit wie dieser nicht nur selbst Augenzeuge zu sein oder zu werden, er muss so etwas wie einen Journalismus zweiter Ordnung verstehen – und professionalisieren. Denn in einer Medienwelt rückt die Beobachtung und Analyse medialer Übertragungen mitunter an die Stelle der eigenen Erfahrung und dieser Umstand muss endlich so ernst genommen werden, wie er es verdient hat. Das heißt, man muss ihn mit einer Horde professioneller Fragen absichern. Eine Einschätzung der medialen Quelle abliefern zu können, ist die gegenwärtige Form der Investigation: Woher stammen die Bilder? Wo stimmt das Aufgezeichnete überein, wo weichen sie voneinander ab? Wann wurden sie hochgeladen und von welchem Land aus?

7. Medien sind öffentlicher als Straßen

Crowd Sourced Journalism ist tatsächlich eine wichtiges journalistisches Modell in einer Welt, in der die Daten immer mehr und die Möglichkeiten einer Finanzierung der Recherche immer miserabler werden. Medien begleiten uns im Alltag, fast alle Mobiltelefone sind gleichzeitig Kamera und Navigationsgerät. Dass diese technische Verschaltung immense Effekte haben kann, wurde von allen Seiten schnell verstanden, vor allem von der politischen. Tatsächlich ist die Straße heute zugleich direkter Protest als auch das Nutzen eines effektiven politischen Umwegs, denn Innenpolitik lässt sich außenpolitisch besser durchsetzen.
Den Druck auf die eigene Regierung übt man heute gekonnt über internationale Medien aus. Indem man die Politiker im Ausland blamiert und in die Bredouille bringt, indem man das Ausland über schlimme Zustände im eigenen Land informiert, zwingt man die Regierung zur Auseinandersetzung, stellt man sie international an den Pranger. Immer öfter werden deshalb lokale Proteste in China oder im Nahen Osten von englischsprachigen Plakaten begleitet, die dann von einheimischen Telefonen dokumentiert und im Netz verbreitet werden. Oder um die neue Paradoxie noch einmal auf den Punkt zu bringen: Vor Ort ist vielleicht nicht mehr unbedingt dabei, aber woanders ist manchmal auch hier.

8. Und außerdem im Telefon: die Freunde

Und dies, dass woanders manchmal auch hier ist, zeigt sich auch in unserer privaten kleinen Welt, beispielsweise bei unseren Freunden und Bekannten. Die traf man bislang zu zweit oder in kleinen Gruppen und viele von ihnen verlor man aus den Augen, weil kleine Gruppen begrenzt sind und man sowieso zu wenig Zeit hat. Das passiert heute nicht mehr, jetzt unterrichtet man seinen Freundesstadtstaat kurzerhand per Twitter von unterwegs über das, was aktuell im Leben passiert, erfährt die Facebook-Applikation lesend wer wohin zieht, welche Ausstellung oder welches Konzert unbedingt nicht verpasst werden sollte, wer gerade nicht so gut drauf ist, wer verreist, einen großartigen Text gelesen hat, diese oder jene Musik hört und endlich mal wieder – beliebter Facebook-Status – putzt oder kocht.
Die Freunde begleitet einen heute auch, wenn sie nicht da sind, mitunter weiß man durch einen Blick auf sein Telefon sogar, wer gleich noch auf dem Konzert oder der Ausstellung auftaucht und man vielleicht lieber wieder abhauen sollte, beispielsweise weil man keine Lust hat dem Ex-Freund mit der Neuen über den Weg zu laufen. Mehr als das Internet sorgt das Telefon dafür, dass man nicht mehr oder lieber alleine ist, jedenfalls dass man voneinander weiß. Noch dazu kann man Dank des Telefons überflüssigen, unproduktiven Meinungsverschiedenheiten per Mobile Google-Search aus dem Weg gehen – und alleine dadurch fördert das Mobiltelefon ebenfalls die Freundschaft ungemein.

9. Und was schließen wir daraus?

Folgendes. Das Mobiltelefon wird in Zukunft wichtiger als der Computer. Nicht nur, weil es einfacher herumgetragen werden kann und einen überall hin begleitet. Mit ihm ist endlich ein digitales Universalgerät entstanden, denn das kleine Teil ist eine Kamera, ein Wecker, ein MP3-Player, eine Zeitung, ein Fernseher, etwas, dass man sehr ärgerlich nach jemandem werfen kann, ein Fotoalbum, eine Suchmaschine, eine Taschenlampe, eine Gruppe von Freunden, ein Tiefgaragenöffner und bald auch eine Bankkarte. Es ist die Welt in meiner Plastikschale.

10. Lieber nicht
Diese Welt verlieren? In Zukunft eine schlechtere Idee als je zuvor.

Literatur

Mercedes Bunz, Vom Speichern zum Verteilen. Die Geschichte des Internet. Berlin, Kadmos Verlag 2008
Alexander R. Galloway, Protocol. How control exists after decentralisation. MIT Press 2004
Kristóf Nyíri (ed.), Mobile Understanding. The Epistomology of Ubiquitous Communication, Wien, Passagen Verlag 2006
Tiziana Terranova, Network Culture, Politics for the Information Age. London, Pluto Press 2004